Archiv der Kategorie: Monatsgedicht

Maigedicht

die Wiese
vor meinem Fenster blendet
Sonnen-Grün

viel ins GRÜNE schauen
sei gut für die Augen
sagte mein Grossvater
er war Optiker und Fotograf

Grün sehen

Patienten am Fenster
genesen schneller
als diejenigen bei der Türe

Stefan Rohner

aus „BREATHE THE GREEN“ im Grünen schwimmen, edition clandestin, 2021

Februargedicht

Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muss, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
geht es um dich oder ihn.
Dein eignen Schatten nimm
zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruss mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiss deine Pläne. Sei klug
und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.

Mascha Kaléko in „Sei klug und halte dich an Wunder, Gedanken über das Leben“

Januargedicht

Omens

I rode to meet you: dreams
like living beings swarmed around me
and the moon on my right side
followed me, burning.

I rode back: everything changed.
My soul in love was sad
and the moon on my left side
trailed me without hope.

To such endless impressions
we poets give ourselves absolutely,
making, in silence, omen of mere event,
until the world reflects the deepest needs of the soul.

after Alexander Pushkin

Vorzeichen

Ich ritt zu dir: Träume
umschwärmten wie Lebewesen mich,
und der Mond zu meiner Rechten
folgte mir glühend.

Ich ritt zurück: alles war anders.
Meine liebende Seele trauerte,
und der Mond zu meiner Linken
zog ohne Hoffnung mir nach.

Solch endlosen Eindrücken
geben wir Dichter zur Gänze uns hin,
verwandeln in Stille zu zeichen blosses Geschehen,
bis die Welt spiegelt, was der Seele Tiefe bedarf.

In: „Averno“, Gedichte Luchterhand 2007

nach Alexander Puschkin

Louise Glück

Dezembergedicht

Mondesaufgang

An des Balkones Gitter lehnte ich
Und wartete, du mildes Licht, auf dich.
Hoch über mir gleich trübem Eiskristalle
Zerschmolzen schwamm des Firmamentes Halle;
Der See verschimmerte mit leisem Dehnen, –
Zerflossene Perlen oder Wolkentränen? –
Es rieselte, es dämmerte um mich,
Ich wartete, du mildes Licht, auf dich.

Hoch stand ich, neben mir der Linden Kamm,
Tief unter mir Gezweige, Ast und Stamm;
Im Laube summte der Phalänen Reigen,
Die Feuerfliege sah ich glimmend steigen,
Und Blüten taumelten wie halb entschlafen;
Mir war, als treibe hier ein Herz zum Hafen,
Ein Herz, das übervoll von Glück und Leid
Und Bildern seliger Vergangenheit.

Annette von Droste-Hülshoff

aus „Du gehst so stille“ Der Mond in Bild und Gedicht, Reclam Verlag 2020

Novembergedicht

Dem kommt es zu

Es ist dann schön, wenn ich Entlegenem
Abgelegtem Geäussertem

als Zukunft
Leben geben kann

wir mir ja nicht selbst

und Leben eben
nicht draussen

rauben es will.

12.10.14

Elke Erb, Das ist hier der Fall, Suhrkamp Verlag 2020

Oktobergedicht

Ein kleines Lied

Ein kleines Lied! Wie geht`s nur an,
Dass man so lieb es haben kann,
Was liegt darin? erzähle!

Es liegt darin ein wenig Klang,
Ein wenig wohllaut und Gesang
Und eine ganze Seele.

Marie von Ebner-Eschenbach aus „Frauen / Lyrik – Gedichte in Deutscher Sprache“ Reclam Verlag 2020.

Septembergedicht

Erklär mir, Liebe

Dein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind,
dein unbedeckter Kopf hat’s Wolken angetan,
dein Herz hat anderswo zu tun,
dein Mund verleibt sich neue Sprachen ein,
das Zittergras im Land nimmt überhand,
Sternblumen bläst der Sommer an und aus,
von Flocken blind erhebst du dein Gesicht,
du lachst und weinst und gehst an dir zugrund,
was soll dir noch geschehen –

Erklär mir, Liebe!

Der Pfau, in feierlichem Staunen, schlägt sein Rad,
die Taube schlägt den Federkragen hoch,
vom Gurren überfüllt, dehnt sich die Luft,
der Entrich schreit, vom wilden Honig nimmt
das ganze Land, auch im gesetzten Park
hat jedes Beet ein goldner Staub umsäumt.

Der Fisch errötet, überholt den Schwarm
und stürzt durch Grotten ins Korallenbett.
Zur Silbersandmusik tanzt scheu der Skorpion.
Der Käfer riecht die Herrlichste von weit;
hätt ich nur seinen Sinn, ich fühlte auch,
daß Flügel unter ihrem Panzer schimmern,
und nähm den Weg zum fernen Erdbeerstrauch!

Erklär mir, Liebe!

Wasser weiß zu reden,
die Welle nimmt die Welle an der Hand,
im Weinberg schwillt die Traube, springt und fällt.
So arglos tritt die Schnecke aus dem Haus!

Ein Stein weiß einen andern zu erweichen!

Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann:
sollt ich die kurze schauerliche Zeit
nur mit Gedanken Umgang haben und allein
nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun?
Muß einer denken? Wird er nicht vermißt?

Du sagst: es zählt ein andrer Geist auf ihn …
Erklär mir nichts. Ich seh den Salamander
durch jedes Feuer gehen.
Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts.

Ingeborg Bachmann, Gedichte 1948 – 1957, Hörverlag

Juligedicht

Junggesellen sind auf Reisen

Ich bin mit meiner Mutter auf der Reise…
Wir fuhren über Frankfurt, Basel, Bern
zum Genfer See. Und dann ein Stück im Kreise.

Die Mutter schimpfte manchmal auf die Preise.
Jetzt sind wir in Luzern.

Die Schweiz ist schön. Man muss sich dran
gewöhnen.

Man fährt auf Berge. Und man fährt auf Seen.
Und manchmal schmerzt der Leib von alldem
Schönen.
Man trifft es oft, dass Mütter mit den Söhnen
auf Reisen gehen.

Das ist ein Glück: Mit seiner Mutter fahren!
Weil Mütter doch die besten Frauen sind.
Sie reisten mit uns, als wir Knaben waren,
und reisen nun mit uns, nach vielen Jahren, als wären sie das Kind.

Sie lassen sich die höchsten Gipfel zeigen.
Die Welt ist wieder wie ein Bilderbuch.
Sie können, wenn ein See ganz blau wird, schweigen
und haben stets, wenn sie in Züge steigen,
Angst um das Umschlagtuch.

 

Aus: Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke.

Junigedicht

Es gibt Sätze
die heilen

und Tage
leichter als Luft.

Es gibt eine Stimme
die ich wiedererkenne

noch bevor sie
mich ruft.

 

Aus dem Staub“ von Klaus Merz, Haymon Verlag

Maigedicht

Als teilte sich das Meer
Und zeigte ein weiteres Meer-
Und das ein weiteres – und die drei
Nur eine Ahnung wär’n

Von Meeren Zeit um Zeit –
Besucht von keinem Strand –
Ein jedes Rand von künftigem Meer –
Sie alle – Ewigkeit

 

Emily Dickinson, Guten Morgen, Mitternacht, Diogenes 1977

Aprilgedicht

Mein schönstes Gedicht?
Ich schrieb es nicht.
Aus tiefsten Tiefen stieg es.
Ich schwieg es.

 

Mascha Kaléko, In meinen Träumen läutet es Sturm, dtv

Märzgedicht

Die Mädchen in den ersten Tagen
Des Frühlings sind so wunderbar.
Noch wissen sie es nicht zu sagen
Und fühlen doch wie Kronentragen
Die Blüten hoch im Haar.

Des Windes leisen Violinen
Wandern sie nach im Lenzgebet,
Und eine Sehnsucht ist in ihnen,
Die ihre blassen Träumermienen
Mit vielen Feuern überweht.

Und aller Dinge dumpfes Streben
Gewinnt in ihnen seinen Sinn.
Der jungen Erde Rausch und Beben,
Sie tragen mit ihren Leben
Schon träumend in den Frühling hin.

 

 

Stefan Zweig, Silberne Saiten Gedichte,
Fischer Taschenbibliothek 2018

Februargedicht

Vom silbernen Schrecken
wenn sich im Wind
zwei Gräser berühren –
bis zu den dumpf
stürzenden Früchten
torkelnd vor Reife.

Vom leichtfüssigen Nebel
der atmet sich kühl
ins zaghafte Licht –
bis zum nie-satten Schatten
im feuchtwarmen
farnsprossigen Tal.

Von der Ankunft der Sichel
am Abend wenn Geborgenes
glasglöckig strandet –
bis zum Abschied graumorgens
mit pochenden Narben
am Fächer des Herzens.

 

aus „Mein Haus hat keine Wände“ von Franz Dodel, 2019

Januargedicht

Das neue Jahr sieht mich freundlich an und
ich lasse das alte mit seinem Sonnenschein und
seinen Wolken ruhig hinter mit.

 

In: Goethe für jeden Tag, Spruchdose, Coppenrath 2018

Dezembergedicht

Der halbfertige Himmel

Die Mutlosigkeit unterbricht ihren Lauf.
Die Angst unterbricht ihren Lauf.
Der Geier unterbricht seinen Flug.

Das eifrige Licht fliesst hervor,
sogar die Gespenster nehmen einen Schluck.

Und unsre Malereien kommen zutage,
die roten Tiere unsrer Eiszeitateliers.

Alles beginnt sich umzublicken.
Wir gehen in der Sonne zu Hunderten.

Jeder Mensch eine halboffne Tür
die in ein Zimmer für alle führt.

Der unendliche Boden unter uns.
Das Wasser leuchtet zwischen den Bäumen.
Der Binnensee ist ein Fenster zur Erde.

 

In: Tomas Tranströmer, Sämtliche Gedichte, Edition Hanser Akzente 1997

Novembergedicht

Die zwei Wurzeln

Zwei Tannwurzeln gross und alt
unterhalten sich im Wald.

Was droben in den Wipfeln rauscht,
das wird hier unten ausgetauscht.

Ein altes Eichhorn sitzt dabei
uns strickt wohl Strümpfe für die zwei.

Die eine sagt: knig. Die andre sagt: knag.
Das ist genug für einen Tag.

 

 

In: Christian Morgenstern, Alle Galgenlieder, Diogenes 2014