Archiv der Kategorie: Roman

Licht zwischen den Zeilen

Wenn Romane bei Steidl erscheinen, heisst es grundsätzlich Obacht. Wo ich sonst ab und an eine Perle fische, angle ich bei Steidl immer häufiger meinen Lieblingsfisch. Den Stör. Bücher, die irgendwie auch stören, mag ich sehr gern. An gewohnten Gedankenbahnen kratzen, wie ein Grät im Hals (die Erleichterung, wenn es dann draussen ist, scheint mir unvergleichlich). Und so findet sich auch der selige Zustand immer wieder nach der Störlektüre. Das Gewohnte ist verwandelt, neu und frisch, Ungedachtes schauert über die Haut und ein Haken, wie ein Anker, an neuer Perspektive ist gesetzt.

Besonders glücklich bin ich jeweils beim Fang eines Jungstörs. Auch unter dem Namen «Coming-of-Age» unterwegs. Oft die Geschichte eines Sommers, in dem sich die Welt zuerst verhängnisvoll, dann wie wiedergebürtig ins Neue öffnet. Dem Einfangen dieses Übergangs, vom Kindsein ins plötzlich nicht mehr, könnte und sollte man ein ganzes Regal im eigenen Bücherregal widmen – es gibt die besten Bücher dazu. Kennen Sie auch eins?

Die Wucht eines Momentes, der alles verändert ereignet sich in «Das Licht zwischen den Bäumen» ganz am Anfang. Es sind Sommerferien, mitten im Nowhere of America, die vierzehnjährige Libby sitzt mit ihren vier Geschwistern und ihrer Mutter im Auto, endlich Schule aus. Die Luft ist schon dick genug, die Mutter bis auf die Nerven gereizt, da bringt die Jüngste das Fass zum Überlaufen. Kurzschlussentschlossen hält die Mutter an und stellt sie auf die Strasse. Im schwindenden Tageslicht, im dunklen Schatten der Bäume bleibt die zwölfjährige Ellen zurück. Mit klopfendem Herzen begleiten wir Libby auf der Suche nach ihrer Schwester.

Vanja Hutter

Licht zwischen den Bäumen“ von Una Mannion, Steidl Verlag 2021

Literatur im Steidl Verlag

Anita Brookner lesen!

Blanche Vernon wird nach zwanzig Jahren Ehe von ihrem Mann Bertie für eine jüngere Frau verlassen. Die Ehe blieb kinderlos und Blanche steht nun allein da. Sie trägt den Weggang ihres Gatten mit Fassung, bleibt im Haus wohnen und vertreibt sich die Zeit mit unzähligen Museumsbesuchen, der Aufrechterhaltung ihres perfekten äusseren Erscheinungsbildes und einem strikt getakteten Tagesablauf. Da sie selbst über ein kleines Vermögen verfügt, kann sie sich ihren gewohnten Lebensstil leisten. Abgesehen von den täglichen Telefonaten mit ihrer Schwägerin Barbara ist Blanche allein. Bertie besucht seine Exfrau beinahe wöchentlich. Blanche erwartet Bertie, kocht, trinkt mehrere Gläser Wein und wenn er nicht auftaucht, ist es ihr auch recht. Geredet wird an solchen Abenden sowieso kaum. Auf ihre Umgebung wirkt Blanche eher exzentrisch, dennoch beherrscht und beinahe etwas abgehoben, denn ihr Interesse gilt vorwiegend Museen und Romanfiguren. Gespräche mit Blanche erweisen sich für die meisten ihrer Bekanntschaften als eher anstrengend. Eines Tages begegnet Blanche einer vitalen, egozentrischen jungen Frau mit ihrem vierjährigen Mädchen Elinor. Sofort ist Blanche fasziniert von dem kleinen Mädchen. Dieses Mädchen isst inmitten unzähliger Leute in aller Ruhe mit einer ungewohnten Selbstbeherrschung und Ernsthaftigkeit ein Stück Kuchen und wird von Blanche dabei genau beobachtet. Blanche erkennt sich in der kleinen Elinor wieder und bietet der Mutter an, hin und wieder auf die Kleine aufzupassen, was diese nur zu gerne annimmt. Je mehr sich Blanche auf die chaotische Familie einlässt, desto diffuser wird, wer eigentlich wen instrumentalisiert und zu manipulieren vermag.

Anita Brookner (1928-2016) studierte Kunstgeschichte und war Expertin für französische Kunst des 18. und 19. Jahrhunderts. Sie begann erst mit etwa fünfzig Jahren mit dem literarischen Schreiben.

Sie gilt als Meisterin der zarten, subtilen Zwischentöne und hat ein herausragendes psychologisches Gespür für die verletzte weibliche Seele. »Eine Mesalliance» erschien in den Neunzigerjahren unter dem Titel «Vergangenheit ist ein anderes Land». Eine grossartige Lektüre, absolut empfehlenswert!

Carol Forster

Anita Brookner, Eine Mesalliance, Eisele Verlag

Liebe Rock

Vanja Hutter

Die Romane von Tom Zürcher

Liebe Rock“ im Picus Verlag

Mobbing Dick“ im Salis Verlag

Der Spartaner“ im Lenos Verlag

Lieben. Lesen.

Der norwegische Autor Tomas Espedal schreibt Autofiktion. Neun Bände hat er bisher veröffentlicht, Geschichten, Essays, Tagebücher. Der Ich-Erzähler lässt uns an seinem Leben teilhaben, den unglücklichen Lieben, den Verlusten, den Alkoholexzessen, den Wanderungen, den Blicken auf die Natur, auf die Mitmenschen. Espedal verwebt sein eigenes Leben mit Dichtung.Im Gegensatz zu Karl Ove Knausgård sind Espedals Bücher schmal, verdichtet, Essenz. Im neuesten Band „Lieben“ heisst der Beschriebene „Ich“und dieser „Ich“ hat genug vom eigenen Schreiben, vom Leben, er gibt sich noch ein Jahr um danach an einem schönen selbstbestimmten Tag sein Leben zu beenden. Nach ein paar Ferientagen in Frankreich beschliesst er, zu Fuss nach Paris zu gehen. Aka, eine junge Frau aus dem Freundeskreis, schliesst sich ihm an. Eine zarte Liebesgeschichte. Die Wahrnehmung nach einem so endgültigen Entschluss verändert sich, der Blick wird geschärft, die Haut durchlässiger, das Leben intensiver. „Ich“ verliebt sich und hält gleichzeitig an seinem geplanten Ende fest.

Die Bilanz eines wilden, poetischen Lebens mäandernd zwischen feingliedriger Heiterkeit und abgründiger Melancholie. Ein geniales Buch, vielschichtig und nachklingend, experimentell und herausfordernd.

Carol Forster

Lieben“ Tomas Espedal, Matthes & Seitz 2021

Im Menschen muss alles herrlich sein

Verständnislosigkeit ist das vorherrschende Gefühl zwischen den Müttern und Töchtern in Sasha Marianna Salzmanns neuem Roman «Im Menschen muss alles herrlich sein». Und das, obwohl sie sich eigentlich so viel zu erzählen hätten. Lena und Tatjana sind beim Zerfall der Sowjetunion aus der Ostukraine nach Deutschland ausgewandert, um dem «Fleischwolf», dem korrupten System zu entkommen. Richtig heimisch geworden sind sie in Deutschland jedoch nie und auch ihre Töchter Edi und Nina scheinen vor diesem Migrationshintergrund mit ihrer Identitätssuche Mühe zu haben. Ihre Versuche, die Vergangenheit ihrer Mütter zu enträtseln scheitern an der Sprachlosigkeit, die schon die ältere Generation geprägt hat: «Wenn ich mir die Erinnerungstexte der ehemaligen Sowjetmenschen anschaue, habe ich das Gefühl, sie haben nie miteinander gesprochen und wissen gar nicht, dass ihre Realitäten so unterschiedlich waren […]. Und sie werden es auch nie erfahren, weil sie miteinander nur in Zitaten von Schriftstellern reden, die vor Hunderten von Jahren gestorben sind». Der Titel des Romans ist genau ein solches Zitat aus Tschechows «Onkel Wanja» – eine russische Redensart, etwas aus sich und seinem Leben zu machen. Das versuchen alle vier Protagonistinnen während sie erwachsen werden trotz unterschiedlicher Ausgangslagen und trotz vieler Verlusterfahrungen, die wir durch erzählerische Perspektivwechsel ganz nah miterleben. Es ist eben im Menschen durchaus nicht alles herrlich – Klang und Rhythmus der Sprache von Sasha Marianna Salzmanns Roman sind es aber auf jeden Fall.

Anna-Lena Fässler

Sasha Marianna Salzmann “ Im Menschen muss alles herrlich sein“, Suhrkamp Verlag 2021.

Wie viel von diesen Hügeln ist Gold

In Peking geboren und in den USA aufgewachsen, hat C Pam Zhang eine Gegenerzählung zum altbackenen Narrativ des Wilden Westens geschaffen, einen neuen Blickwinkel beleuchtet, eine Klageschrift verfasst.

Vor dem Hintergrund des kalifornischen Goldrausches erzählt die Autorin mit messerscharfer Sprache die Geschichte von Bruchstücken einer Familie.
Mit aller Härte werden die Lesenden ab der ersten Seite regelrecht von der unbarmherzigen Lebensrealität der Geschwister Lucy, 12 Jahre alt und Sam, 11 Jahre alt, verschlungen.
Gerade Waisen geworden, sollen die beiden in einer Welt bestehen, die von Rauheit regiert wird. Dabei sind sie ja nicht einmal von «hier» und sollten, wie ihnen immer zu spüren gegeben wird, besser nach «dort» zurückkehren, wo sie hergekommen sind. Dabei wissen sie doch nicht einmal wo «dort» sein soll. Nur dass es «dort « schöner ist, das hat ihnen jedenfalls Ma, ihre Mutter, immer wieder gesagt, bevor auch sie in der glühenden Wüste ihr Ende fand. Ausserdem können sie nicht weg, denn sie müssen zuerst einen Ort finden, an dem sie Ba, ihren Vater, begraben können. Mit einem gestohlenen Pferd und Ba’s Leiche im Gepäck, beginnt eine Reise, welcher ich, trotz aller Unerbittlichkeit, einfach nicht mehr entkommen konnte.
Mit gleissendem Erzählstil, welcher der kalifornischen Hitze in nichts nachsteht, wirft Zhang ein neues Licht auf alte, gewichtige Themen, behandelt grosse Fragen und trifft die Lesenden immer wieder mitten ins Herz. Ein unkonventionelles, ganz grosses Meisterstück.

Can Tolga

Zhang, P Cam: Wie viel von diesen Hügeln ist Gold, Fischer S. Verlag 2021.

Schrecken & Zuversicht

Dieses schmale Buch ist ein unergründ-licher Raum in Finsternis. Und wo Dunkelheit herrscht, kann Licht wirken. Sogleich tauchen wir ein und folgen einer hellen Fackel – dem elfjährigen Martin, durch seine düstere Welt, die er unbeirrbar durchwandert. In einer Zeit, geprägt von Armut und Gewalt, ist Martin auf sich gestellt. Sein einziger Freund und Gefährte ist ein schwarzer Hahn, der zu ihm spricht. Die Menschen sind schlecht und verschlagen, misstrauend und grob. Martin ist wie nicht von dieser Welt. Sein Wesen ist rein und aufrecht. Sein Herz ist von Mitgefühl und Unschuld umschützt. Als der Kirchenmaler ins Dorf kommt und später weiterzieht, ergreift Martin den Moment und geht mit. Seine Mission: den schwarzen Reiter zu finden, welcher der Legende nach jedes Jahr ein Kind entführt. Dem Leid will Martin ein Ende setzen. Mit unglaublichem Gespür für Atmosphäre und Sprachmelodie, entführt uns Stefanie vor Schulte in eine märchenhafte Landschaft, wo der Schrecken um sich greift. Umso stärker leuchtet die feine Kraft der Güte, die Hoffnung, dass die Welt noch zu retten ist.

Vanja Hutter

Junge mit schwarzem Hahn„, Stefanie vor Schulte, Diogenes Verlag

Das Dämmern der Welt

Der Filmemacher Werner Herzog hat nach langer Zeit wieder ein Buch geschrieben. Und was für eines! Er erzählt darin die Geschichte des japanischen Soldaten Hiroo Onoda, der dreissig Jahre auf der philippinischen Insel Lubang ausharrt und nicht erfährt, dass der Zweite Weltkrieg sein Ende gefunden hat. Der einsame Krieger verteidigt die bedeutungslose Insel jahrzehntelang und versteckt sich im Dschungel. Erst 1974 gelingt es einem japanischen Studenten, Onoda zu finden. Onoda jedoch weigert sich weiterhin, aufzugeben. Er wartet auf den Befehl seines Vorgesetzten. Dieser wird nach Lubang gebracht und befiehlt Onoda, sich zu ergeben. Später flieht Onoda vor dem Rummel um seine Person nach Brasilien und wird Viehzüchter. Gegen Ende seines Lebens kehrt er nach Japan zurück und gründet Naturschulen gegen den Wertezerfall in seinem Land. Onoda stirbt 2014 in seinem Heimatland.

Herzog erzählt uns seine Version dieser unglaublichen Geschichte in einer schnörkellosen, poetischen Sprache und findet Bilder für Onodas Gedanken und Befindlichkeiten, die noch lange nachklingen. Herzog beginnt die Erzählung mit seiner Reise nach Japan. Bei einem Abendessen, am Vorabend einer Operninszenierung, wird ihm freudig mitgeteilt, dass er den Kaiser treffen darf. Herzog liegt nichts daran, den Tenno zu sehen und einige Floskeln auszutauschen. Die Tischgesellschaft verstummt und Werner Herzog weiss augenblicklich, dass das ein grober Fehler war, dass er den Kaiser beleidigt hat. Er versucht, sich aus der Misere zu retten und als er gefragt wird, wen er denn sonst treffen möchte, antwortet er ohne Zögern: Hiroo Onoda. Die Bitte wird ihm gewährt. Fasziniert vom Leben dieses einsamen Kriegers im Dschungel denkt der Autor dessen Geschichte neu.

«Nach dem Besuch im Schrein hatten wir bis in die Nacht hinein eine Unterhaltung im Park. War er ein Schlafwandler, damals, oder träumte er das Heute, das Jetzt? Oft auf Lubang rätselte er über diese Frage. Es gab keinen Beweis, dass er, wenn er wach war, wach war, und keinen Beweis, dass er, wenn er träumte, träumte. Das Dämmern der Welt.»

Carol Forster

„Das Dämmern der Welt“ von Werner Herzog, Hanser Verlag 2021.

Phon

Und wieder trägt mich meine Lektüre in den Osten, in die russische Wildnis wo die Zeit stehengeblieben ist und alles melancholischer klingt als in anderen Ländern, «weil wir Schienen haben, die endlos lang sind, und Winter, die nicht wanken und weichen, und noch so ein paar Dinge, die einen zum Jaulen und Rosten bringen.»

Die beiden idealistischen Zoologen Nadja und Lew haben in ihren jungen Jahren in den weiten Wäldern Westrusslands ein „Laboratorium der Unabhängigkeit“ gegründet. Mittlerweile sind sie als einzige Dorfbewohner zurückgeblieben und Nadja sucht in der Gesellschaft ihrer Tiere Ruhe und Frieden, während ihr Mann Lew zunehmend verwirrt auf seltsame „Grosse Geräusche“ reagiert, die scheinbar nur sie hören. Seinen immer dringlicheren Versuchen, eine Erklärung dafür zu finden, begegnet sie mit Zurückhaltung. Sie kann gut mit dem ungelösten Rätsel leben. Was Nadja hingegen zunehmend schwer fällt, ist, die Erinnerungen an ihre Tochter Vera, an die Geliebte ihres Mannes Esther und an die jungen Bären und den Unfall zu unterdrücken.

Es ist bestimmt nicht immer einfach, der unzuverlässigen Erzählerin Nadja durch die kalten russischen Nächte und die langen Tage enormer Leere, die ab und an mit einem Gläschen Wodka gefüllt werden, zu folgen. Aber es lohnt sich, denn die Freude am Geschichtenerzählen ist spürbar und «vielleicht dreht sich das Leben ja darum, welche Geschichte wir beschließen zu erzählen.“ Ein mysteriöser, dunkler, psychologischer und vielschichtiger Roman, bei dem es um das Geheimnisvolle in einer Welt geht, die alles erklären will.

Anna-Lena Fässler

Marente de Moor: Phon, Roman Hanser 2021.

Den Hund überleben

Sebastian ist ein Junger Mann von 24 Jahren, dem die die ganze Welt mit all ihren Möglichkeiten offensteht.
Zu Beginn der Geschichte befindet er sich in Paris, wo er mit Freundin Su Nächte durchzecht und Zukunftspläne schmiedet. Alles scheint perfekt, wäre da nicht die plötzliche Übelkeit und ein Zwicken unter seinem Rippenbogen.
Nichts Schlimmes, versichert ihm sein Hausarzt, als er wieder in Deutschland ist, und schickt ihn nur zur Sicherheit zum Radiologen – eine Routineuntersuchung.
Wie in Watte gepackt hört Sebastian diesen von einem Tumor reden, von einem Lymphom, von weiteren Arztbesuchen.
Von einem Moment auf den anderen werden die Zukunftspläne von einem einzigen, allumfassenden Plan abgelöst; dem Plan zu überleben.
Sebastian will sich nicht verlieren, will kämpfen und der Krankheit nicht das Zepter überlassen. Lesende begleiten ihn, seine Freunde und seine Familie durch eine unvorstellbare Zeit, können nicht anders als mitfühlen, mitkämpfen.

In unvergleichlichem Ton, viel Einfühlungsvermögen und Humor zeichnet Stefan Hornbach das Bild eines bewundernswerten jungen Mannes, der mit einem unbarmherzigen Schicksal geschlagen ist. Eine Geschichte über Vergänglichkeit, Zusammenhalt und Menschlichkeit.
Ob Sebastian seinen Kampf gewinnt, dies sei an dieser Stelle noch nicht verraten, zu berührend und eindrücklich ist diese Geschichte zu lesen.


Ich konnte nicht anders als weiterzulesen, vielleicht auch in der Hoffnung, so für Sebastian da sein zu können, ihm etwas von meiner Kraft abzugeben, mit ihm zu hoffen und zu bangen.

Can Tolga

Sebastian Hornbach: „Den Hund überleben“, Hanser 2021.

Ascona

In der Nacht vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler flieht Erich Maria Remarque in seinem Lancia in die Schweiz, nach Ascona. Seit 1931 besitzt er am Lago Maggiore ein Haus. Sein Roman „Im Westen nichts Neues“ aus dem Jahr 1929 wurde in viele Sprachen übersetzt, gar verfilmt. Remarque ist erfolgreich und ohne Geldsorgen, aber in grosser Gefahr. Seine Werke werden von den Nationalsozialisten verbrannt. Im Exil verfällt der Dichter mehr und mehr in Depressionen, die er mit Alkohol und Zigaretten zu betäuben versucht. Gleichzeitig füllt sich Ascona täglich mit neuen Künstlerinnen, Intellektuellen und Schriftstellern, die vor dem Nationalsozialismus fliehen und sich gegenseitig Halt geben. Das Buch erzählt die sechs dramatischen Jahre des schillernden Autors, die er in Ascona verbracht hat, bevor er auf Anraten seiner damaligen Liebschaft Marlene Dietrich in die USA auswanderte. Edgar Rai ist mit „Ascona“ ein spannender, gut recherchierter Tatsachenroman gelungen – grossartig und sehr lesenswert!

Carol Forster

„Ascona“ von Edgar Rai, Piper 2021.

Der erste Schatz!

Bei Jami Attenberg’s letztem Buch «Nicht mein Ding» musste ich vehement widersprechen – doch, absolut mein Ding! Jetzt ist ihr neues Buch erschienen «Ist alles deins!» und diesmal hat sie recht.. was für ein Glück,
316 Seiten = ALLES MEINS!

Die amerikanische Autorin Jami Attenberg hat schon einige andere Bücher veröffentlicht und was sie alle miteinander verbindet, ist das ganz persönliche, universelle Glück und Unglück „Familie“. Ihre Bücher lesen sich in einer Nacht, sie reissen mit und an einem, schonen nicht und trösten unverhofft.

Manchmal kann ich fünfzig Seiten lesen, bis ich weiss JA, manchmal reicht eine Seite und manchmal ganz geschmeidig, greift die Angel schon beim ersten Satz und ich bin an Bord.

So eben hier, sofort:

«Er war ein wütender Mann, und er war ein hässlicher Mann, und er war hochgewachsen, und wieder einmal schritt er auf und ab.»

Dieser Mann hat nicht mehr viel zu sagen, liegt er doch gleich nach ein paar Seiten bereits in der Notaufnahme. Doch was er alles verschweigt spricht Bände. Schauplatz New Orleans, ein heisser Augusttag, Trump schattet über ein vom Hurrikan Katrina gezeichnetes Land. Die Familie des schwerreichen, skrupellosen, wütenden Geschäftsmannes Victor, wird durch seinen Zusammenbruch aufgerüttelt. Lang Gehütetes, Verdecktes drängt sich an die Oberfläche. Während sein Sohn Gary sich weigert ihn zu besuchen, sucht seine Tochter Alex den Sterbenden auf, vor allem um ihre Mutter Barbra endlich zu einem Geständnis zu bringen. Messerscharf führt uns Jami Attenberg Verstrickungen vor, den schmalen Grat von Loyalität und Abhängigkeit. Ein düsterer Familienroman und nicht desto Trotz ein Buch über die Kraft der Liebe.

Vanja Hutter

„Ist alles deins“ Jami Attenberg, erschienen im Schöffling & Co. Verlag

Geisterwand

Sarah Moss legt mit ihrem Buch «Geisterwand» eine ungewöhnliche, düstere Geschichte vor, die auf unkonventionelle Weise wichtige Themen anspricht. Das Buch fesselt mit seinem eleganten, schnörkellos direkten Schreibstil, stimmungsvollen Naturbeschreibungen und einer komplexen Ich-Erzählerin.

Bill, Silvies Vater, hegt eine schier unbeschreibliche Begeisterung für die britischen Stämme der Frühgeschichte. Unbeschreiblich ist auch seine Herrschsucht, die Silvie und ihre Mutter stets zu spüren bekommen. Schliesslich sollten Frauen ihren Platz kennen und diesen Platz bestimmt einzig Bill. Dabei schreckt er auch nicht vor Gewalt zurück, um den Gehorsam seiner Familie einzufordern. Auf sein Geheiss verbringt Silvie widerwillig die Ferien mit ihren Eltern in einem Eisenzeit-Camp im englischen Northumberland, zusammen mit Studierenden und deren Professor Dr. Slade.
Während Mutter und Tochter auch im Camp unter Bill zu leiden haben, wird eine Studentin auf die schrecklichen Verhältnisse in dieser Familie aufmerksam, doch Silvies Scham ist gross und die Angst ihren Vater zu erzürnen allgegenwärtig.
Voll von Spannungsfeldern zwischen Antike und Moderne, sozialen Klassen, Angst und Mut spitzt sich die Situation unaufhaltsam zu. Sarah Moss schlägt mühelos Parallelen von der unerbittlichen Eisenzeit zur Unerbittlichkeit der Gegenwart und lässt Lesende nicht kalt.

Can Tolga

„Geisterwand“ von Sarah Moss, Berlin Verlag 2021.

Heisse Tipps und kühle Brise

Vanja empfiehlt…

„Mrs Palfrey im Claremont“ von Elizabeth Taylor

Ein Buch für alle die Zuhause bleiben und dennoch gut absteigen wollen. Im Hotel Claremont sind Sie bestens aufgehoben. Der unvergleichlicher Tonfall von Elizabeth Taylor, übersetzt von Bettina Abarbanell, führt uns (anfang 60er Jahre) in die Gesellschaft von Mrs Palfrey, Mr Osborne und co. allesamt gestrandet in einem (leicht schäbigen) Hotel in London, ihrer (voraussichtlich) letzten Lebensstation. Whiskey trinkend, strickend, ausharrend. Es passiert nicht viel, und eben doch. Es ist ein seltener Genuss, dem geschärften, tiefen Blick in einen solchen Mikrokosmos folgen zu dürfen. Wie geht Contenance auf den letzten Lebensmetern? Nebst „Hotel du lac“ von Anita Brookner vielleicht das beste Hotelbuch!

„Crap“ von Scott McClanahan

Das neue Buch von Scott ist da, yes! West Virgina, dort hat Scott McClanahan seine Kindheit verbracht. In „Crap(alachia)“ spürt er seismographisch den Boden von damals auf. Ungeschönt und dadurch wunderschön. Das ländliche Amerika der 80/90er Jahre, geprägt von struktureller Armut, Grubenunglücken, die ganze Ortschaften ausgelöscht haben sind das äussere Daseins-Geländer für die McClanahan-Familie. Scott erzählt uns Geschichten von seinem Familienclan, tragischschön, so lustig und traurig. Krankheit und Würde, Freude und Groteske, das wirkliche Leben, wie es eben nur die Literatur greifen kann.

„Der grosse Sommer“ von Ewald Arenz

Ein wunderbares Sommerbuch, mit allem was dazugehört. Flirrende Hitze der 80er Jahre Deutschlands. Der 15jährige Frieder taucht in neues Gewässer – tief in die erste grosse Liebe, bis auf die Gründe seiner eigenen Familiengeschichte. Leichtfüssig und wild reiten wir mit ihm und seinen Freunden auf den Wellen dieser Sommertage, in welchen sich die Welt neu zusammenfügt. Für alle 15jährigen oder diejenigen, welche es einmal waren.

Das Tal in der Mitte der Welt

Malachy Tallacks Buch „Das Tal in der Mitte der Welt“ entführt uns in ein Tal auf einer der Shetland-Inseln. Auf grossartige Weise beschreibt der Autor die Charaktere dieses stillen Romans. Wir lernen die Talbewohner kennen und als Leserin empfindet man sehr schnell eine grosse Empathie für die Figuren. Es geht um Tradition und Veränderung, Liebe und Verlassenwerden, Leben und Tod, Einengung und Freiheit.

David, einer der letzten noch im Tal geborenen, hält die Traditionen der Insel hoch. «Seine Hoffnung war nicht die Veränderung, sondern die Beständigkeit». Alteingesessene und Zugewanderte haben unterschiedliche Sichtweisen auf das karge Leben im Tal. Sandy, der Freund von David und Marys Tochter Emma, erst vor wenigen Jahren hergezogen, um mit Emma einem anderen Lebensentwurf als Kleinbauer und Schafzüchter zu folgen, bleibt allein zurück. Emma verlässt ihn und zieht wieder weg. Die Schriftstellerin Alice ist nach dem Tod ihres Mannes in das Tal gekommen, an den Ort, an welchem sie damals die Flitterwochen verbracht hatten. Sie lässt ihre Karriere als Krimiautorin hinter sich und stürzt sich in Recherchen über die Natur, um ein Buch über das Tal zu schreiben.

Die Schicksale der Bewohner dieses abgelegenen, rauen Tals, alle miteinander verwoben, werden in einer klaren, unprätentiösen Sprache erzählt. Grossartige Lektüre!

Carol Forster

Das Tal in der Mitte der Welt“ von Malachy Tallack, Luchterhand Verlag 2021

Der Himmel vor Hundert Jahren

Neue, junge Autor:innen zu entdecken, bei denen man nach der Lektüre Lust hat, das gesamte Werk zu lesen, ist eine der Freuden am Buchhändlerinnendasein. Zuletzt ist mir dies bei Yulia Marfutova geschehen, geboren 1988 in Moskau, Germanistik- und Geschichtsstudium in Berlin und Münster.

Bei ihrem Roman sticht als Allererstes die eigenwillige Erzählart hervor, ein kollektives Erzählen, das die Mehrstimmigkeit des kleinen Dorfes, in dem der Roman spielt, wiedergibt. Die Erzählstimmen sprudeln und fliessen durch das Buch, gleichsam dem Fluss ohne Namen, der eine stille Hauptfigur des Romanes ist: «Hier in der Gegend hat schliesslich alles mit dem Fluss zu tun; alles hat mit allem zu tun und jeder mit jedem.» Diese Gegend ist eine abgelegene Russische Provinz, fast vergessen von der Zeit und der Geschichte. Aberglaube und Heiligenbilder bestimmen die Geschicke des Dorfes, Sprichwörter und Märchen sorgen für Orientierung. Der in sich gut funktionierende Kosmos wird jäh aufgebrochen, als Fremde über den Fluss kommen und Ideen mitbringen. «Realitäten», die es in dem Dorf bis anhin nicht gegeben hat oder die zumindest nicht zur Sprache gebracht wurden, eine Moderne, die sich nicht aufhalten lässt und nur von der jüngsten Generation im Dorf ersehnt wird. Ilja, Pjotr, Wadik, Anna – es ist nur eine Handvoll Figuren, die das Geschehen bestimmen und deren ganz unterschiedliche Narrative wir kennenlernen. Sie alle müssen sich mit den historischen Veränderungen auseinandersetzen, die auch vor der abgelegensten Haustür keinen Halt machen.

Anna-Lena Fässler

Loslesen! Yulia Marfutova: „Der Himmel vor Hundert Jahren“ Rowohlt Verlag 2021.