Archiv der Kategorie: Monatsgedicht

Dezembergedicht

Advent

Wo kommt denn plötzlich
diese Weite in mir her –

mit dem Duft von Zimt und Kardamom,
der Fernsicht in andere Zeiten,

während um mich Alt und Jung
mit Tüten voller Glitzerkram
in alle Windrichtungen flitzt,
und am Strassenrand ein Mann
in sich versunken Akkordeon spielt?

Wo kommt denn diese Weite her,
die aus dem Nichts mich überfällt –

trotz Bise und tropfender Nase,
mitten im Lockvogelgezwitscher,
unter tausend goldnen Sternen,
die an den Drähten prangen?

Diese Weite –

mit von weiss nicht wo
vertrauten Klängen,
die Wehmut mit Heiterkeit paaren.

Als ob es
im Dickicht der Dinge
eine Lichtung gäbe.

Andrea Maria Keller

 

Aus: Andrea Maria Keller, Vielstimmig, Gedichte, Edition Howeg, Zürich 2018

Novembergedicht

NACHTS, ALLEIN
ein kriminalgedicht

schritte ..
es sind schritte!

schritte, schritte ..
schritte sind es nicht –

schritte, schritte, schritte ..
sind es nicht schritte?!

schritte, schritte, schritte, schritte ..
schritte sind es!!

gerhard rühm

Aus: konkrete poesie, Reclam Verlag 2018.

Oktobergedicht

von draussen
beim blick nach innen
wackelt jeder finger
der eingang trägt lange hosen
und hängt rum
keine antithese
alles erlaubt
in liebe und auslese
aber nimm dich in acht, baby
vor zuneigung bei verhüllten fenstern
und denk dran zigaretten
mitzubringen
denn du könntest
sehr leicht zu dem schluss kommen
dass ein draussen
noch weiter hinausführt
und ein innen
einfach zum anderen

Bob Dylan

Aus: Bob Dylan, Planetenwellen. Gedichte und Prosa, Hoffmann und Campe 2017

Septembergedicht

hongkong

darf ich es sagen
hongkong du riechst
nach seit längerem nassem
papier mancherorts
strenger nach hund
deine palmen aus fleisch
deine düfte aus pilz

deine blüten aus fisch
sieh die dünnhäutigen
hochhäuser haben
himmel eingeatmet
sind nun sehr beschlagen
die wolken schwerer
als wolken wie fels
die himmel bergketten
die nachtfalter fledermäuse
und die fledermäuse gross
wie zerfetzte regenschirme
hongkong deine bauten
machen sich als sterne
den hang hinauf
die menschen dagegen
wie von ungefähr
auf den fähren dem wasser
zwischen china und china

Raphael Urweider

Aus: Raphael Urweider, Wildern, Hanser Verlag 2018.

Augustgedicht

kontinuität

syt geschter
isch hütt
vo hütt a
isch morn
und öppis
isch gäng

Kurt Marti

Aus: Kurt Marti, wo chiemte mer hi?, sämtlechi gedicht ir bärner umgangsschprach, Nagel & Kimche 2018.

Juligedicht

Anti-liebesgedicht

Manchmal willst du denjenigen den du liebst nicht lieben
du drehst dein gesicht weg von diesem gesicht
dessen augen lippen dich zorn vergessen lassen könnten
beleidigung vergessen   hinwegrauben den kummer nicht lieben
zu wollen   wegdrehen bloss wegdrehen   beim frühstück
am abend   blick nicht auf von der zeitung
vor dir dieses gesicht mit all seinem ernst   eine
sanftmütige konzentriertheit   er hält sein buch
in der hand   die knöchelharten winterlichen holz-
narbigen finger   wegdrehen   mehr kannst du nicht
tun   alt wie du bist um dich zu retten   vor der liebe

Grace Paley

aus: Grace Paley, Manchmal kommen und manchmal gehen, Gedichte, Schöffling & Co. 2018.

Junigedicht

Schmetterling

An einem heissen,
gleissend stillen Sommertag
wurde ich gewahr,
          dass es Schmetterlinge gibt,
          die auch über das Meer schwärmen können.

Michiko, Kaiserin von Japan

In: Michiko, Nur eine kleine Maulbeere. Aber sie wog schwer, Herder 2017.

 

Maigedicht

Ich glaube das, was man mir sagt.

Und nichts, worin eine Warnung ist.

Ich glaube das Gute und das Belanglose,
denn es ist ungefährlich.

Das Gefährliche und Böse glaube ich nicht.

Wegweisern glaube ich nicht.

Ich glaube einem Berg nicht, dass er ein Weg ist.
Und Schwierigkeiten nicht.

Personen, die warnen wollen, glaube ich nicht.
Ich glaube ihrem Himmel und ihrer Hölle nicht.

Von allem, was stimmt, glaube ich, dass es stimmt.

Allem, was stimmt, glaube ich aufs Wort.

Ich bin gehorsam und taub.
Ich höre taub.

Elke Erb

In: Elke Erb, Sonnenklar Meins: Das Hündle kam weiter auf drein, roughbooks 006/28/32 2018.

Aprilgedicht

Anders sein

etwas, wofür ich kein Wort weiss
liegt vor mir, eingewickelt in sich selbst
wie Schnee, der im Schnee steckt
oder Gras, gehüllt in Gras
etwas sehr Einhelliges, in sich
Gefestigtes, das jedem Versuch
es zu benennen, widersteht
ich gebe alles, um die Kraft der
Namenlosigkeit zu brechen
ich schau es fest mit beiden Augen
an und halte solange die Luft an
bis es endlich explodiert:
und zwar in grüne Grashalme und
weisse Schneeflocken

Gerhard Falkner

In: Gerhard Falkner, Hölderlin Reperatur, Berlin Verlag 2011.

Märzgedicht

Besagter Lenz ist da

Es ist schon so. Der Frühling kommt in Gang.
Die Bäume räkeln sich. Die Fenster staunen.
Die Luft ist weich, als wäre sie aus Daunen.
Und alles andere ist nicht von Belang.

Nun brauchen alle Hunde eine Braut.
Und Pony Hütchen sagte mir, sie fände:
Die Sonne habe kleine warme Hände
und krabble ihr mit diesen auf der Haut.

Die Hausmannsleute stehen stolz vorm Haus.
Man sitzt schon wieder auf Caféterrassen
und friert nicht mehr und kann sich sehen lassen.
Wer kleine Kinder hat, der führt sie aus.

Sehr viele Fräuleins haben schwache Knie.
Und in den Adern rinnt’s wie süsse Sahne.
Am Himmel tanzen blanke Aeroplane.
Man ist vergnügt dabei. Und weiss nicht wie.

Man sollte wieder mal spazieren gehn.
Das Blau und Rot und Grün war ganz verblichen.
Der Lenz ist da! Die Welt wird frisch gestrichen!
Die Menschen lächeln, bis sie sich verstehn.

Die Seelen laufen Stelzen durch die Stadt.
Auf den Balkons stehn Männer ohne Westen
und säen Kresse in die Blumenkästen.
Wohl dem, der solche Blumenkästen hat!

Die Gärten sind nur noch zum Scheine kahl.
Die Sonne heizt und nimmt am Winter Rache.
Es ist zwar jedes Jahr dieselbe Sache.
Doch ist es immer wie zum ersten Mal.

Erich Kästner

In: Erich Kästner, Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke, Atrium Verlag 2017.

Februargedicht

Amour Fou in der Metzgerei Illing

Da trat die schiere Schönheit in
den Metzgerladen.

Ein Blick auf schiere Schönheit
kann ja wohl nicht schaden:
Also hinsehn.

Da schlug der pure Wahnsinn
den Beschauer.
Er wünschte sich vom
Augenblicke Dauer:
Also hinsein.

Da frug die Chefin schneidend,
was er wolle.
Da bat er stammelnd, dass
sie das entscheiden solle:
Also Eisbein.

Robert Gernhardt

In: Robert Gernhardt, Gesammelte Gedichte 1954 – 2006, Fischer Verlag 2017.

Januargedicht

Zu Neujahr

Will das Glück nach seinem Sinn
Dir was Gutes schenken,
Sage Dank und nimm es hin
Ohne viel Bedenken.

Jede Gabe sei begrüsst,
Doch vor allen Dingen:
Das, worum du dich bemühst,
Möge dir gelingen.

Wilhelm Busch

In: Alle Tage ein Gedicht, Aufbau Verlag 2017.

MAIGEDICHT

An den Prinzen Benjamin

Wenn du sprichst,
Wacht mein buntes Herz auf.

 Alle Vögel üben sich
Auf deinen Lippen.

 Immerblau streut deine Stimme
Über den Weg;

Wo du erzählst wird Himmel.

 Deine Worte sind aus Lied geformt,
ich traure, wenn du schweigst.

 Singen hängt überall an dir –
Wie du wohl träumen magst?

Else Lasker-Schüler

 

In: Else Lasker-Schüler, Ausgewählte Gedichte, Fischer 2016.

 

APRILGEDICHT

Der synthetische Mensch

Professor Bumke hat neulich Menschen erfunden,
die kosten zwar, laut Katalog, ziemlich viel Geld,
doch ihre Herstellung dauert nur sieben Stunden,
und ausserdem kommen sie fix und fertig zur Welt

Man darf dergleichen Vorteile nicht unterschätzen.
Professor Bumke hat mir das alles erklärt.
Und ich merkte schon nach den ersten Worten und Sätzen:
Die Bumkschen Menschen sind das, was sie kosten, auch wert.

Sie werden mit Bärten oder mit Busen geboren
mit allen Zubehörteilen, je nach Geschlecht.
Durch Kindheit und Jugend würde nur Zeit verloren,
meinte Professor Bumke. Und da hat er ja recht.

Er sagte, wer einen Sohn, der Rechtsanwalt sei,
etwa benötige, brauche ihn nur zu bestellen.
Man liefre ihn, frei ab Fabrik, in des Vaters Kanzlei,
promoviert und vertraut mit den schwersten juristischen Fällen.

Man brauche nun nicht mehr zwanzig Jahre zu warten,
dass das Produkt einer unausgeschlafenen Nacht
auf dem Umweg über Wiege und Kindergarten
das Abitur und die übrigen Prüfungen macht.

Es sei ja auch denkbar, das Kind werde dumm oder krank.
Und sei für die Welt und die Eltern nicht recht zu verwenden.
Oder es sei musikalisch! Das gäbe nur Zank,
falls seine Eltern nichts von Musik verständen.

Nicht wahr, wer könne denn wirklich wissen, was später
aus einem anfangs ganz reizenden Kinde wird?
Bumke sagt, er liefre auch Töchter und Väter.
Und sein Verfahren habe sich selten geirrt.

Nächstens vergrössre er seine Menschenfabrik.
Schon heute liefre er zweihundertneunzehn Sorten.
Misslungene Aufträge nähm er natürlich zurück.
Die müssten dann nochmals durch die verschiednen Retorten.

Ich sagte: Da sei noch ein Bruch in den Fertigartikeln,
in jenen Menschen aus Bumkes Geburtsinstitute.
Sie seien konstant und würden sich niemals entwickeln.
Da gab er mir zur Antwort: “Das ist ja gerade das Gute!”

Ob ich tatsächlich vom Sichentwickeln was halte?
Professor Bumke sprach’s in gestrengem Ton.
Auf seiner Stirn entstand eine tiefe Falte.
Und dann bestellte ich mir einen vierzigjährigen Sohn.

Erich Kästner

 

In: Hans-Joachim Simm (hg.), Ein Rabenschwarzer Schnee, Insel Verlag 2010.

MÄRZGEDICHT

Frühling

Sonne. Und noch ein bisschen aufgetauter Schnee
und Wasser, das von allen Dächern tropft,
und dann ein blosser Absatz, welcher klopft,
und Strassen, die in nasser Glattheit glänzen,
und Gräser, welche hinter hohen Fenzen
dastehen, wie ein halbverscheuchtes Reh …

 Himmel. Und milder, warmer Regen, welcher fällt,
und dann ein Hund, der sinn- und grundlos bellt,
ein Mantel, welcher offen weht,
ein dünnes Kleid, das wie ein Lachen steht,
in einer Kinderhand ein bisschen nasser Schnee
und in den Augen Warten auf den ersten Klee …

 Frühling. Die Bäume sind erst jetzt ganz kahl
und jeder Strauch ist wie ein weicher Schall
Als erste Nachricht von dem neuen Glück.
Und morgen kehren Schwalben auch zurück.

Selma Meerbaum-Eisinger

 

In: Selma Meerbaum-Eisinger, Ich bin in Sehnsucht eingehüllt, Hoffmann und Campe 2016.

 

FEBRUARGEDICHT

ICH NEHME MEINE HOFFNUNG, GLEICH
Einem blendenden Schatz,
aus meinem Herzen – ihrem Kästchen –
führ‘ sie zwischen Rosen spazieren,
verhätschle sie wie eine Tochter,
eine Schwester oder Braut,
betrachte sie endlos
… und verwahre sie wieder, allein.

Juan Ramón Jiménez

 

In: Juan Ramón Jiménez, Herz, stirb oder singe, Diogenes 1977.