Archiv der Kategorie: Monatsgedicht

Dezembergedicht

Der halbfertige Himmel

Die Mutlosigkeit unterbricht ihren Lauf.
Die Angst unterbricht ihren Lauf.
Der Geier unterbricht seinen Flug.

Das eifrige Licht fliesst hervor,
sogar die Gespenster nehmen einen Schluck.

Und unsre Malereien kommen zutage,
die roten Tiere unsrer Eiszeitateliers.

Alles beginnt sich umzublicken.
Wir gehen in der Sonne zu Hunderten.

Jeder Mensch eine halboffne Tür
die in ein Zimmer für alle führt.

Der unendliche Boden unter uns.
Das Wasser leuchtet zwischen den Bäumen.
Der Binnensee ist ein Fenster zur Erde.

 

In: Tomas Tranströmer, Sämtliche Gedichte, Edition Hanser Akzente 1997

Oktobergedicht

Herbstsegen

behutsam öffnet die sonne
den milchigen schleier
über dem see

die strahlen fallen
auf die alte mauer an der strasse
die von zahllosen blättern
überwuchert ist

als bäumten sie sich ein letztes mal auf
als hätten sie ihre kräfte ein leben lang
für diesen einen augenblick gebündelt
entflammen sie zu einem feuerwerk aus farben

dich trifft es wie ein blitz
und noch stunden später
lodert ein jauchzen in dir

In: Andrea Maria Keller, Mäanderland, Edition Howeg 2013

Septembergedicht

Sommer

Bei heissem Wetter
wird das Leben langsam
Menschen
liegen in Wiesen
bewegungslos
man meint in tiefem Schlaf
andere ausgestreckt rot wie
von der Sonne erschlagen
manche rollen träge
manche schnellen
hin wo sie auch
ihre Wurzeln finden
zum Ursprung
ins Feuchte
fallen anheim
dem Wasser
unweigerlich dem auch
was sie immer treibt
der Lust zu kopulieren
oder mindestens
der nasse Reibnähe
anderer Haut
und kein Mensch
denkt an den
in den Tiefen verborgenen
Schlund der Alten
mit verlassenen Schatten
der Vorfahren
es ist Sommer und
nicht die Zeit des Sterbens
sagen sie
und verziehen sich
in Büsche und Schattenplätze
und von der Böschung zieht
der süsse Atem herüber
des Lathyrus mit seiner roten Blüte
wie ein weibliches Geschlecht
oder der stille Duft reifer Marillen
es ist nicht die Zeit an
den Tod zu denken
es die Zeit der Sinne
des zärtlichen Genusses
im Herbst wird
überreich der Gaumen
dann verwöhnt um uns zu trösten
über den langsamen Verlust
der Wärme und
der langen hellen Tage
dann wird es Zeit
sich anders nah zu sein
und
vom Ende
auch
zu sprechen

Ivo Ledergerber

 

Ivo Ledergeber, Alltagsgrübeleien, Waldgut Verlag 2019.

Juligedicht

Blinde-Kuh-Flashmob

Jetzt
schliessen wir die Augen,
wir alle.
Dann greift jeder
nach seinem toten Winkel
und legt ihn zu den anderen,
auf den vorbestimmten
Platz.

Orsolya Kalász

 

In: Das Gedicht & sein Double. Die zeitgenössische Lyrikszene im Portrait, Edition Azur 2018.

Junigedicht

 

Pfingstrosen stieben auseinander
zu zweit, zu dritt
liegen Blütenblätter übereinander

Buson

 

In: Haiku, Fischer Verlag 2016.

Maigedicht

Ob rechts die Vögel fliegen oder links,
Die Sterne so sich oder anders fügen,
Nicht Sinn ist in dem Buche der Natur.
Die Traumkunst träumt, und alle Zeichen trügen.

Friedrich Schiller

 

In: „Virtuosen der Lüfte“. Vögel in Bild und Gedicht, Reclam 2019.

Aprilgedicht

Der Meister A. Sade

Wenn ihr erkannt habt
dass der tiefe Orgelpunkt
den ihr tief da unten
wahrnehmt
in den Kellergewölben
der eigenen Existenz
nicht der Grundton der Angst ist
sondern eure Zugehörigkeit
zu jeder Saite
die vibriert –
versucht dann nicht
aus dieser Erkenntnis
eine Weisheit zu machen.
Denn dann verschwindet sie.

Lars Gustafsson

 

Larst Gustaffsson, Etüden für eine alte Schreibmaschine, Hanser 2019.

Märzgedicht

Examen de l’aube

Je raisonne. J’analyse.
Je me tourne dans mon lit.
Au lieu de dormir, assis,
je regarde l’aube grise.
Autrefois, dormant ainsi,
une main sous ta chemise,
je tenais ton ventre pris
comme un nid, oui, comme un nid.
Mais on a laissé la brise
prendre soin de nos soucis.

 

Gewissensprüfung im Morgengrau

Ich überlege. Ich untersuche.
Ich wälze mich in meinem Bett.
Anstatt zu schlafen betrachte ich
im Sitzen das graue Morgenlicht.
Früher einmal, als ich so schlief,
die Hand unter dein Hemd gesteckt,
hielt ich deinen Bauch umfasst
wie ein Nest, ja wie ein Nest.
Doch wir überliessen es dem Wind,
sich um unsre Sorgen zu kümmern.

Jean Cuttat

 

In: Die Lyrik der Romandie. Eine zweisprachige Anthologie, Kollektion Nagel & Kimche 2008.

Februargedicht

 

Sommer

Letzten Sommer hinterliessen zwei diskrete junge Schlangen ihr Häute
auf meiner kleinen Veranda, an zwei aufeinanderfolgenden Morgen. Da ich

jetzt postmodern bin, gab ich vor, sie nicht
zu bemerken, nicht zu verstehen, was schon lange in mir

kreiste. Stattdessen schimpfte ich stündlich
mit meinem Sohn, er solle nicht ständig widersprechen. Ich schälte

eine Banane. Und verfluchte Gott – Seine Arroganz,
Seine Frechheit -, von uns immer noch Ergebenheit zu erwarten,

nach der Erschaffung der Liebe. Und der Moskitos. Ich zeigte
meinem Sohn die papierenen, toten Häute, damit auch er

wusste, wie es sich anfühlt, wenn etwas – zweimal – an deiner
Tür auftaucht und dir klar macht, was du schon längst weisst.

Robin Coste Lewis

 

In: Robin Coste Lewis, Die Reise der schwarzen Venus. Poems, Steidl Verlag Göttingen 2017.

Dezembergedicht

Advent

Wo kommt denn plötzlich
diese Weite in mir her –

mit dem Duft von Zimt und Kardamom,
der Fernsicht in andere Zeiten,

während um mich Alt und Jung
mit Tüten voller Glitzerkram
in alle Windrichtungen flitzt,
und am Strassenrand ein Mann
in sich versunken Akkordeon spielt?

Wo kommt denn diese Weite her,
die aus dem Nichts mich überfällt –

trotz Bise und tropfender Nase,
mitten im Lockvogelgezwitscher,
unter tausend goldnen Sternen,
die an den Drähten prangen?

Diese Weite –

mit von weiss nicht wo
vertrauten Klängen,
die Wehmut mit Heiterkeit paaren.

Als ob es
im Dickicht der Dinge
eine Lichtung gäbe.

Andrea Maria Keller

 

Aus: Andrea Maria Keller, Vielstimmig, Gedichte, Edition Howeg, Zürich 2018

Novembergedicht

NACHTS, ALLEIN
ein kriminalgedicht

schritte ..
es sind schritte!

schritte, schritte ..
schritte sind es nicht –

schritte, schritte, schritte ..
sind es nicht schritte?!

schritte, schritte, schritte, schritte ..
schritte sind es!!

gerhard rühm

Aus: konkrete poesie, Reclam Verlag 2018.

Oktobergedicht

von draussen
beim blick nach innen
wackelt jeder finger
der eingang trägt lange hosen
und hängt rum
keine antithese
alles erlaubt
in liebe und auslese
aber nimm dich in acht, baby
vor zuneigung bei verhüllten fenstern
und denk dran zigaretten
mitzubringen
denn du könntest
sehr leicht zu dem schluss kommen
dass ein draussen
noch weiter hinausführt
und ein innen
einfach zum anderen

Bob Dylan

Aus: Bob Dylan, Planetenwellen. Gedichte und Prosa, Hoffmann und Campe 2017

Septembergedicht

hongkong

darf ich es sagen
hongkong du riechst
nach seit längerem nassem
papier mancherorts
strenger nach hund
deine palmen aus fleisch
deine düfte aus pilz

deine blüten aus fisch
sieh die dünnhäutigen
hochhäuser haben
himmel eingeatmet
sind nun sehr beschlagen
die wolken schwerer
als wolken wie fels
die himmel bergketten
die nachtfalter fledermäuse
und die fledermäuse gross
wie zerfetzte regenschirme
hongkong deine bauten
machen sich als sterne
den hang hinauf
die menschen dagegen
wie von ungefähr
auf den fähren dem wasser
zwischen china und china

Raphael Urweider

Aus: Raphael Urweider, Wildern, Hanser Verlag 2018.

Augustgedicht

kontinuität

syt geschter
isch hütt
vo hütt a
isch morn
und öppis
isch gäng

Kurt Marti

Aus: Kurt Marti, wo chiemte mer hi?, sämtlechi gedicht ir bärner umgangsschprach, Nagel & Kimche 2018.

Juligedicht

Anti-liebesgedicht

Manchmal willst du denjenigen den du liebst nicht lieben
du drehst dein gesicht weg von diesem gesicht
dessen augen lippen dich zorn vergessen lassen könnten
beleidigung vergessen   hinwegrauben den kummer nicht lieben
zu wollen   wegdrehen bloss wegdrehen   beim frühstück
am abend   blick nicht auf von der zeitung
vor dir dieses gesicht mit all seinem ernst   eine
sanftmütige konzentriertheit   er hält sein buch
in der hand   die knöchelharten winterlichen holz-
narbigen finger   wegdrehen   mehr kannst du nicht
tun   alt wie du bist um dich zu retten   vor der liebe

Grace Paley

aus: Grace Paley, Manchmal kommen und manchmal gehen, Gedichte, Schöffling & Co. 2018.

Junigedicht

Schmetterling

An einem heissen,
gleissend stillen Sommertag
wurde ich gewahr,
          dass es Schmetterlinge gibt,
          die auch über das Meer schwärmen können.

Michiko, Kaiserin von Japan

In: Michiko, Nur eine kleine Maulbeere. Aber sie wog schwer, Herder 2017.