Archiv der Kategorie: Roman

Ein wahrer Leckerbissen!

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Ganz in „Die Reifeprüfung“-Atmosphäre (der coolcoolcoole Film mit Dustin Hoffman und mit Liedern von Simon & Garfunkel) erzählt uns Barnes die Geschichte einer ersten grossen Liebe. Der 19-jährige Paul, in den Semesterferien zu Hause in der Vorstadt, verliebt sich in Susan, die fast zwanzig Jahre älter ist als er. Sie ziehen zusammen, in die Stadt, und beginnen ein ganz neues Leben. So wähnt Paul. Doch die Menschen in diesem Leben sind nicht neu, nicht unbeschrieben. Er muss erfahren, dass diese Liebe mehr verlangt, als er geben kann.

Gültige Sätze über die Liebe findet Paul nicht. Und so macht die Geschichte seiner ersten grossen Liebe und deren Ende keinen Sinn für ihn. Trotzdem lesen und hören wir mit Gewinn davon. Ein wunderbar schön trauriges Buch zum Mitschwelgen und, doch, Sätze sammeln.

Melina Cajochen

 

Julian Barnes, Die einzige Geschichte, Kiepenheuer&Witsch 2019

 

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Fröhliche Romantik

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Die Epoche «Romantik» (ca. von 1795 bis 1848) steht für Individualität, Bewusstheit der Gefühle, Leidenschaft, Fernweh und die Hinwendung zur Natur.

Eichendorffs Klassiker entspricht der Beschreibung einwandfrei.

Ein junger Mann, der lieber Geige spielt und die Zeit geniesst, anstatt zu arbeiten, wird von seinem Vater fortgeschickt «um sich sein Brot selber zu verdienen» und so zieht der Taugenichts hinaus in die Welt um sich dort «sein Glück zu machen». Welches ihm kurz darauf wortwörtlich vor die Füsse fährt. Junge Damen in einer Kutsche sind erfreut von seinen Geigenklängen und laden den Herrn ein, mit ihnen nach Wien aufs Schloss zu fahren. Dort arbeitet er für längere Zeit und verliebt sich in ein junges Fräulein, das seine Liebe jedoch nicht gleichermassen erwiedert. So bricht er eines Morgens heimlich vom Hof auf, neuen Abenteuern entgegen.

Nach allerlei Verwirrungen, Verwechslungen und viel Glück spaziert Taugenichts eines Tages in Rom ein. Die Angebetete soll nämlich auch hier sein…

Eine beglückende Geschichte mit heiteren Aussagen über die Natur und das Leben, bereichert mit fröhlichen Gedichten – eine Geschichte für alle und besonders für die Verträumten unter uns…

 

Noemi Lieberherr, Lernende

 

Aus dem Leben eines Taugenichts, Joseph von Eichendorff, Insel Verlag mit tollen Bilder von Hans Troxler

Die zehn Lieben des Nishino

Endlich, der neue Roman von Hiromi Kawakami! Seit „ Der Himmel ist blau, die Erde ist weiss“ (2008) sind vier Romane der japanischen Autorin erschienen. Alle habe ich mit Begeisterung gelesen. „Die zehn Lieben des Nishino“ erzählt in zehn Kapiteln die Lebensgeschichte des Mannes Nishino Yukihiko. Zehn Frauen erzählen ihre persönliche Liebesgeschichte mit diesem bemerkenswerten, auf den ersten Blick unauffälligen Mann. Nishino fragt seine Freundin „ Warum ist die Welt so unendlich“ und betrügt sie gleich mit der nächsten. Er kann nicht lieben und macht dennoch fast jeder seiner Geliebten einen Heiratsantrag. Seine Chefin schwört, nichts mit ihm anzufangen, bis er sie aus heiterem Himmel verführt. Eine Frau, mit der er eine Telefonliaison hat, vergleicht ihn mit einer Marimo-Alge, die als samtige Kugel auf dem Grund eines Sees liegt. In seinen Fünfzigern möchte er zusammen mit seiner viel jüngeren Geliebten sterben, doch so weit will sie nicht mit ihm gehen. Nishino, als junger Mann und bis ins höhere Alter ein Suchender, ein Liebender, dem die Frauen verfallen. Und dennoch schwebt über allen Geschichten die Flüchtigkeit des Augenblicks. Die Flüchtigkeit der modernen Liebe, die sich nicht festlegen will. Hiromi Kawakami erzählt mit einer zarten, leichten und eindringlichen Sprache von der Liebe, die keinen Halt finden kann in den Figuren, die ihr verfallen.

Hiromi Kawakami, Die zehn Lieben des Nishino, Hanser Verlag

diezehnlieben.jpegAuch der Umschlag ist zum Anbeissen.

 

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Wer ist Stella?

 

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Stella ist …

Carol: … eine starke literarische Frauenfigur, die man unbedingt kennen lernen sollte.

Anna-Lena: … eine Liebende, die sich in unmenschlichen Zeiten für ihre Familie aufopfert.

Vanja: … sinnlich, faszinierend, leichtfertig, rücksichtslos – und in Bedrängnis.

Melina: … eine genussfreudige Frau in einer Zeit, in der es nicht einfach war, gute und kluge Entscheidungen zu treffen.

 

… ein Buch, so packend geschrieben, dass man es in einem Zug verschlingt – ein Lieblingsbuch dieses Frühjahres!

 

Takis Würger, Stella, Hanser Verlag 2019.

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Winesburg, Ohio

 

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Sherwood Anderson, Winesburg, Ohio, btb Verlag 2015

 

Dieses Buch mit seinen berührenden Porträts hat mein Herz gewonnen. Es ist ein Buch, das wärmt und tröstet, ein Buch zum Immer-wieder-Lesen.
Die Porträtierten leben in der Kleinstadt Winesburg oder sind dort aufgewachsen. Mit leichter Hand deutet Sherwood Anderson Berührungspunkte zwischen den Bewohner*innen an, leuchtet Hoffnungen und versagte Wünsche aus und schafft so eine wunderbare Atmosphäre der respektvollen Nähe. Die herzergreifenden Geschichten, die auch das Böse nicht aussparen, und der liebevolle Blick, gepaart mit einer tollen Sprache und einem klugen Textaufbau, vermögen eine Fülle zu schaffen, in der es wuchert, wächst und stirbt. Und dann wieder spriesst.
Sherwood Anderson schafft es, mich immer wieder mit dem Leben zu versöhnen. Ein Leben ohne Aneinanderreihung brillanter Momente, ohne Meditations-Kurs-unterstützte Auffindung vom Glück im Kleinen, ohne fünf A4-Seiten-Plan zur Selbstverwirklichung. Aber nichtsdestotrotz echt – wie das der Bewohner*innen von Winesburg, Ohio.

 

Melina Cajochen

 

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Für Kurzentschlossene und Langatmige

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Ich muss ehrlich gestehen, ein 700-seitiger Roman über China Mitte des 19. Jahrhunderts, einem historischen und geographischen Raum, der mir absolut unbekannt war, hätte ich nicht ohne weiteres in die Hand genommen. Was für ein Glück, dass die überwältigend guten Kritiken, die dem Roman unter anderem bescheinigen, eine Allegorie auf unsere Gegenwart zu sein im Hinblick auf religiös und wirtschaftlich motivierte Konflikte, meine Neugier doch geweckt haben, denn man wird reich belohnt bei der Lektüre von Stephan Thomes König der Barbaren.

Der Roman liest sich als Allererstes als unterhaltsamen Abenteuerroman in bester Manier, bei dem Intrigen und Machtspiele, Verhandlungen, Schlachten und leise Liebesmomente nicht fehlen. Durch den geschickten Wechsel der Protagonisten und der Perspektiven, lernt man die verschiedenen Konfliktparteien, die sich im Roman gegenüberstehen, kennen. Es geht zum einen um den Taiping-Aufstand, der eine spezielle Auffassung der christlichen Lehre zugrunde lag und der sich zu einem Bürgerkrieg mit offenbar bis zu 30 Millionen Todesopfern entwickelt hat und zum anderen um Englands Kolonialkrieg in China, bei dem die Legalisierung des Opiumhandels die Triebfeder des Handelns war. Treffend bemerkt ein mitgeschwemmter Missionar der Basler Mission den Kern der chinesischen Kolonialisierung: «Weil wir das Land nicht verstanden, in dem wir lebten, versuchten wir es nach unseren Vorstellungen zu verändern. Wir wähnten uns im Besitz der Wahrheit und waren bereit, sie zu teilen, aber in Wirklichkeit verteilten wir sie wie Almosen. Der Fortschritt, den wir brachten, machte uns reich und alle anderen zu unseren Knechten.»

Das siechende chinesische Kaiserreich, einst eine Hochkultur, mittlerweile regiert von korrupten Bürokraten aus der Kaiserfamilie, hat diesen Bedrohungen nicht mehr viel entgegenzusetzen. Mit Hilfe der Engländer, die sich natürlich immer «neutral» verhalten, gelingt es ihnen zumindest den Aufstand niederzuschlagen aber gegen den aufgezwungenen Handel sind sie schlussendlich machtlos.

Gespickt mit historisch belegten Figuren, wie beispielsweise General Zeng Guofan, Chef der Hunan-Armee oder Lord Elgin, Sonderbotschafter der britischen Krone, «the man who opened China», der sich seines Kulturverbrechens bewusst, den Alten Sommerpalast niederbrennen lässt, kann man den Roman also auch als historisches Sachbuch lesen und profitiert dabei von den profunden Kenntnissen Stephan Thomes, der Sinologie und Philosophie studiert hat und mittlerweile in Taipeh lebt. General Zeng Guofan wiederum ist eine der Figuren, die den Leser in die faszinierende Welt des chinesischen Denkens und der chinesischen Ästhetik einführt und so eine dritte, eine kulturelle Lesart, vorschlägt.

Leider scheitern die unzähligen Vermittlungsgespräche, die alle Seiten miteinander zu führen versuchen, am kulturellen Unverständnis – die Anderen bleiben immer die Anderen und die Barbaren, das sind auch immer die anderen.

 

Anna-Lena Fässler

 

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Ein zartes Licht im Nebel

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Die junge Protagonistin lässt uns an ihrem Leben teilhaben, man glaubt sie zu kennen, aber irgendwie auch nicht. Die Stimmung des Ortes Sokcho; kalt, neblig, befremdlich, etwas einsam und bedrückt, spiegelt sich in den Gefühlen der Ich-Erzählerin. Sie arbeitet in einer Pension ohne viele Gäste und einem undankbaren Chef. Ihre Mutter, die Fischstandbetreiberin, möchte sie am liebsten schon gestern verheiratet haben und dennoch bemuttern. Die junge Frau möchte eigentlich weg von hier, weiss jedoch nicht wohin, weshalb und wann.

Durch einen französischen Künstler und dessen andere Sichtweise auf Sokcho und das Leben im Allgemeinen, verändert sich in ihr etwas. Der Nebel in ihr und um sie herum wird etwas gelichtet, sie sieht etwas klarer in die Welt und auch für uns Leser scheint Sonne durch.

Klein und fein. Sehr detailreich und gefühlvoll, von Elia Shua Dusapin geschrieben und mit dem Robert Walser Preis ausgezeichnet.

Noemi Lieberherr

Ein Winter in Sokcho, Elisa Shua Dusapin, Blumenbar 2018

 

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Was vielleicht eigentlich gerade los ist

Und immer wieder fragen Autorinnen: Wie ist das denn so, gerade jetzt, in diesen Zeiten, zu leben? Wir flitzen im Eiltempo auf dieser kleinen Kugel herum, hasten von Projekt zu Projekt, erobern die Welt mit dem Flugzeug, mit Tempo und Wucht, können alles wissen (ein bisschen) und alles ausprobieren (fast grenzenlos). Und dann sitzen wir in einem Wartesaal eines Flughafens, neben Amar zum Beispiel, könnten ihn berühren und – wissen nichts.
Lisa Halliday schafft es in «Asymmetrie» dieses Weltgefühl einzufangen, ohne platt darauf hinzuweisen. Mit hinreissender Sprache (tolle Übersetzung, lieber Hanser Verlag!), klugem Aufbau und weiteren Konstellationen, durch die es zwischen den Zeilen nur so wuchert, stellt Halliday Fragen, wie in einer Welt der gefühlten totalen Vernetzung persönliches Glück aussehen kann. Und was Politik damit zu tun haben könnte. Vielleicht … oder was ist es denn, was Ihnen entgegenwuchert, was schlingt sich um Ihre Gedanken? Bitte lesen und mit mir darüber parlieren! Es wäre mir eine Freude.

Melina Cajochen

Lisa Halliday, Asymmetrie, Hanser Verlag 2018

 

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Melancholischer Abgrund der Familiengeschichte

In einem kleinen feinen Bändchen steckt er, voll mit einer prallen Familiengeschichte, gut zu lesen an einem langen, lauen Sommerabend im Schaukelstuhl oder auf dem Balkon, der Roman „Nachsommer“ von Johan Bargum. In den schwermütigen Tagen eines zu Ende gehenden Sommers bringt das Sterben der Mutter die beiden ungleichen Söhne Carl und Olof nach einer langen Trennung ungewollt, ja unwillig, wieder zusammen. Es wird ein heftiges, schonungsloses und endgültiges Zusammentreffen, das sie zurück wirft in alte Verhaltensmuster und damit lange vergessene Vorkommnisse und Verletzungen wieder aufbrechen lässt.

Bargum ist Meister der lakonischen Formulierungen, die vollkommen ausreichen, um die Seelenlandschaft des Hauptprotagonisten Olof zu umreissen: eine unerfüllte Liebe, lebenslange Ängste und eine dominante Familie lassen ihn selbst konturen- und antriebslos bleiben. Bargum schafft es dennoch einen sympathischen, stillen Helden zu zeichnen, der innerlich aufgewühlt, äusserlich aber unverändert aus diesem Schlussakkord der Familiengeschichte hervorgeht. Getragen wird die melancholische Grundstimmung der Geschichte von der Möglichkeit einer echten Liebe zwischen Olof und seiner Schwägerin Clara, die die Realität des Alltages aber niemals erreicht hat.

Atmosphärisch dicht und in einfachen Worten beschreibt Bargum in der letzten, entscheidenden Begegnung der ungleichen Brüder und ihrer Familien die Unmöglichkeit von Gerechtigkeit und Wiedergutmachung. Leben im Jetzt ist alles, was bleibt.

Brigitta Schmid

 

Johan Bargum, Nachsommer. Roman. Aus dem Schwedischen von Karl-Ludwig Wetzig, mareverlag Hamburg, 2018

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Eine Frage der Erziehung

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Die Zeit der guten Vorsätze ist da. Endlich mal «Der Mann ohne Eigenschaften» fertiglesen, mit «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» beginnen oder die Neuübersetzung der Ilias aus dem Manesse Verlag aufschlagen. Für Leser mit Ambitionen also, für Liebhaberinnen herausfordernder Projekte, hätte ich einen neuen Vorschlag: Der frisch übersetzte (und in Teilen noch zu übersetzende) Romanzyklus «Ein Tanz zur Musik der Zeit» von Anthony Powell. In zwölf Bänden spricht die Hauptfigur Nicholas Jenkins von seinem Leben, erzählt von seinen Freunden, von Familie, Bekannten der englischen Oberschicht und analysiert sein und deren Handeln und Gebaren zwischen 1921 und circa 1971.

Nichts ahnend vom Umfang des Zyklus’ nahm ich den ersten Band zur Hand und legte los mit Lesen, erwartete ein unterhaltsames Buch voll mit netten britischen Leutchen und einem bisschen trockenen Humor. Nach einem Drittel der Seiten begann ich mich zu fragen, was zum Teufel der Autor mit dem Leser eigentlich vorhat. Wo ist das Drama, der grosse Spannungsbogen, wo die grosse Erkenntnis, die tiefe Einsicht? Welche Figuren sind nun wichtig, wieso verschwinden so viele davon sang- und klanglos aus dem Leben von Nicholas Jenkins? Und wie kann von diesem kunstlosen Buch eine so grosse Faszination ausgehen? Um meiner Verwirrung Frau zu werden, tat ich etwas, das ich sonst unter allen Umständen unterlasse (auch, weil ich ungern erklärt bekomme, was ich gerade am Lesen bin): Ich blätterte zum Nachwort vor. Und da half mir die Bemerkung von Martin Ebel auf die Sprünge: «Eine ins Unendliche gedehnte Dinnerparty … ein Grossversuch, das Leben zu begreifen.» Ha ja, das ist’s! So ist’s! So wahr. Denn ist es nicht so, das Leben, es ist halt ohne den einen grossen Spannungsbogen, es gibt Leute, die begleiten einen eine Zeitlang, sind wichtig und verschwinden dann auch wieder ohne grosses Trara. Und davon abgesehen, das Text Durchleuchtende, das Zerpflückende mal anhin gestellt, macht es einen Heidenspass zusammen mit Jenkins in der englischen Oberschicht unterwegs zu sein und sich sanft in Powells Sprache fallen zu lassen. Aber lesen Sie doch selber und schenken Sie sich Aha-Erlebnisse in Form kleiner, sich ausbreitender Wellen. Es lohnt sich.

Melina Cajochen

Anthony Powell, Eine Frage der Erziehung, dtv Verlagsgesellschaft 2017

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«Kleine Stadt der grossen Träume»

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Frederik Backman hat sich in den letzten Jahren mit seinen skurril-liebenswerten Helden in Romanen wie «Ein Mann namens Ove» einen treuen Leserkreis geschaffen, der sich über seinen neuen Roman freuen kann!

Seinen humorvollen Ton verliert er nämlich auch in der Geschichte um ein Kleinstädtchen im schwedischen Nord-Nirgendwo nicht, indem sich alles um Eishockey dreht – allerdings finden sich ungewohnt ernste und nachdenkliche Töne – Tiefgang, den man im ersten Augenblick nicht erwarten würde.

Der Roman beginnt gleich mit einem Knall: Ein Teenager drückt die Mündung einer doppelläufigen Schrotflinte gegen die Stirn eines anderen Menschen und drückt ab. Wie es soweit kommen konnte, wird in den folgenden knapp 500 Seiten sorgfältig aus wechselnden Perspektiven aufgeschlüsselt und man merkt bald, dass wirklich nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Die Sorgen und Schicksale der einzelnen Figuren erscheinen vor dem Hintergrund von Björnstad (Bärenstadt), das seine besten Zeiten schon hinter sich hat und in der sich Kälte, Dunkelheit und steigende Arbeitslosigkeit breit gemacht haben, existentiell. Das Einzige, was die Gemeinschaft zusammenzuhalten scheint, ist die Begeisterung für die erfolgreiche björnstädter Juniorenmannschaft, die wieder Hoffnung und v.a. wirtschaftlichen Aufschwung in die Region bringen soll. Mit ihr werden die Hoffnungen der verschiedenen Charaktere verknüpft. Als sich dann jedoch Kevin, der Held der Mannschaft, ohne den ein Sieg undenkbar ist, eines schweren Verbrechens schuldig macht, wird der Gemeinschaftssinn von Björnstadt auf eine schwere Probe gestellt.

Über die vielen Eishockeymetaphern und eingebauten Cliffhanger lernt man mit der Zeit hinwegzulesen, ansonsten ist Frederik Backman eine wunderbar einfühlsame Erzählung über Gruppendruck, falsch verstandene Loyalität und wahre Freundschaft gelungen – bestens geeignet für gemütliche Winterabende!

 

Anna-Lena Fässler

„Kleine Stadt der grossen Träume“ von Frederik Backman
Fischer Verlag

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Gebrauchsanweisung für Selbstverteidigung

Der Piper Verlag veröffentlicht eine Buchreihe, die er «Gebrauchsanweisung» nennt. Die gibt es für verschiedene Städte, für ganze Länder und für das Leben gar selbst. Die frischeste Gebrauchsanweisung ist von Thomas Glavinic (ein toller, toller, toller Autor!) und nennt sich «Gebrauchsanweisung für Selbstverteidigung».
Als Kind der 90er, gross geworden mit Karate-Kid- und Bruce-Lee-Filmen, eifrige Guckerin der Serie «Kung Fu» mit David Carradine als Shaolin-Kämpfer, hege ich seit jeher Bewunderung für die gelassen-geschmeidigen und sehr wirksamen Bewegungen bestimmter Kampfsportarten. Zusammen mit einer Geisteshaltung, die beeindruckend klar, ruhig und friedliebend ist, oder sein sollte, schienen mir Kung Fu und Aikido bereits in jungen Jahren ein guter Weg, dem Leben an sich zu begegnen.
Genau um diese Geisteshaltung geht es auch Glavinic: Neben dem identifizieren von Gefahrenherden – Lianenschwinger nennt er diese Typen und Typinnen – zeigt er auf, wie wir durch unsere Haltung gar nicht erst zum Opfer werden. Und falls die Situation trotzdem mal ausweglos werden könnte, falls also gar wegrennen keine Option mehr ist, gibt er uns konkrete Tipps. Zum Beispiel: Fliegt eine Faust auf dein Gesicht zu, nicke. Trifft sie nämlich oberhalb deiner Stirn auf, wir dir höchstens ein wenig schwindlig. Der Faustschwingerin hingegen könnten die Finger brechen.
Und so sitze ich auf dem grünen Sofa, lese meinem Mann saftige Glavinic-Sätze vor und freue mich an der Kung-Fu-artigen Coolness der Lektüre. Be-gei-ste-rung!

Melina Cajochen

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Thomas Glavinic, Gebrauchsanweisung für Selbstverteidigung, Piper Verlag 2017.

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Verstörend verdichtete Familiengeschichte

Nein man muss nicht erst von Karl Ove Knausgard, dem langjährigen Lebensgefährten der Autorin, sprechen, wenn man sich in ihre kleine, feine Geschichte „Willkommen in Amerika“ verguckt hat. Nein, man muss auch seine Romanexzesse nicht kennen, wenn man ihre verdichtete, schmerzhafte Sprache mag, wirklich nicht. Die Schwedin Linda Boström Knausgard entwirft in ihrem zweiten, knappen Roman eine atmosphärische Stimmung rund um ihre Heldin – die elfjährige Ellen. Sie spricht seit dem Tod des Vaters kein Wort mehr, mit niemandem, denn sie fühlt sich mitschuldig am Tod des depressiven, trinkenden Vaters – schliesslich hat sie genau diesen Tod von Gott erbeten. Um weitere Todesfälle zu verhindern, beschliesst sie zu schweigen. Die Schuldgefühle halten sie aber nicht davon ab, ihre Umgebung genau zu beobachten und zu beschreiben.

Die Autorin bettet die Geschichte einer Pubertierenden in eine schwierige Familiengeschichte, wobei diese einen ganz eigenen Sog in die chaotische Gefühlswelt einer Heranwachsenden eröffnet. Dass der Lyrikerin Boström Kanusgard trotz dieses komplexen Settings eine eindrückliches Stück Prosa gelungen ist, liegt, neben ihrer ganz eigenen, dichten Sprache, nicht zuletzt auch an der eindrücklichen Zeichnung der Figur der Mutter. Sie bleibt in all den familiären Wirrungen eine starke, sympathische Figur, die nicht von ihrer Idee einer „hellen“ Familie abweicht. Auch wenn ein derart dicht geschriebener Roman, der zudem um ein kindliches Trauma kreist, nicht als leichte Wochenend-, Strand- oder Bettlektüre schnell zu lesen ist, macht das Eintauchen in die Welt von Ellen nichts desto trotz zu einer bleibenden Leseerfahrung.

Brigitta Schmid

Linda Boström Knausgard, Willkommen in Amerika, Schöffling & Co. 2017

WillkommeninAmerikaVanja hat’s grad gepackt

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Offene Augen – weites Herz

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Russische Landschaft, russische Geschichte, russische Mentalität und russisches Schicksal – das alles in frühsowjetischer Zeit, vor fast 100 Jahren. Was die tatarische Schriftstellerin Gusel Jachina in ihrem Erstling präsentiert, ist alles andere als leichte literarische Frühlingskost. Offene lesende Augen reichen vollständig, um sich von der ersten Seite an entführen zu lassen in das tragische, exemplarische Schicksal der Protagonistin, der tatarischen Bäuerin Suleika. Jachina erzählt kunstvoll prosaisch ausholend, sich weit zurück in der Geschichte und weit hinein in die menschlichen Abgründe stürzend. Ein schweres Buch in leichtem Stil und wunderbar stimmig geschrieben ist dieser Roman einzigartig herzerwärmend wie auch herzzerreissend. Dass Jachina das sibirische Lagerleben dabei wohl doch etwas sehr romantisierend unter die Feder kommt, mag ich ihr bei dieser Sprachwucht gerne nachsehen. Sie schuf ein erfüllendes Leseabenteuer, das man sich aber mit Vorteil mit den authentischen Vorgängerinnen Jewgenija Ginsburg, Anna Larina Bucharina und Nadeschda Mandel`stam (schlicht die Übermütter der Lagerliteratur) und mit den eindrücklichen zeitgenössischen Werken wie zum Beispiel „Aber der Himmel – grandios“ der Litauerin Dalia Grinkeviciute im Hinterkopf zu Gemüte führen kann.

Brigitta Schmid

Gusel Jachina, Suleika öffnet die Augen, Aufbau 2017.

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2017 – spielen wir Revolution

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2017 – vor 100 Jahren überrollte die Oktoberrevolution das kriegsgeschwächte, zerfallende russische Zarenreich und bis heute sind und bleiben das für Land und Leute prägende Ereignisse. Pünktlich zu diesem Jubiläum meldet sich mit Olga Slawnikowa eine passionierte Erzählerin aus Russland. Sie legt mit „2017“ einen vielschichtigen, temporeichen und in bester russischer Erzähltradition sprachstarken Roman vor. Darin beschreibt sie mit bitter-bösem Humor wie sich in einer Welt des Geldes und des unbeschränkten Konsums politische Mechanismen instrumentalisieren lassen, aber auch wie sie sich verselbständigen. Slawnikowas eigenwillige Sprache trägt in ihrer packenden Geschichte um Liebe, Geld und Politik durch eine freche Mischung tragischer, komischer und satirischer Erzählmomente.

Die Geschichte spielt im Ural, wo zum Jubiläum die Ereignisse von 1917 nachgespielt werden sollen. Die Geschehnisse rund um den ahnungslosen Helden Krylow überschlagen sich und in einer eigentümlichen Eigendynamik geraten Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Spiel ineinander. Mit Vergnügen und skuriler Wortakrobatik in historischem Ambiente, was braucht es mehr für einen ausgiebigen und erwärmenden Lesegenuss in diesen kalten Tagen.

Brigitta Schmid

Olga Slawnikowa, 2017, Verlag Mathes & Seitz, Berlin 2016

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KIRSCHBLÜTEN UND ROTE BOHNEN…

 

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…sich den Titel des neuen Buches von Durian Sukegawa auf der Zunge zergehen lassen – wie es die Schulmädchen im Buch mit dem An, dem Mus aus roten Bohnen machen. Das Buch in den Händen halten und die warme Schönheit des Buchumschlags fühlen – wie es die alte Tokue mit der belebten Natur um sich herum macht. Sich frisch und kopfüber hineinlesen in die leichte, melancholische, wunderbar tröstliche und gleichzeitig umwerfend traurige Geschichte – so wie sich der Dorayaki-Bäcker Sentaro gegenüber den flüchtigen Bekanntschaften verhält.

Ein besseres Leserezept ist mir in diesem Herbst noch nicht begegnet, um den Genuss des Lesens zu zelebrieren. Dieses Schmuckstück aus dem Dumont Verlag hält was seine Aufmachung verspricht. Über lakonische Sätze und leicht hingeschriebene Alltagsmomente nähert man sich der Freundschaft der drei ungleichen Protagonisten an, genauso wie sie selbst tastend und suchend allmählich zueinander finden – eine kurze, geschenkte Kirschblüten-Saison lang.

Falls der Glücksmoment der Lektüre verlängert werden soll – den gleichnamigen Film von Naomi Kawase ansehen und sei es nur darum, um noch einmal zu schweben in dieser leichten, leisen Freundschaftsgeschichte, die Freude, Wehmut und Fernweh gleichermassen zu wecken versteht.

Brigitta Schmid

Durian Sukegawa, Kirschblüten und rote Bohnen. Roman, Dumont Verlag Köln 2016.

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