Archiv der Kategorie: Roman

Ein zartes Licht im Nebel

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Die junge Protagonistin lässt uns an ihrem Leben teilhaben, man glaubt sie zu kennen, aber irgendwie auch nicht. Die Stimmung des Ortes Sokcho; kalt, neblig, befremdlich, etwas einsam und bedrückt, spiegelt sich in den Gefühlen der Ich-Erzählerin. Sie arbeitet in einer Pension ohne viele Gäste und einem undankbaren Chef. Ihre Mutter, die Fischstandbetreiberin, möchte sie am liebsten schon gestern verheiratet haben und dennoch bemuttern. Die junge Frau möchte eigentlich weg von hier, weiss jedoch nicht wohin, weshalb und wann.

Durch einen französischen Künstler und dessen andere Sichtweise auf Sokcho und das Leben im Allgemeinen, verändert sich in ihr etwas. Der Nebel in ihr und um sie herum wird etwas gelichtet, sie sieht etwas klarer in die Welt und auch für uns Leser scheint Sonne durch.

Klein und fein. Sehr detailreich und gefühlvoll, von Elia Shua Dusapin geschrieben und mit dem Robert Walser Preis ausgezeichnet.

Noemi Lieberherr

Ein Winter in Sokcho, Elisa Shua Dusapin, Blumenbar 2018

 

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Was vielleicht eigentlich gerade los ist

Und immer wieder fragen Autorinnen: Wie ist das denn so, gerade jetzt, in diesen Zeiten, zu leben? Wir flitzen im Eiltempo auf dieser kleinen Kugel herum, hasten von Projekt zu Projekt, erobern die Welt mit dem Flugzeug, mit Tempo und Wucht, können alles wissen (ein bisschen) und alles ausprobieren (fast grenzenlos). Und dann sitzen wir in einem Wartesaal eines Flughafens, neben Amar zum Beispiel, könnten ihn berühren und – wissen nichts.
Lisa Halliday schafft es in «Asymmetrie» dieses Weltgefühl einzufangen, ohne platt darauf hinzuweisen. Mit hinreissender Sprache (tolle Übersetzung, lieber Hanser Verlag!), klugem Aufbau und weiteren Konstellationen, durch die es zwischen den Zeilen nur so wuchert, stellt Halliday Fragen, wie in einer Welt der gefühlten totalen Vernetzung persönliches Glück aussehen kann. Und was Politik damit zu tun haben könnte. Vielleicht … oder was ist es denn, was Ihnen entgegenwuchert, was schlingt sich um Ihre Gedanken? Bitte lesen und mit mir darüber parlieren! Es wäre mir eine Freude.

Melina Cajochen

Lisa Halliday, Asymmetrie, Hanser Verlag 2018

 

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Melancholischer Abgrund der Familiengeschichte

In einem kleinen feinen Bändchen steckt er, voll mit einer prallen Familiengeschichte, gut zu lesen an einem langen, lauen Sommerabend im Schaukelstuhl oder auf dem Balkon, der Roman „Nachsommer“ von Johan Bargum. In den schwermütigen Tagen eines zu Ende gehenden Sommers bringt das Sterben der Mutter die beiden ungleichen Söhne Carl und Olof nach einer langen Trennung ungewollt, ja unwillig, wieder zusammen. Es wird ein heftiges, schonungsloses und endgültiges Zusammentreffen, das sie zurück wirft in alte Verhaltensmuster und damit lange vergessene Vorkommnisse und Verletzungen wieder aufbrechen lässt.

Bargum ist Meister der lakonischen Formulierungen, die vollkommen ausreichen, um die Seelenlandschaft des Hauptprotagonisten Olof zu umreissen: eine unerfüllte Liebe, lebenslange Ängste und eine dominante Familie lassen ihn selbst konturen- und antriebslos bleiben. Bargum schafft es dennoch einen sympathischen, stillen Helden zu zeichnen, der innerlich aufgewühlt, äusserlich aber unverändert aus diesem Schlussakkord der Familiengeschichte hervorgeht. Getragen wird die melancholische Grundstimmung der Geschichte von der Möglichkeit einer echten Liebe zwischen Olof und seiner Schwägerin Clara, die die Realität des Alltages aber niemals erreicht hat.

Atmosphärisch dicht und in einfachen Worten beschreibt Bargum in der letzten, entscheidenden Begegnung der ungleichen Brüder und ihrer Familien die Unmöglichkeit von Gerechtigkeit und Wiedergutmachung. Leben im Jetzt ist alles, was bleibt.

Brigitta Schmid

 

Johan Bargum, Nachsommer. Roman. Aus dem Schwedischen von Karl-Ludwig Wetzig, mareverlag Hamburg, 2018

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Eine Frage der Erziehung

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Die Zeit der guten Vorsätze ist da. Endlich mal «Der Mann ohne Eigenschaften» fertiglesen, mit «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» beginnen oder die Neuübersetzung der Ilias aus dem Manesse Verlag aufschlagen. Für Leser mit Ambitionen also, für Liebhaberinnen herausfordernder Projekte, hätte ich einen neuen Vorschlag: Der frisch übersetzte (und in Teilen noch zu übersetzende) Romanzyklus «Ein Tanz zur Musik der Zeit» von Anthony Powell. In zwölf Bänden spricht die Hauptfigur Nicholas Jenkins von seinem Leben, erzählt von seinen Freunden, von Familie, Bekannten der englischen Oberschicht und analysiert sein und deren Handeln und Gebaren zwischen 1921 und circa 1971.

Nichts ahnend vom Umfang des Zyklus’ nahm ich den ersten Band zur Hand und legte los mit Lesen, erwartete ein unterhaltsames Buch voll mit netten britischen Leutchen und einem bisschen trockenen Humor. Nach einem Drittel der Seiten begann ich mich zu fragen, was zum Teufel der Autor mit dem Leser eigentlich vorhat. Wo ist das Drama, der grosse Spannungsbogen, wo die grosse Erkenntnis, die tiefe Einsicht? Welche Figuren sind nun wichtig, wieso verschwinden so viele davon sang- und klanglos aus dem Leben von Nicholas Jenkins? Und wie kann von diesem kunstlosen Buch eine so grosse Faszination ausgehen? Um meiner Verwirrung Frau zu werden, tat ich etwas, das ich sonst unter allen Umständen unterlasse (auch, weil ich ungern erklärt bekomme, was ich gerade am Lesen bin): Ich blätterte zum Nachwort vor. Und da half mir die Bemerkung von Martin Ebel auf die Sprünge: «Eine ins Unendliche gedehnte Dinnerparty … ein Grossversuch, das Leben zu begreifen.» Ha ja, das ist’s! So ist’s! So wahr. Denn ist es nicht so, das Leben, es ist halt ohne den einen grossen Spannungsbogen, es gibt Leute, die begleiten einen eine Zeitlang, sind wichtig und verschwinden dann auch wieder ohne grosses Trara. Und davon abgesehen, das Text Durchleuchtende, das Zerpflückende mal anhin gestellt, macht es einen Heidenspass zusammen mit Jenkins in der englischen Oberschicht unterwegs zu sein und sich sanft in Powells Sprache fallen zu lassen. Aber lesen Sie doch selber und schenken Sie sich Aha-Erlebnisse in Form kleiner, sich ausbreitender Wellen. Es lohnt sich.

Melina Cajochen

Anthony Powell, Eine Frage der Erziehung, dtv Verlagsgesellschaft 2017

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«Kleine Stadt der grossen Träume»

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Frederik Backman hat sich in den letzten Jahren mit seinen skurril-liebenswerten Helden in Romanen wie «Ein Mann namens Ove» einen treuen Leserkreis geschaffen, der sich über seinen neuen Roman freuen kann!

Seinen humorvollen Ton verliert er nämlich auch in der Geschichte um ein Kleinstädtchen im schwedischen Nord-Nirgendwo nicht, indem sich alles um Eishockey dreht – allerdings finden sich ungewohnt ernste und nachdenkliche Töne – Tiefgang, den man im ersten Augenblick nicht erwarten würde.

Der Roman beginnt gleich mit einem Knall: Ein Teenager drückt die Mündung einer doppelläufigen Schrotflinte gegen die Stirn eines anderen Menschen und drückt ab. Wie es soweit kommen konnte, wird in den folgenden knapp 500 Seiten sorgfältig aus wechselnden Perspektiven aufgeschlüsselt und man merkt bald, dass wirklich nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Die Sorgen und Schicksale der einzelnen Figuren erscheinen vor dem Hintergrund von Björnstad (Bärenstadt), das seine besten Zeiten schon hinter sich hat und in der sich Kälte, Dunkelheit und steigende Arbeitslosigkeit breit gemacht haben, existentiell. Das Einzige, was die Gemeinschaft zusammenzuhalten scheint, ist die Begeisterung für die erfolgreiche björnstädter Juniorenmannschaft, die wieder Hoffnung und v.a. wirtschaftlichen Aufschwung in die Region bringen soll. Mit ihr werden die Hoffnungen der verschiedenen Charaktere verknüpft. Als sich dann jedoch Kevin, der Held der Mannschaft, ohne den ein Sieg undenkbar ist, eines schweren Verbrechens schuldig macht, wird der Gemeinschaftssinn von Björnstadt auf eine schwere Probe gestellt.

Über die vielen Eishockeymetaphern und eingebauten Cliffhanger lernt man mit der Zeit hinwegzulesen, ansonsten ist Frederik Backman eine wunderbar einfühlsame Erzählung über Gruppendruck, falsch verstandene Loyalität und wahre Freundschaft gelungen – bestens geeignet für gemütliche Winterabende!

 

Anna-Lena Fässler

„Kleine Stadt der grossen Träume“ von Frederik Backman
Fischer Verlag

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Gebrauchsanweisung für Selbstverteidigung

Der Piper Verlag veröffentlicht eine Buchreihe, die er «Gebrauchsanweisung» nennt. Die gibt es für verschiedene Städte, für ganze Länder und für das Leben gar selbst. Die frischeste Gebrauchsanweisung ist von Thomas Glavinic (ein toller, toller, toller Autor!) und nennt sich «Gebrauchsanweisung für Selbstverteidigung».
Als Kind der 90er, gross geworden mit Karate-Kid- und Bruce-Lee-Filmen, eifrige Guckerin der Serie «Kung Fu» mit David Carradine als Shaolin-Kämpfer, hege ich seit jeher Bewunderung für die gelassen-geschmeidigen und sehr wirksamen Bewegungen bestimmter Kampfsportarten. Zusammen mit einer Geisteshaltung, die beeindruckend klar, ruhig und friedliebend ist, oder sein sollte, schienen mir Kung Fu und Aikido bereits in jungen Jahren ein guter Weg, dem Leben an sich zu begegnen.
Genau um diese Geisteshaltung geht es auch Glavinic: Neben dem identifizieren von Gefahrenherden – Lianenschwinger nennt er diese Typen und Typinnen – zeigt er auf, wie wir durch unsere Haltung gar nicht erst zum Opfer werden. Und falls die Situation trotzdem mal ausweglos werden könnte, falls also gar wegrennen keine Option mehr ist, gibt er uns konkrete Tipps. Zum Beispiel: Fliegt eine Faust auf dein Gesicht zu, nicke. Trifft sie nämlich oberhalb deiner Stirn auf, wir dir höchstens ein wenig schwindlig. Der Faustschwingerin hingegen könnten die Finger brechen.
Und so sitze ich auf dem grünen Sofa, lese meinem Mann saftige Glavinic-Sätze vor und freue mich an der Kung-Fu-artigen Coolness der Lektüre. Be-gei-ste-rung!

Melina Cajochen

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Thomas Glavinic, Gebrauchsanweisung für Selbstverteidigung, Piper Verlag 2017.

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Verstörend verdichtete Familiengeschichte

Nein man muss nicht erst von Karl Ove Knausgard, dem langjährigen Lebensgefährten der Autorin, sprechen, wenn man sich in ihre kleine, feine Geschichte „Willkommen in Amerika“ verguckt hat. Nein, man muss auch seine Romanexzesse nicht kennen, wenn man ihre verdichtete, schmerzhafte Sprache mag, wirklich nicht. Die Schwedin Linda Boström Knausgard entwirft in ihrem zweiten, knappen Roman eine atmosphärische Stimmung rund um ihre Heldin – die elfjährige Ellen. Sie spricht seit dem Tod des Vaters kein Wort mehr, mit niemandem, denn sie fühlt sich mitschuldig am Tod des depressiven, trinkenden Vaters – schliesslich hat sie genau diesen Tod von Gott erbeten. Um weitere Todesfälle zu verhindern, beschliesst sie zu schweigen. Die Schuldgefühle halten sie aber nicht davon ab, ihre Umgebung genau zu beobachten und zu beschreiben.

Die Autorin bettet die Geschichte einer Pubertierenden in eine schwierige Familiengeschichte, wobei diese einen ganz eigenen Sog in die chaotische Gefühlswelt einer Heranwachsenden eröffnet. Dass der Lyrikerin Boström Kanusgard trotz dieses komplexen Settings eine eindrückliches Stück Prosa gelungen ist, liegt, neben ihrer ganz eigenen, dichten Sprache, nicht zuletzt auch an der eindrücklichen Zeichnung der Figur der Mutter. Sie bleibt in all den familiären Wirrungen eine starke, sympathische Figur, die nicht von ihrer Idee einer „hellen“ Familie abweicht. Auch wenn ein derart dicht geschriebener Roman, der zudem um ein kindliches Trauma kreist, nicht als leichte Wochenend-, Strand- oder Bettlektüre schnell zu lesen ist, macht das Eintauchen in die Welt von Ellen nichts desto trotz zu einer bleibenden Leseerfahrung.

Brigitta Schmid

Linda Boström Knausgard, Willkommen in Amerika, Schöffling & Co. 2017

WillkommeninAmerikaVanja hat’s grad gepackt

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Offene Augen – weites Herz

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Russische Landschaft, russische Geschichte, russische Mentalität und russisches Schicksal – das alles in frühsowjetischer Zeit, vor fast 100 Jahren. Was die tatarische Schriftstellerin Gusel Jachina in ihrem Erstling präsentiert, ist alles andere als leichte literarische Frühlingskost. Offene lesende Augen reichen vollständig, um sich von der ersten Seite an entführen zu lassen in das tragische, exemplarische Schicksal der Protagonistin, der tatarischen Bäuerin Suleika. Jachina erzählt kunstvoll prosaisch ausholend, sich weit zurück in der Geschichte und weit hinein in die menschlichen Abgründe stürzend. Ein schweres Buch in leichtem Stil und wunderbar stimmig geschrieben ist dieser Roman einzigartig herzerwärmend wie auch herzzerreissend. Dass Jachina das sibirische Lagerleben dabei wohl doch etwas sehr romantisierend unter die Feder kommt, mag ich ihr bei dieser Sprachwucht gerne nachsehen. Sie schuf ein erfüllendes Leseabenteuer, das man sich aber mit Vorteil mit den authentischen Vorgängerinnen Jewgenija Ginsburg, Anna Larina Bucharina und Nadeschda Mandel`stam (schlicht die Übermütter der Lagerliteratur) und mit den eindrücklichen zeitgenössischen Werken wie zum Beispiel „Aber der Himmel – grandios“ der Litauerin Dalia Grinkeviciute im Hinterkopf zu Gemüte führen kann.

Brigitta Schmid

Gusel Jachina, Suleika öffnet die Augen, Aufbau 2017.

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2017 – spielen wir Revolution

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2017 – vor 100 Jahren überrollte die Oktoberrevolution das kriegsgeschwächte, zerfallende russische Zarenreich und bis heute sind und bleiben das für Land und Leute prägende Ereignisse. Pünktlich zu diesem Jubiläum meldet sich mit Olga Slawnikowa eine passionierte Erzählerin aus Russland. Sie legt mit „2017“ einen vielschichtigen, temporeichen und in bester russischer Erzähltradition sprachstarken Roman vor. Darin beschreibt sie mit bitter-bösem Humor wie sich in einer Welt des Geldes und des unbeschränkten Konsums politische Mechanismen instrumentalisieren lassen, aber auch wie sie sich verselbständigen. Slawnikowas eigenwillige Sprache trägt in ihrer packenden Geschichte um Liebe, Geld und Politik durch eine freche Mischung tragischer, komischer und satirischer Erzählmomente.

Die Geschichte spielt im Ural, wo zum Jubiläum die Ereignisse von 1917 nachgespielt werden sollen. Die Geschehnisse rund um den ahnungslosen Helden Krylow überschlagen sich und in einer eigentümlichen Eigendynamik geraten Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Spiel ineinander. Mit Vergnügen und skuriler Wortakrobatik in historischem Ambiente, was braucht es mehr für einen ausgiebigen und erwärmenden Lesegenuss in diesen kalten Tagen.

Brigitta Schmid

Olga Slawnikowa, 2017, Verlag Mathes & Seitz, Berlin 2016

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KIRSCHBLÜTEN UND ROTE BOHNEN…

 

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…sich den Titel des neuen Buches von Durian Sukegawa auf der Zunge zergehen lassen – wie es die Schulmädchen im Buch mit dem An, dem Mus aus roten Bohnen machen. Das Buch in den Händen halten und die warme Schönheit des Buchumschlags fühlen – wie es die alte Tokue mit der belebten Natur um sich herum macht. Sich frisch und kopfüber hineinlesen in die leichte, melancholische, wunderbar tröstliche und gleichzeitig umwerfend traurige Geschichte – so wie sich der Dorayaki-Bäcker Sentaro gegenüber den flüchtigen Bekanntschaften verhält.

Ein besseres Leserezept ist mir in diesem Herbst noch nicht begegnet, um den Genuss des Lesens zu zelebrieren. Dieses Schmuckstück aus dem Dumont Verlag hält was seine Aufmachung verspricht. Über lakonische Sätze und leicht hingeschriebene Alltagsmomente nähert man sich der Freundschaft der drei ungleichen Protagonisten an, genauso wie sie selbst tastend und suchend allmählich zueinander finden – eine kurze, geschenkte Kirschblüten-Saison lang.

Falls der Glücksmoment der Lektüre verlängert werden soll – den gleichnamigen Film von Naomi Kawase ansehen und sei es nur darum, um noch einmal zu schweben in dieser leichten, leisen Freundschaftsgeschichte, die Freude, Wehmut und Fernweh gleichermassen zu wecken versteht.

Brigitta Schmid

Durian Sukegawa, Kirschblüten und rote Bohnen. Roman, Dumont Verlag Köln 2016.

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SPAZIERGÄNGER ZBINDEN

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Spaziergänger ZBINDEN ist zwar kein neu erschienenes Buch, aber eins, das ich für mich neu entdeckt habe. Und Bücher halten sich zum Glück weit besser als Erdbeeren. „Für dieses Buch bist du zu jung“, meinte der Autor lachend zu mir, als er es signierte. Für dieses Buch bin ich eher zu alt, denke ich mir, als ich den Text zu Ende gelesen habe. Ein so schönes, heiteres und intelligentes kleines Manifest gegen die Dumpfheit. Ich wünschte, ich hätte es schon früher aufgespürt.

Der 87-jährige Lukas Zbinden ist ein notorischer Spaziergänger, der überzeugt davon ist, dass man sich die Welt spazierend aneignet. Er wird nicht müde, die Vorzüge des Spazierens zu rühmen. Der Leser ist nicht verwundert zu erfahren, dass Zbinden früher Lehrer war. Doch er belehrt so charmant und gewitzt, dass man sehr gerne belehrt werden möchte. Er hat ja auch wirklich etwas zu sagen. Viel sogar. Über die Liebe vor allem.

Für Spaziergänger, Draufgänger, Müssiggänger und solche die es werden wollen, für Menschen mit Sinn für Wege, Abwege und Umwege und für unverbesserliche Stubenhocker, die bei Regenwetter das Lesen dem Spazieren vorziehen.

Magdalena Hegglin

Christoph Simon, Spaziergänger ZBINDEN, bilgerverlag 2010.

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Ein Western im 21. Jahrhundert

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Mit viel Vergnügen habe ich dieses recht dünne Buch in ein paar Stunden gelesen.

Auch der heutige Westernroman braucht einen Bösewicht. Dieser hier – wie könnte es anders sein – heisst Blackway. Er haust irgendwo im US-Bundesstaat Vermont und terrorisiert seine Umgebung nach Herzenslust. Die Helden, die ihn zur Strecke bringen – also ins Jenseits befördern – wollen (wollen sie es wirklich?) ist ein skuriles Trio:

Lilian, eine junge Frau, die von auswärts zugezogen ist. Ihr einheimischer Freund wurde von Blackway aus der Gegend vertrieben. Dieser versucht nun dasselbe mit Lilian: Als Warnung tötet er zuerst ihre Katze, dann schlägt er ihr die Fensterscheiben ein. Sie will sich vom Bösewicht nicht auch noch aus der Gegend vertreiben lassen und bittet den Sheriff um Hilfe. Dieser will (oder kann?) nicht helfen also geht sie zur alten Sägemühle, wo sich die Arbeitslosen und Rentner der Gegend treffen, um sich Hilfe zu holen. Diese sind beeindruckt von Lilians Mut und überreden zwei Männer, ihr zu helfen.

Der betagte Lester, der schon lange alleine in seiner Hütte haust und der Anführer des Trios wird. Bevor sie Blackway suchen, nimmt er ein langes eingewickeltes Ding mit (ist es eine Vorhangstange oder doch ein Gewehr?)

Nate, ein starker, furchtloser Hüne, dessen Verstand aber etwas beschränkt scheint.

Dann geht’s los mit der Verfolgungsjagd – im Gegensatz zu den alten Western nicht auf Pferden sondern im Pickup. Hat Lester einen Plan? Die Geschichte nimmt Fahrt auf. Es geht kreuz und quer durch verschiedene Stationen des Ortes, dann in ein heruntergekommenes Motel und zuletzt in den riesigen Wald. Ist Blackway dort? Die Spannung lässt einem nicht mehr los. Keiner konnte bisher dem hinterhältigen Kriminellen den Meister zeigen. Ist jemand aus dem Trio noch hinterhältiger, um dies zu schaffen?

Als besonderen Erzählkniff lässt der Autor C. Freemann uns zwischendurch teilhaben an den Gesprächen der Männer bei der bei der alten Sägefabrik. Diese Plaudereien sind – alkoholbedingt – manchmal ein Durcheinander aber immer sehr unterhaltsam, Gespräche über die Gegend, ihre Abstiegssorgen, Blackway usw. Es ist wie ein Chor im antiken Theater, der alles kommentiert.

Ich hätte nicht gedacht, dass mich ein heutiger Westernroman so gut unterhalten könnte.

Erwin Bolli

Castle Freeman, Männer mit Erfahrung, Nagel & Kimche 2016.

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Das Leben ist keine Müsliwerbung

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Mitten im mexikanischen Dickicht mit Blick aufs Meer erhebt sich die gläserne Pyramide. Ein Hotelkomplex, der gelangweilten Westlern für viel Geld den Kitzel des kalkulierten Risikos verkauft. Denn der Hotelmanager Mario weiss: „Angst empfinden heisst für sie lebendig sein“. Während das Land in realer Gewalt versinkt, vergnügen sich die Hotelgäste mit dem Kick wohldosierter Überraschungen – inszenierte Guerillaentführungen gehören zum Gefahrenrepertoire. Doch aus dem kalkulierten Risiko wird bitterer Ernst: Zwei Taucher werden zur Strecke gebracht. In diesem Land sollte man nicht sehen, was nicht für einen bestimmt ist und wenn man es gesehen hat, so hat man doch unbedingt zu respektieren, dass „das Paradies diskret ist“. Marios Jugendfreund und ehemaliger Bandkollege Tony verfolgt die Spuren der beiden Taucher. Er hat ebenfalls in der Pyramide Zuflucht gefunden und vertont die Bewegungen der Fische im Aquarium. Tony lernt allmählich, dass das Beste an seiner Vergangenheit darin besteht, dass sie vergangen ist.

Ich gebe es zu: Wenn man mal ein paar Monate in Mexiko gelebt hat, kann man einem solchen Cover nicht widerstehen. Zu sehr erinnert es an die bunten Festlichkeiten vom Día de los muertos und an die heitere Gelassenheit, mit der die Mexikaner dem Unausweichlichen begegnen. Doch ist dieser Text nicht nur etwas für Mexikofans, sondern auch für Leser die sich gerne überraschen lassen, für Querdenker und Sprachliebhaber. „Das dritte Leben“ ist vom ersten bis zum letzten Satz durchkomponiert. Klug, sorgfältig, abgründig, empörend, witzig und mit unvergesslichen Bildern geht der Mexikaner Juan Villoro zu Werke und entlarvt mit Galgenhumor und einer charmanten Leichtigkeit dekadente Scheinwelten. Lernen kann man dabei so einiges. Zum Beispiel, dass das Leben keine Müsliwerbung ist, oder dass das Erwachsenwerden bedeutet, seine Knie zu vergessen, zu denen man einst durch Schrammen und blaue Flecken in ständigem Kontakt stand.

Magdalena Hegglin

Juan Villoro, Das dritte Leben, Hanser 2016.

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Fuchsliebe

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David Garnett, Schriftsteller, Buchhändler, Bohemien und Farmer gehörte zu jenem legendären Zirkel junger Künstler und Literaten um Virginia Woolf, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts im Londoner Stadtteil Bloomsbury traf. 1922 schrieb er seinen zweiten Roman „Lady into Fox“, der jetzt, wieder entdeckt, bei Dörlemann erschienen ist.
Garnett erzählt in dieser Novelle vom Ehepaar Tebrick, das ein gemütliches und gepflegtes Landleben im Süden Englands verbringt. Eines Tages, die beiden Eheleute beobachten gerade eine Jagdgesellschaft, verwandelt sich Mrs Tebrick in eine Fähe, einen weiblichen Fuchs. Das geschieht unangekündigt, plötzlich und bringt den jungen, doch sehr verliebten Gatten, in arge Bedrängnis. Denn niemand soll erfahren, dass seine Frau zum wilden Tier geworden ist. Mr Tebrick nimmt seine Silvia mit nach Hause und entlässt alle Angestellten. Er kümmert sich mit Hingabe um seine zur Füchsin gewordene Ehefrau. Anfangs will die Fähe noch angezogen werden und Toast zum Frühstück essen; aber mit der Zeit setzt sich das Tierische immer mehr durch. Silvia streunt durch die Wälder, reisst Hühner und bleibt immer länger vom Landhaus weg. Das wunderliche Eheleben gestaltet sich zusehends schwieriger, doch Mr Tebrick lässt sich nicht beirren. Selbst dann nicht, als seine Fähe Silvia ihm freudig  ihre Jungen präsentiert…

Ein wunderbares Buch, elegant geschrieben und leicht zu lesen. Eine merkwürdige, anrührende Liebesgeschichte einer unmöglichen aber alles überdauernden Liebe. Eine Wohltat für Vielleser, die schon alles zu kennen glauben.

Carol Forster

David Garnett, Dame zu Fuchs, Dörlemann Verlag 2016.

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Nachrichten vom Osten aus dem Westen

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Vom Osten in den Westen und wieder zurück. Wo nur lässt es sich am besten leben? Pasha, ein jüdisches Kind des ukrainischen Postsozialismus ist auf der Suche und so besucht er nach langem Bitten seine ausgewanderte Familie in Brooklyn. Wonach er sucht? Leben und leben lassen, soweit ist er bereits gekommen. Zuzusehen wie ihm die Ansprüche seiner erweiterten Verwandtschaft langsam über den Kopf hinaus wachsen, ist äusserst vergnüglich.  Die junge Autorin Yelena Akhtiorskaya versteht es in ihrem Debütroman eine Fülle von Figuren skurrile, melancholische und witzigen Wege gehen zu lassen  und die wie Schatten durch die dichte Atmosphäre der Geschichte huschen. Dieser von ironischem Witz getragene Familienroman rund um den Dichter Pawel Robertowitsch Nasmertow  steht in bester slawischer Erzähltradition und dabei anachronistisch zu den politischen Meldungen aus Nasmertows Heimatland Ukraine, die heute unseren Alltag prägen. Dieser Einwandererroman der etwas anderen Art schickt die Leser auf eine unterhaltsame Suche nach Zugehörigkeit, die jede Generation wieder neu antreibt oder vielleicht doch eher vertreibt?

Brigitta Schmid

Yelena Akhtiorskaya, Der Sommer mit Pasha, Rowohlt Berlin

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Lilly Keller Künstlerin

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Kann es sein, dass diese Frau schon über 80 ist? Diesen Satz sagt Fredi Lerch in seinem Porträt über Lilly Keller immer wieder. Diese Vitalität, diese Wachheit, diese Herzlichkeit. Der Autor erzählt aus einem Leben. Er erzählt ein Frauenleben, das Leben einer aussergewöhnlichen Künstlerin, das Leben einer radikalen, mutigen Frau—die in den biederen 50er Jahren zur Kunst gefunden hat und bis heute dabei geblieben ist – sich treu geblieben ist.
Der Autor Fredi Lerch besucht Lilly Keller in ihrem alten Bauernhaus La Fenettaz in Montet im Wadtland. Ein riesiges Anwesen. Das alte Haus, umgeben von einem grossartigen Park, in welchem 100erte verschiedener Bambussorten wachsen. Bambus, den ihr Lebenspartner Toni Grieb sammelte, von unzähligen Reisen mit nach Montet brachte. Fredi Lerch und Lilly Keller führen tagelange Gespräche, es gibt gemeinsame Essen, Spaziergänge. Seit 1962 wohnt sie hier. Damals hatte sie das Anwesen mit ihrem damaligen Freund Toni Grieb zusammen gekauft—um das Geld für den Hauskauf von den Eltern zu bekommen, mussten die beiden heiraten (Die einzige Erpressung, auf die ich mich je eingelassen habe). Selbstverständlich nur standesamtlich, ohne Pomp, schnell musste es gehen.
Hier lebt Lilly Keller seit dem Tod ihres Lebenspartners Toni Grieb—er starb 2008—allein, mit ihren beiden Hunden. Ein Haus voller Kunst, viele Werke befreundeter Künstlerinnen und Künstler, Erinnerungsstücke, Mitbringsel von unzähligen Reisen, Zeitungsartikeln, Möbeln. Angebaut ist Lilly Kellers grosses Atelier. Aus dem Atelier führt eine Glastür in den Park. Erwähnt wird auch der Schrank –voll mit dicken Büchern—das Werkverzeichnis von Lilly Keller. Seit den 50erJahren hat die Künstlerin ihre Werke fortlaufend fotografiert.
Lilly Keller, 1929 geboren, wächst in Muri bei Bern auf. Sie will Künstlerin werden. Ihr Weg führt über die Ausbildung zur Grafikerin, über die Kunstgewerbeschulen in Bern und Zürich—aber eigentlich, sagt Lilly Keller, waren es nicht die Schulen, an denen ich etwas gelernt habe—es waren immer wieder Menschen, die mich gebildet haben. Das Leben selbst.

Lilly sagt: Wenn man etwas will, weil man es liebt, muss man dranbleiben.

Und da waren viele Freundinnen und Freunde, Wegbegleiter. Einige Namen sind bekannt geworden, andere nicht. Jean Tinguely, Meret Oppenheim, Fritz Kuhn, Eva Aeppli – um ein paar wenige zu nennen.
1951 findet in Zürich die erste Ausstellung statt: Zürcher Künstler im Helmhaus. Lilly Keller stellt unter dem Pseudonym Karl Maria Keller aus. Sie zeigt einen Entwurf für eine Tapisserie—deshalb das männliche Pseudonym.

Lilly sagt: Untertauchen, um endlich vorhanden zu sein.

Das Frauenbild damals—angenehm, schön, brav zuhause, gehorchen und jedes Jahr ein Kind. Dem entsprach Lilly Keller ganz und gar nicht. Im Gegenteil!!
Lilly Keller zieht es nach Paris. Der Tänzer Daniel Spoerri lebt da. Er kommt 1954 nach Bern—wegen Lilly Keller und wegen eines Engagements am Theater in Bern. Sie werden ein Paar. Mitte der 50er Jahre wird Lilly Kellern dann Tinguelys Geliebte und die Beziehung zu Daniel Spörri zerbricht. Ende der 50er Jahre ist Lilly Keller für Tinguely und für Spörri als Frau aus dem Spiel—und damit auch als Künstlerin.
1957 lernt Lilly Keller Toni Grieb kennen. Sie heiraten später und ziehen nach La Fenettaz. In ihrem 2Chevaux machten sie sich auf in ihre Rattenburg, damals ein halb verfallenes Anwesen. Sie renovieren nach und nach ihr Haus mit gebrauchten Materialien.
Grieb und Keller—ein aussergewöhnliches Paar. Man feiert keine traditionellen Feste, aber man hat ein offenes Haus—und feiert die Feste so, wie sie eben fallen. Über Treue wird nicht gesprochen, die beiden lassen sich Freiheiten und sind sich dennoch oder gerade deswegen sicher, dass sie ein Leben lang zusammen bleiben werden.

Lilly sagt: Bleib am Leben bis morgen.

Lilly Keller. Künstlerin. Ein langes, aufregendes Leben und noch immer mittendrin. Ein radikales Leben könnte man sagen. Eine Frau, die keine Kompromisse macht. Eine, die NEIN sagen kann, eine, die ihren Weg geht, eine Pippi Langstrumpf, die sich ihre Welt so macht, wie es ihr eben gefällt. Vielleicht war es diese Radikalität, dieses Unangepasste, Selbstbestimmte, das ihr als Künstlerin in den 50er 60er Jahren den Weg zu grösserer Bekanntheit verwehrt hatte.
Das Buch liest sich, als ob man einen Roadtrip machen würde—als Leserin begibt man sich auf eine lange Reise, eine Zeitreise. Und man taucht ein in den Kosmos der Lilly Keller, in die Welt von Karl Maria Keller und Frau Grieb—–sitzt in der Küche von La Fenettaz, durchstreift den Park dort, voller exotischer Pflanzen, –—und man stellt sich vor, wie man mit Lilly Keller Wein trinkt am grossen Küchentisch und ihren Geschichten lauscht.
Ich hatte keine grosse Ahnung, wie wild es in den 60er und 70er Jahren in Bern und Zürich zu und her ging—dass die Künstlerszene –von der man heute ja nur ein paar wenige Namen kennt—so gross und vernetzt war. Dieses Buch von Fredi Lerch schliesst –bei mir jedenfalls—viele Wissenslücken. Ausserdem ist es so einfühlsam und gut geschrieben, dass man es in einem Zug weg liest.
Ich bin beeindruckt. Von diesem Buch. Von dieser Frau. Diesem Leben. Diesem Schaffensdrang, dieser Radikalität und dieser Lebensfreude—die alles durchdringt.

Lilly sagt: Pflanzen wachsen nur, wenn es ihnen passt. Und sie sagt auch: Das nächste kommt einfach—du darfst es nur nicht wollen.

Carol Forster

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