Archiv der Kategorie: Krimi

Kanadakrimikunst

Kiefern

Im beschaulichen Dorf Three Pines macht sich Unbehagen breit: Mitten auf dem Dorfplatz steht eine schwarz verhüllte Gestalt, bewegungslos und stumm. Dann wird eine Leiche gefunden. Armand Gamache, Polizeichef von Québec und Wochenendaufenthalter in Three Pines, schaltet sich in die Ermittlungen ein. Und er muss dabei mit Samthandschuhen vorgehen, will er die zweijährige verdeckte Operation, bei der er alles, alles aufs Spiel setzt, nicht gefährden.

Dorfkrimi, Actionthriller, grosse Politik und internationaler Drogenhandel, Gerichtsdrama, Rachefeldzug und und und … in der Geschichte «Hinter den drei Kiefern» laufen zwischen zwei Buchdeckeln eine Menge unterschiedlicher Krimifäden zusammen. Und es funktioniert tadellos. Meine Krimiempfehlung für den Winter!

Melina Cajochen

Louise Penny, Hinter den drei Kiefern, Kampa Verlag 2018

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Fox, Krokodil und tierischer Mensch

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Ich wollte nie nach Australien. Auf keinen Fall. Diese riesigen Insekten kann ich schon von hier aus sehen! Aber dann.. Immer wieder muss ein Krimi dran glauben und ich nehm ihn mit aufs Küchensofa. Aber bloss welchen? Gut gibt’s auch Buchhändlerinnen für Buchhändlerinnen und Melina weiss Rat – Stunden und Kapitel später bin ich schon daheim im australischen Crimson Lake.

Und Melina erzählt: Ted Conkaffey sitzt auf seiner Veranda und beobachtet seine Gänse – weit weg von Sydney, der Verurteilung und der Medienhetze tastet er sich zurück in eine Art Alltag. Doch es lässt ihn nicht in Ruhe, das Leben – die wohltuend durchgeknallte Aussenseiterin und Privatdetektivin Amanda Pharell braucht seine Hilfe. Während sie zusammen das Verschwinden eines berühmten Schauspielers untersuchen, ermittelt Conkaffey auf eigene Faust im weit zurückliegenden Fall seiner Partnerin. Die örtliche Polizei sieht das gar nicht gerne und versucht ihn mit rabiaten Mitteln daran zu hindern. Als die Medien erfahren, wer da neuerdings in ihrem hübschen Kleinstädtchen wohnt, wird es heiss, sehr sehr heiss für Conkaffey.

Und ich frage: Melina, hat dieses Buch deine Haltung zu Krokodilen verändert?
Ganz und gar nicht – froh war ich, dass Ted seine Gartenzäune immer wieder mal kontrollierte. Und seine Gänse davongekommen sind… Obwohl, gegen Ende werden sie doch noch recht nützlich, die grossen grünen Echsenviecher. Ein Grande Finale, das ein bisschen Freude zurück ins Leben von Conkaffey bringt. Sehr befriedigend.

Vanja Hutter

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Hast du Angst, Mann

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Max Heller hat Angst. Dresden 1944. Es gibt immer noch Nazis, die an etwas glauben, was es gar nie gab. Ein Frauenmörder geht um. Bomben fallen immer wieder. Die rote Armee rückt von Osten schnell näher. Max Heller ist Kriminalinspektor und er hat Angst. Und er ist wütend: Weil die Umstände ihn daran hindern, den Mörder zu erwischen. Weil sein Chef ein bornierter SS-Scherge ist.

„Der Angstmann“ von Frank Goldammer spielt in der unwirtlichen Szenerie einer Stadt, die in einer einzigen Nacht vollständig zerstört wird. Heller überlebt den Bombenhagel, geradeso. Seine Frau auch. Doch was ist mit dem Frauenmörder? Einige Monate vergehen, die Ruinen von Dresden stehen unter russischer Kommandantur. Heller und seine Frau haben sich das Überleben einigermassen eingerichtet, als der Angstmann wieder zuschlägt. Heller fängt wieder an, ihn zu suchen, gerät an den russischen Nachrichtendienst, findet neue Unterstützung und alte, grausame Gegner.

„Der Angstmann“ ist kein historischer Krimi. Er spielt einzig in einem dunklen Kapitel europäischer Geschichte, das bevölkert wird von überzeugenden Figuren und einem Heller, der uns bis zum Schluss hoffen lässt, dass ehrenwerte Menschen schliesslich recht bekommen.

Reto Pfändler

Frank Goldammer, Der Angstmann, dtv 2016.

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Siebenhoch über der Schlucht

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Die Bletterbach-Schlucht im Südtirol ist ein paläontologischer Spielplatz. Behelmt bin ich da auch schon mit meinen Jungs über Stock und Stein gestakst. Die Sicht von Luca D’Andrea auf die Schlucht, ihre Region und ganz besonders auf die Menschen im kleinen, fiktiven Dorf Siebenhoch ist gar nicht verspielt. Sein Held Jeremiah Salinger, ein amerikanischer Drehbuchautor, landet durch die Heirat mit einer Einheimischen in Siebenhoch. Eine Tochter kommt zur Welt, die eigentlich in Ordnung ist, bis Salinger beinahe in einer Lawine stirbt. Dieses Erlebnis, das Spüren der „Bestie“ wie er es umschreibt, prägt ihn.

Ist es Langeweile, ist es ein neues Filmprojekt oder der Versuch, diese Bestie aus dem eigenen Kopf zu vertreiben? Jedenfalls wird Salinger getrieben, ein 30 Jahre zurückliegendes Massaker zu ergründen. Drei junge Menschen wurden während eines Jahrhundertunwetters in der Schlucht in Stücke gehauen. Der Täter wurde nie gefasst. Die Tat lebt aber im kollektiven Gedächtnis von Siebenhoch knapp unter der Oberfläche weiter. Salingers Fragen provozieren mehr als Antworten und am Schluss wird die Bletterbach-Schlucht zum Schauplatz eines überraschenden Endes.

D’Andreas Erstling „Der Tod so kalt“ ist über weite Strecken packend, mitreissend. Einzig als Reiseführer für eine  – lohnenswerte! – Besichtigung der Schlucht taugt das Buch nicht.

Reto Pfändler

Luca D’Andrea, Der Tod so kalt, DVA 2017.

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WESTLAKE IST STARK

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Viel zu lange wurden Donald E. Westlakes Bücher nicht mehr auf Deutsch publiziert. Seit einigen Jahren ist sein Parker allerdings wieder zwischen heimischen Buchdeckeln unterwegs. Es ist auf mehr davon zu hoffen, denn diese Reihe – geschrieben unter dem Pseudonym Richard Stark – ist ausgestattet mit einem coolen Helden, knappen Dialogen, einer durchwegs schlüssigen Handlung und ohne überflüssige Schnörkel.

Höchst erfreulich, dass mit „Fünf schräge Vögel“ nun die erste Folge der John-Archibald-Dortmunder-Serie erschienen ist. Gerne zitiere ich hier die krimi-couch.de: „Mit diesem Roman hat der legendäre Donald Westlake nicht nur einen der erfolgreichsten Krimis geschrieben, sondern auch den Höhepunkt der Gaunerkomödie definiert: ein rasantes Spektakel voller verrückter Ideen, schräger Typen und flotter Sprüche.“ Die Geschichte ist schnell erzählt: John Dortmunder – ein notorischer Dieb mit wenig Geschick – soll für einen afrikanischen Fantasiestaat in New York einen Diamanten stehlen. Das gelingt ihm auch, irgendwie. Und ganz kurz. Dann ist der edle Stein wieder weg und er nimmt mit seinen vier Kumpanen einen neuen Anlauf, und noch einen, und noch einen. Zu seinen üblichen Qualitäten zeigt Westlake in der Dortmunder-Reihe jenen Humor, den man von einem ausgezeichneten Schriftsteller mit irischen Wurzeln erwarten darf.

Reto Pfändler

Donald E. Westlake, Fünf schräge Vögel, Atrium 2016.

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Hirsch jagt im Outback

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Der Australier Garry Disher hat schon einige wirklich gute Krimis hingelegt. Mit „Bitter Wash Road“ hat er mich aber überzeugt wie nie. Die Geschichte hat ihr Zentrum in Tiverton, wo Hirsch – Constable Paul Hirschhausen – strafversetzt wurde. Er fühlt sich etwa so, wie der Treffer für Tiverton auf Google Earth daherkommt – trostlos. Dann geschieht ein Unfall, der keiner ist, seine Polizeivergangenheit holt ihn ein, Rassismus, Gewalt und Landlord-Gehabe wabern durch die Ödnis und machen ihm das Leben schwer. Hirsch hat aber seine Grundsätze, lässt sich nicht so leicht ins Bockshorn jagen, scheut keine Umwege. Mal behindert von den eigenen Kollegen, mal unterstützt von unverhoffter Seite, kommt er zum Ziel. Einem Ziel, das zu erreichen eigentlich gar nicht so wahnsinnig erstrebenswert ist.
Disher erzählt lakonisch, punktgenau, treibt die Geschichte voran und gibt ihr zwischendurch Zeit, Luft zu holen. Ein Leckerbissen, der definitiv besser schmeckt als Vegemite auf Toast.

Reto Pfändler

Garry Disher, Bitter Wash Road, Unionsverlag 2016.

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Berlin, Berlin!

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Zwei feine Krimis aus Deutschlands Hauptstadt gefällig? Fangen wir mit „Der Eismann“ von Silja Ukena an. Es ist ein Erstling, der durchwegs überzeugt – starke Figuren und eine kluge Handlung. Die wichtigste Figur ist der genervte Hauptkommissar Bruno Kahn. Träge quält er sich durch die vorweihnächtliche Kälte bis zwei seltsame Todesfälle dazwischenkommen und bald noch ein dritter. Statt gemütlich beim deutschen Franzosen fein zu essen, muss sich Kahn mit der quirligen Kollegin Laura Conti tief in die DDR-Vergangenheit graben. „Der Eismann“ ist kein Reisser, aber mitreissend und Kahns Flanieren durch Berlin ist Seite für Seite eine Reise wert.

Schnellere und härtere Kost servieren Astrid Ule und Eric T. Hansen unter dem Pseudonym Ule Hansen. In „Neuntöter“ kriegt es die Fallanalystin – Profiler, kensch – Emma Carow mit Morden der übelsten Sorte zu tun. Jemand hängt noch lebende Menschen, satt in extrastarkes Klebeband gewickelt, an verlassenen Orten in Berlin auf. Nur die Gesichter werden freigelassen. Da hängen die Bemitleidenswerten mit bester Aussicht und sterben langsam und elendiglich vor sich hin. Carow wird mit Haut und Haar in den Fall hineingezogen, gleichzeitig kämpft sie mit ihrem eigenen Vergewaltigungstrauma . Auch wenn Ule Hansen manchmal etwas gar dick auftragen: „Neuntöter“ ist so reich an dunklen Seiten, dass man irgendwie froh ist, die letzte gelesen zu haben.

Reto Pfändler

Silja Ukena, Der Eismann, Blanvalet 2015.
Ule Hansen, Neuntöter, Heyne 2016.

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So viel Blut, dachte Susan Frobisher

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Kaum zu fassen – der Banküberfall ist geglückt. Vielleicht einmal davon abgesehen, dass ein Mann von der Polizei gefasst wurde. Anderseits: Er ist alt und seine Nützlichkeit mehr als fragwürdig. Den Überfall durchgezogen haben vier ältere bis alte Frauen, die alle ihre guten Gründe haben, das nicht ganz so beschauliche Leben hinter sich zu lassen. Die Geschichte in „Old School“ von John Niven beginnt natürlich schon vor dem Bankraub mit einer Auslegeordnung der Leben von vier Frauen zwischen 60 und 80 im heutigen England. Die eine lebt im Altersheim, die zweite arbeitet dort, die dritte hat einen schwerkranken Enkel und die vierte hat gerade ihren Mann auf hässliche Weise verloren. Noch hässlicher ist für sie allerdings, dass besagter Mann sie mit einem Schuldenberg in ihrer einst satten Vorortsbeschaulichkeit zurücklässt. Witzig und schräg schickt Niven die Frauen auf die Flucht vor der Polizei durch England, an den Kanal und dann hinüber nach Frankreich, wo die wilde Jagd weitergeht. Denn zwei englische Dorfpolizisten haben sich ihnen an die Fersen geheftet, sorgen für internationale Misstimmigkeiten und auch sonst für viel Fröhlichkeit beim Leser.

Wer Lust auf vergnügliche Stunden, einen Schuss Spannung und ganz viel verqueren Humor hat, ist mit John Nivens neustem Streich sehr gut bedient. Und wem „Old School“ gefallen hat, findet weitere Bücher des bissigen Schotten, die zwar ganz andere Themen haben, aber trotzdem vor Phantasie und Witz sprühen.

Reto Pfändler

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!Don!Winslow!

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Wäre ich ein Teenie und Don Winslow Mitglied einer Boygroup, wäre ich nur noch am Kreischen. Mittlerweile kennen ihn wohl die meisten, die irgendwie mit Krimis und Thrillern etwas am Hut haben. Aus Anlass seines neuesten auf Deutsch erschienen Buches, hier eine kleine Lobhuddelei.

Zuerst die Facts mit einem Hauch Subjektivität. Von Winslow sind 15 Bücher in deutscher Übersetzung erschienen. Eines – „Vergeltung“ – ist grottenschlecht. „London Undercover“ und „China Girl“, seine ersten Bücher, sind lesenswert und sehr unterhaltend. Auch „Manhattan“ und „Satori“ – in ihrer Art zwar untypische Winslows – machen von Anfang bis Ende Spass. Bleiben noch zehn weitere Bücher und die sind alle schlichtweg atemberaubend. Egal, ob sie in der Surferszene von Südkalifornien spielen, einen Brandermittler in den Mittelpunkt stellen oder ob es ums grosse, dreckige Geschäft mit Drogen geht. Die schwierige Frage ist für von Winslow noch Unbefleckte nun: Mit welchem Buch fange ich bloss an?

Wer mehr Lust auf eine chronologische Entdeckungsreise hat, sollte mit „London Undercover“ beginnen und sich dann durcharbeiten. Wer gleich die volle Ladung geniessen will und es dann gerne gemütlicher angeht, startet mit einem der Doppelpakete „Zeit des Zorns“ und „Kings of Cool“ oder „Tage der Toten“ und dem aktuellen „Kartell“. Einen sanften, aber unglaublich coolen Einstieg bieten „Pacific Paradise“, „Pacific Private“, „Frankie Machine“ und „BobbyZ“. Ebenfalls als Starthilfe zu empfehlen ist „Missing New York“. Irgendwann für zwischendurch schliesslich ist „Die Sprache des Feuers“ ein heisser Tipp.

Für mich hoffe ich einfach, dass Don Winslow weiter schreibt, auch wenn noch ein paar seiner ersten Bücher nächstens herauskommen sollen.

Reto Pfändler

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Und träge fliesst der Sabine River

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Der Osten von Texas wird von einer Landschaft geprägt, die im krassen Gegensatz zu den wüsten Bildern aus mehr oder weniger gelungenen Westernverfilmungen steht. Der bereits aus dem Buch „Dunkle Gewässer“ bekannte Sabine River fliesst durch die üppige Landschaft, die zum einen ein vegetatives Dickicht ist. Zum andern treffen wir auf menschliche Verwachsungen.  „Das Dickicht“ von Joe R. Lansdale erzählt die Gesichte von Jack Parker, der zuerst die Eltern an die Pocken, dann den Grossvater an Banditen verliert. Und die sind gar nicht verlegen und entführen die Schwester des jungen Jack auch noch. Klar, die Schwester will gerettet sein und Jack findet Hilfe: Shorty ein – was wohl – Zwerg, Eustace, Sohn eines Sklaven und die bezaubernde, kluge und auch käufliche Jimmie Sue helfen – bis zum für die meisten bitteren Ende.

„Das Dickicht“ ist ein erzählerischer Strudel, dem zu entkommen unmöglich ist. Faulknersche Stimmungen, eine bildstarke Sprache und dauernd das Gefühl einen Tarantinofilm im Hinterkopf ablaufen zu haben, machen dieses Buch zu einem Ereignis.

Reto Pfändler

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Auf einer „Kanonenkugel ins All“ – und tatsächlich zurück

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Mein ehemaliger Physiklehrer würde implodieren oder sich sonstwie atomisieren. Was der Held in Götz Gerckes wunderbarem Buch „Aaron Grünblatt und der blinde Passagier aus Madras“ erlebt, widerspricht nahezu jedem Naturgesetz. Nicht von ungefähr erinnert der Autor einleitend an den legendären Baron von Münchhausen. Die Geschichte an sich ist schnell erzählt. Dem pensionierten Aaron Grünblatt ist es langweilig. So konstruiert er aus Holzresten eine Rakete und startet aus seinem Garten in Haifa zu einer Reise zum Mond. Wohlbehalten wieder zurück, nutzt er eine Baumarktaktion, kauft ausreichend Kunststoff-Regentonnen und baut sich ein Tauchgerät. Damit beginnt der Hauptteil des Buchs und die lange Reise dorthin, wo das Weltmeer am tiefsten ist. Bald schon wird er von Samir, einem seltsamen Fakir, begleitet. Zusammen überstehen sie die haarsträubendsten Abenteuer.

Götz Gercke, ein Pseudonym, hat ein kurzweiliges, modernes Abenteuerbuch geschrieben. Die Helden sind nicht ernst zu nehmen. Trotzdem wird der Leser – allenfalls auch die Leserin – immer wieder gepackt von atemberaubenden Verfolgungsjagden und überraschenden Auswegen, wenn man um das Leben der Helden fürchtet. So etwa, wenn sie als Suppeneinlage für Insulaner dienen sollen. Wer einen grossen Schritt neben die Realität machen will, wer Fiktion jenseits jeglicher Glaubwürdigkeit mag, wer ein paar Stunden ausgezeichnet unterhalten sein will und wer sich nicht scheut im voll besetzten Zug laut loszulachen, dem sei dieses Buch empfohlen.

(Reto P.)

Ausdrückliche Warnung: Gelangweilten Menschen wird sehr empfohlen, die beschriebenen Flug- und Tauchgeräte nicht nachzubauen und einzusetzen.

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Meine lieben Schweden

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Der Hype um nordische Krimis ist anhaltend. Doch nicht alles, was aus Wallanderland und drumherum herkommt, ist auch wirklich überzeugend. Weit aus der Masse ragen aber die beiden ganz unterschiedlich gelagerten Bücher „Schattenjunge“ von Carl-Johan Vallgren und „Ein Mann namens Ove“ von Frederik Backman heraus. Vallgren, der bereits literarisch ernsthaft vorbelastet ist, legt mit „Schattenjunge“ einen Spannungsroman vor, der keine Wünsche offen lässt. Starke Figuren, offene Handlung bis zum Schluss und – wichtig! – die Aussicht auf mehr. Das Handlungsgerüst ist schnell erklärt: 1970 verschwindet ein Junge spurlos. Mehr als 40 Jahre später erleidet sein erwachsener Bruder das gleiche Schicksal. Die Ehefrau setzt eine seltsame Art Ermittler – den wunderbaren Danny Katz – darauf an, den holden Gatten zu finden. Und dann wird’s mysteriös, blutig und sehr verwirrend. „Schattenjunge“ verlangt einiges an Konzentration, um den Faden nicht zu verlieren und das Personal im Griff zu behalten. Beides ist nicht wirklich problematisch, denn einmal angefangen, will man nicht aufhören zu lesen.

Ove hingegen will aufhören. Aufhören zu leben. Dabei ist er nicht wirklich erfolgreich. Und das ist gut so. Fredrik Backman liefert mit seinem Erstling eine Jumbopackung guter Gefühle, verpackt in eine wunderbare Geschichte. Ove, der vital am Sinn seines Lebens zweifelt, ist eine seltsame Figur. Stur, pingelig, ein Paragraphenreiter, über den man als literarische Figur lacht, mit dem man aber im wirklichen Leben um Himmelswillen nichts zu tun haben will. Zuerst. Dann wird alles anders – nicht plötzlich, mehr so nach und nach auf leisen Sohlen wie die Katze, welche  Ove gehörig nervt, durchs verkehrsberuhigte Vorstadtquartier schleicht. Ich geb’s freimütig zu: Eigentlich habe ich es mehr mit den blutigen Storys oder dem anarchischen Humor eines Tom Sharpe. Aber „Ein Mann namens Ove“ hat mich mit Geist und Seele gefangen genommen, berührt – wie peinlich – und bezaubert. Kaufen, lesen, nochmals kaufen und verschenken – dem bärbeissigen Onkel, der schrulligen Tante, der sentimentalen Kollegin, dem leicht neben der Spur fahrenden Autofan und allen unerwünschten Nachbarn.

(Reto P.)

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Gibt es den schottischen Heimatroman?

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Glasklar ist gar nix in Glasgows Unterwelt. Intrigen, Verwirrspiele und immer wieder dies und das Abwägen machen Calum das Leben schwer. Als freischaffender Auftragsmörder mag er lieber klare Verhältnisse. Auftrag erhalten, Auftrag ausführen, ein Mann tot und einer wird bezahlt, so sollte es laufen. Doch in Malcolm Mackays Buch „Der unvermeidliche Tod des Lewis Winter“ ist alles in der Schwebe. Welche Polizisten sind wie korrupt, welche Gauner haben noch einen letzten Rest Ehre und was für ein Spiel spielen die reihenweise auftauchenden Unsympathos? Antworten gibt natürlich das Buch. Es lässt aber auch einiges offen und in Originalsprache liegen weitere Bände mit Killer Calum vor. Immerhin, der stirbt nicht.

(Reto P.)

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Spademan hält nichts von Abfalltrennung

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In New York ging einmal eine Bombe nieder. Zurück blieben ganze Stadtteile leergefegt, eine hübsche Portion Strahlenbelastung und eine seltsame Art von Betten, die zu mentalen Reisen in Parallelwelten einladen. Kurz, alles ziemlich verwirrlich, natürlich apokalyptisch und ganz und gar ungemütlich. Die Bombe tötete damals natürlich auch viele Menschen, die einen sofort, die anderen etwas später. So machen es Bomben nun einmal.

Die Bombe tötete auch Spademans Frau. Nun tötet Spademan, der vorher als Müllmann seinen Lebensunterhalt verdiente, Menschen – immer im Auftrag. Dabei kommt es nicht darauf an, wenn er mit seinem Teppichmesser tötet. Das funktioniert, bis es – natürlich – komplizierter wird. Den einen Auftrag kann er nicht aufführen und seine wohl geordnete Welt gerät in Schieflage.

Der Autor Adam Sternbergh ist New Yorker, lebt in New York und schreibt unglaublich cool. Die Geschichte ist genug seltsam und gerade noch ausreichend in einer möglich Realität verhaftet, dass all jene, die an Fantasyallergie leiden, sie noch geniessen können. Wobei geniessen vielleicht nicht wörtlich zu verstehen ist. Teppichmesser – alles klar?

(Reto P.)

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Paul Finch und fertig

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Heck ist weg vom Fenster. Der Londoner Detective Segeant hat sich mächtig reingekniet und nichts erreicht. Der Beginn von Paul Finchs „Mädchenjäger“ stellt den Helden ins Abseits. Dort bleibt er auch, nur wird er genau dann fündig, als niemand ihn mehr auf dem Plan hatte. Heck – Mark Heckenburg – hatte eine Theorie, die so unglaublich tönt, dass man sich wünschte, sie würde sich nicht als richtig erweisen. Tut sie aber.

38 Frauen sind verschwunden, spurlos. Sie tauchen auch nicht mehr lebendig auf. Das Geschäft dahinter ist abartig und die Geschäftemacher sind ein abstossender Haufen. Zum Glück ist Heck hinter ihnen her, unterstützt von einer Ex-Soldatin, deren Schwester zu den Opfern gehört.

Über mehr 400 Seiten treibt Finch die Geschichte vorwärts, Schnörkel braucht er nicht, Rücksichten nimmt er keine und die Hoffnung auf ein glückliches Ende ist mehr als trügerisch. Wer Mädchenjäger lesen will, braucht ein gutes Timing. Am besten an einem Freitagabend vor einem voraussichtlichen Regenwochenende beginnen. Bringt zwar keinen Sonnenschein in die gute Stube, macht aber sogar eine Sintflut halb so interessant.
(Reto P.)

Dänen können ganz schön böse sein

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Spätestens seit Adler Olsen ist klar: Die Dänen können ganz schön böse sein. Das Schöne daran ist, sie erzählen ihre Geschichten so gut, dass sie immer wieder die erste Geige im skandinavischen Mordklang-Quintett spielen können. Jesper Stein ist einer dieser Dänen. Er hat seinen Erstling „Unruhe“ vorgelegt und dabei einen etwas seltsamen Polizisten eingeführt. Der muss sich mit einem Mord im Umfeld von Unruhen rund um ein Jugendzentrum herumschlagen. Dabei sind die brennenden Barrikaden noch die kleineren Hindernisse. Stein galoppiert zwar nicht gerade durch seine Geschichte, lädt ab und an etwas viel Ballast auf, doch unterm Strich bleibt „Unruhe“ ein feines Stück Krimi.
(Reto Pfändler)