Archiv der Kategorie: Roman

Das Flüstern der Bäume

Eine Familie, vier Generationen—schicksalhaft verbunden mit den Wäldern Kanadas.

Dieses Buch ist eine pralle Saga über die Familie Greenwood. Sie beginnt im Jahr 2038 und wird dann rückwärts erzählt bis zu den Urgrosseltern der Waldführerin Jacinda und wieder zurück in die Zukunft.Jacinda Greenwood arbeitet als Naturführerin auf Greenwood Island. Sie weiss nichts über ihre Vorfahren und glaubt, dass der gleiche Namen ein reiner Zufall ist. Eines Tages steht ihr Ex-Verlobter vor der Tür und hat das Tagbuch von Jacindas Grossmutter im Gepäck. Stück für Stück entblättert sich ihre Familiengeschichte. Da ist ihr Vater, ein Zimmermann—den sie leider nie kennegelernt hat. Die Geschichte seiner Mutter Willow, Jacindas Hippie-Grossmutter, die mit ihrem Sohn im VW Bus herumtourt und jeden Baum persönlich schützen möchte und mit dem Erbe der Greenwods nichts zu tun haben möchte. Und dann ist da Everett, ihr Urgrossonkel-ein Landstreicher, der ein ausgesetztes Baby im Wald findet als er Ahornsirup zapfen will. Everett sitzt 38 Jahre im Gefängnis für einen Mord, den er nicht begangen hat. In dieser Zeit wird Everetts Bruder, der blind ist, zu einem der grössten Holzmagnaten Kanadas.

Was die Greenwoods alle verbindet—ist der Wald. Er bietet Auskommen, ist Zuflucht und Grund für Verbrechen und Wunder, für Unfälle, Entscheidungen, für Opfer und Fehler.

Ein grossartiger Abenteuerroman, Spannungsroman, Familienroman, Naturroman. Ein fliessender Schreibstil, grossartige Dialoge, kurze, abwechselnde Kapitel. Mich hat diese Geschichte vollends in seinen Bann gezogen und dies von der ersten Seite an. Es gibt noch viel mehr Figuren in diesem Buch, pralle Geschichten, die sich wie Jahresringe eines Baumes aneinanderreihen und zusammen ein grosses Ganzes bilden!

Ein grossartiger Schmöker für lange Winterabende!

Carol Forster

Das Flüstern der Bäume“ von Michael Christie, Penguin Verlag

Alles begann mit einem Schwur

Viel zu lange blieb der deutschsprachigen Welt dieser chinesische Epos aus der Feder des Autoren Jin Yong verwehrt, obwohl dieses monumentale Werk zusammen mit Büchern wie «Der Herr der Ringe» zu den Grundsteinen des Genres Fantasy gehört.
Dieser erste Band der Serie begeistert nicht nur in seinem Überfluss an gelungenen Charakteren, sondern entführt den Lesenden in eine Welt, in der das Alte China mit der fantastischen Welt der Wulin verschmilzt. Diese stolzen, schrulligen und ehrbaren Meister des Kung-Fu, mit ihren geheimnisvollen Kräften und geheimen Lehren werden auch «Genre-Neulinge» in ihren Bann ziehen.

Alles begann mit einem Schwur.
Ein Schwur der ewigen Bruderschaft zweier Meister der Wulin, die kurz vor der Geburt ihrer Söhne gemeinsam den Tod finden. Der Schwur aber soll das Leben der Meister überdauern und auch für ihre Söhne gelten, welche noch in den Bäuchen ihrer Mütter getrennter Wege gehen.
Einer dieser Söhne mit Namen Guo Jing wächst zusammen mit seiner Mutter in der mongolischen Steppe, im engsten Kreise des jungen Dschingis Khan auf. Dort beginnt seine abenteuerliche Reise in die Welt der Kung-Fu Meister, die das gespaltenen Kaiserreichs zum Erbeben bringen. In eine Welt die von Stolz, Ehre und Redlichkeit geprägt wird. Guo Jing, dessen loyale und friedfertige Natur nicht immer ganz seinen trägen Verstand wettmachen, findet sich auf einmal, ohne zu wissen wie ihm geschieht, in Gesellschaft der Grössten Meister der Wulin wieder.
Unfreiwillig verstrickt in Machenschaften, die ihn bis zum Kaiserpalast führen, begegnet er sagenumwobenen Gestalten, dem gemeinen Volk und Schritt für Schritt auch seinem Schicksal.

Jin Yong gelingt es, seine Leser mit Leichtigkeit durch ein komplexes Geflecht aus Charakteren und Vorkommnissen zu führen. Ohne Anstrengung befindet man sich auf einmal mittendrin im Geschehen, lacht, schaudert und bangt zusammen mit dem gutmütigen, dussligen Helden und seinen Freunden mit. Eine perfekte Lektüre für lange Wintertage an denen man sich sehnt, einfach abtauchen zu können.

Can Tolga

Bestellen und loslesen : „Die Legende der Adlerkrieger“ von Jin Yong, Heyne Verlag, 2020

Wie die Blätter fallen

Es ist ein bunter Bücherherbst, unermüdlich rascheln Neuerscheinungen in unseren Bücherladen. Langersehntes, Überraschendes und Unentdecktes.

Das man nicht alles lesen kann, ist eine schmerzliche Wahrheit, der frau sich besonders als Buchhändlerin täglich aufs Neue stellen muss. Was also lesen? Was weglassen? Was gibt Richtung und Entscheidungshilfe dieser Fülle beizukommen? Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Konsequent nur Bücher über 500 Seiten lesen. Ein gesamtes Verlagsprogramm durchbeissen. Nur Autor*innen lesen mit Jahrgangsquersumme 7 – oder umgekehrt.

In diesem Herbst habe ich mich für das Farbspektrum Blau-Violett-Rosa-Rot entschieden. Erleichtert durch die Einschränkung, konnte ich entspannt und fast ohne Angst etwas zu verpassen, in ein wunderbares Spektrum an Welten eintauchen, und immer wieder beglückt nach Luft schnappen.

Hier möchte ich euch einige Glücksgriffe – in farblicher Reihenfolge – nicht vorenthalten.

Joachim Meyerhoff – Hamster im hinteren Stromgebiet – gelbe Schrift auf Dunkelblau

Hat hier jemand das Glück diesen Autor noch nicht zu kennen? Anders gefragt, hat jemand des Glück ihn schon zu kennen? Immer wenn ein neues Buch von Joachim Meyerhoff erscheint, scheint plötzlich die Sonne.
Hier haben wir bereits den fünften Teil seiner Autobiographie – und das mit knapp fünfzig. Seine Bücher tragen wunderschöne Titel wie „Wann wird es endlich wieder so wie es nie war“ oder „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ oder „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“. Auch der neue Titel „Hamster im hinteren Stromgebiet“ ergibt beim Lesen plötzlich Sinn. Alle seine Bücher erzählen aus verschiedenen Lebensetappen und was diese verbindet, ist das Leben, dass (bei Herr Meyerhoff vielleicht besonders) immer gleichzeitig Komödie und Tragödie ist. Er hat ein absolutes Gespür diese Gegensätze zu verbinden und ist ein brillanter Fabulierer. Er zelebriert das Scheitern und die eigenen Unzulänglichkeiten (in allen Bereichen). Und zwar so gut und gelungen, dass man es schier mit Erfolg verwechselt und es einen zutiefst anheimelt. Seine Figuren leben von einer Komik und der darunter liegenden Wahrhaftigkeit.
Sein neustes Buch erzählt von seinem neusten, vielleicht einschneidensten, Kapitel aus seinem Leben. Mit 51 erfährt der Schauspieler einen Schlaganfall, der sein Leben radikal in eine andere Perspektive rückt.

Mit seiner ausgefeilten Sprachakrobatik turnt er auch durch diese existenzielle Thematik und die verschiednenen Tränenarten fliessen ineinander.

Jane Gardam – Robinsons Tocher – gelbe Schrift auf hellerem Blau, Gischt

Jane Gardam hatte einst meinen romantischen Traumberuf: reisende Bibliothekarin in so einem schönen alten Bus. Heute ist 92 Jahre alt, schreibt und lebt in England.

Im Alter von 43 Jahren veröffentlichte sie ihr erstes Buch, doch im deutschsprachigen Raum ist sie erst 2015 richtig angekommen, endlich und Gott sei Dank! Mit der Romantrilogie «ein untadeliger Mann» hat sie sich in viele Herzen geschrieben.
Dies überhaupt möglich gemacht, hat die Autorin Isabel Bogdan, die bis jetzt jedes Buch von Jane Gardam übersetzt hat. Die Unmöglichkeit ein Buch zu übersetzen hat sie definitiv überwunden und trifft den raffinierten, klugen und witzigen Ton der Autorin zwischen den Zeilen.

Das neue Buch von Jane Gardam ist somit aus dem Jahr 1985 und darin zeitlos. Wir tauchen ein ins England 1904 und unsere Heldin ist Polly Flint, sechs Jahre alt und bereits auf der Schwelle eines neuen Lebens. Ihr Vater ist ein Seemann und damit meist abwesend, ihre Mutter ist kurz nach der Geburt gestorben. Nun soll Polly zu ihren frommen Tanten ins gelbe Haus am Meer ziehen. Es ist windig und unwirtlich und auch das Leben mit den Tanten ist geprägt von Kargheit, pragmatischen Handgriffen und religiösen Beschäftigungen. Es gibt kaum Unterhaltung, doch es gibt Bücher. Und lesend entwickelt sich die junge Polly zu einer unabhängig denkenden Frau, einer stillen unbeugsamen Rebellin. Besonders ein Buch Robinson Crusoe. Es dient ihr als Kompass für alle Lebenslagen. Denn auch sie sieht sich auf einer einsamel Insel. Die Brücken in sich selbst und zu anderen Inseln, anderen Menschen aufzuspüren ist Jane Gardam‘s grosse Gabe. Ihre Figuren erschafft sie prägnant und mit grosser Zärtlichkeit. Ihre Gabe, Situationen einzufangen, den Witz und die Treffsicherheit darin, ist etwas vom Wunderbarsten.

Wir begleiten Polly Flint bis fast an ihr Lebensende, als alte Frau – das fast ein ganzes Jahrhundert umspannt. Ein Lebensweg, auf dem sie Liebe, Enttäuschung, Depression, rettende Freundschaft kennenlernt und ihre Bestimmung finden wird.

Ein beglückendes Buch, ein unverkennbarer Tonfall und ein grosser Trost auf das Inseldasein.

Ronya Othmann – die Sommer – wir geraten in blauviolette Spähren

Eins der beeindruckensten Bücher in diesem Herbst heisst „die Sommer“ und geschrieben hat es Ronya Othmann. Es ist ihr erstes Buch, aber sie ist ja auch erst 27!
Sie weiss von was sie redet, denn die Hauptfigur Leyla teilt mit der Autorin die gleichen Lebensumstände. Leben in Deutschland mit Wurzeln im syrischen Kurdistan. Jeden Sommer ihrer Kindheit verbringen sie im kleinen Dorf, nahe an der türkischen Grenze, der Heimat des Vaters.

Im ersten Teil des Buches reisen wir Sommer für Sommer mit Leyla zu ihren Grosseltern, Cousinen, Tanten und Onkeln. Der Gegensatz zu ihrem „normalen“ Leben ist gross. Man ist nie alleine in einem Raum, das Leben ist geprägt von Natur und dem Alltag für das Leben zu sorgen. Leyla fühlt sich dort zuhause, ja heimisch bei der allwissenden Grossmutter und ist zugleich auch immer wieder fremd, denn sie ist ja doch die aus Alemania, die noch ein anderes Leben lebt. In Deutschland ist es andersrum und genauso, man fragt sie warum sie denn nach Sibiren geht, wenn sie von Syrien spricht. Das Gefühl, dass die beiden Welten auseinanderdriften, wächst in ihr stetig heran.

Das Leben ihrer Familie in Kurdistan ist seit Generationen geprägt von Flucht, Unterdrückung und Gewalt. Eine Minderheit, ein Volk dass immer mehr von Auslöschung bedroht ist. Die Geschichte dahinter, die politische und auch die persönlichen Schicksale erfahren wir durch verschiedene Figuren erzählt. Ronya Othman gelingt es mit einer Sprache, die gleichzeitig distanziert und darin eine Lebendigkeit und Emotionalität entwickelt, die Vielschichtigkeit von Zugehörigkeit und Heimat aufzuspüren.

Im zweiten Teil darf Leyla nicht mehr nach Syrien reisen, es herrscht Bürgerkrieg. Nur noch aus Medienschlagzeilen erfahren wir von den Gräueltaten und haben dabei bereits eine neue Perspektive eingenommen. Denn nun kennt auch die Leserin die Menschenleben, die sich dahinter ausbreiten.

Das Buch wirft hochaktuelle Themen und Fragen auf und schafft was Literatur eben kann – es macht betroffen und involviert und eröffnet eine neue Perspektive. Mit ihren Texte möchte Ronya Othmann fast Verlorenes konservieren und Geschichten aus einer in Europa bisher wenig berücksichtigten Perspektive erzählen. Und das gelingt ihr atemberaubend.

Candice Carty-Williams, Queenie, und ein entschiedenes Pink!

Ein Buch, welches mich brutal mitgenommen und auf den letzten Seite so glücklich gemacht hat heisst: „Queenie“, geschrieben von Candice Carty-Williams und in London ein Furorebuch.

Queenie ist der Star des Buches – eine junge jamaikanische Britin, die in der Liebe und dem Leben gerade gar kein gutes Jahr hat. Startschuss für die Geschichte gibt ihr Freund, er trennt sich abrupt, bzw. verlangt nach einer schwammigen Pause ohne grosse Erklärung.

Queenie muss ausziehen und ihre Welt bricht zusammen. Sie verliert den Boden unter den Füssen und braucht das ganze Buch, bis sie ihn wieder spürt. Der Freund, die Trennung ist nicht das eigentliche Problem. Vielmehr ein Auslöser, der Schieflagen aufgedeckt und einen Prozess möglich macht. Es ist sehr hart zuzulesen, wie Queenie eine schlechte Entscheidung nach der anderen trifft. Sie verliert sich komplett im Verlust und Schmerz, sucht vergeblich Trost auf Datinplattformen und verfehlt ihre eigenen Bedürfnisse präzise. Auf verschiedenen Ebenen kann sie sich nicht liebevoll und stärkend begegnen und der lange verinnerlichte Glaubenssatz „ich bin nicht genug“ prägt ihren Lebensalltag.

Oft kriegt sie zu hören, sie sei zu laut, zu empfindlich – wenn zum Beispiel der Onkel ihres weissen Freundes einen rassistischen Witz macht und sie sich wehrt: „war doch nicht so gemeint, entspann dich!“

Das Buch ist sehr politisch – Was heisst es heute als junge schwarze Frau in London zu leben? Die Alltäglichkeit von Rassismus, in seiner Beiläufigkeit und Subtilität ist unmittelbar spürbar. Als Gegensatz zur schwerwiegenden Thematik steht der leichtfüssige, spritzig-freche lustige Ton, der diese Lektüre zu einem Lesevergnügen par excellence verzaubert. Man braucht kein Buchzeichen – es liest sich in einem Zug.

Der Weg einer jungen Frau, die in ihre Stärke findet und sich aus Abhängigkeiten und Machtverhältnissen befreit. Eine Geschichte über Freundschaft, nicht zuletzt mit sich selber. Sehr persönlich und zugleich universell, ein Buch das den Blick für Neues, Anderes öffnet und darin Vertrautes wiederfindet.

Paolo Maurensig, Der Teufel in der Schublade, jetzt wird es rot und ein bisschen blutig

Das Buch ist so gut wie es dünn ist – also sehr! Ein auf 128 Seiten komprimierter 736seitiger Schmöcker vom italienischen Autor Paolo Maurensig.

Wie der Umschlag zeigt, es geht um den Teufel, einen Fuchs und eine Schublade. Eine Geschichte in einer Geschichte in einer Geschichte, bzw. ein einer Schublade in einer Schublade… Der Erzähler, ein Verleger, findet auf seinem Dachboden ein ungesehenes Manuskript, in welchem ein weitere junger Verleger von einer unfassbarer Geschichte erzählt, die ihm wiederum ein Priester berichtet hat.

Dies ist ein beglückender Erzählkniff – denn die Erzähler wechseln sich immer wieder ab und bald stecken wir schon mitten in der Geschichte.

Ein kleines namenloses Dorf in der Schweiz, hier genannt Dichtersruh, wird Schauplatz wahnwitziger Ereignisse. Aushängeschild und Touristenattraktion des Ortes ist ein einstiger Ritt und Übernachtung Goehtes in einem der Gasthäuser. Alle drei im Dorf werben damit und das erfolgreich. Dieser wichtige Besuch hat bis heute Eindruck hinterlassen, denn jede und jeder der Bewohner*innen fühlt sich schriftstellerisch berufen. Dies völlig ohne Ambitionen auf Erfolg – Absagen werden stolz eingerahmt und die Stimmung in der Bevölkerung könnte man als zufrieden bis ausgelassen beschreiben. Bis… Eines Tages ein renommierter Verleger aus Luzern anreist- mit ihm greift auch die Tollwut der Füchse um sich – und der Priester kommt rasch zur Überzeugung: der Teufel höchst persönlich. Allzubald findet die Idee eines Goethe-Preises Anklang und Anlauf von manuskriptbeflissenen Dorfbewohnern, denn der Preis ist nicht gering. Mit der Idylle ist es bald vorbei – das Dorf spaltet sich in die Abgelehnten und die noch nicht Abgelehnten. Ein Spektakel aus Neid, Misstrauen und Gier bahnt sich an und man ist erinnert an „der Besuch der alten Dame“ von Dürrenmatt, „die schwarze Spinne“ von Gotthelf oder eben „Faust“ von Goehte. Ein grosses Lesevergnügen, das nicht zuletzt durch den Erzählkniff angetrieben wird. Durch die verschiedenen Erzähler baut sich bis zur letzten Seite eine Spannung auf und auch die Frage, kann man dem Erzähler trauen, bzw. welchem? kommt nicht zu kurz!

In diesem Sinne, Vanja Hutter

Die Marschallin

Zora del Buono, geboren 1962, ist Architektin, Schriftstellerin und Mitbegründerin des wunderbaren Mare-Verlages, Sie lebt in Zürich und Berlin. Sie hat schon ein paar Bücher veröffentlicht—so zum Beispiel:“ Das Leben der Mächtigen—Reisen zu alten Bäumen“ ( Naturkunden Verlag) und mit diesem lebensprallen Familienroman beschert sie uns nun einen intimen Einblick in ihre eigene Familiengeschichte.

Die Autorin erzählt die Geschichte ihrer Grossmutter, die ebenfalls Zora del Buono hiess und ihre Familie mit eiserner Hand und viel Weitsicht und zum Teil eigenartigen Ansichten regiert hatte, Insgeheim wurde sie „Die Marschallin“ genannt—frei nach Marschall Tito, den sie glühend verehrte.

Nun aber der Reihe nach:

Die Slowenin Zora lernt ihren späteren Ehemann, den Radiologieprofessor Pietro Del Buono am Ende des 1.Weltkrieges kennen. Sie folgt ihm nach Bari in Süditalien. Die beiden überzeugten Kommunisten führen ein grossbürgerliches Leben in einem von Zora entworfenen Palazzo. Dennoch engagieren sie sich beide für den politischen Widerstand gegen Mussolini. Zora ist herrisch, temperamentvoll, intelligent und begabt. Sie bewundert Josip Broz Tito, dem sie Waffen ins damalige Jugoslawien zu liefern versucht und dem ihr Mann einmal, sogar zweimal, das Leben rettet. Ihre drei Söhne Manfredi ( der Vater der Autorin), Greco und Davide erzieht sie mit strengem Regiment. Die wechselnden Hausangestellten sind ihr selten gut genug. Oftmals sind es Mädchen aus ihrer Heimat Slowenien, die sich um den Haushalt und um die Kinder kümmern. Als die Söhne so um die 17 Jahre alt sind, setzt sie alles daran, diese vom Krieg fernzuhalten. Die künftigen Schwiegertöchter sind ihr allesamt suspekt und die Enkel und Enkelinnen liebt sie mit einer kritischen Distanz.Der Palazzo der Del Buonos ist ein offenes Haus. Ständig gehen Leute ein und aus. Es gibt Abendessen und Einladungen, Freunde der Familie und Familienmitglieder kommen zu Besuch und abendelang wir über Politik,Medizin, Kunst und Kultur diskutiert. Zora ist eine durch und durch faszinierende Frau, die ihr Leben kompromisslos und geschickt gelebt hat.

Am Ende des Buches lesen wir einen eindrucksvollen Monolog der alten Zora—die in einem Altersheim in Slowenien ihren Lebensabend verbringt—über ihr gelebtes Leben. Ihr Mann Pietro hingegen verbringt seine letzten Jahre demenzkrank in Bari in einem Pflegeheim.

Die Marschallin ist eine grandiose Familiengeschichte mit einer zum Teil widersprüchlichen aber durch und durch faszinierenden Hauptakteurin Wir erleben die Geschichte der Familie Del Buono vom Jahr 1919 bis 1948 und dann den Zora-Monolog im hohen Alter im Jahre 1980. Del Buono schrieb man früher mit einem grossen D in Del—was auf eine adelige Herkunft hinweist. Erst die Söhne der kommunistischen Zora haben später das grosse D durch das kleine d ersetzt.

Entdecken Sie die grossartige Autorin Zora del Buono ( mit kleinem d) !

Carol Forster

Loslesen: „Die Marschallin“ von Zora del Buono, erschienen im Beck Verlag 2020

Unsere heissen Sommertipps!

Bücher lesen im Liegestuhl, Bücher mittragen im Rucksack, Bücher im Zug verschlingen, Bücher zum Weiterträumen unters Kopfkissen legen. Wir brauchen Bücher in jeder Lebenslage! Hier sind unsere Reisebegleiter der letzten Wochen. Auf zu kurvigen Leseabenteuern und grenzenlosen Entdeckungsreisen!

 

Carol Forster empfiehlt..

Sommer_CF

„Da sind wir“ von Graham Swift

Eine Dreiecksgeschichte im Varietémilieu der späten Fünfzigerjahre. Ein bezaubernder, flirrender Ausflug ins Seebad Brighton in Begleitung eines Zauberers, eines Entertainers und der entzückenden Evie White.
„Die Liebe ist ein schreckliches Ungeheuer – Illustre Schweizer Paare“ von Franziska Schläpfer

Aussergewöhnliche Persönlichkeiten, ungewöhnliche Liebesgeschichten. Franziska Schläpfer hat in Archiven gestöbert, unzählige Tagebücher gelesen, mit Nachkommen gesprochen und erzählt uns in ihrem neuesten Buch von starken Charakteren, die ihre Leidenschaft auf Augenhöhe lebten, im Guten wie im Schlechten. Corinna Bille und Maurice Chappaz, Anne-Marie Blanc und Heinrich Fueter und einige mehr. Ein aufregender Blick auf schillernde Schweizer Paare.
„Unter Blumen“ von Regula Engeler

Zeitgenössische Fotografie verbunden mit Liebeslyrik des 9. Jahrhunderts von Wen Tingyun. Eine künstlerische Begegnung von Ost und West. Bilder und Texte treten in einen Dialog und verdeutlichen die entgrenzenden Eigenschaften von Kunst. Erschienen im wunderbaren Vexer Verlag St.Gallen.
„Flugs in die Post“ von Patrick Leigh Fermor

Wir reisen im Zeitraum von siebzig Jahren in den Briefen von Patrick Leigh Fermor quer durch die Welt und erleben seine Abenteuer mit. Rumänien, Griechenland, England, Afrika, Italien. Paddy schrieb unermesslich viele Briefe an seine Frau, an seine Freundinnne und Freunde und an seine Geldgeber. Er war ein Bonvivant, ein Abenteurer, Journalist, Schriftsteller und ein unersättlicher Genussmensch. Grossartig. Danke lieber Dörlemann Verlag.
„Eine Frau in New York“ von Vivian Gornick

»Eine Frau in New York« ist das zutiefst ehrliche Bekenntnis Vivian Gornicks, der Grande Dame der amerikanischen Frauenbewegung, zu einem selbstbestimmten, unkonventionellen Leben, eine mutige Annäherung an das Fremde, eine Ode an wahre Verbundenheit und eine Liebeserklärung an diese kräftezehrende und zugleich so vitalisierende Stadt: New York.
„Die Farben des Feuers“ von Pierre Lemaitre

Oder doch nach Paris? Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs regieren Habgier und Neid in den Straßen von Paris, und so bahnt sich ein Komplott an, um das mächtige Bankimperium Péricourt zu Fall zu bringen. Doch Alleinerbin Madeleine weiß die Verhältnisse in Europa für sich zu nutzen, und dreht den Spieß kurzerhand um. Für Madeleine ist das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch nicht gesprochen. Um ihres Sohnes willen beginnt sie ihren ganz persönlichen Rachefeldzug zu planen.

 

„Gone Baby Gone“ von Dennis Lehane

Nichts für schwache Nerven. Dorchester, das Arbeitierviertel von Boston. Kenzie & Gennaro ermitteln in einem Entführungsfall. In „Gone Baby, Gone“ steht das Kindeswohl im Mittelpunkt, manchen liegt es so am Herzen, dass sie ein Kind, die vierjährige Amanda, entführen. Die Mutter, Helene McCready, ist Drogen, Alkohol, dem Fernsehen und falschen Freunden mehr zugeneigt als ihrer Tochter. Die Schwägerin, mit Helenes Bruder verheiratet, sorgt sich mehr um den Verbleib ihrer Nichte als die Mutter, die ihre Trauer vor allem vor der Reportermeute zur Schau stellt. Die Polizei rückt mit Hundertschaften aus, und findet keine Spur der Kleinen. Sie scheint samt ihrer Puppe vom Erdboden verschwunden zu sein. Deshalb engagiert die Tante das Privatdetektiv-Duo Patrick Kenzie & Angela Gennaro.

 

Anna-Lena Fässler empfiehlt…

Sommer_AL
Für Reisehungrige, die diesen Sommer zumindest in Gedanken verreisen möchten:
„Brot, Salz und unsere Herzen“ Edith Durhams Reise durch die Bergwelt Albaniens  und „Insel Europa“  von Annemarie Schwarzenbach – zwei eindrückliche Reisepionierinnen, die ihre Abenteuer und Eindrücke packend festgehalten haben.
„Schwarze See – eine Reise um das Schwarze Meer“ von Jens Mühling – er erzählt von einem Meer zwischen den Trennlinien Europas und führt uns vor Augen, dass alle Grenzen letztlich fliessende sind und ein „Klassiker“ der Reiseliteratur: „Die Erfahrung der Welt“ von Nicolas Bouvier.

Für Lesehungrige:
„Hilma af Klint – Die Menschheit in Erstaunen versetzen“ von Julia Voss – endlich eine ausführliche Biographie über die lange verkannte Pionierin der abstrakten Malerei – ein wunderbares Zeit- und Frauenportrait.

Für Abenteuerhungrige:
Tru & Nelle G. Neri – eine absolut liebenswerte Kinderbuchentdeckung über die Freundschaft von Nelle Harper Lee und Truman Capote in einem heissen Südstaatensommer.

 

Can Tolga empfiehlt…

Sommer_CT

Mooji lädt ein zu entdecken, das unser Herz „Weiter als Himmel, grösser als Raum“ ist.
Für alle die sich nicht vor einer Reise nach innen scheuen.

Für die Kleinen, Mittel- und ganz Grossen ein reinstes Lesevergnügen.
Ob liebevoll und gewitzt mit „Die Wahrheit über alles – der kleine Spirou“, exotisch mit
„Marsupilami – Tumult in Palumbien“, oder tollpatschig mit „Percy Pickwick – Just married“ – für alle ist etwas dabei.

Utterly amusing and nonetheless very informative„Mythos“ by Stephen Fry is compelling and witty.

„Meddling Kids“ by Edgar Cantero, what a mad and lovable book. A rollercoaster ride through genres and emotions, one can only love this imaginative, unsettling and lovable tale.

 

Vanja Hutter empfiehlt…

Sommer_VH

Für alle, die „Weit weg von Verona“ ihre Füsse über die Mauer baumeln lassen wollen, in Gesellschaft der schlagfertigen und klugen 14-jährigen Jessica.

Für die „Spartaner“ unter uns, genügsam mit schlankem Buch, unersättlich an blitzschnellem Dialogabtausch.

Für solche, die wissen wollen „Warum ich nicht länger mit Weissen über Hautfarbe spreche“, um nachher dringend darüber zu reden.

Für die Ausloterinnen und Forscher einer „Geografie der Freiheit“ . Ein John-Berger-Projekt“ vom Vexer Verlag St. Gallen, dessen Spezialforschungsgebiet unter anderem der Tümpel ist. www.vexer.ch

Utopist*innen vor. Die Welten von Emmanuelle Bayamack-Tam rütteln die Eigenen in neues Licht. Willkommen in „Arkadien“.
„Nicht mein Ding“ würde ich niemals von diesem Buch sagen. Lustig und todtraurig, dazwischen eine Brücke der kleinen, feinen Wunder.

 

Maria Riss, bereits in die Ferien gedüst, empfiehlt…

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„Alles genau so in echt passiert“ von Anke Kuhl

Anke Kuhls Illustrationen sind schlicht umwerfend. Mit ganz wenigen Strichen bringt sie in den kurzen Comics alles zum Ausdruck, was Kinder bewegt: Angst, Eifersucht oder Glückseligkeit. Das Buch eignet sich zum Erzählen oder Vorlesen, zum Lernen einer differenzierten Bildersprache, zum Lachen, Vergleichen und Diskutieren. Für Kinder ab etwa 6 Jahren.
„Sammy. Die unglaublichen Abenteuer einer kleinen Maus“ Henry Cole

Die Spannung in dieser Geschichte beginnt gleich auf der ersten Seite und bleibt bis ganz zum Schluss erhalten. Es ist wirklich schier unglaublich, was dieser Mäuserich mit seiner so mutigen Freundin Fiona alles erlebt. Ein wunderbar, spannender Lese- und Vorlesespass mit fantastischen Bildern. Zum Vorlesen ab 6, zum Selberlesen ab etwa 8.
„Endling. Die Suche beginnt“ Katherine Applegate

Das Buch «Endling» ist Fantasy vom Feinsten. Hier stimmt einfach alles: Die treffend gezeichneten Figuren mit ihren verschiedenen Charakteren, die Schilderung der mystischen Welt und ihrer Fabelwesen, die zahlreichen klugen Dialoge und der spannende Plot. Ein wunderbar ergreifendes und spannendes Lesevergnügen für Kinder ab etwa 12 Jahren.

„Heldenhaft“ Andreas Thamm

Zwei Jungs, beide etwa 16 Jahre alt, wohnen in einem kleinen Kaff und träumen nicht nur von grossen Abenteuern, sondern auch von der ersten Liebe. Und dann zieht Lea ins Dorf und plötzlich wird alles anders, realer. Die Geschichte ist in einer Sprache geschrieben, die sich locker liest und die doch sehr treffend das grosse Gefühlsdurcheinander junger Erwachsener beschreibt. «Heldenhaft» lohnt sich zu lesen, nicht nur für Jugendliche, sondern auch für Erwachsene, die ihrer eigenen Jugend nachspüren wollen.

 

Das wirkliche Leben

Unser neues Büchermagazin ist da, liegt auf und hält nicht zurück mit tollen Büchertipps von Buchhändler*innen aus der ganzen Schweiz!

daswirklicheleben

Selber lesen? Hier geht’s zum Buch!

Was wir voneinander wissen

Kürzlich hat Andrea Köhler bei ihrer Besprechung des Romans „Mutter. Chronik eines Abschieds“ in der NZZ festgehalten, dass „Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter die vielleicht ambivalenteste überhaupt [ist].“ und die Mutter in jüngerer Zeit zu einem der „bevorzugten Themen der autobiographischen Selbsterkundung von Frauen geworden ist“.

jessegreengrass

Auch am Anfang von Jessie Greengrass` Roman „Was wir voneinander wissen“ steht die Frage „Soll ich noch einmal Mutter werden?“ In Anbetracht dieser lebensverändernden Entscheidung blickt die namenlose Ich-Erzählerin (es handelt sich nicht um einen autobiographischen Roman) zurück auf das  eher kühle Verhältnis zu ihrer eigenen Mutter, das erst an Tiefe und Wärme gewann, als diese schwer an Krebs erkrankte und auf die Pflege der Tochter angewiesen war – geschildert intensiv, ehrlich und ohne Pathos. Und auch den Einfluss der dominanten Grossmutter, einer Psychoanalytikerin, die Tochter und Enkeltochter gleichermassen zu analysieren versuchte, zieht sie in ihre Betrachtungen hinein. Sie selbst empfindet ihre Mutterschaft als „Gratwanderung, ihr [der Tochter] genug von meiner Liebe zu geben, dass sie sich ihrer bewusst ist, aber nicht zu viel, um sie nicht an mich zu binden; sie wissen zu lassen, dass diese Liebe da ist, doch ihre Grösse nicht zu betonen, und wenn ich sie ermutige, sich von meinem Blick zu lösen, kostet es mich viel Mühe, meiner Sehnsucht nach ihr nicht nachzugeben…“

Der Roman dreht sich aber nicht nur um das Mutterwerden und –sein, sondern, wie der Titel besagt, auch um die Fragen, was wir überhaupt voneinander wissen, wie wir zu unseren Erkenntnissen gelangen und wie diese uns dabei helfen, Entscheidungen zu treffen. Dabei interessieren die Ich-Erzählerin bei ihrer philosophischen Selbstanalyse nicht die äusseren Fassaden, sondern die tieferen, oft versteckten Schichten. Geschickt verwebt die Autorin mit wunderbar fliessender, bildreicher Sprache die drei bedeutenden Erlebnisse im Leben der Erzählerin mit drei auf den ersten Blick ganz unterschiedlichen Wissenschaftsdiskursen: Wilhelm Conrad Röntgen gelang es als Erstem, Körper mit Strahlung zu durchleuchten. Sigmund Freud hat mit seiner Psychoanalyse Menschen und ihre Motive versucht zu durchschauen und John Hunter sezierte sein Leben lang Körper und legt damit die Grundlage für den zuerst erfolglosen Kaiserschnitt. Im Verlauf der Lektüre beginnt man die allen zugrundeliegende Motivation, Dinge freizulegen und erfahrbar zu machen, nachzuvollziehen. Alle erfahren schlussendlich auf unterschiedliche Weise, dass der Preis der Erkenntnis, die Entzauberung eines Wunders ist.

Anna-Lena Fässler

Jesse Greengrass, Was wir voneinander wissen, Kiepenheuer & Witsch, 2020.

 

 

Wassertänzer

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Ta-Nehesi Coates, Autor, Journalist und Menschenrechtskämpfer, liefert mit „Der Wassertänzer“ seinen ersten Roman und enttäuscht mitnichten.
Es ist beinahe unmöglich, sich dem von der ersten Seite an entstehenden Sog dieser atemberaubenden, kraftvollen sowie magischen Vorbürgerkriegsgeschichte zu entziehen.

Wir werden Zeuge des Lebens eines gewissen Hiram Walker. Er ist zugleich Sklave und Sohn des Plantagenbesitzers Howell Walker, welcher Hirams Mutter verkauft als dieser erst 9 Jahre jung ist.
Durch dieses nie überwundene Trauma entwickelt Hiram die Gabe, sich an alles, jedes kleinste Detail jeder Minute und Stunde seines Lebens erinnern zu können. An alles, ausser an seine Mutter. Hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung einer Zukunft auf der Plantage seines Vaters und der Flucht in die Freiheit, beginnt Hirams Weg, welcher ihn in den „Untergrund“ führt, eine Freiheitsbewegung, die ihren eigenen Extremen folgt. Wird Hiram die Kraft haben sich seinen Erinnerungen zu stellen und die Geheimnisse zu lüften, die in ihm schlummern?

Coates gelingt es scheinbar leichtfüssig mit seiner berührenden, von Klarheit schillernden Prosa eine Geschichte zu erzählen, die durch wundervolle Charaktere besticht und doch, durch ihre Tiefe, die Leser*innen in dunkelste Abgründe führt.
Schonungslos entfaltet sich die Realität, welche durch die Sklaverei geschaffen wurde. Die beabsichtigte Trennung von Familien und deren traumatische Folgen, die Ohnmacht und die Unbeugsamkeit der Menschen, denen das grösste Unrecht wiederfahren ist.

Ein grosses Buch einer wichtigen Stimme, dessen Lektüre nur ein Gewinn sein kann.

 

Can Tolga

Ta-Nehesi Coates, der Wassertänzer, Blessing Verlag 2020

Mein russisches Frühjahr

Dieser Frühling lässt mein Herz schneller schlagen vor lauter Freude über die vielen russischen Bücher, die eines nach dem anderen ihren Weg in unseren schönen neuen Laden finden, verbunden mit ein wenig Wehmut bei dem Gedanken, dass sie dort gerade ein einigermassen betrübliches Dasein fristen, aber immerhin kann ich über den Blog ein paar meiner Lieblinge vorstellen.

AnnaLena_russ

Von unglaublichen Entdeckungen (Gerhard Sawatzky «Wir selbst» – ein einzigartiger zeitgeschichtlicher Fund, ein grosser Gesellschaftsroman über die Russlanddeutschen, von Stalin 1938 verboten und erst jetzt wiederentdeckt oder Leonid Zypkin «Ein Sommer in Baden-Baden» – eine nicht nur sprachlich brillante Hommage des jungen Autoren an sein Idol Dostojewski) über wunderschöne bibliophile Ausgaben zum silbernen Zeitalter der russischen Literatur (Olga Forsch «Russisches Narrenschiff») bis zu tollen Neuübersetzungen (Fjodor Dostojewksi «Aufzeichnungen aus einem toten Haus») ist für jeden Geschmack etwas dabei. Ein weiteres grosses Thema sind nach wie vor die stalinistischen Säuberungen und ihre Folgen für Individuum und Gesellschaft, die in den Romanen von Isabelle Autissier «Klara vergessen», Juri Buida «Nulluhrzug» und Sasha Filipenko «Rote Kreuze» thematisiert werden.

Letzterer schafft es in seinem nur gut 270 Seiten umfassenden Roman dank raffinierter Konstruktion, die Willkür des Systems an einem Einzelschicksal aufzuzeigen. Die 90-jährige Tatjana Alexejewna erzählt gegen das Vergessen ihre unglaubliche Geschichte, die von so schrecklichen Ereignissen geprägt ist, «dass mich die Alzheimer-Krankheit nur deswegen heimgesucht hat, weil Gott Angst hat vor einer Begegnung mit mir». Doch gewisse Dinge kann man nicht vergessen. Als ihr Mann im zweiten Weltkrieg in rumänische Kriegsgefangenschaft gerät, ersetzt sie, die als Sekretärin beim Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten arbeitet, aus Angst vor der Sippenhaft der als Deserteure abgestempelten Kriegsgefangenen, den Namen ihres Mannes auf den Listen der Kriegsgefangenen, die vom Roten Kreuz in Genf übermittelt werden, durch einen anderen Namen. Es nützt ihr nicht viel, sie wird dennoch festgenommen, die Tochter in ein Erziehungsheim gesteckt und sie landet wie so viele im Gulag. Zu allem Leid quält sie zeitlebens die Schuld, möglicherweise durch das Vertauschen der Namen eine andere Familie zerstört zu haben. Die überraschende Wendung folgt, als sie diese nach jahrelangen Recherchen und Korrespondenz mit dem Roten Kreuz endlich ausfindig machen kann. Die Grenzen zwischen Tätern und Opfern verschwimmt und Filipenko führt uns einmal mehr vor Augen, dass es in einem totalitären System einfach keine Gewissheiten gibt.

 

Anna-Lena Fässler

 

 

„Giovannis Zimmer“ nicht verlassen

Dieses Buch!
Dieses schreckliche, wundervolle, wichtige Buch.

Auch in seinem zweiten Roman liess sich James Baldwin nicht von den herrschenden Wertvorstellungen seiner Generation in Ketten legen und bewies sich abermals als tabubrechender Denker und Vorreiter seiner Zeit.

Mit elegantem, erbarmungslosem und zutiefst menschlichem Feingefühl, schildert Baldwin die Geschichte des jungen Amerikaners David, der auf der Flucht vor sich selbst, im Paris der Fünfzigerjahre strandet.

Bereits früh stellt David mit Bestürzung fest, dass er sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlt. Da die Gesellschaft in der er lebt solcherlei Begehren aufs Schärfste verurteilt, beschliesst er diesen Teil seines Selbst in den Tiefen seiner Seele zu begraben und zu leugnen.

Als seine Verlobte eine Reise nach Spanien antritt, begegnet David in einer Pariser Bar dem schönen und ungestümen Italiener Giovanni, welcher nichts von Versteckspielen hält. Mit dieser Begegnung beginnt sich ein Riss durch Davids sorgfältig gebaute Fassade zu ziehen und ein Strudel von Fragen und Entscheidungen drohen ihn zu zerreissen.

Muss er sich seiner wahren Natur erwehren und eine Lüge leben oder findet er Zuflucht in Giovannis Zimmer? Welche Entscheidung kostet welchen Preis?

Baldwin ist es gelungen die Schicksale seiner Charaktere auf Gedeih und Verderb mit Davids innerem Kampf zu verflechten und den hausgemachten Irrsinn, welcher die menschliche Seele zu überschatten vermag, so dicht und bedrohlich zu vermitteln, dass sein Roman über Jahrzehnte nicht im Geringsten an Aktualität und Wichtigkeit verloren hat. Es ist fast unmöglich, sich dem unheilvollen und doch betörenden Sog dieses Buches zu entziehen.

Can Tolga

 

Giovanni

loslesen? hier gehts in „Giovannis Zimmer“, James Baldwin, dtv Verlag
oder „Giovanni’s room“, penguin books

Alte Zöpfe abschneiden

haare

Im Bücherladen liegt ein Flyer auf, der auffällt. Ein Haarzopf schlängelt sich über das Papier, „Alte Zöpfe abschneiden“ steht da geschrieben. Und sogleich taucht das berührende Buch „Der Zopf“ von Laetitia Colombani in meiner Erinnerung auf.

Smita, Giulia und Sarah haben eigentlich nichts gemeinsam: Sie leben in unterschiedlichen Welten, geografisch und auch was ihren Alltag betrifft. Wie drei Stränge eines Zopfes führt Laetitia Colombani diese drei Leben, in denen Haare auf unterschiedliche Weise eine Rolle spielen, zusammen. Und zeigt so, dass Unterstützung über verschiedenste Grenzen hinweg Leben ändern kann. Der Autorin ist eine wunderbare Geschichte darüber gelungen, wie schön es sein kann, wenn die Verbundenheit aller durch die Globalisierung fühlbar wird.

Und was hat es nun mit dem Flyer auf sich?
Die Naturcoiffeuse Edith Ulmann schneidet alte Zöpfe ab um Frauen und Kindern, die aufgrund von Krankheit ihre Haare verloren haben, eine Freude zu machen. Mit dem Verlust des Kopfschmuckes geht oft auch ein Stück Weiblichkeit, Sinnlichkeit und Identität verloren – das möchte Edith zusammen mit den Haar-Spenderinnen zurückschenken. Die Zöpfe werden zu haarcreation in Basel geschickt, wo sie zu schönen Haarteilen verarbeitet werden. Was es dazu braucht: ein bisschen Mut, frisch gewaschene Haare und eine Haarlänge von mindestens 20cm. Der Haarschnitt rundherum ist kostenlos.
Also hin und weg mit dem alten Zopf! Und vielleicht die ein oder andere goldene Kuh schlachten, die es sich in unserem Kopf bequem gemacht hat. Fürs neue Jahr die Chance zu haben, unbequem zwackende und störende Glaubenssätze zu entsorgen, kann befreiend sein. Das hilft sehen und sich freuen an dem, was ist. Und lässt uns so ein Teil der Fülle des Lebens sein.

 

Melina Cajochen

 

Wann und wo: Donnerstag 28. November 2019 von 18.30 bis 21.00 Uhr an der Jakob Signerstrasse 5 in Appenzell

Wie: ohne Anmeldung hin!

Bei Fragen: ei-genart@bluewin.ch

Gute Bücher für dicke Leser!

Appenzell ist eigentlich recht gut dabei. Es zirkelt so einige Lesegruppe umher und diskutiert bis in den Bücherladen hinein. Immer schön und spannend.

Das wunderbare Leben als Buchhändlerin hat aber auch seine Nachteile..nämlich zwei! Erstens schenkt einem niemand mehr ein Buch (die glauben man habe sicher schon genug bis alle!) und zweitens muss man früher oder später der schockierenden Tatsache ins Auge sehen – man kann im Leben nicht alles lesen! So beigt und türmt es sich in unermessliche Höhen, und der Wunsch geht immer in beide Richtungen – Jagd auf Neuerscheinungen und Sehnsucht nach längst Geschriebenem, Aufgespartem, Wiederlesen, endlich einmal lesen. Besonders letzteres drängt sich immer mehr auf.

So haben Anna-Lena, Melina und ich beschlossen, es den Appenzeller*innen gleich zu tun – und gründen hiermit unsere erste Lesegruppe! Und laden euch herzlich ein, dabei zu sein.

Wir machen es so:

Wir lesen ein Buch bis zu einem bestimmten Dienstagmittag in ein paar Wochen und diskutieren, schwärmen, kritisieren, plaudern darüber. Bei einer Chäsladenplatte irgendwo in Appenzell. Der Ort wird sich wie das Buch immer ändern und jeweils bekannt gegeben. Die Bücher werden im Turnus der Mitlesenden ausgewählt. Je nach Buch entscheidet man, ob man dabei sein möchte. Die Einladungen erfolgen über den Blog. Es darf alles sein, alt, neu, jedes Genre, Hauptsache ein Buch, dass man schon immer lesen wollte!

Wir fangen an am

Dienstag 27. August
12.15 bis 14 Uhr
mit Charles Dickens „Grosse Erwartungen“
Anmeldung im Bücherladen gern bis am Montag 15. Juli

Wir lesen die neuste Übersetzung von Melanie Walz

grad bestellen und loslesen mit dem Taschenbuch

oder mit der schönen Leinenausgabe von Hanser

 

Warum ich dieses Buch unbedingt endlich lesen will?

Vor Jahren entdeckte ich die Erzählungen von Evelyn Waugh (seither nicht mehr aus den Augen gelassen) und da gab es diese eine Geschichte. „Der Mann, der Dickens liebte“. Und zwar so sehr, dass er über Leichen geht. Haarsträubend, absurd und genial. Seither ist meine Liebe für Dickens irgendwie erweckt.

 

Auf gehts, wir freuen uns – mit grossen Erwartungen, hoffentlich bis bald!

 

Vanja Hutter

 

Unerhörte Stimmen

shami

Elif Shafak gilt seit ihren ersten Veröffentlichungen als Sprachrohr für Gleichberechtigung und freiheitliche Werte in der Türkei und aber auch in ganz Europa. Auch in ihrem neuen Roman sind die Hauptpersonen eben die, deren Stimmen sonst kein Gehör finden. Die Widmung in Elif Shafaks Roman setzt den Ton für dieses empathische Buch: “Für die Frauen Istanbuls und für die Stadt Istanbul, die eine weibliche Stadt ist und immer war.“

Die Hauptfigur ist Leila. Tequila Leila, wie sie von ihren Freunden und Kunden genannt wurde. Leila wurde ermordet und mit Leilas Tod beginnt die Geschichte. Leila ist diejenige, die uns ihre Geschichte erzählt. Ihr Leben als Prostituierte in der pulsierenden, brodelnden, bunten und unbarmherzigen Stadt Istanbul. Eine Frau, die ein neues Leben beginnen wollte und um ihren Platz in der Welt kämpfte, sei es in der eigenen Familie oder in der Gesellschaft. Aber es ist auch die Geschichte ihrer unkonventionellen Freunde, allesamt Menschen am Rande der Gesellschaft, die am Ende aber eines verbindet: Freundschaft über den Tod hinaus.

 

Carol Forster

unerhört

Elif Shafak, Unerhörte Stimmen, Kein & Aber Verlag 2019

 

grad einkaufen und loslesen

Selbst ist die Enola

 

In England schon längst eine Bestseller-Reihe, können wir nun auch in Deutsch bei Enola Holmes’ Ermittlungen mitfiebern. Was für eine Lesefreude!
Enola Holmes wohnt mit ihrer Mutter auf dem Land, in einem Vorort von London. Sie ist 14 Jahre alt und kann ihre Tage selber gestalten, ohne lästiges Korsett-tragen, Handarbeits-Training und sonstige Beschäftigungen, die jungen Damen von ihrem Stand angemessen wären. Als ihre Mutter verschwindet, flüchtet sie vor ihren Brüdern, denn die wollen sie in ein Internat stecken. Sie entschliesst sich, in London unterzutauchen – denn wo kann sie sich besser vor einem Meisterdetektiv und einem Mitarbeiter des Geheimdienstes verstecken, als im Trubel der Grossstadt? Wo kann sie sich besser vor ihren Brüdern Sherlock Holmes und Mycroft Holmes verstecken, als in der Höhle der Löwen. Auf dem Weg nach London stolpert sie über den Fall des verschwundenen Lords und beginnt zu ermitteln.
Die Sprache und die Bilder des Romans sind wie Enola selbst: kraftvoll, präzis, authentisch, klug und herzlich. Ein Buch aus einem Guss, zu Lesen ab 13 bis 25, für Interessierte an Lebensumständen Ende des 19. Jahrhunderts und an starken Frauenfiguren. Lasst euch also nicht vom mädchenhaften Bucheinband in die Irre führen!

Melina Cajochen

Nancy Springer, Der Fall des verschwundenen Lords. Ein Enola Holmes Krimi, Knesebeck 2019.

 

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Schwarzes Kleid mit Perlen

perlen
Eine Frau mittleren Alters verlässt Mann und Kinder um mit ihrem Geliebten zu sein. Doch so einfach ist das nicht. Der geliebte Coenraad ist Agent einer geheimen Organisation, welcher Art werden wir nie erfahren, und sprunghaft global unterwegs. Stets in geheimer Mission und undercover. Dass er eine Geliebte hat, darf niemand wissen. Um sich dennoch regelmässig zu sehen, entwickeln die beiden ein ausgeklügeltes System, einen Code aus versteckten Botschaften zwischen den Zeilen, zum Beispiel des National Geopraphic Magazins. Coenraad hinterlässt eine Botschaft und lässt sie Shirley zukommen. Sie entschlüsselt seinen Aufenthaltsort, Zeit und Treffpunkt, macht sich auf und reist ihm hinterher um sich in der Stadt, wo er gerade stationiert ist, im Hotelzimmer für ein paar Stunden in die Arme zu fallen. Ein aufreibendes Unterfangen. Ein grosses Warten an Flughäfen, in Hotellobbys und Museen. Ziellose Streifzüge. Shirley ist frustriert und doch ist es halb so schlimm. „Ich habe immer etwas worauf ich mich freue“. Manchmal treffen sie sich auch unter Menschen. Doch in der Öffentlichkeit ist Coenraad stets perfekt getarnt, fast bis zur Unkenntlichkeit. Oft erkennt sie ihn erst auf den zweiten Blick, bzw. „an der Art wie er dasteht und ich mich fühle.“

Auf den ersten Blick zeichnet uns Helen Weinzweig eine Frau in Abhängigkeit. Der Ausbruch aus ihrer Ehe, die sie als einengend und Zumutung empfindet, gelingt nur bedingt. Sie findet sich zwar in abenteuerlichen Verhältnissen wieder, doch auf ihre Kosten kommt sie nicht wirklich. Sie verbringt die meiste Zeit wartend, spazierend, sinnierend und mit sich. Dahin führt die Reise schlussendlich auch. Das nächste Treffen findet ausgerechnet in Toronto statt, wo ihre verlassene Familie lebt. Sie beschliesst anzuklopfen. Und wird überrascht.

Helen Weinzweig (1915-2010) hat diesen Roman mit 65 Jahren geschrieben, das Original erschien 1980 in Kanada. 2019 gibt der Wagenbach Verlag die erste deutsche Übersetzung heraus, zum Glück und endlich! „Schwarzes Kleid mit Perlen“ ist so leichtfüssig wie modern und wird von einer ganz eigenen Stimme getragen. Der Graubereich zwischen Realem und Surrealem ist ein wunderbarer Ort. Ihn lesend zu erkunden ein herrliches Vergnügen.

 

Vanja Hutter

 

Schwarzes Kleid mit Perlen, Helen Weinzweig, Wagenbach Verlag
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Von Juni bis August

17Sommer

Ein Sommer in den 1930er Jahren. Ein Sommer in siebzehn Jahre junger Haut. Ein Sommer eingebettet zwischen Glücksgefühlen, grosser Liebe, Sehnsucht und Abschiedsschmerz. Eine Protagonistin, die so authentisch wirkt, als wäre es die gute Freundin von nebenan. Der Klassiker, der nach 77 Jahren bei Kein & Aber diese Woche frisch erscheint.

Sich mit Frühlingsgefühlen in den Sommer träumen, sich fühlen wie damals mit siebzehn Jahren und sich freuen auf die wärmer werdenden Tage!

Noemi Lieberherr, Lernende

 

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