Archiv der Kategorie: Monatsgedicht

Januargedicht

Dragun

i nun es avuonda
quist ir e tuornar
ils mumaints
chi be sun
suot els ün mar
tegnan la mità
da quai chi chatscha
tschella mità
m`inuonda
am maglia a mezzas
e`m bütta darche ill`aua
sch`eu n`ha furtüna
nu tuorna
ad esser pesch
ma dvaint dragun
chi va e tuorna eir
seis svoul perό
es d`argient e blau

Drache

es reicht nicht
dieses Kommen und Gehen
die Augenblicke
die nur sind
unter ihnen ein Meer
halten die Hälfte
von dem, was treibt
die andere Hälfte
überschwemmt mich
frisst mich halb
und wirft mich zurück aufs Wasser
wenn ich Glück habe
kehre ich nicht
als Fisch zurück
sondern werde Drache
der auch kommt und geht
sein Flug aber
ist silbern und blau

Gianna Olinda Cadonau

Ultim`ura da la not – Letzte Stunde der Nacht, Poesias / Gedichte„, editionmevinapuorger, turich 2016.


Dezembergedicht

Feiertage

Mutter ist nervös
Vater ist nervös
Kind ist nervös
Oma ist nervös

Oma ist gekommen
Um Mutter zu helfen
Vater hat gesagt
Sei nicht nötig gewesen

Kind steht im Weg
Mutter steht im Weg
Oma steht im Weg
Vater steht im Weg

Alle ham geschafft
Mit allerletzter Kraft

Vater hat gebadet
Mutter hat gebadet
Kind hat gebadet
Oma hat gebadet

Alle ham gepackt
Und alle sind gerannt
Und schliesslich hat
Der Baum gebrannt

Mutter ist gerührt
Vater ist gerührt
Kind ist gerührt
Oma ist gerührt

Und dann werden
Die Pakete aufgeschnürt

Mutter ist gekränkt
Vater ist gekränkt
Kind ist gekränkt
Oma ist gekränkt

Denn jeder hat dem anderen
Was Falsches geschenkt

Schwiegertochter kommt
Patentante kommt
Lieblingsbruder kommt
Grossneffe kommt

Kuchen ist zu süss
Plätzchen sind zu süss
Marzipan ist zu süss
Und der Baum ist mies

Mutter ist beleidigt
Vater ist beleidigt
Kind ist beleidigt
Oma ist beleidigt

Frieden auf Erden
Und den Menschen ein Unbehagen

Vater hat’s am Magen
Mutter hat’s am Magen
Kind hat’s am Magen
Oma hat’s am Magen

Kann nichts mehr vertragen
Nach all diesen Tagen

Mutter ist allein
Vater ist allein
Kind ist allein
Oma ist allein

Doch an Ostern
Wollen alle
In jedem Falle
Wieder zusammensein.

Hans Dieter Hüsch, aus „Die schönsten Weihnachtsgedichte“ Insel Verlag

Novembergedicht

Märchen

Mächtige Drachen besiegen:
keine.

Böse Hexen töten:
keine.

Verwunschene Prinzessinnen erlösen:
keine.

Einen Zauberberg erkunden.

Die verlorene Zeit finden.

Den Ulysses für einen Tag
den Finnegan für eine Nacht
begleiten.

Aus „NICHT GANZ HUNDERT GEDICHTE EINES ANFÄNGERS“ von Peter Fräfel

Oktobergedicht

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
Als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
Sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
Aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
Unendlich sanft in seinen Händen hält.

Rainer Maria Rilke

Viele andere schöne Herbstgedichte sind in der Sammlung „Die schönsten Herbstgedichte“ vom Insel Verlag zu finden.

Septembergedicht

Herbstanfang

Stumm
stehen im Regen die Schafe.
Sie wissen alles über Disteln und Gras,
und Disteln und Gras wissen alles über sie.
Die Vögel brechen ihr Lager ab,
sie wollen den Boden unter den Füssen verlieren,
der Nebel lässt nicht mit sich handeln.
Am Mückenfenster kleben Hornissen,
es ist der Wind, der ihre Beinchen bewegt.
Jetzt sollte man schnell sein Herz an etwas hängen,
um das Gewicht der Zeit nicht zu spüren,
den Machtwechsel, der die Leere vorbereitet.
Denn noch leben wir doch und kennen das Gift
des Glücklichseins beim Anblick der Schafe.

Michael Krüger: „Im Wald, im Holzhaus“, Suhrkamp 2021.

Augustgedicht

Бузина

Бузина цельный сад залила!
Бузина зелена, зелена,
Зеленее, чем плесень на чане!
Зелена, значит лето в начале,
Синева — до скончания дней!
Бузина моих глаз зеленей!

А потом — через ночь — костром
Растопчинским, — в очах красно
От бузинной пузырчатой трели.
Красней кори на собственном теле,
По всем порам твоим, лазорь,
Рассыпающаяся корь

Бузины — до зимы, до зимы!
Что за краски разведены
В мелкой ягоде слаще яда!
Кумача, сургуча и ада
Смесь, коралловых мелких бус
Блеск, запекшейся крови вкус.

Бузина казнена, казнена!
Бузина — целый сад залила
Кровью юных и кровью чистых,
Кровью веточек огнекистых, —
Веселейшей из всех кровей:
Кровью лета — твоей — моей.

А потом — водопад зерна,
А потом — бузина черна:
С чем-то сливовым, с чем-то липким.
…Над калиткой, стонавшей скрипкой,
Возле дома, который пуст,
Одинокий бузинный куст.

Новоселы моей страны!
Из-за ягоды — бузины,
Детской жажды моей багровой,
Из-за древа и из-за слова:
Бузина (по сей день ночьми…)
Яда, всосанного очьми….

Holunder

Der Holunder hat den ganzen Garten übergossen!
Der Holunder ist grün, grün durch die Zäune geflossen!
Grüner als die Haut auf den Wassertonnen!
So grün hat der Sommer gerade begonnen!
Grün himmlische Bläue verspricht!
Grüner Holunder: grüner sind meine Augen nicht!

Dann wird über Nacht die Lunte geworfen, der Garte loht
Er knistert. In den Augen ist es so rot
Vom perlenden Jubel jeder einzelnen Beerenscheibe.
Viel röter als Röteln am eigenen Leibe
Aus deinen verschwenderischen Poren, schöner Azur
Tagelang rieselnde Röte nur

Des Strauchs Holunder.
Rüttele nicht, rüttele nicht
Ach, welch kräftige Farben sind hier gemischt
Im kleinen Gefäss der Beere, und süsser als Gift.
Korallenzweiglein Ketten verführender Glanz, er trifft
Gemische roten Kattuns und höllischen Siegellacks
Vergossenen Blutes süssen Geschmack.

Der Holunder ist gerichtet, sein Blut ist geflossen!
Der Holunder hat den Garten ganz übergossen
Mit dem Blut der Jungen, dem Blute der Reinen
Mit Blut aus seinen Feuchthändenzweigen
Mit dem fröhlichsten allen Blutes, mit deinem Schöndunklen Herzblut und meinem.

Danach aber ein körniger Wasserfall
Danach aber schwarzer Farben Zusammenprall.
Und pflaumenklebrig mit dunklen zweigen
Geneigt über die Pforte, die stöhnt wie zerbrochene Geigen
Am Haus, das leer ist, jahrelang ohne Rauch
Der Zurückgebliebene, der Holunderstrauch.

Ein neuer Bürger meines Landes wieder werden!
Wegen der kleinen Holunderbeeren
Der Sehnsucht und meines farbigen Kindertraums;
Des Worts Holunder wegen, wie auch des Baums:
(Bis heute träum ich von ihm als meinem Vertrauten)
Und auch des Gifts wegen, eingesaugt von den Augen.

Marina Zwetajewa 11. September 1931 – 21. Mai 1935 – übersetzt von Sarah Kirsch

Gefunden in: „Der Drang nach Haus – Gedichte aus dem Exil“ von Marina Zwetajewa, Friedenauer Presse Berlin, Berlin 2019.

Juligedicht

Il Rudè

Batterdögls
Sco serpaischems
Chi schmütschan
Laschond insajar
Fin gio`l fuond
Nossa vita

Sco ün fluid
Van tremblond
Tras e tras

Batterdögls
Voss cumgiats
Sun asprezza

Il revair
Rasain
D`ajer viv.

Reigen

Augenblicke
Entwischenden
Eidechsen gleich
Unser Leben
Lassen sie kosten
Bis auf den Grund

Einem Fluidum gleich
Dringen sie ein
Durch und durch

Augenblicke
Euer Abschied
Ist bitter

Das Wiedersehen
Randvoll
Lebendiger Luft.

Luisa Famos übersetzt von Luzius Keller in: „Unterwegs in Viadi“ Limmat Verlag 2019.

Maigedicht

die Wiese
vor meinem Fenster blendet
Sonnen-Grün

viel ins GRÜNE schauen
sei gut für die Augen
sagte mein Grossvater
er war Optiker und Fotograf

Grün sehen

Patienten am Fenster
genesen schneller
als diejenigen bei der Türe

Stefan Rohner

aus „BREATHE THE GREEN“ im Grünen schwimmen, edition clandestin, 2021

Februargedicht

Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muss, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
geht es um dich oder ihn.
Dein eignen Schatten nimm
zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruss mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiss deine Pläne. Sei klug
und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.

Mascha Kaléko in „Sei klug und halte dich an Wunder, Gedanken über das Leben“

Januargedicht

Omens

I rode to meet you: dreams
like living beings swarmed around me
and the moon on my right side
followed me, burning.

I rode back: everything changed.
My soul in love was sad
and the moon on my left side
trailed me without hope.

To such endless impressions
we poets give ourselves absolutely,
making, in silence, omen of mere event,
until the world reflects the deepest needs of the soul.

after Alexander Pushkin

Vorzeichen

Ich ritt zu dir: Träume
umschwärmten wie Lebewesen mich,
und der Mond zu meiner Rechten
folgte mir glühend.

Ich ritt zurück: alles war anders.
Meine liebende Seele trauerte,
und der Mond zu meiner Linken
zog ohne Hoffnung mir nach.

Solch endlosen Eindrücken
geben wir Dichter zur Gänze uns hin,
verwandeln in Stille zu zeichen blosses Geschehen,
bis die Welt spiegelt, was der Seele Tiefe bedarf.

In: „Averno“, Gedichte Luchterhand 2007

nach Alexander Puschkin

Louise Glück

Dezembergedicht

Mondesaufgang

An des Balkones Gitter lehnte ich
Und wartete, du mildes Licht, auf dich.
Hoch über mir gleich trübem Eiskristalle
Zerschmolzen schwamm des Firmamentes Halle;
Der See verschimmerte mit leisem Dehnen, –
Zerflossene Perlen oder Wolkentränen? –
Es rieselte, es dämmerte um mich,
Ich wartete, du mildes Licht, auf dich.

Hoch stand ich, neben mir der Linden Kamm,
Tief unter mir Gezweige, Ast und Stamm;
Im Laube summte der Phalänen Reigen,
Die Feuerfliege sah ich glimmend steigen,
Und Blüten taumelten wie halb entschlafen;
Mir war, als treibe hier ein Herz zum Hafen,
Ein Herz, das übervoll von Glück und Leid
Und Bildern seliger Vergangenheit.

Annette von Droste-Hülshoff

aus „Du gehst so stille“ Der Mond in Bild und Gedicht, Reclam Verlag 2020

Novembergedicht

Dem kommt es zu

Es ist dann schön, wenn ich Entlegenem
Abgelegtem Geäussertem

als Zukunft
Leben geben kann

wir mir ja nicht selbst

und Leben eben
nicht draussen

rauben es will.

12.10.14

Elke Erb, Das ist hier der Fall, Suhrkamp Verlag 2020

Oktobergedicht

Ein kleines Lied

Ein kleines Lied! Wie geht`s nur an,
Dass man so lieb es haben kann,
Was liegt darin? erzähle!

Es liegt darin ein wenig Klang,
Ein wenig wohllaut und Gesang
Und eine ganze Seele.

Marie von Ebner-Eschenbach aus „Frauen / Lyrik – Gedichte in Deutscher Sprache“ Reclam Verlag 2020.

Septembergedicht

Erklär mir, Liebe

Dein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind,
dein unbedeckter Kopf hat’s Wolken angetan,
dein Herz hat anderswo zu tun,
dein Mund verleibt sich neue Sprachen ein,
das Zittergras im Land nimmt überhand,
Sternblumen bläst der Sommer an und aus,
von Flocken blind erhebst du dein Gesicht,
du lachst und weinst und gehst an dir zugrund,
was soll dir noch geschehen –

Erklär mir, Liebe!

Der Pfau, in feierlichem Staunen, schlägt sein Rad,
die Taube schlägt den Federkragen hoch,
vom Gurren überfüllt, dehnt sich die Luft,
der Entrich schreit, vom wilden Honig nimmt
das ganze Land, auch im gesetzten Park
hat jedes Beet ein goldner Staub umsäumt.

Der Fisch errötet, überholt den Schwarm
und stürzt durch Grotten ins Korallenbett.
Zur Silbersandmusik tanzt scheu der Skorpion.
Der Käfer riecht die Herrlichste von weit;
hätt ich nur seinen Sinn, ich fühlte auch,
daß Flügel unter ihrem Panzer schimmern,
und nähm den Weg zum fernen Erdbeerstrauch!

Erklär mir, Liebe!

Wasser weiß zu reden,
die Welle nimmt die Welle an der Hand,
im Weinberg schwillt die Traube, springt und fällt.
So arglos tritt die Schnecke aus dem Haus!

Ein Stein weiß einen andern zu erweichen!

Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann:
sollt ich die kurze schauerliche Zeit
nur mit Gedanken Umgang haben und allein
nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun?
Muß einer denken? Wird er nicht vermißt?

Du sagst: es zählt ein andrer Geist auf ihn …
Erklär mir nichts. Ich seh den Salamander
durch jedes Feuer gehen.
Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts.

Ingeborg Bachmann, Gedichte 1948 – 1957, Hörverlag

Juligedicht

Junggesellen sind auf Reisen

Ich bin mit meiner Mutter auf der Reise…
Wir fuhren über Frankfurt, Basel, Bern
zum Genfer See. Und dann ein Stück im Kreise.

Die Mutter schimpfte manchmal auf die Preise.
Jetzt sind wir in Luzern.

Die Schweiz ist schön. Man muss sich dran
gewöhnen.

Man fährt auf Berge. Und man fährt auf Seen.
Und manchmal schmerzt der Leib von alldem
Schönen.
Man trifft es oft, dass Mütter mit den Söhnen
auf Reisen gehen.

Das ist ein Glück: Mit seiner Mutter fahren!
Weil Mütter doch die besten Frauen sind.
Sie reisten mit uns, als wir Knaben waren,
und reisen nun mit uns, nach vielen Jahren, als wären sie das Kind.

Sie lassen sich die höchsten Gipfel zeigen.
Die Welt ist wieder wie ein Bilderbuch.
Sie können, wenn ein See ganz blau wird, schweigen
und haben stets, wenn sie in Züge steigen,
Angst um das Umschlagtuch.

 

Aus: Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke.

Junigedicht

Es gibt Sätze
die heilen

und Tage
leichter als Luft.

Es gibt eine Stimme
die ich wiedererkenne

noch bevor sie
mich ruft.

 

Aus dem Staub“ von Klaus Merz, Haymon Verlag