Archiv der Kategorie: Monatsgedicht

Juligedicht

Junggesellen sind auf Reisen

Ich bin mit meiner Mutter auf der Reise…
Wir fuhren über Frankfurt, Basel, Bern
zum Genfer See. Und dann ein Stück im Kreise.

Die Mutter schimpfte manchmal auf die Preise.
Jetzt sind wir in Luzern.

Die Schweiz ist schön. Man muss sich dran
gewöhnen.

Man fährt auf Berge. Und man fährt auf Seen.
Und manchmal schmerzt der Leib von alldem
Schönen.
Man trifft es oft, dass Mütter mit den Söhnen
auf Reisen gehen.

Das ist ein Glück: Mit seiner Mutter fahren!
Weil Mütter doch die besten Frauen sind.
Sie reisten mit uns, als wir Knaben waren,
und reisen nun mit uns, nach vielen Jahren, als wären sie das Kind.

Sie lassen sich die höchsten Gipfel zeigen.
Die Welt ist wieder wie ein Bilderbuch.
Sie können, wenn ein See ganz blau wird, schweigen
und haben stets, wenn sie in Züge steigen,
Angst um das Umschlagtuch.

 

Aus: Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke.

Junigedicht

Es gibt Sätze
die heilen

und Tage
leichter als Luft.

Es gibt eine Stimme
die ich wiedererkenne

noch bevor sie
mich ruft.

 

Aus dem Staub“ von Klaus Merz, Haymon Verlag

Maigedicht

Als teilte sich das Meer
Und zeigte ein weiteres Meer-
Und das ein weiteres – und die drei
Nur eine Ahnung wär’n

Von Meeren Zeit um Zeit –
Besucht von keinem Strand –
Ein jedes Rand von künftigem Meer –
Sie alle – Ewigkeit

 

Emily Dickinson, Guten Morgen, Mitternacht, Diogenes 1977

Aprilgedicht

Mein schönstes Gedicht?
Ich schrieb es nicht.
Aus tiefsten Tiefen stieg es.
Ich schwieg es.

 

Mascha Kaléko, In meinen Träumen läutet es Sturm, dtv

Märzgedicht

Die Mädchen in den ersten Tagen
Des Frühlings sind so wunderbar.
Noch wissen sie es nicht zu sagen
Und fühlen doch wie Kronentragen
Die Blüten hoch im Haar.

Des Windes leisen Violinen
Wandern sie nach im Lenzgebet,
Und eine Sehnsucht ist in ihnen,
Die ihre blassen Träumermienen
Mit vielen Feuern überweht.

Und aller Dinge dumpfes Streben
Gewinnt in ihnen seinen Sinn.
Der jungen Erde Rausch und Beben,
Sie tragen mit ihren Leben
Schon träumend in den Frühling hin.

 

 

Stefan Zweig, Silberne Saiten Gedichte,
Fischer Taschenbibliothek 2018

Februargedicht

Vom silbernen Schrecken
wenn sich im Wind
zwei Gräser berühren –
bis zu den dumpf
stürzenden Früchten
torkelnd vor Reife.

Vom leichtfüssigen Nebel
der atmet sich kühl
ins zaghafte Licht –
bis zum nie-satten Schatten
im feuchtwarmen
farnsprossigen Tal.

Von der Ankunft der Sichel
am Abend wenn Geborgenes
glasglöckig strandet –
bis zum Abschied graumorgens
mit pochenden Narben
am Fächer des Herzens.

 

aus „Mein Haus hat keine Wände“ von Franz Dodel, 2019

Januargedicht

Das neue Jahr sieht mich freundlich an und
ich lasse das alte mit seinem Sonnenschein und
seinen Wolken ruhig hinter mit.

 

In: Goethe für jeden Tag, Spruchdose, Coppenrath 2018

Dezembergedicht

Der halbfertige Himmel

Die Mutlosigkeit unterbricht ihren Lauf.
Die Angst unterbricht ihren Lauf.
Der Geier unterbricht seinen Flug.

Das eifrige Licht fliesst hervor,
sogar die Gespenster nehmen einen Schluck.

Und unsre Malereien kommen zutage,
die roten Tiere unsrer Eiszeitateliers.

Alles beginnt sich umzublicken.
Wir gehen in der Sonne zu Hunderten.

Jeder Mensch eine halboffne Tür
die in ein Zimmer für alle führt.

Der unendliche Boden unter uns.
Das Wasser leuchtet zwischen den Bäumen.
Der Binnensee ist ein Fenster zur Erde.

 

In: Tomas Tranströmer, Sämtliche Gedichte, Edition Hanser Akzente 1997

Novembergedicht

Die zwei Wurzeln

Zwei Tannwurzeln gross und alt
unterhalten sich im Wald.

Was droben in den Wipfeln rauscht,
das wird hier unten ausgetauscht.

Ein altes Eichhorn sitzt dabei
uns strickt wohl Strümpfe für die zwei.

Die eine sagt: knig. Die andre sagt: knag.
Das ist genug für einen Tag.

 

 

In: Christian Morgenstern, Alle Galgenlieder, Diogenes 2014

Oktobergedicht

Herbstsegen

behutsam öffnet die sonne
den milchigen schleier
über dem see

die strahlen fallen
auf die alte mauer an der strasse
die von zahllosen blättern
überwuchert ist

als bäumten sie sich ein letztes mal auf
als hätten sie ihre kräfte ein leben lang
für diesen einen augenblick gebündelt
entflammen sie zu einem feuerwerk aus farben

dich trifft es wie ein blitz
und noch stunden später
lodert ein jauchzen in dir

In: Andrea Maria Keller, Mäanderland, Edition Howeg 2013

Septembergedicht

Sommer

Bei heissem Wetter
wird das Leben langsam
Menschen
liegen in Wiesen
bewegungslos
man meint in tiefem Schlaf
andere ausgestreckt rot wie
von der Sonne erschlagen
manche rollen träge
manche schnellen
hin wo sie auch
ihre Wurzeln finden
zum Ursprung
ins Feuchte
fallen anheim
dem Wasser
unweigerlich dem auch
was sie immer treibt
der Lust zu kopulieren
oder mindestens
der nasse Reibnähe
anderer Haut
und kein Mensch
denkt an den
in den Tiefen verborgenen
Schlund der Alten
mit verlassenen Schatten
der Vorfahren
es ist Sommer und
nicht die Zeit des Sterbens
sagen sie
und verziehen sich
in Büsche und Schattenplätze
und von der Böschung zieht
der süsse Atem herüber
des Lathyrus mit seiner roten Blüte
wie ein weibliches Geschlecht
oder der stille Duft reifer Marillen
es ist nicht die Zeit an
den Tod zu denken
es die Zeit der Sinne
des zärtlichen Genusses
im Herbst wird
überreich der Gaumen
dann verwöhnt um uns zu trösten
über den langsamen Verlust
der Wärme und
der langen hellen Tage
dann wird es Zeit
sich anders nah zu sein
und
vom Ende
auch
zu sprechen

Ivo Ledergerber

 

Ivo Ledergeber, Alltagsgrübeleien, Waldgut Verlag 2019.

Juligedicht

Blinde-Kuh-Flashmob

Jetzt
schliessen wir die Augen,
wir alle.
Dann greift jeder
nach seinem toten Winkel
und legt ihn zu den anderen,
auf den vorbestimmten
Platz.

Orsolya Kalász

 

In: Das Gedicht & sein Double. Die zeitgenössische Lyrikszene im Portrait, Edition Azur 2018.

Junigedicht

 

Pfingstrosen stieben auseinander
zu zweit, zu dritt
liegen Blütenblätter übereinander

Buson

 

In: Haiku, Fischer Verlag 2016.

Maigedicht

Ob rechts die Vögel fliegen oder links,
Die Sterne so sich oder anders fügen,
Nicht Sinn ist in dem Buche der Natur.
Die Traumkunst träumt, und alle Zeichen trügen.

Friedrich Schiller

 

In: „Virtuosen der Lüfte“. Vögel in Bild und Gedicht, Reclam 2019.

Aprilgedicht

Der Meister A. Sade

Wenn ihr erkannt habt
dass der tiefe Orgelpunkt
den ihr tief da unten
wahrnehmt
in den Kellergewölben
der eigenen Existenz
nicht der Grundton der Angst ist
sondern eure Zugehörigkeit
zu jeder Saite
die vibriert –
versucht dann nicht
aus dieser Erkenntnis
eine Weisheit zu machen.
Denn dann verschwindet sie.

Lars Gustafsson

 

Larst Gustaffsson, Etüden für eine alte Schreibmaschine, Hanser 2019.

Märzgedicht

Examen de l’aube

Je raisonne. J’analyse.
Je me tourne dans mon lit.
Au lieu de dormir, assis,
je regarde l’aube grise.
Autrefois, dormant ainsi,
une main sous ta chemise,
je tenais ton ventre pris
comme un nid, oui, comme un nid.
Mais on a laissé la brise
prendre soin de nos soucis.

 

Gewissensprüfung im Morgengrau

Ich überlege. Ich untersuche.
Ich wälze mich in meinem Bett.
Anstatt zu schlafen betrachte ich
im Sitzen das graue Morgenlicht.
Früher einmal, als ich so schlief,
die Hand unter dein Hemd gesteckt,
hielt ich deinen Bauch umfasst
wie ein Nest, ja wie ein Nest.
Doch wir überliessen es dem Wind,
sich um unsre Sorgen zu kümmern.

Jean Cuttat

 

In: Die Lyrik der Romandie. Eine zweisprachige Anthologie, Kollektion Nagel & Kimche 2008.