Archiv der Kategorie: Bücher – Für Sie gelesen

Immer wieder Pünktchen und Anton

Die Geschichte von Pünktchen und Anton erschien erstmals im Jahre 1931. Erich Kästners Buch ist aber nach wie vor aktuell und zudem sehr spannend zu lesen. Obwohl Pünktchen und Anton in zwei völlig verschiedenen Welten leben, haben sich die beiden angefreundet, helfen sich gegenseitig und tun Dinge, um nicht nur sich selber zu helfen, sondern auch um die Welt ein bisschen besser und gerechter zu machen. Und sie sind den meisten Erwachsenen in dieser Geschichte haushoch überlegen, in schier jeder Beziehung. Erich Kästner hat vor fast hundert Jahren schon gewusst, was Kinder fasziniert. All seine Geschichten erzählen von mutigen Kindern, sie sind spannend, klug, oft witzig geschrieben und sie vermitteln allesamt eine Moral. Der Autor vermittelt diese Botschaften aber nicht versteckt in seinen Geschichten. Er kommuniziert diese im vorliegenden Buch klar und offen nach jedem Kapitel. Es sind deutlich von der Geschichte getrennte Fragen zum Nachdenken, die er den Leserinnen und Lesern stellt. Fragen nach den Figuren, deren Handlungsweisen, Fragen um Werte und darum, was im Leben wirklich wichtig ist. Natürlich haben sich die Lebensumstände seit damals verändert, vor allem auch jene der Frauen. Aber gerade beim gemeinsamen Lesen ergeben sich Möglichkeiten, mit Kindern ins Gespräch zu kommen, sie für solche Themen zu sensibilisieren. Und zwischendurch – im ganzen Buch verteilt – gibt es viele Stellen, bei denen man lachen oder sich wundern kann über diese Welt, ganz ohne Internet und Smartphones.

Weil es sich lohnt, Klassiker mal wieder zu lesen, zumal dann, wenn sie inhaltlich und sprachlich so viel bieten und absolut nicht veraltet wirken, sei dieses wunderbare Buch allen wärmstens empfohlen. Am meisten werden Kinder diese Geschichte geniessen können, wenn sie vorgelesen wird, wenn man gemeinsam über die damaligen Lebensumstände redet, wenn man zusammen über all die vielen Fragen zum Nachdenken diskutiert.

Für Kinder ab etwa 9 Jahren genauso wie für Erwachsene.

Maria Riss

Pünktchen und Anton“ von Erich Kästner, Atrium Verlag

Licht zwischen den Zeilen

Wenn Romane bei Steidl erscheinen, heisst es grundsätzlich Obacht. Wo ich sonst ab und an eine Perle fische, angle ich bei Steidl immer häufiger meinen Lieblingsfisch. Den Stör. Bücher, die irgendwie auch stören, mag ich sehr gern. An gewohnten Gedankenbahnen kratzen, wie ein Grät im Hals (die Erleichterung, wenn es dann draussen ist, scheint mir unvergleichlich). Und so findet sich auch der selige Zustand immer wieder nach der Störlektüre. Das Gewohnte ist verwandelt, neu und frisch, Ungedachtes schauert über die Haut und ein Haken, wie ein Anker, an neuer Perspektive ist gesetzt.

Besonders glücklich bin ich jeweils beim Fang eines Jungstörs. Auch unter dem Namen «Coming-of-Age» unterwegs. Oft die Geschichte eines Sommers, in dem sich die Welt zuerst verhängnisvoll, dann wie wiedergebürtig ins Neue öffnet. Dem Einfangen dieses Übergangs, vom Kindsein ins plötzlich nicht mehr, könnte und sollte man ein ganzes Regal im eigenen Bücherregal widmen – es gibt die besten Bücher dazu. Kennen Sie auch eins?

Die Wucht eines Momentes, der alles verändert ereignet sich in «Das Licht zwischen den Bäumen» ganz am Anfang. Es sind Sommerferien, mitten im Nowhere of America, die vierzehnjährige Libby sitzt mit ihren vier Geschwistern und ihrer Mutter im Auto, endlich Schule aus. Die Luft ist schon dick genug, die Mutter bis auf die Nerven gereizt, da bringt die Jüngste das Fass zum Überlaufen. Kurzschlussentschlossen hält die Mutter an und stellt sie auf die Strasse. Im schwindenden Tageslicht, im dunklen Schatten der Bäume bleibt die zwölfjährige Ellen zurück. Mit klopfendem Herzen begleiten wir Libby auf der Suche nach ihrer Schwester.

Vanja Hutter

Licht zwischen den Bäumen“ von Una Mannion, Steidl Verlag 2021

Literatur im Steidl Verlag

The Stranger Times

– wo das Übersinnliche tatsächlich wahr wird

Der Chefredaktor ist ein durch und durch übler Kerl. Sich selber in den Fuss zu schiessen, macht ihn erstaunlicherweise kein bisschen netter. Das kleine, nicht entfernt feine Team scheint einem Tingeltangel-Zirkus von vor 100 Jahren entsprungen. Und mitten drin Hannah, die dringend einen Job suchte und ihn findet. Ausgerechnet bei der „Stranger Times“ – einem Blatt, das sich ganz und gar dem Übersinnlichen, Obskuren und Seltsamen verschrieben hat. So kommt es wie es kommen muss: Die Welt steht Kopf, Obdachlose werden an Mauern zerschmettert, die Polizei schaltet sich ein und mittendrin Hannah umgeben von äusserst obskuren Gestalten. Der irische Autor CK McDonnell liefert pures Vergnügen, tiefschwarzen Humor, ein furioses Finale und lässt damit zutiefst zufrieden seufzende Leserinnen und Leser zurück. Sie alle wollen mehr und sollen es auch kriegen, wenn man der Verlagsankündigung vertrauen darf. Mehr könnte übrigens auch sein, die Dublin Trilogie von Caimh McDonnell (wie CC richtig heisst) ins Deutsche zu übersetzen.

P.S. Die verwunschene WC-Schüssel in einem Pub in der Provinz wurde in obiger Lobhudelei bewusst weggelassen. Dies aus Gründen der Glaubwürdigkeit.

Reto Pfändler

McDonnell, CK: „The Stranger Times“ Eichborn Verlag 2021.

Von guten Büchern so viel..

Fast zuviel des Guten.. „Vom GUTEN SO viel“
auf einen guten Tropfen – „Reisen mit Wein“
begleitet von „Paul McCartney’s Lyrics
(OH YEAH, meint Yello Meier)
Sätze pflügen in „Paul Bowles Garten
Welch wunderbares Zelt über dem Dach, einfach „himmlische Zeiten
Bücher schmücken Herz, Seele, Geist und Hände

Wieder mal saukalt in Dänemark

Hach die Dänen! Wer erinnert sich nicht an die fabulösen Oxen-Bücher von Jensen. Oder an die ersten drei Bände von Adler-Olsens Mørck-Reihe. Und nun kommt das schreibende Ehepaar Janni Pedersen und Kim Faber mit „Winterland“. 2022 sollen Blutland und Todland folgen.

Doch bleiben wir im hier und jetzt und bei Martin Juncker und Signe Kristiansen. Er, der legendäre Ermittler geht nach einem Fehltritt „frewillig“ in die Provinz, kümmert sich um seinen dementen Vater und wärmt den Bürosessel im lokalen Polizeirevier. Bis ein Ermordeter gefunden und dessen Frau vermisst wird. Sie taumelt  durch ein Kopenhagen in Schockstarre nachdem auf einem Weihnachtsmarkt eine Bombe hochgegangen ist. Zwei parallele Anfänge, die – was Wunder – sich im stürmischen Schneetreiben rund um den Jahreswechsel allmählich nähern.

Pedersen/Faber lassen sich Zeit. Entwickeln die Figuren, pflügen sich in aller Ruhe durch die Handlung und schaffen so Atmosphäre und Spannung. Nach etwas mehr als 600 Seiten sind die Leserin, der Leser auf Du und Du mit den Hauptfiguren. Mögen die speziellen Kräfte an der Seite von Juncker ihn weiter begleiten, dann bringen wir sogar etwas Sympathie für den einen Kopenhagener Kotzbrockenpoilizisten auf und vor allem: Nachschub ist angekündigt.

Reto Pfändler

Kim Faber und Janni Pedersen „Winterland“, Blanvalet 2021.

Stumptown


Im beschaulichen US-Bundesstaat Oregon an der Westküste der USA liegt die Stadt Portland, des Öfteren auch «Stumptown» genannt.
Realitätsgetreu wiedergegeben ist Portland das Epizentrum der Geschichten um Dex Pariow – ihres Zeichens Inhaberin und einzige Angestellte des Detektivbüros «Stumptown Investigations».
Dex ist eine Schnüfflerin, wie sie im (gut geschriebenen) Buche steht. Mit Charme, grosser Schnauze, Unerbittlichkeit und vor allem einem Herz aus Gold stellt sich unsere Ermittlerin den üblen Machenschaften ihrer Stadt.
Die Comicgrösse Greg Rucka beweist auf ein Neues, wie lebendig und nuanciert er seine Figuren schreiben kann und wie man mit grossem Ideenreichtum aus einem der dienstältesten Genres überhaupt, Spannung und Lesefreude rauskitzelt.
Auch die Balance zwischen Action, Humor, fantastischen Dialogen und komplexen Charakteren gelingt Rucka meisterhaft.
Eine wahre Lesefreude!

Im Splitterverlag erscheinen vorerst 4 Bände, wobei die Serie noch nicht abgeschlossen ist.
Die ersten beiden Bände sind bereits erhältlich.

Buch 1: Der Fall des Mädchens, das sein Shampoo Mitnahm (aber seinen Mini zurückliess)

Dex, deren Privatleben man getrost als «etwas turbulent» bezeichnen kann, hat hohe Spielschulden in ihrem Stammcasino.
Um diese zu tilgen, soll sie der Besitzerin eben jenes Etablissements helfen, deren verschwundene Enkelin zu finden. Die Ermittlungen führen in einen Strudel aus Gewalt, Gangs, Liebesdramen und Familientragödien. Ob die Sache gut ausgeht?

Buch 2: Der Fall des Babys im Samtkoffer

Kaum hat sich Dex von den Strapazen des vergangenen Falles einigermassen erholt, steht auch schon Mim Bracca in ihrem Büro. Die Star-Gitarristin der Rockband «Tailhook» vermisst ihre liebste Gitarre.
Vergnügt macht sich die Detektivin an die Arbeit – schliesslich sollte eine verschwundene Gitarre nicht für allzu viel Aufregung sorgen.
Allerdings scheint es so, als sei die Gitarre nicht das einzige, was verschwunden ist und Dex nicht die Einzige, die danach sucht.

Can Tolga

Greg Rucka: „Stumptown“, Splitter Verlag 2021.

Anita Brookner lesen!

Blanche Vernon wird nach zwanzig Jahren Ehe von ihrem Mann Bertie für eine jüngere Frau verlassen. Die Ehe blieb kinderlos und Blanche steht nun allein da. Sie trägt den Weggang ihres Gatten mit Fassung, bleibt im Haus wohnen und vertreibt sich die Zeit mit unzähligen Museumsbesuchen, der Aufrechterhaltung ihres perfekten äusseren Erscheinungsbildes und einem strikt getakteten Tagesablauf. Da sie selbst über ein kleines Vermögen verfügt, kann sie sich ihren gewohnten Lebensstil leisten. Abgesehen von den täglichen Telefonaten mit ihrer Schwägerin Barbara ist Blanche allein. Bertie besucht seine Exfrau beinahe wöchentlich. Blanche erwartet Bertie, kocht, trinkt mehrere Gläser Wein und wenn er nicht auftaucht, ist es ihr auch recht. Geredet wird an solchen Abenden sowieso kaum. Auf ihre Umgebung wirkt Blanche eher exzentrisch, dennoch beherrscht und beinahe etwas abgehoben, denn ihr Interesse gilt vorwiegend Museen und Romanfiguren. Gespräche mit Blanche erweisen sich für die meisten ihrer Bekanntschaften als eher anstrengend. Eines Tages begegnet Blanche einer vitalen, egozentrischen jungen Frau mit ihrem vierjährigen Mädchen Elinor. Sofort ist Blanche fasziniert von dem kleinen Mädchen. Dieses Mädchen isst inmitten unzähliger Leute in aller Ruhe mit einer ungewohnten Selbstbeherrschung und Ernsthaftigkeit ein Stück Kuchen und wird von Blanche dabei genau beobachtet. Blanche erkennt sich in der kleinen Elinor wieder und bietet der Mutter an, hin und wieder auf die Kleine aufzupassen, was diese nur zu gerne annimmt. Je mehr sich Blanche auf die chaotische Familie einlässt, desto diffuser wird, wer eigentlich wen instrumentalisiert und zu manipulieren vermag.

Anita Brookner (1928-2016) studierte Kunstgeschichte und war Expertin für französische Kunst des 18. und 19. Jahrhunderts. Sie begann erst mit etwa fünfzig Jahren mit dem literarischen Schreiben.

Sie gilt als Meisterin der zarten, subtilen Zwischentöne und hat ein herausragendes psychologisches Gespür für die verletzte weibliche Seele. »Eine Mesalliance» erschien in den Neunzigerjahren unter dem Titel «Vergangenheit ist ein anderes Land». Eine grossartige Lektüre, absolut empfehlenswert!

Carol Forster

Anita Brookner, Eine Mesalliance, Eisele Verlag

Nora und der Grosse Bär

Manchmal, an langen Winterabenden, erzählen die Jäger vom Grossen Bären, den sie in diesem Jahr endlich finden wollen. Nora will unbedingt mit auf diese Bärenjagd, ganz egal, wie sehr die Jäger sie deshalb verspotten, weil sie viel zu klein sei, um tagelang im Wald zu überleben. Nora weiss, was sie will und setzt dies auch durch. Eines Tages ist es endlich soweit: Zusammen mit einem Dutzend Jäger zieht Nora in den riesengrossen Wald. Hier lernt sie Fallen zu bauen, Tierstimmen zu unterscheiden und Fährten zu lesen. Immer wieder hat sie das Gefühl, beobachtet zu werden. Sie ist sich sicher, der Grosse Bär, der muss ganz in der Nähe sein. Obwohl mittlerweile alles tief verschneit ist, macht sie sich auf die Suche nach ihm. Bald schon hat sie sich im tiefen Wald verlaufen. Es wird dunkel, sie friert und hat grossen Hunger. Da bemerkt sie einen grossen Schatten vor dem Mondlicht – und da steht er tatsächlich vor ihr, dieser mächtige Grosse Bär. Hoch in den Himmel ragt er, unvorstellbar gross. Nora schaut zu ihm hoch, blickt ihm in die Augen. Je länger das dauert, desto weniger Angst hat sie. Der Grosse Bär lässt sich auf seine Pfoten nieder und trottet davon. Er bleibt stehen, scheint zu warten, bis Nora ihm folgt. Schweigend tapsen die beiden durch die Nacht. Plötzlich ist der Bär verschwunden und Nora sieht das Licht des Lagerfeuers. Der Bär hat sie zurück zum Lager geführt. Die Jäger sind so erleichtert, dass sie nicht einmal schimpfen. «Ich habe den Grossen Bären gefunden», erzählt Nora, «er ist so alt wie der Wald und genauso schön.»

Dieses grossformatige Bilderbuch ist endlich, nach fast dreissig Jahren, wieder erhältlich. Ute Krause ist nicht nur eine begabte Autorin, sie versteht es auch meisterhaft, Gefühle, Stimmungen und Perspektiven in Bilder zu fassen. Man gerät wie die kleine Nora ins Staunen, wird ganz still und auf eine besondere Weise ehrfürchtig, wenn man sich diese Bilder anschaut. Kindern wird es nicht anders ergehen. Ein fantastisches, eindrückliches Bilderbuch mit einer spannenden und überaus menschlichen Geschichte für Kinder ab etwa 5 Jahren genauso wie für Erwachsene.

Maria Riss

Von Ute Krause: „Nora und der Grosse Bär“, Gerstenberg Verlag 2021.

Hommage an eine Tagediebin

Andrea Maria Keller
1967 – 2021

Andrea Maria Kellers Gedichte und Wortschöpfungen bereichern unser Leben und wir sind sehr dankbar, sie gekannt zu haben.

Hommage an einen Tagedieb

wie viele vertreiben sich die zeit
mit spass und stets dem letzten schrei
mit arbeit ohne rast und der angst
ohne nichts selbst gar nicht zu sein

du dagegen versuchst es anzulocken
dieses scheue wesen zeit
um im inneren seinen raum

beim nichtstun schweigen lauschen
gehen in die weite nähe sehen
brütest du das ei der erinnerung aus

und trägst dann steinchenweise
in später nacht vorbei an der grenzwacht
über den strom federleicht und leise
das tagediebesgut

Andrea Maria Keller, Mäanderland, Edition Howeg

Die Bücher von Andrea Maria Keller sind zur Zeit nicht erhätlich. Das Tagediebesgut haben wir im Bücherladen. In der schönen Box und als wunderbaren Worthimmel.

Liebe Rock

Vanja Hutter

Die Romane von Tom Zürcher

Liebe Rock“ im Picus Verlag

Mobbing Dick“ im Salis Verlag

Der Spartaner“ im Lenos Verlag

Lieben. Lesen.

Der norwegische Autor Tomas Espedal schreibt Autofiktion. Neun Bände hat er bisher veröffentlicht, Geschichten, Essays, Tagebücher. Der Ich-Erzähler lässt uns an seinem Leben teilhaben, den unglücklichen Lieben, den Verlusten, den Alkoholexzessen, den Wanderungen, den Blicken auf die Natur, auf die Mitmenschen. Espedal verwebt sein eigenes Leben mit Dichtung.Im Gegensatz zu Karl Ove Knausgård sind Espedals Bücher schmal, verdichtet, Essenz. Im neuesten Band „Lieben“ heisst der Beschriebene „Ich“und dieser „Ich“ hat genug vom eigenen Schreiben, vom Leben, er gibt sich noch ein Jahr um danach an einem schönen selbstbestimmten Tag sein Leben zu beenden. Nach ein paar Ferientagen in Frankreich beschliesst er, zu Fuss nach Paris zu gehen. Aka, eine junge Frau aus dem Freundeskreis, schliesst sich ihm an. Eine zarte Liebesgeschichte. Die Wahrnehmung nach einem so endgültigen Entschluss verändert sich, der Blick wird geschärft, die Haut durchlässiger, das Leben intensiver. „Ich“ verliebt sich und hält gleichzeitig an seinem geplanten Ende fest.

Die Bilanz eines wilden, poetischen Lebens mäandernd zwischen feingliedriger Heiterkeit und abgründiger Melancholie. Ein geniales Buch, vielschichtig und nachklingend, experimentell und herausfordernd.

Carol Forster

Lieben“ Tomas Espedal, Matthes & Seitz 2021

Optimisten sterben früher

Seit dem Tod ihrer kleinen Schwester ist für Petula nichts mehr, wie es einmal war. Sie hat Mauern um sich gebaut, ganz hohe und mächtige. Sie traut sich kaum mehr nach draussen, denn dort lauern so viele Gefahren. Auf dem Schulweg macht sie gar weite Umwege, um der Schnellstrasse und der bedrohlichen Baustelle auszuweichen. Petula sieht alles nur noch schwarz, fühlt sich schuldig und will überhaupt keinen Kontakt mehr zu andern haben. In die Therapiegruppe geht sie nur, weil sie von der Schule und ihren Eltern dazu gezwungen wird. Anfangs hat sie grosse Mühe, als dieser Jacob, ein neuer Mitschüler, in ihrer Therapiegruppe auftaucht. Aber Jacob bringt mit seiner offenen, sympathischen Art endlich etwas Leben in die Gruppe. Alle trauen sich plötzlich, öfter über ihre schlimmen Erlebnisse, ihre Ängste und Schuldgefühle zu sprechen. Bald kann Petula es nicht mehr leugnen: Sie hat sich in Jacob verliebt, obwohl sie so etwas niemals wollte. Immer häufiger verbringen die beiden die Nachmittage miteinander und ganz langsam kann Petula kleine Fenster in ihren Mauern öffnen. Das geht so lange gut, bis Jacob endlich den wahren Grund seiner psychischen Probleme gesteht. Alle hat er bisher angelogen, auch Petula. Aber sie hat sich in den letzten Wochen verändert, ist stärker geworden und weiss, dass Verzeihen zum Leben dazugehört und dass sie um keinen Preis wieder in ihr Mauerverlies zurückwill.

Susin Nielsen erzählt in diesem Buch davon, wie schwer es sein kann, nach schlimmen Erfahrungen wieder Mut zu fassen und seinen Platz in der Welt zu finden. Petula erzählt ihre Geschichte selber und lässt Lesende ganz nah teilhaben an ihrem Kampf gegen Schuldgefühle und ihre allgegenwärtigen Ängste. Ihre Gedanken und Gefühle sind intensiv, nachvollziehbar und vor allem glaubhaft. Es ist beeindruckend, wie Petula es schliesslich schafft, nicht nur für sich, sondern auch für ihre Umgebung, einen kleinen Lichtschimmer einzulassen, so dass wichtige Veränderungen möglich werden. Ein Buch, dem man ganz viele jugendliche Leserinnen und Leser wünscht.

Maria Riss

Susin Nielsen „Optimisten sterben früher“, Urachhaus 2021.

Im Menschen muss alles herrlich sein

Verständnislosigkeit ist das vorherrschende Gefühl zwischen den Müttern und Töchtern in Sasha Marianna Salzmanns neuem Roman «Im Menschen muss alles herrlich sein». Und das, obwohl sie sich eigentlich so viel zu erzählen hätten. Lena und Tatjana sind beim Zerfall der Sowjetunion aus der Ostukraine nach Deutschland ausgewandert, um dem «Fleischwolf», dem korrupten System zu entkommen. Richtig heimisch geworden sind sie in Deutschland jedoch nie und auch ihre Töchter Edi und Nina scheinen vor diesem Migrationshintergrund mit ihrer Identitätssuche Mühe zu haben. Ihre Versuche, die Vergangenheit ihrer Mütter zu enträtseln scheitern an der Sprachlosigkeit, die schon die ältere Generation geprägt hat: «Wenn ich mir die Erinnerungstexte der ehemaligen Sowjetmenschen anschaue, habe ich das Gefühl, sie haben nie miteinander gesprochen und wissen gar nicht, dass ihre Realitäten so unterschiedlich waren […]. Und sie werden es auch nie erfahren, weil sie miteinander nur in Zitaten von Schriftstellern reden, die vor Hunderten von Jahren gestorben sind». Der Titel des Romans ist genau ein solches Zitat aus Tschechows «Onkel Wanja» – eine russische Redensart, etwas aus sich und seinem Leben zu machen. Das versuchen alle vier Protagonistinnen während sie erwachsen werden trotz unterschiedlicher Ausgangslagen und trotz vieler Verlusterfahrungen, die wir durch erzählerische Perspektivwechsel ganz nah miterleben. Es ist eben im Menschen durchaus nicht alles herrlich – Klang und Rhythmus der Sprache von Sasha Marianna Salzmanns Roman sind es aber auf jeden Fall.

Anna-Lena Fässler

Sasha Marianna Salzmann “ Im Menschen muss alles herrlich sein“, Suhrkamp Verlag 2021.

Koriander, Dill und eine Prise Salz

Foodbloggerin werde ich (mit solchen Bildern) sicher keine mehr, aber kochen und neue Rezepte ausprobieren bereitet mir grossen Spass. Vor allem, wenn sie so schön verpackt daherkommen wie in dem neuen Kochbuch des Edition Michael Fischer Verlags „Matrjoschka – Kochen wie in Osteuropa“. Osteuropa umfasst für die Autorin Tanja Dusy die Länder der ehemaligen Tschechoslowakei, der nördlichen Balkanstaaten von Slowenien bis Rumänien, Ungarn, Polen, Belarus, Russland und der Ukraine bis hin zu Georgien. Diese teilen nämlich trotz aller sonstigen Unterschiede eine gemeinsame osteuropäische Küchenkultur, geprägt vom schlichten bäuerlichen Alltag mit viel Getreide, Gemüse, Früchten, Fleisch und Fisch. Anschaulich legt Tanja Dusy im Vorwort dar, wie klimatische Extreme mit langen, kalten Wintern und kurzen sommerlichen Hitzephasen den Speiseplan prägen. So finden sich in verschiedenen Kapiteln wärmende Suppen (Soljanka, Borschtsch, Krupnik…), verschiedenartigste Mehlspeisen (Pelmeni, Pierogi, Piroschki, Blini &co), Gerichte mit Vorliebe für lagerfähiges Gemüse wie Kartoffeln, Kohl und Rote Bete, Geräuchertes und Eingelegtes, aber auch deftiges mit Fisch und Fleisch. Und zu guter Letzt kommen natürlich auch die Süssspeisen und das Gebäck nicht zu kurz. Ja, abnehmen, Low Carb etc. wird man mit diesem Kochbuch sicherlich nicht, auch wenn es ein ganzes Kapitel mit Gemüserezepten gibt, dafür ist zu viel Butter, Mehl und saure Sahne im Spiel. Aber schmecken tut`s dafür umso besser.

Anna-Lena Fässler

Tanja Dusy „Matrjoschka – Kochen wie in Osteuropa“, EMF 2021.