Archiv der Kategorie: Roman

Gute Bücher für dicke Leser!

Appenzell ist eigentlich recht gut dabei. Es zirkelt so einige Lesegruppe umher und diskutiert bis in den Bücherladen hinein. Immer schön und spannend.

Das wunderbare Leben als Buchhändlerin hat aber auch seine Nachteile..nämlich zwei! Erstens schenkt einem niemand mehr ein Buch (die glauben man habe sicher schon genug bis alle!) und zweitens muss man früher oder später der schockierenden Tatsache ins Auge sehen – man kann im Leben nicht alles lesen! So beigt und türmt es sich in unermessliche Höhen, und der Wunsch geht immer in beide Richtungen – Jagd auf Neuerscheinungen und Sehnsucht nach längst Geschriebenem, Aufgespartem, Wiederlesen, endlich einmal lesen. Besonders letzteres drängt sich immer mehr auf.

So haben Anna-Lena, Melina und ich beschlossen, es den Appenzeller*innen gleich zu tun – und gründen hiermit unsere erste Lesegruppe! Und laden euch herzlich ein, dabei zu sein.

Wir machen es so:

Wir lesen ein Buch bis zu einem bestimmten Dienstagmittag in ein paar Wochen und diskutieren, schwärmen, kritisieren, plaudern darüber. Bei einer Chäsladenplatte irgendwo in Appenzell. Der Ort wird sich wie das Buch immer ändern und jeweils bekannt gegeben. Die Bücher werden im Turnus der Mitlesenden ausgewählt. Je nach Buch entscheidet man, ob man dabei sein möchte. Die Einladungen erfolgen über den Blog. Es darf alles sein, alt, neu, jedes Genre, Hauptsache ein Buch, dass man schon immer lesen wollte!

Wir fangen an am

Dienstag 27. August
12.15 bis 14 Uhr
mit Charles Dickens „Grosse Erwartungen“
Anmeldung im Bücherladen gern bis am Montag 15. Juli

Wir lesen die neuste Übersetzung von Melanie Walz

grad bestellen und loslesen mit dem Taschenbuch

oder mit der schönen Leinenausgabe von Hanser

 

Warum ich dieses Buch unbedingt endlich lesen will?

Vor Jahren entdeckte ich die Erzählungen von Evelyn Waugh (seither nicht mehr aus den Augen gelassen) und da gab es diese eine Geschichte. „Der Mann, der Dickens liebte“. Und zwar so sehr, dass er über Leichen geht. Haarsträubend, absurd und genial. Seither ist meine Liebe für Dickens irgendwie erweckt.

 

Auf gehts, wir freuen uns – mit grossen Erwartungen, hoffentlich bis bald!

 

Vanja Hutter

 

Unerhörte Stimmen

shami

Elif Shafak gilt seit ihren ersten Veröffentlichungen als Sprachrohr für Gleichberechtigung und freiheitliche Werte in der Türkei und aber auch in ganz Europa. Auch in ihrem neuen Roman sind die Hauptpersonen eben die, deren Stimmen sonst kein Gehör finden. Die Widmung in Elif Shafaks Roman setzt den Ton für dieses empathische Buch: “Für die Frauen Istanbuls und für die Stadt Istanbul, die eine weibliche Stadt ist und immer war.“

Die Hauptfigur ist Leila. Tequila Leila, wie sie von ihren Freunden und Kunden genannt wurde. Leila wurde ermordet und mit Leilas Tod beginnt die Geschichte. Leila ist diejenige, die uns ihre Geschichte erzählt. Ihr Leben als Prostituierte in der pulsierenden, brodelnden, bunten und unbarmherzigen Stadt Istanbul. Eine Frau, die ein neues Leben beginnen wollte und um ihren Platz in der Welt kämpfte, sei es in der eigenen Familie oder in der Gesellschaft. Aber es ist auch die Geschichte ihrer unkonventionellen Freunde, allesamt Menschen am Rande der Gesellschaft, die am Ende aber eines verbindet: Freundschaft über den Tod hinaus.

 

Carol Forster

unerhört

Elif Shafak, Unerhörte Stimmen, Kein & Aber Verlag 2019

 

grad einkaufen und loslesen

Selbst ist die Enola

 

In England schon längst eine Bestseller-Reihe, können wir nun auch in Deutsch bei Enola Holmes’ Ermittlungen mitfiebern. Was für eine Lesefreude!
Enola Holmes wohnt mit ihrer Mutter auf dem Land, in einem Vorort von London. Sie ist 14 Jahre alt und kann ihre Tage selber gestalten, ohne lästiges Korsett-tragen, Handarbeits-Training und sonstige Beschäftigungen, die jungen Damen von ihrem Stand angemessen wären. Als ihre Mutter verschwindet, flüchtet sie vor ihren Brüdern, denn die wollen sie in ein Internat stecken. Sie entschliesst sich, in London unterzutauchen – denn wo kann sie sich besser vor einem Meisterdetektiv und einem Mitarbeiter des Geheimdienstes verstecken, als im Trubel der Grossstadt? Wo kann sie sich besser vor ihren Brüdern Sherlock Holmes und Mycroft Holmes verstecken, als in der Höhle der Löwen. Auf dem Weg nach London stolpert sie über den Fall des verschwundenen Lords und beginnt zu ermitteln.
Die Sprache und die Bilder des Romans sind wie Enola selbst: kraftvoll, präzis, authentisch, klug und herzlich. Ein Buch aus einem Guss, zu Lesen ab 13 bis 25, für Interessierte an Lebensumständen Ende des 19. Jahrhunderts und an starken Frauenfiguren. Lasst euch also nicht vom mädchenhaften Bucheinband in die Irre führen!

Melina Cajochen

Nancy Springer, Der Fall des verschwundenen Lords. Ein Enola Holmes Krimi, Knesebeck 2019.

 

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Schwarzes Kleid mit Perlen

perlen
Eine Frau mittleren Alters verlässt Mann und Kinder um mit ihrem Geliebten zu sein. Doch so einfach ist das nicht. Der geliebte Coenraad ist Agent einer geheimen Organisation, welcher Art werden wir nie erfahren, und sprunghaft global unterwegs. Stets in geheimer Mission und undercover. Dass er eine Geliebte hat, darf niemand wissen. Um sich dennoch regelmässig zu sehen, entwickeln die beiden ein ausgeklügeltes System, einen Code aus versteckten Botschaften zwischen den Zeilen, zum Beispiel des National Geopraphic Magazins. Coenraad hinterlässt eine Botschaft und lässt sie Shirley zukommen. Sie entschlüsselt seinen Aufenthaltsort, Zeit und Treffpunkt, macht sich auf und reist ihm hinterher um sich in der Stadt, wo er gerade stationiert ist, im Hotelzimmer für ein paar Stunden in die Arme zu fallen. Ein aufreibendes Unterfangen. Ein grosses Warten an Flughäfen, in Hotellobbys und Museen. Ziellose Streifzüge. Shirley ist frustriert und doch ist es halb so schlimm. „Ich habe immer etwas worauf ich mich freue“. Manchmal treffen sie sich auch unter Menschen. Doch in der Öffentlichkeit ist Coenraad stets perfekt getarnt, fast bis zur Unkenntlichkeit. Oft erkennt sie ihn erst auf den zweiten Blick, bzw. „an der Art wie er dasteht und ich mich fühle.“

Auf den ersten Blick zeichnet uns Helen Weinzweig eine Frau in Abhängigkeit. Der Ausbruch aus ihrer Ehe, die sie als einengend und Zumutung empfindet, gelingt nur bedingt. Sie findet sich zwar in abenteuerlichen Verhältnissen wieder, doch auf ihre Kosten kommt sie nicht wirklich. Sie verbringt die meiste Zeit wartend, spazierend, sinnierend und mit sich. Dahin führt die Reise schlussendlich auch. Das nächste Treffen findet ausgerechnet in Toronto statt, wo ihre verlassene Familie lebt. Sie beschliesst anzuklopfen. Und wird überrascht.

Helen Weinzweig (1915-2010) hat diesen Roman mit 65 Jahren geschrieben, das Original erschien 1980 in Kanada. 2019 gibt der Wagenbach Verlag die erste deutsche Übersetzung heraus, zum Glück und endlich! „Schwarzes Kleid mit Perlen“ ist so leichtfüssig wie modern und wird von einer ganz eigenen Stimme getragen. Der Graubereich zwischen Realem und Surrealem ist ein wunderbarer Ort. Ihn lesend zu erkunden ein herrliches Vergnügen.

 

Vanja Hutter

 

Schwarzes Kleid mit Perlen, Helen Weinzweig, Wagenbach Verlag
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Von Juni bis August

17Sommer

Ein Sommer in den 1930er Jahren. Ein Sommer in siebzehn Jahre junger Haut. Ein Sommer eingebettet zwischen Glücksgefühlen, grosser Liebe, Sehnsucht und Abschiedsschmerz. Eine Protagonistin, die so authentisch wirkt, als wäre es die gute Freundin von nebenan. Der Klassiker, der nach 77 Jahren bei Kein & Aber diese Woche frisch erscheint.

Sich mit Frühlingsgefühlen in den Sommer träumen, sich fühlen wie damals mit siebzehn Jahren und sich freuen auf die wärmer werdenden Tage!

Noemi Lieberherr, Lernende

 

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Mein ich mit dir

untermenschen

Wil hat sich entschieden: Sie möchte raus aus der Stadt, auf einen Bauernhof und ihre Ruhe haben. Weg von Mutter, weg vom Lärm und endlich das machen, was sie will. Da kommt diese Anzeige von Jan gerade recht: „Bauernsohn sucht Frau. Wohnt allein. 80 HA“. Die beiden ziehen zusammen.
Mathijs Deen erzählt von zwei Menschen, die nicht wissen, wie sie sich unter Menschen wohl fühlen können. Und die in der Einsamkeit dieses Bauernhofs am Deich ihr eigene ausfüllen lassen müssen, wollen sie nicht durchdrehen. Karg, spröde und ab und zu von Stürmen durchschüttelt nähern sich die beiden an. Und finden heraus, dass sie nicht überflutet werden, wenn sie Türen öffnen.

Melina Cajochen

 

Mathijs Deen, Unter den Menschen, Mare Verlag 2019

 

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Ein wahrer Leckerbissen!

barnes

Ganz in „Die Reifeprüfung“-Atmosphäre (der coolcoolcoole Film mit Dustin Hoffman und mit Liedern von Simon & Garfunkel) erzählt uns Barnes die Geschichte einer ersten grossen Liebe. Der 19-jährige Paul, in den Semesterferien zu Hause in der Vorstadt, verliebt sich in Susan, die fast zwanzig Jahre älter ist als er. Sie ziehen zusammen, in die Stadt, und beginnen ein ganz neues Leben. So wähnt Paul. Doch die Menschen in diesem Leben sind nicht neu, nicht unbeschrieben. Er muss erfahren, dass diese Liebe mehr verlangt, als er geben kann.

Gültige Sätze über die Liebe findet Paul nicht. Und so macht die Geschichte seiner ersten grossen Liebe und deren Ende keinen Sinn für ihn. Trotzdem lesen und hören wir mit Gewinn davon. Ein wunderbar schön trauriges Buch zum Mitschwelgen und, doch, Sätze sammeln.

Melina Cajochen

 

Julian Barnes, Die einzige Geschichte, Kiepenheuer&Witsch 2019

 

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Fröhliche Romantik

taugenichts

Die Epoche «Romantik» (ca. von 1795 bis 1848) steht für Individualität, Bewusstheit der Gefühle, Leidenschaft, Fernweh und die Hinwendung zur Natur.

Eichendorffs Klassiker entspricht der Beschreibung einwandfrei.

Ein junger Mann, der lieber Geige spielt und die Zeit geniesst, anstatt zu arbeiten, wird von seinem Vater fortgeschickt «um sich sein Brot selber zu verdienen» und so zieht der Taugenichts hinaus in die Welt um sich dort «sein Glück zu machen». Welches ihm kurz darauf wortwörtlich vor die Füsse fährt. Junge Damen in einer Kutsche sind erfreut von seinen Geigenklängen und laden den Herrn ein, mit ihnen nach Wien aufs Schloss zu fahren. Dort arbeitet er für längere Zeit und verliebt sich in ein junges Fräulein, das seine Liebe jedoch nicht gleichermassen erwiedert. So bricht er eines Morgens heimlich vom Hof auf, neuen Abenteuern entgegen.

Nach allerlei Verwirrungen, Verwechslungen und viel Glück spaziert Taugenichts eines Tages in Rom ein. Die Angebetete soll nämlich auch hier sein…

Eine beglückende Geschichte mit heiteren Aussagen über die Natur und das Leben, bereichert mit fröhlichen Gedichten – eine Geschichte für alle und besonders für die Verträumten unter uns…

 

Noemi Lieberherr, Lernende

 

Aus dem Leben eines Taugenichts, Joseph von Eichendorff, Insel Verlag mit tollen Bilder von Hans Troxler

Die zehn Lieben des Nishino

Endlich, der neue Roman von Hiromi Kawakami! Seit „ Der Himmel ist blau, die Erde ist weiss“ (2008) sind vier Romane der japanischen Autorin erschienen. Alle habe ich mit Begeisterung gelesen. „Die zehn Lieben des Nishino“ erzählt in zehn Kapiteln die Lebensgeschichte des Mannes Nishino Yukihiko. Zehn Frauen erzählen ihre persönliche Liebesgeschichte mit diesem bemerkenswerten, auf den ersten Blick unauffälligen Mann. Nishino fragt seine Freundin „ Warum ist die Welt so unendlich“ und betrügt sie gleich mit der nächsten. Er kann nicht lieben und macht dennoch fast jeder seiner Geliebten einen Heiratsantrag. Seine Chefin schwört, nichts mit ihm anzufangen, bis er sie aus heiterem Himmel verführt. Eine Frau, mit der er eine Telefonliaison hat, vergleicht ihn mit einer Marimo-Alge, die als samtige Kugel auf dem Grund eines Sees liegt. In seinen Fünfzigern möchte er zusammen mit seiner viel jüngeren Geliebten sterben, doch so weit will sie nicht mit ihm gehen. Nishino, als junger Mann und bis ins höhere Alter ein Suchender, ein Liebender, dem die Frauen verfallen. Und dennoch schwebt über allen Geschichten die Flüchtigkeit des Augenblicks. Die Flüchtigkeit der modernen Liebe, die sich nicht festlegen will. Hiromi Kawakami erzählt mit einer zarten, leichten und eindringlichen Sprache von der Liebe, die keinen Halt finden kann in den Figuren, die ihr verfallen.

Hiromi Kawakami, Die zehn Lieben des Nishino, Hanser Verlag

diezehnlieben.jpegAuch der Umschlag ist zum Anbeissen.

 

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Wer ist Stella?

 

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Stella ist …

Carol: … eine starke literarische Frauenfigur, die man unbedingt kennen lernen sollte.

Anna-Lena: … eine Liebende, die sich in unmenschlichen Zeiten für ihre Familie aufopfert.

Vanja: … sinnlich, faszinierend, leichtfertig, rücksichtslos – und in Bedrängnis.

Melina: … eine genussfreudige Frau in einer Zeit, in der es nicht einfach war, gute und kluge Entscheidungen zu treffen.

 

… ein Buch, so packend geschrieben, dass man es in einem Zug verschlingt – ein Lieblingsbuch dieses Frühjahres!

 

Takis Würger, Stella, Hanser Verlag 2019.

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Winesburg, Ohio

 

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Sherwood Anderson, Winesburg, Ohio, btb Verlag 2015

 

Dieses Buch mit seinen berührenden Porträts hat mein Herz gewonnen. Es ist ein Buch, das wärmt und tröstet, ein Buch zum Immer-wieder-Lesen.
Die Porträtierten leben in der Kleinstadt Winesburg oder sind dort aufgewachsen. Mit leichter Hand deutet Sherwood Anderson Berührungspunkte zwischen den Bewohner*innen an, leuchtet Hoffnungen und versagte Wünsche aus und schafft so eine wunderbare Atmosphäre der respektvollen Nähe. Die herzergreifenden Geschichten, die auch das Böse nicht aussparen, und der liebevolle Blick, gepaart mit einer tollen Sprache und einem klugen Textaufbau, vermögen eine Fülle zu schaffen, in der es wuchert, wächst und stirbt. Und dann wieder spriesst.
Sherwood Anderson schafft es, mich immer wieder mit dem Leben zu versöhnen. Ein Leben ohne Aneinanderreihung brillanter Momente, ohne Meditations-Kurs-unterstützte Auffindung vom Glück im Kleinen, ohne fünf A4-Seiten-Plan zur Selbstverwirklichung. Aber nichtsdestotrotz echt – wie das der Bewohner*innen von Winesburg, Ohio.

 

Melina Cajochen

 

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Für Kurzentschlossene und Langatmige

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Ich muss ehrlich gestehen, ein 700-seitiger Roman über China Mitte des 19. Jahrhunderts, einem historischen und geographischen Raum, der mir absolut unbekannt war, hätte ich nicht ohne weiteres in die Hand genommen. Was für ein Glück, dass die überwältigend guten Kritiken, die dem Roman unter anderem bescheinigen, eine Allegorie auf unsere Gegenwart zu sein im Hinblick auf religiös und wirtschaftlich motivierte Konflikte, meine Neugier doch geweckt haben, denn man wird reich belohnt bei der Lektüre von Stephan Thomes König der Barbaren.

Der Roman liest sich als Allererstes als unterhaltsamen Abenteuerroman in bester Manier, bei dem Intrigen und Machtspiele, Verhandlungen, Schlachten und leise Liebesmomente nicht fehlen. Durch den geschickten Wechsel der Protagonisten und der Perspektiven, lernt man die verschiedenen Konfliktparteien, die sich im Roman gegenüberstehen, kennen. Es geht zum einen um den Taiping-Aufstand, der eine spezielle Auffassung der christlichen Lehre zugrunde lag und der sich zu einem Bürgerkrieg mit offenbar bis zu 30 Millionen Todesopfern entwickelt hat und zum anderen um Englands Kolonialkrieg in China, bei dem die Legalisierung des Opiumhandels die Triebfeder des Handelns war. Treffend bemerkt ein mitgeschwemmter Missionar der Basler Mission den Kern der chinesischen Kolonialisierung: «Weil wir das Land nicht verstanden, in dem wir lebten, versuchten wir es nach unseren Vorstellungen zu verändern. Wir wähnten uns im Besitz der Wahrheit und waren bereit, sie zu teilen, aber in Wirklichkeit verteilten wir sie wie Almosen. Der Fortschritt, den wir brachten, machte uns reich und alle anderen zu unseren Knechten.»

Das siechende chinesische Kaiserreich, einst eine Hochkultur, mittlerweile regiert von korrupten Bürokraten aus der Kaiserfamilie, hat diesen Bedrohungen nicht mehr viel entgegenzusetzen. Mit Hilfe der Engländer, die sich natürlich immer «neutral» verhalten, gelingt es ihnen zumindest den Aufstand niederzuschlagen aber gegen den aufgezwungenen Handel sind sie schlussendlich machtlos.

Gespickt mit historisch belegten Figuren, wie beispielsweise General Zeng Guofan, Chef der Hunan-Armee oder Lord Elgin, Sonderbotschafter der britischen Krone, «the man who opened China», der sich seines Kulturverbrechens bewusst, den Alten Sommerpalast niederbrennen lässt, kann man den Roman also auch als historisches Sachbuch lesen und profitiert dabei von den profunden Kenntnissen Stephan Thomes, der Sinologie und Philosophie studiert hat und mittlerweile in Taipeh lebt. General Zeng Guofan wiederum ist eine der Figuren, die den Leser in die faszinierende Welt des chinesischen Denkens und der chinesischen Ästhetik einführt und so eine dritte, eine kulturelle Lesart, vorschlägt.

Leider scheitern die unzähligen Vermittlungsgespräche, die alle Seiten miteinander zu führen versuchen, am kulturellen Unverständnis – die Anderen bleiben immer die Anderen und die Barbaren, das sind auch immer die anderen.

 

Anna-Lena Fässler

 

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Ein zartes Licht im Nebel

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Die junge Protagonistin lässt uns an ihrem Leben teilhaben, man glaubt sie zu kennen, aber irgendwie auch nicht. Die Stimmung des Ortes Sokcho; kalt, neblig, befremdlich, etwas einsam und bedrückt, spiegelt sich in den Gefühlen der Ich-Erzählerin. Sie arbeitet in einer Pension ohne viele Gäste und einem undankbaren Chef. Ihre Mutter, die Fischstandbetreiberin, möchte sie am liebsten schon gestern verheiratet haben und dennoch bemuttern. Die junge Frau möchte eigentlich weg von hier, weiss jedoch nicht wohin, weshalb und wann.

Durch einen französischen Künstler und dessen andere Sichtweise auf Sokcho und das Leben im Allgemeinen, verändert sich in ihr etwas. Der Nebel in ihr und um sie herum wird etwas gelichtet, sie sieht etwas klarer in die Welt und auch für uns Leser scheint Sonne durch.

Klein und fein. Sehr detailreich und gefühlvoll, von Elia Shua Dusapin geschrieben und mit dem Robert Walser Preis ausgezeichnet.

Noemi Lieberherr

Ein Winter in Sokcho, Elisa Shua Dusapin, Blumenbar 2018

 

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Was vielleicht eigentlich gerade los ist

Und immer wieder fragen Autorinnen: Wie ist das denn so, gerade jetzt, in diesen Zeiten, zu leben? Wir flitzen im Eiltempo auf dieser kleinen Kugel herum, hasten von Projekt zu Projekt, erobern die Welt mit dem Flugzeug, mit Tempo und Wucht, können alles wissen (ein bisschen) und alles ausprobieren (fast grenzenlos). Und dann sitzen wir in einem Wartesaal eines Flughafens, neben Amar zum Beispiel, könnten ihn berühren und – wissen nichts.
Lisa Halliday schafft es in «Asymmetrie» dieses Weltgefühl einzufangen, ohne platt darauf hinzuweisen. Mit hinreissender Sprache (tolle Übersetzung, lieber Hanser Verlag!), klugem Aufbau und weiteren Konstellationen, durch die es zwischen den Zeilen nur so wuchert, stellt Halliday Fragen, wie in einer Welt der gefühlten totalen Vernetzung persönliches Glück aussehen kann. Und was Politik damit zu tun haben könnte. Vielleicht … oder was ist es denn, was Ihnen entgegenwuchert, was schlingt sich um Ihre Gedanken? Bitte lesen und mit mir darüber parlieren! Es wäre mir eine Freude.

Melina Cajochen

Lisa Halliday, Asymmetrie, Hanser Verlag 2018

 

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sommerlese

Melancholischer Abgrund der Familiengeschichte

In einem kleinen feinen Bändchen steckt er, voll mit einer prallen Familiengeschichte, gut zu lesen an einem langen, lauen Sommerabend im Schaukelstuhl oder auf dem Balkon, der Roman „Nachsommer“ von Johan Bargum. In den schwermütigen Tagen eines zu Ende gehenden Sommers bringt das Sterben der Mutter die beiden ungleichen Söhne Carl und Olof nach einer langen Trennung ungewollt, ja unwillig, wieder zusammen. Es wird ein heftiges, schonungsloses und endgültiges Zusammentreffen, das sie zurück wirft in alte Verhaltensmuster und damit lange vergessene Vorkommnisse und Verletzungen wieder aufbrechen lässt.

Bargum ist Meister der lakonischen Formulierungen, die vollkommen ausreichen, um die Seelenlandschaft des Hauptprotagonisten Olof zu umreissen: eine unerfüllte Liebe, lebenslange Ängste und eine dominante Familie lassen ihn selbst konturen- und antriebslos bleiben. Bargum schafft es dennoch einen sympathischen, stillen Helden zu zeichnen, der innerlich aufgewühlt, äusserlich aber unverändert aus diesem Schlussakkord der Familiengeschichte hervorgeht. Getragen wird die melancholische Grundstimmung der Geschichte von der Möglichkeit einer echten Liebe zwischen Olof und seiner Schwägerin Clara, die die Realität des Alltages aber niemals erreicht hat.

Atmosphärisch dicht und in einfachen Worten beschreibt Bargum in der letzten, entscheidenden Begegnung der ungleichen Brüder und ihrer Familien die Unmöglichkeit von Gerechtigkeit und Wiedergutmachung. Leben im Jetzt ist alles, was bleibt.

Brigitta Schmid

 

Johan Bargum, Nachsommer. Roman. Aus dem Schwedischen von Karl-Ludwig Wetzig, mareverlag Hamburg, 2018

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Eine Frage der Erziehung

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Die Zeit der guten Vorsätze ist da. Endlich mal «Der Mann ohne Eigenschaften» fertiglesen, mit «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» beginnen oder die Neuübersetzung der Ilias aus dem Manesse Verlag aufschlagen. Für Leser mit Ambitionen also, für Liebhaberinnen herausfordernder Projekte, hätte ich einen neuen Vorschlag: Der frisch übersetzte (und in Teilen noch zu übersetzende) Romanzyklus «Ein Tanz zur Musik der Zeit» von Anthony Powell. In zwölf Bänden spricht die Hauptfigur Nicholas Jenkins von seinem Leben, erzählt von seinen Freunden, von Familie, Bekannten der englischen Oberschicht und analysiert sein und deren Handeln und Gebaren zwischen 1921 und circa 1971.

Nichts ahnend vom Umfang des Zyklus’ nahm ich den ersten Band zur Hand und legte los mit Lesen, erwartete ein unterhaltsames Buch voll mit netten britischen Leutchen und einem bisschen trockenen Humor. Nach einem Drittel der Seiten begann ich mich zu fragen, was zum Teufel der Autor mit dem Leser eigentlich vorhat. Wo ist das Drama, der grosse Spannungsbogen, wo die grosse Erkenntnis, die tiefe Einsicht? Welche Figuren sind nun wichtig, wieso verschwinden so viele davon sang- und klanglos aus dem Leben von Nicholas Jenkins? Und wie kann von diesem kunstlosen Buch eine so grosse Faszination ausgehen? Um meiner Verwirrung Frau zu werden, tat ich etwas, das ich sonst unter allen Umständen unterlasse (auch, weil ich ungern erklärt bekomme, was ich gerade am Lesen bin): Ich blätterte zum Nachwort vor. Und da half mir die Bemerkung von Martin Ebel auf die Sprünge: «Eine ins Unendliche gedehnte Dinnerparty … ein Grossversuch, das Leben zu begreifen.» Ha ja, das ist’s! So ist’s! So wahr. Denn ist es nicht so, das Leben, es ist halt ohne den einen grossen Spannungsbogen, es gibt Leute, die begleiten einen eine Zeitlang, sind wichtig und verschwinden dann auch wieder ohne grosses Trara. Und davon abgesehen, das Text Durchleuchtende, das Zerpflückende mal anhin gestellt, macht es einen Heidenspass zusammen mit Jenkins in der englischen Oberschicht unterwegs zu sein und sich sanft in Powells Sprache fallen zu lassen. Aber lesen Sie doch selber und schenken Sie sich Aha-Erlebnisse in Form kleiner, sich ausbreitender Wellen. Es lohnt sich.

Melina Cajochen

Anthony Powell, Eine Frage der Erziehung, dtv Verlagsgesellschaft 2017

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