Archiv der Kategorie: Bücher – Für Sie gelesen

Unsere heissen Sommertipps!

Bücher lesen im Liegestuhl, Bücher mittragen im Rucksack, Bücher im Zug verschlingen, Bücher zum Weiterträumen unters Kopfkissen legen. Wir brauchen Bücher in jeder Lebenslage! Hier sind unsere Reisebegleiter der letzten Wochen. Auf zu kurvigen Leseabenteuern und grenzenlosen Entdeckungsreisen!

 

Carol Forster empfiehlt..

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„Da sind wir“ von Graham Swift

Eine Dreiecksgeschichte im Varietémilieu der späten Fünfzigerjahre. Ein bezaubernder, flirrender Ausflug ins Seebad Brighton in Begleitung eines Zauberers, eines Entertainers und der entzückenden Evie White.

 
„Die Liebe ist ein schreckliches Ungeheuer – Illustre Schweizer Paare“ von Franziska Schläpfer

Aussergewöhnliche Persönlichkeiten, ungewöhnliche Liebesgeschichten. Franziska Schläpfer hat in Archiven gestöbert, unzählige Tagebücher gelesen, mit Nachkommen gesprochen und erzählt uns in ihrem neuesten Buch von starken Charakteren, die ihre Leidenschaft auf Augenhöhe lebten, im Guten wie im Schlechten. Corinna Bille und Maurice Chappaz, Anne-Marie Blanc und Heinrich Fueter und einige mehr. Ein aufregender Blick auf schillernde Schweizer Paare.

 
„Unter Blumen“ von Regula Engeler

Zeitgenössische Fotografie verbunden mit Liebeslyrik des 9. Jahrhunderts von Wen Tingyun. Eine künstlerische Begegnung von Ost und West. Bilder und Texte treten in einen Dialog und verdeutlichen die entgrenzenden Eigenschaften von Kunst. Erschienen im wunderbaren Vexer Verlag St.Gallen.

 
„Flugs in die Post“ von Patrick Leigh Fermor

Wir reisen im Zeitraum von siebzig Jahren in den Briefen von Patrick Leigh Fermor quer durch die Welt und erleben seine Abenteuer mit. Rumänien, Griechenland, England, Afrika, Italien. Paddy schrieb unermesslich viele Briefe an seine Frau, an seine Freundinnne und Freunde und an seine Geldgeber. Er war ein Bonvivant, ein Abenteurer, Journalist, Schriftsteller und ein unersättlicher Genussmensch. Grossartig. Danke lieber Dörlemann Verlag.

 
„Eine Frau in New York“ von Vivian Gornick

»Eine Frau in New York« ist das zutiefst ehrliche Bekenntnis Vivian Gornicks, der Grande Dame der amerikanischen Frauenbewegung, zu einem selbstbestimmten, unkonventionellen Leben, eine mutige Annäherung an das Fremde, eine Ode an wahre Verbundenheit und eine Liebeserklärung an diese kräftezehrende und zugleich so vitalisierende Stadt: New York.

 
„Die Farben des Feuers“ von Pierre Lemaitre

Oder doch nach Paris? Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs regieren Habgier und Neid in den Straßen von Paris, und so bahnt sich ein Komplott an, um das mächtige Bankimperium Péricourt zu Fall zu bringen. Doch Alleinerbin Madeleine weiß die Verhältnisse in Europa für sich zu nutzen, und dreht den Spieß kurzerhand um. Für Madeleine ist das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch nicht gesprochen. Um ihres Sohnes willen beginnt sie ihren ganz persönlichen Rachefeldzug zu planen.

 

„Gone Baby Gone“ von Dennis Lehane

Nichts für schwache Nerven. Dorchester, das Arbeitierviertel von Boston. Kenzie & Gennaro ermitteln in einem Entführungsfall. In „Gone Baby, Gone“ steht das Kindeswohl im Mittelpunkt, manchen liegt es so am Herzen, dass sie ein Kind, die vierjährige Amanda, entführen. Die Mutter, Helene McCready, ist Drogen, Alkohol, dem Fernsehen und falschen Freunden mehr zugeneigt als ihrer Tochter. Die Schwägerin, mit Helenes Bruder verheiratet, sorgt sich mehr um den Verbleib ihrer Nichte als die Mutter, die ihre Trauer vor allem vor der Reportermeute zur Schau stellt. Die Polizei rückt mit Hundertschaften aus, und findet keine Spur der Kleinen. Sie scheint samt ihrer Puppe vom Erdboden verschwunden zu sein. Deshalb engagiert die Tante das Privatdetektiv-Duo Patrick Kenzie & Angela Gennaro.

 

Anna-Lena Fässler empfiehlt…

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Für Reisehungrige, die diesen Sommer zumindest in Gedanken verreisen möchten:
„Brot, Salz und unsere Herzen“ Edith Durhams Reise durch die Bergwelt Albaniens  und „Insel Europa“  von Annemarie Schwarzenbach – zwei eindrückliche Reisepionierinnen, die ihre Abenteuer und Eindrücke packend festgehalten haben.
„Schwarze See – eine Reise um das Schwarze Meer“ von Jens Mühling – er erzählt von einem Meer zwischen den Trennlinien Europas und führt uns vor Augen, dass alle Grenzen letztlich fliessende sind und ein „Klassiker“ der Reiseliteratur: „Die Erfahrung der Welt“ von Nicolas Bouvier.

Für Lesehungrige:
„Hilma af Klint – Die Menschheit in Erstaunen versetzen“ von Julia Voss – endlich eine ausführliche Biographie über die lange verkannte Pionierin der abstrakten Malerei – ein wunderbares Zeit- und Frauenportrait.

Für Abenteuerhungrige:
Tru & Nelle G. Neri – eine absolut liebenswerte Kinderbuchentdeckung über die Freundschaft von Nelle Harper Lee und Truman Capote in einem heissen Südstaatensommer.

 

Can Tolga empfiehlt…

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Mooji lädt ein zu entdecken, das unser Herz „Weiter als Himmel, grösser als Raum“ ist.
Für alle die sich nicht vor einer Reise nach innen scheuen.

Für die Kleinen, Mittel- und ganz Grossen ein reinstes Lesevergnügen.
Ob liebevoll und gewitzt mit „Die Wahrheit über alles – der kleine Spirou“, exotisch mit
„Marsupilami – Tumult in Palumbien“, oder tollpatschig mit „Percy Pickwick – Just married“ – für alle ist etwas dabei.

Utterly amusing and nonetheless very informative„Mythos“ by Stephen Fry is compelling and witty.

„Meddling Kids“ by Edgar Cantero, what a mad and lovable book. A rollercoaster ride through genres and emotions, one can only love this imaginative, unsettling and lovable tale.

 

Vanja Hutter empfiehlt…

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Für alle, die „Weit weg von Verona“ ihre Füsse über die Mauer baumeln lassen wollen, in Gesellschaft der schlagfertigen und klugen 14-jährigen Jessica.

Für die „Spartaner“ unter uns, genügsam mit schlankem Buch, unersättlich an blitzschnellem Dialogabtausch.

Für solche, die wissen wollen „Warum ich nicht länger mit Weissen über Hautfarbe spreche“, um nachher dringend darüber zu reden.

Für die Ausloterinnen und Forscher einer „Geografie der Freiheit“ . Ein John-Berger-Projekt“ vom Vexer Verlag St. Gallen, dessen Spezialforschungsgebiet unter anderem der Tümpel ist. www.vexer.ch

Utopist*innen vor. Die Welten von Emmanuelle Bayamack-Tam rütteln die Eigenen in neues Licht. Willkommen in „Arkadien“.
„Nicht mein Ding“ würde ich niemals von diesem Buch sagen. Lustig und todtraurig, dazwischen eine Brücke der kleinen, feinen Wunder.

 

Maria Riss, bereits in die Ferien gedüst, empfiehlt…

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„Alles genau so in echt passiert“ von Anke Kuhl

Anke Kuhls Illustrationen sind schlicht umwerfend. Mit ganz wenigen Strichen bringt sie in den kurzen Comics alles zum Ausdruck, was Kinder bewegt: Angst, Eifersucht oder Glückseligkeit. Das Buch eignet sich zum Erzählen oder Vorlesen, zum Lernen einer differenzierten Bildersprache, zum Lachen, Vergleichen und Diskutieren. Für Kinder ab etwa 6 Jahren.
„Sammy. Die unglaublichen Abenteuer einer kleinen Maus“ Henry Cole

Die Spannung in dieser Geschichte beginnt gleich auf der ersten Seite und bleibt bis ganz zum Schluss erhalten. Es ist wirklich schier unglaublich, was dieser Mäuserich mit seiner so mutigen Freundin Fiona alles erlebt. Ein wunderbar, spannender Lese- und Vorlesespass mit fantastischen Bildern. Zum Vorlesen ab 6, zum Selberlesen ab etwa 8.
„Endling. Die Suche beginnt“ Katherine Applegate

Das Buch «Endling» ist Fantasy vom Feinsten. Hier stimmt einfach alles: Die treffend gezeichneten Figuren mit ihren verschiedenen Charakteren, die Schilderung der mystischen Welt und ihrer Fabelwesen, die zahlreichen klugen Dialoge und der spannende Plot. Ein wunderbar ergreifendes und spannendes Lesevergnügen für Kinder ab etwa 12 Jahren.

„Heldenhaft“ Andreas Thamm

Zwei Jungs, beide etwa 16 Jahre alt, wohnen in einem kleinen Kaff und träumen nicht nur von grossen Abenteuern, sondern auch von der ersten Liebe. Und dann zieht Lea ins Dorf und plötzlich wird alles anders, realer. Die Geschichte ist in einer Sprache geschrieben, die sich locker liest und die doch sehr treffend das grosse Gefühlsdurcheinander junger Erwachsener beschreibt. «Heldenhaft» lohnt sich zu lesen, nicht nur für Jugendliche, sondern auch für Erwachsene, die ihrer eigenen Jugend nachspüren wollen.

 

Das wirkliche Leben

Unser neues Büchermagazin ist da, liegt auf und hält nicht zurück mit tollen Büchertipps von Buchhändler*innen aus der ganzen Schweiz!

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Selber lesen? Hier geht’s zum Buch!

Was wir voneinander wissen

Kürzlich hat Andrea Köhler bei ihrer Besprechung des Romans „Mutter. Chronik eines Abschieds“ in der NZZ festgehalten, dass „Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter die vielleicht ambivalenteste überhaupt [ist].“ und die Mutter in jüngerer Zeit zu einem der „bevorzugten Themen der autobiographischen Selbsterkundung von Frauen geworden ist“.

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Auch am Anfang von Jessie Greengrass` Roman „Was wir voneinander wissen“ steht die Frage „Soll ich noch einmal Mutter werden?“ In Anbetracht dieser lebensverändernden Entscheidung blickt die namenlose Ich-Erzählerin (es handelt sich nicht um einen autobiographischen Roman) zurück auf das  eher kühle Verhältnis zu ihrer eigenen Mutter, das erst an Tiefe und Wärme gewann, als diese schwer an Krebs erkrankte und auf die Pflege der Tochter angewiesen war – geschildert intensiv, ehrlich und ohne Pathos. Und auch den Einfluss der dominanten Grossmutter, einer Psychoanalytikerin, die Tochter und Enkeltochter gleichermassen zu analysieren versuchte, zieht sie in ihre Betrachtungen hinein. Sie selbst empfindet ihre Mutterschaft als „Gratwanderung, ihr [der Tochter] genug von meiner Liebe zu geben, dass sie sich ihrer bewusst ist, aber nicht zu viel, um sie nicht an mich zu binden; sie wissen zu lassen, dass diese Liebe da ist, doch ihre Grösse nicht zu betonen, und wenn ich sie ermutige, sich von meinem Blick zu lösen, kostet es mich viel Mühe, meiner Sehnsucht nach ihr nicht nachzugeben…“

Der Roman dreht sich aber nicht nur um das Mutterwerden und –sein, sondern, wie der Titel besagt, auch um die Fragen, was wir überhaupt voneinander wissen, wie wir zu unseren Erkenntnissen gelangen und wie diese uns dabei helfen, Entscheidungen zu treffen. Dabei interessieren die Ich-Erzählerin bei ihrer philosophischen Selbstanalyse nicht die äusseren Fassaden, sondern die tieferen, oft versteckten Schichten. Geschickt verwebt die Autorin mit wunderbar fliessender, bildreicher Sprache die drei bedeutenden Erlebnisse im Leben der Erzählerin mit drei auf den ersten Blick ganz unterschiedlichen Wissenschaftsdiskursen: Wilhelm Conrad Röntgen gelang es als Erstem, Körper mit Strahlung zu durchleuchten. Sigmund Freud hat mit seiner Psychoanalyse Menschen und ihre Motive versucht zu durchschauen und John Hunter sezierte sein Leben lang Körper und legt damit die Grundlage für den zuerst erfolglosen Kaiserschnitt. Im Verlauf der Lektüre beginnt man die allen zugrundeliegende Motivation, Dinge freizulegen und erfahrbar zu machen, nachzuvollziehen. Alle erfahren schlussendlich auf unterschiedliche Weise, dass der Preis der Erkenntnis, die Entzauberung eines Wunders ist.

Anna-Lena Fässler

Jesse Greengrass, Was wir voneinander wissen, Kiepenheuer & Witsch, 2020.

 

 

Zur Sprache bringen. Empfehlunen für junge Leserinnen & Leser

Kinder- und Jugendbücher stellen immer wieder sehr aktuelle Themen in den Fokus. Auch zum momentanen Geschehen in den USA. Vier lohnenswerte Titel stellen wir genauer vor.

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Im letzten Herbst ist ein wunderbares, leicht verständliches Bilderbuch für kleine Kinder über die Lebensgeschichte von Rosa Parks, der bekannten afroamerikanischen Bürgerrechtlerin, erschienen. Besprechung „Rosa Parks“ aus der Reihe „Little people – big Dreams“ .

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Im Jahr 2016 hat der erfolgreiche afroamerikanische Autor Jason Reynolds ein Buch geschrieben, das die derzeitigen Ereignisse in den USA genau auf den Punkt bringt. Besprechung „Nichts ist okey!“ von Jason Reynolds

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Nic Stone berichtet in ihrem ersten eindrücklichen Jugendroman von Yustice, einem jungen Schwarzen, der Briefe an Martin Luther King schreibt und ihn um Rat bittet. Besprechung „Dear Martin“ von Nic Stone.

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Angie Thomas schreibt über die sechzehnjährige Starr, die trotz ihrer schwarzen Hautfarbe eine weisse Schule besucht. Der beeindruckende Roman hat es auf Anhieb auf Platz 1 der New York Times-Bestenliste geschafft. Besprechung  „The hate u give“ von Angie Thomas.

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Wassertänzer

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Ta-Nehesi Coates, Autor, Journalist und Menschenrechtskämpfer, liefert mit „Der Wassertänzer“ seinen ersten Roman und enttäuscht mitnichten.
Es ist beinahe unmöglich, sich dem von der ersten Seite an entstehenden Sog dieser atemberaubenden, kraftvollen sowie magischen Vorbürgerkriegsgeschichte zu entziehen.

Wir werden Zeuge des Lebens eines gewissen Hiram Walker. Er ist zugleich Sklave und Sohn des Plantagenbesitzers Howell Walker, welcher Hirams Mutter verkauft als dieser erst 9 Jahre jung ist.
Durch dieses nie überwundene Trauma entwickelt Hiram die Gabe, sich an alles, jedes kleinste Detail jeder Minute und Stunde seines Lebens erinnern zu können. An alles, ausser an seine Mutter. Hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung einer Zukunft auf der Plantage seines Vaters und der Flucht in die Freiheit, beginnt Hirams Weg, welcher ihn in den „Untergrund“ führt, eine Freiheitsbewegung, die ihren eigenen Extremen folgt. Wird Hiram die Kraft haben sich seinen Erinnerungen zu stellen und die Geheimnisse zu lüften, die in ihm schlummern?

Coates gelingt es scheinbar leichtfüssig mit seiner berührenden, von Klarheit schillernden Prosa eine Geschichte zu erzählen, die durch wundervolle Charaktere besticht und doch, durch ihre Tiefe, die Leser*innen in dunkelste Abgründe führt.
Schonungslos entfaltet sich die Realität, welche durch die Sklaverei geschaffen wurde. Die beabsichtigte Trennung von Familien und deren traumatische Folgen, die Ohnmacht und die Unbeugsamkeit der Menschen, denen das grösste Unrecht wiederfahren ist.

Ein grosses Buch einer wichtigen Stimme, dessen Lektüre nur ein Gewinn sein kann.

 

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Ta-Nehesi Coates, der Wassertänzer, Blessing Verlag 2020

Mitlesen, Anlesen, Auflesen, VORLESEN!

Zum heutigen Vorlesetag 27. Mai 2020

Vorlesen soll Spass machen, nicht nur den zuhörenden Kindern, sondern auch Vorleserinnen und Vorleser. Frisch erschienen und wunderbar geschrieben ist das Buch: „Als ich die Pflaumen des Riesen klaute“ von Ulf Stark. 

 

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In Ulfs kleinem Dorf lebt ein Riese. Unheimlich ist dieser hünenhafte Oskarsson, schaut immer mürrisch in die Gegend und spricht kaum ein Wort. Nur wenn Mama bei offenem Fenster Klavier spielt, da werden die Augen des Riesen ganz sanft. Ulf und sein bester Freund Bernt haben Angst vor diesem Oskarsson. Da helfen auch die ganzen Hypnosekünste nicht, die Bernt immer wieder ausprobiert. Um sich die Zeit in diesem nie enden wollenden Sommer zu vertreiben, stellen sich die beiden gegenseitig Mutproben. Ulf ist nur bedingt begeistert und trotzdem fasziniert davon. Die neuste Aufgabe, die erfordert wirklich all seinen Mut: Er soll in Oskarsson Garten Pflaumen klauen. Es stürmt an diesem Tag, alles wirbelt durcheinander, vielleicht ist dies mit ein Grund, weshalb Ulf zum ersten Mal mit Oskarsson spricht und etwas Wichtiges entdeckt: Grosse mürrische Menschen müssen nicht immer böse sein, möglicherweise sind sie nur so einsam, dass sie das Reden verlernt haben. Wie Ulf und Bernt es schaffen, dass Oskarsson plötzlich ziemlich nett ist und ihnen sogar beim Bau einer Hütte hilft, das sei hier noch nicht verraten, zu schön ist es, diese Geschichte selber nachzulesen.
Der leider verstorbene schwedische Autor Ulf Stark bleibt sich auch in seinem letzten Buch treu. Er ist bekannt für seine wunderschöne Sprache, für seinen Witz und für seine so liebenswerten Figuren. Man spürt beim Lesen die Wärme, das Licht, aber auch, dass manchmal Schatten zum Leben dazugehören. Und zwischendurch, da kann man immer wieder kichern. Das Buch erzählt von Lausbuben, die, wie sollte es anders sein, ein butterweiches Herz haben. Eine witzige, spannende und gleichermassen berührend poetische Geschichte, die sich hervorragend für vergnügliche Vorlesestunden eignet. Für Kinder ab 8 Jahren genauso wie für Erwachsene.

Urachhaus 2020, ISBN: 978-3-8251-5222-2

 

Weitere tolle Vorleseempfehlungen von Maria Riss, unsere Spezialistin für Kinderbücher,  finden Sie hier !

 

Unser Vorleser

Der TV-Entertainer aus dem Appenzell (und ehemaliger Bücherladennachbar) ist ein umtriebiger Tausendsassa. Für den Vorlesetag fand er trotzdem Zeit – schliesslich liegt ihm das Vorlesen ebenso am Herzen wie uns. Marco Fritsche liest Jugendlichen ab 12 Jahren aus Sunil Manns Jugendbuch «Totsch» (da bux) vor.

Regie und Kamera hat Carol Forster übernommen, die Buchhändlerin des Bücherladens Appenzell, wo Marco Fritsche vorliest.

 

 

Hier geht’s direkt zum „Totsch“ im Bücherladen Internet-Shop

Mein russisches Frühjahr

Dieser Frühling lässt mein Herz schneller schlagen vor lauter Freude über die vielen russischen Bücher, die eines nach dem anderen ihren Weg in unseren schönen neuen Laden finden, verbunden mit ein wenig Wehmut bei dem Gedanken, dass sie dort gerade ein einigermassen betrübliches Dasein fristen, aber immerhin kann ich über den Blog ein paar meiner Lieblinge vorstellen.

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Von unglaublichen Entdeckungen (Gerhard Sawatzky «Wir selbst» – ein einzigartiger zeitgeschichtlicher Fund, ein grosser Gesellschaftsroman über die Russlanddeutschen, von Stalin 1938 verboten und erst jetzt wiederentdeckt oder Leonid Zypkin «Ein Sommer in Baden-Baden» – eine nicht nur sprachlich brillante Hommage des jungen Autoren an sein Idol Dostojewski) über wunderschöne bibliophile Ausgaben zum silbernen Zeitalter der russischen Literatur (Olga Forsch «Russisches Narrenschiff») bis zu tollen Neuübersetzungen (Fjodor Dostojewksi «Aufzeichnungen aus einem toten Haus») ist für jeden Geschmack etwas dabei. Ein weiteres grosses Thema sind nach wie vor die stalinistischen Säuberungen und ihre Folgen für Individuum und Gesellschaft, die in den Romanen von Isabelle Autissier «Klara vergessen», Juri Buida «Nulluhrzug» und Sasha Filipenko «Rote Kreuze» thematisiert werden.

Letzterer schafft es in seinem nur gut 270 Seiten umfassenden Roman dank raffinierter Konstruktion, die Willkür des Systems an einem Einzelschicksal aufzuzeigen. Die 90-jährige Tatjana Alexejewna erzählt gegen das Vergessen ihre unglaubliche Geschichte, die von so schrecklichen Ereignissen geprägt ist, «dass mich die Alzheimer-Krankheit nur deswegen heimgesucht hat, weil Gott Angst hat vor einer Begegnung mit mir». Doch gewisse Dinge kann man nicht vergessen. Als ihr Mann im zweiten Weltkrieg in rumänische Kriegsgefangenschaft gerät, ersetzt sie, die als Sekretärin beim Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten arbeitet, aus Angst vor der Sippenhaft der als Deserteure abgestempelten Kriegsgefangenen, den Namen ihres Mannes auf den Listen der Kriegsgefangenen, die vom Roten Kreuz in Genf übermittelt werden, durch einen anderen Namen. Es nützt ihr nicht viel, sie wird dennoch festgenommen, die Tochter in ein Erziehungsheim gesteckt und sie landet wie so viele im Gulag. Zu allem Leid quält sie zeitlebens die Schuld, möglicherweise durch das Vertauschen der Namen eine andere Familie zerstört zu haben. Die überraschende Wendung folgt, als sie diese nach jahrelangen Recherchen und Korrespondenz mit dem Roten Kreuz endlich ausfindig machen kann. Die Grenzen zwischen Tätern und Opfern verschwimmt und Filipenko führt uns einmal mehr vor Augen, dass es in einem totalitären System einfach keine Gewissheiten gibt.

 

Anna-Lena Fässler

 

 

Spinat in allen Lagen

Liebe Freundinnen und Freunde auf dem Land und in den Städten
Liebe Geniesserinnen und Schlemmer des guten Ton’s und Geschmack’s.

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Gemeinsames Singen macht stark und erzeugt gute Laune.
Der Schweizer Musiker Bo Wiget hat eine ganze Sammlung mit Spinatkanons komponiert. Auf lose Blätter genotet und wunderbar zum Anhören auf CD interpretiert, hat sie der St.Galler Vexer Verlag herausgegeben. Ein ungeahntes Universum. Spinat als Zuversicht. Als Begleiter. Im Zweifel. Im Wandel der Zeit. Spinat in allen Lebenslagen.
Wie geht das genau, haben wir Bo gefragt. Prompt hat er samt Familie geantwortet:

„Ich koche grad“

„Im Zweifel“

„Manche Leute denken“

„Und der Spinat“

Lust mit einzustimmen?

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Der schöne Schuber „Fritz Schedlers Spinatkanons von Bo Wiget“ ist bei uns erhältlich – hier. Auf Wunsch grün verpackt.

Wir wünschen guten Appetit und beste Gesundheit!

 

 

 

„Giovannis Zimmer“ nicht verlassen

Dieses Buch!
Dieses schreckliche, wundervolle, wichtige Buch.

Auch in seinem zweiten Roman liess sich James Baldwin nicht von den herrschenden Wertvorstellungen seiner Generation in Ketten legen und bewies sich abermals als tabubrechender Denker und Vorreiter seiner Zeit.

Mit elegantem, erbarmungslosem und zutiefst menschlichem Feingefühl, schildert Baldwin die Geschichte des jungen Amerikaners David, der auf der Flucht vor sich selbst, im Paris der Fünfzigerjahre strandet.

Bereits früh stellt David mit Bestürzung fest, dass er sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlt. Da die Gesellschaft in der er lebt solcherlei Begehren aufs Schärfste verurteilt, beschliesst er diesen Teil seines Selbst in den Tiefen seiner Seele zu begraben und zu leugnen.

Als seine Verlobte eine Reise nach Spanien antritt, begegnet David in einer Pariser Bar dem schönen und ungestümen Italiener Giovanni, welcher nichts von Versteckspielen hält. Mit dieser Begegnung beginnt sich ein Riss durch Davids sorgfältig gebaute Fassade zu ziehen und ein Strudel von Fragen und Entscheidungen drohen ihn zu zerreissen.

Muss er sich seiner wahren Natur erwehren und eine Lüge leben oder findet er Zuflucht in Giovannis Zimmer? Welche Entscheidung kostet welchen Preis?

Baldwin ist es gelungen die Schicksale seiner Charaktere auf Gedeih und Verderb mit Davids innerem Kampf zu verflechten und den hausgemachten Irrsinn, welcher die menschliche Seele zu überschatten vermag, so dicht und bedrohlich zu vermitteln, dass sein Roman über Jahrzehnte nicht im Geringsten an Aktualität und Wichtigkeit verloren hat. Es ist fast unmöglich, sich dem unheilvollen und doch betörenden Sog dieses Buches zu entziehen.

Can Tolga

 

Giovanni

loslesen? hier gehts in „Giovannis Zimmer“, James Baldwin, dtv Verlag
oder „Giovanni’s room“, penguin books

Elektrische Fische

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Emma muss mit ihrer Mutter und den beiden Geschwistern von Dublin nach Mecklenburg-Vorpommern umziehen. In ein winziges, gottverlassenes Kaff am Ende der Welt. Die Mutter will nach einer gescheiterten Ehe an den Ort ihrer Kindheit zurückkehren und mit den Kindern erstmal im Haus bei ihren alten Eltern wohnen. Die Ankunft in Deutschland wird für die ganze Familie zu einem einzigen Desaster. Emmas Mama hat sich das alles ganz anders vorgestellt. Sie kennt hier kaum noch jemanden und findet keinen Job. Der ältere Bruder zieht sich vollständig zurück und die kleine Schwester Aoife spricht kein Wort mehr, seit ein Mitschüler sie «Affe» genannt hat. Auch Emma tut sich schwer, ihr Deutsch reicht hinten und vorne nicht, sie findet keinen Anschluss und vermisst ihre vertraute Welt in Irland mit jedem Tag mehr. So reift in ihr der Plan, einfach abzuhauen. Ausgerechnet Levin, ein Mitschüler, der eigentlich selber einen grossen Sorgenrucksack trägt, hilft ihr bei der Planung. Fast zu spät merkt sie, dass sie sich Illusionen hingegeben hat, dass sie hier gebraucht wird und vor allem, dass sie hier einen wunderbaren, einmalig guten Freund gefunden hat.
Selten wurde das Gefühl von «Heimweh» so eindringlich und nachempfindbar beschrieben. Susan Kreller schreibt in einer einfachen, ruhigen Sprache. Manche Sätze sind so wunderbar treffend formuliert, dass man sie mehr als einmal lesen möchte. Vielleicht kann man nicht so genau sagen, welche Freundschaft besser ist, die gekippte oder die weit geöffnete, die Freundlichkeit, die gross ist, aber gleich verschwindet, oder die, die klein beginnt und ewig dauert. Elektrische Fische gehört zum Besten, was an literarischen Texten für Jugendliche in den letzten Jahren geschrieben worden ist. Und nebenbei erfahren Lesende eine ganze Menge über Irland, über irisches Essen, über Bräuche und wie man in Irland am schönsten flucht. Für Jugendliche.

Maria Riss

 

Susan Kreller: Elektrische Fische, Carlsen 2019

Ein Fall von vielen

Meinfall

Ein Buch, das unbedingt geschrieben werden musste und das in seiner existenziellen Dringlichkeit genauso gelesen werden sollte, ist das kürzlich im S. Fischer Verlag erschienene „Mein Fall“ von Josef Haslinger. Seine Zeit als Sängerknabe im katholischen Konvikt Zwettl in den 60er-Jahren bringt er im Selbstverständnis des betroffenen, sexuell missbrauchten und durch Gewalt misshandelten Kindes zu Papier. Aus diesem Blickwinkel hinterlässt es eine Verstörung, die alle treffen muss, die ebenfalls in dieser Zeit geboren und in das zerfallende katholische Milieu hinein gewachsen sind. Haslinger schildert weder voyeuristisch noch reisserisch die Betroffenheit des sprach- und schutzlosen Kindes, das noch heute aus dem erwachsenen, gebildeten und rational argumentierenden Professor spricht. Er findet Worte für die Ohnmacht und das Ausgeliefertsein in einem patriarchalen, hierarchisch funktionierenden Gesellschaftssystem, das in jener Zeit in seiner Normalität und seinen subtilen Mechanismen der Gewalt- und Machtspiele bei weitem nicht nur die Kirche geprägt hat.

In einem schmalen Band von gerade mal 139 Seiten sind seine Erinnerungen eine eindringliche Mahnung an die Menschlichkeit all jener, die gerne vergessen wollen, aber genauso an diejenigen, die aus diesen unsäglichen Verhältnissen Kapital und Publizität schlagen wollen. Es geht um Menschlichkeit – damals wie heute – und den achtsamen, menschenwürdigen Umgang miteinander. Diese einfache wie eindringliche Aufforderung aus der Feder eines Betroffenen zu lesen, bleibt aufwühlend und verstörend und ist nicht zuletzt auch eine mahnende Anklage an alle, die heute mit der Aufarbeitung dieser Zeit betraut sind.

 

Brigitta Schmid, Bücherladenfreundin

Josef Haslinger, Mein Fall. S. Fischer Verlag 2020

 

Gute Bücher für dicke Leser – weiter geht’s

Die dicken Leser sind sich uneins – ist das Buch gut, ist das Buch schlecht? Wir haben bei Tisch: eine „Mittelalter als Schauplatz der Geschichte“-Aversion, Freude an den eingängigen Beschreibungen des mittelalterlichen Alltags des südlichen Frankreichs, Kritik an den schlecht beschriebenen Motivationen der Figuren, Bewunderung für den flüssigen Stil, … Wo wir uns dann aber alle einig waren: Wie fein wir derweil speisen und trinken, hier oben am Hang mit Aussicht auf die Lichter Appenzeller Dörfer!

 

Und nun reingestürzt in Dr. Shiwago von Boris Pasternak – ob da sich die Klingen der dicken Leser wieder kreuzen werden?

Wer es mit uns wagt – wir treffen uns belesen wieder am Freitag 13. März.
Anmeldung und weitere Instruktionen via Bücherladen.

Hier direkt gebundenes Buch bestellen oder das Taschenbuch

 

Alte Zöpfe abschneiden

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Im Bücherladen liegt ein Flyer auf, der auffällt. Ein Haarzopf schlängelt sich über das Papier, „Alte Zöpfe abschneiden“ steht da geschrieben. Und sogleich taucht das berührende Buch „Der Zopf“ von Laetitia Colombani in meiner Erinnerung auf.

Smita, Giulia und Sarah haben eigentlich nichts gemeinsam: Sie leben in unterschiedlichen Welten, geografisch und auch was ihren Alltag betrifft. Wie drei Stränge eines Zopfes führt Laetitia Colombani diese drei Leben, in denen Haare auf unterschiedliche Weise eine Rolle spielen, zusammen. Und zeigt so, dass Unterstützung über verschiedenste Grenzen hinweg Leben ändern kann. Der Autorin ist eine wunderbare Geschichte darüber gelungen, wie schön es sein kann, wenn die Verbundenheit aller durch die Globalisierung fühlbar wird.

Und was hat es nun mit dem Flyer auf sich?
Die Naturcoiffeuse Edith Ulmann schneidet alte Zöpfe ab um Frauen und Kindern, die aufgrund von Krankheit ihre Haare verloren haben, eine Freude zu machen. Mit dem Verlust des Kopfschmuckes geht oft auch ein Stück Weiblichkeit, Sinnlichkeit und Identität verloren – das möchte Edith zusammen mit den Haar-Spenderinnen zurückschenken. Die Zöpfe werden zu haarcreation in Basel geschickt, wo sie zu schönen Haarteilen verarbeitet werden. Was es dazu braucht: ein bisschen Mut, frisch gewaschene Haare und eine Haarlänge von mindestens 20cm. Der Haarschnitt rundherum ist kostenlos.
Also hin und weg mit dem alten Zopf! Und vielleicht die ein oder andere goldene Kuh schlachten, die es sich in unserem Kopf bequem gemacht hat. Fürs neue Jahr die Chance zu haben, unbequem zwackende und störende Glaubenssätze zu entsorgen, kann befreiend sein. Das hilft sehen und sich freuen an dem, was ist. Und lässt uns so ein Teil der Fülle des Lebens sein.

 

Melina Cajochen

 

Wann und wo: Donnerstag 28. November 2019 von 18.30 bis 21.00 Uhr an der Jakob Signerstrasse 5 in Appenzell

Wie: ohne Anmeldung hin!

Bei Fragen: ei-genart@bluewin.ch

Beim Muschelessen über Muschelessen sprechen – Gute Bücher für dicke Leser

Schuberts Winterlieder.
Muschelnudeln mit Speck, Pilzen und Crème double
Zwei Salate
Wein, Bier, Wasser, Tee und Kaffee
Und Süsses dazu

Worte marschieren über den Tisch, mäandern auch mal
Der Anfang ist blass, die Mitte grandios, der Schluss ok
Wie Muscheln sterben (und Hummer bei Foster Wallace)
Wie Väter waren und sind
Was Mütter tun sollten. Und vielleicht nicht können
Was tatsächlich notwendig ist und hinreichend zumal

So oder so:
Der Tyrann muss weg
Punk.

Melina Cajochen

 

BUCH VIER

Das Buch für die nächste Runde „Gute Bücher für dicke Leser“ ist gewählt: Dr. Shiwago von Boris Pasternak. Sprechen wir darüber! Am 21. Dezember um 19 Uhr bei Pia. Gerne anmelden über mail@buecherladen-appenzell.ch.

Gleich bestellen und loslesen mit Ausgabe „schön-alt“ oder „elegant-neu“