Archiv der Kategorie: Bücher – Für Sie gelesen

Von Juni bis August

17Sommer

Ein Sommer in den 1930er Jahren. Ein Sommer in siebzehn Jahre junger Haut. Ein Sommer eingebettet zwischen Glücksgefühlen, grosser Liebe, Sehnsucht und Abschiedsschmerz. Eine Protagonistin, die so authentisch wirkt, als wäre es die gute Freundin von nebenan. Der Klassiker, der nach 77 Jahren bei Kein & Aber diese Woche frisch erscheint.

Sich mit Frühlingsgefühlen in den Sommer träumen, sich fühlen wie damals mit siebzehn Jahren und sich freuen auf die wärmer werdenden Tage!

Noemi Lieberherr, Lernende

 

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Eine schrecklich gute Geschichte einer abscheulichen Familie

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Familie Willoughby, das sind vier Kinder mit ganz schrecklich bösen Eltern. Diese Eltern gehen auf eine gefährliche Weltreise und kommen dabei ums Leben. Für die Kinder ist das eine ganz wunderbare Botschaft, weil sie mittlerweile von einem sehr liebevollen Kindermädchen betreut werden. Zur gleichen Zeit erzählt die Geschichte von Mister Melanoff, einem Milliardär, der seit langem deprimiert ist, weil seine Frau, die er nicht so besonders mochte und sein Sohn, den er umso mehr ins Herz geschlossen hatte, durch eine Lawine verschüttet worden sind und nie gefunden wurden. Dieser griesgrämige Milliardär findet eines morgens ein Baby vor seiner Haustür. Dieses kleine Mädchen erweicht sein Herz. Er lässt seine riesengrosse Villa endlich putzen, isst wieder regelmässig, kauft für das Kind alle möglichen Spielsachen und kümmert sich ganz liebevoll um das kleine Kind. Gleichzeitig werden in den Schweizer Bergen eine Frau und ein Junge aus einer Lawine geborgen. Die Frau findet die Schweizer Berge, vor allem den Postboten dort, ganz wunderbar, sie will um keinen Preis zurück. Der Sohn aber hat Heimweh nach seinem früheren Leben, vor allem sehnt er sich nach seinem Vater, der mit einer Erfindung von speziellen Schokoriegeln zum Milliardär geworden war. Man ahnt es beim Lesen mit jeder Seite mehr: Bei dieser verzwickten Geschichte führt irgendwann eins zum andern und kommt es buchstäblich zu einem Happyend, wie es im Buche steht.

Lois Lowry hat ein bemerkenswertes Buch geschrieben, dies in vielerlei Hinsicht: Da sind diese schrägen Figuren, die sich in einer altmodischen Welt so wohlerzogen und doch selbstbewusst bewegen, da ist das freche Spiel mit Klischees, vor allem, was Waisenkinder und die Schweizer Bergwelt betrifft, da sind diese vielen Übertreibungen und ein stellenweise wirklich schwarzer Humor. Durch die vielen Erzählstränge und Handlungsorte ist diese Geschichte nicht ganz einfach, sie eignet sich aber trotzdem hervorragend zum Vorlesen, weil Kinder wie Erwachsene immer wieder zum Lachen kommen und weil die verschiedenen Schauplätze durch eine klare Gliederung der Kapitel gut zu unterscheiden sind. Ein Buch für alle, die schräge, unkonventionelle und spannende Geschichten lieben. Für Kinder ab etwa 10 Jahren.

Maria Riss

Lois Lowry, Die schreckliche Geschichte der abscheulichen Familie Willoughby, dtv 2019.

 

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Mein ich mit dir

untermenschen

Wil hat sich entschieden: Sie möchte raus aus der Stadt, auf einen Bauernhof und ihre Ruhe haben. Weg von Mutter, weg vom Lärm und endlich das machen, was sie will. Da kommt diese Anzeige von Jan gerade recht: „Bauernsohn sucht Frau. Wohnt allein. 80 HA“. Die beiden ziehen zusammen.
Mathijs Deen erzählt von zwei Menschen, die nicht wissen, wie sie sich unter Menschen wohl fühlen können. Und die in der Einsamkeit dieses Bauernhofs am Deich ihr eigene ausfüllen lassen müssen, wollen sie nicht durchdrehen. Karg, spröde und ab und zu von Stürmen durchschüttelt nähern sich die beiden an. Und finden heraus, dass sie nicht überflutet werden, wenn sie Türen öffnen.

Melina Cajochen

 

Mathijs Deen, Unter den Menschen, Mare Verlag 2019

 

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Appenzell liest ein Buch – Gais liest mit

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Drei, bereits vertieft.

Wir alle lesen Lukas Linders Buch „Der letzte meiner Art“. Lies mit! Und erfahr von Alfred von Ärmel, wie es ist, wenn die Welt nicht auf einen gewartet hat. Wenn das, was du sagst und tust so cool ist, wie der selbstgestrickte Pullover der griesgrämigen Oma. Wenn der überaus begabte Bruder die Hoffnung kommender Generationen ist. Und dir nichts anderes übrig bleibt, als ein Held zu werden, auf dass auch ein Krümelchen des Ruhmes für dich abfallen mag. Aber wie?

Ganz Appenzell und Gais soll Linder lesen, lachen ob der Verstrickungen des Alfred von Ärmel, hin und wieder ertappt auf das eigene Leben schielen und darüber plaudern und parlieren. Wir freuen uns auf dorfweite Lesewellen!

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Ein wahrer Leckerbissen!

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Ganz in „Die Reifeprüfung“-Atmosphäre (der coolcoolcoole Film mit Dustin Hoffman und mit Liedern von Simon & Garfunkel) erzählt uns Barnes die Geschichte einer ersten grossen Liebe. Der 19-jährige Paul, in den Semesterferien zu Hause in der Vorstadt, verliebt sich in Susan, die fast zwanzig Jahre älter ist als er. Sie ziehen zusammen, in die Stadt, und beginnen ein ganz neues Leben. So wähnt Paul. Doch die Menschen in diesem Leben sind nicht neu, nicht unbeschrieben. Er muss erfahren, dass diese Liebe mehr verlangt, als er geben kann.

Gültige Sätze über die Liebe findet Paul nicht. Und so macht die Geschichte seiner ersten grossen Liebe und deren Ende keinen Sinn für ihn. Trotzdem lesen und hören wir mit Gewinn davon. Ein wunderbar schön trauriges Buch zum Mitschwelgen und, doch, Sätze sammeln.

Melina Cajochen

 

Julian Barnes, Die einzige Geschichte, Kiepenheuer&Witsch 2019

 

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Fröhliche Romantik

taugenichts

Die Epoche «Romantik» (ca. von 1795 bis 1848) steht für Individualität, Bewusstheit der Gefühle, Leidenschaft, Fernweh und die Hinwendung zur Natur.

Eichendorffs Klassiker entspricht der Beschreibung einwandfrei.

Ein junger Mann, der lieber Geige spielt und die Zeit geniesst, anstatt zu arbeiten, wird von seinem Vater fortgeschickt «um sich sein Brot selber zu verdienen» und so zieht der Taugenichts hinaus in die Welt um sich dort «sein Glück zu machen». Welches ihm kurz darauf wortwörtlich vor die Füsse fährt. Junge Damen in einer Kutsche sind erfreut von seinen Geigenklängen und laden den Herrn ein, mit ihnen nach Wien aufs Schloss zu fahren. Dort arbeitet er für längere Zeit und verliebt sich in ein junges Fräulein, das seine Liebe jedoch nicht gleichermassen erwiedert. So bricht er eines Morgens heimlich vom Hof auf, neuen Abenteuern entgegen.

Nach allerlei Verwirrungen, Verwechslungen und viel Glück spaziert Taugenichts eines Tages in Rom ein. Die Angebetete soll nämlich auch hier sein…

Eine beglückende Geschichte mit heiteren Aussagen über die Natur und das Leben, bereichert mit fröhlichen Gedichten – eine Geschichte für alle und besonders für die Verträumten unter uns…

 

Noemi Lieberherr, Lernende

 

Aus dem Leben eines Taugenichts, Joseph von Eichendorff, Insel Verlag mit tollen Bilder von Hans Troxler

Das tollste Schwein

Die Geschichten des so eingebildeten Schweins Eduard Speck gehören mittlerweile zu den Klassikern der neueren Kinderliteratur. Eduard Speck lebt auf einem Bauernhof und ist überzeugt davon, dass er nicht nur das schönste, sondern auch das klügste und stärkste Schwein auf Gottes Erdboden ist. In jeder der 29 Geschichten will er dies den anderen Tieren auf dem Bauernhof erneut beweisen. Leider gehen aber seine Unternehmungen wirklich jedes Mal schief. Die Tiere haben sich an seine Aufschneidereien und sein Besserwissen gewöhnt und nehmen das Ganze recht gelassen. Aber ihn necken und verspotten, das tun sie schon. Wenn er beispielsweise den Fröschen befiehlt, das Quaken ab sofort zu unterlassen, weil er seinen Schönheitsschlaf brauche, oder wenn er versucht, den Schornstein in der Küche auszufegen und dafür ziemlich derbe Schläge mit dem Besen kassiert. Alle Tiere auf dem Hof haben einen speziellen Charakter, dies hat Wolf Erlbruch in seinen Bildern in gekonnter Manier ganz wunderbar eingefangen. John Saxbys Sprache ist wunderschön, oft ironisch und mit einem schmunzelnden Unterton. Diese feinen Andeutungen und die Details, die nicht explizit im Text stehen, stellen recht hohe Anforderungen an die Lesenden. Aber was man im Text nicht versteht, das wird in den Bildern deutlich gemacht. Die einzelnen Abenteuer von Eduard Speck lassen sich unabhängig voneinander geniessen und eignen sich deshalb sehr gut zum Vorlesen. Ein spezielles und kostbares Buch für Kinder ab etwa 8 Jahren und für Erwachsene.

Maria Riss

 

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John Saxby, Alle Abenteuer von Eduard Speck, mit Bildern von Wolf Erlbruch

 

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Die zehn Lieben des Nishino

Endlich, der neue Roman von Hiromi Kawakami! Seit „ Der Himmel ist blau, die Erde ist weiss“ (2008) sind vier Romane der japanischen Autorin erschienen. Alle habe ich mit Begeisterung gelesen. „Die zehn Lieben des Nishino“ erzählt in zehn Kapiteln die Lebensgeschichte des Mannes Nishino Yukihiko. Zehn Frauen erzählen ihre persönliche Liebesgeschichte mit diesem bemerkenswerten, auf den ersten Blick unauffälligen Mann. Nishino fragt seine Freundin „ Warum ist die Welt so unendlich“ und betrügt sie gleich mit der nächsten. Er kann nicht lieben und macht dennoch fast jeder seiner Geliebten einen Heiratsantrag. Seine Chefin schwört, nichts mit ihm anzufangen, bis er sie aus heiterem Himmel verführt. Eine Frau, mit der er eine Telefonliaison hat, vergleicht ihn mit einer Marimo-Alge, die als samtige Kugel auf dem Grund eines Sees liegt. In seinen Fünfzigern möchte er zusammen mit seiner viel jüngeren Geliebten sterben, doch so weit will sie nicht mit ihm gehen. Nishino, als junger Mann und bis ins höhere Alter ein Suchender, ein Liebender, dem die Frauen verfallen. Und dennoch schwebt über allen Geschichten die Flüchtigkeit des Augenblicks. Die Flüchtigkeit der modernen Liebe, die sich nicht festlegen will. Hiromi Kawakami erzählt mit einer zarten, leichten und eindringlichen Sprache von der Liebe, die keinen Halt finden kann in den Figuren, die ihr verfallen.

Hiromi Kawakami, Die zehn Lieben des Nishino, Hanser Verlag

diezehnlieben.jpegAuch der Umschlag ist zum Anbeissen.

 

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Polly ist 11 und East 15

Zwei mal das erste Mal und bei beiden gibt es keine Abstriche. Jordan Harpers „Die Rache der Polly McClusky“ begeistert und bewegt. Nicht anders sieht es mit dem Erstling „Dodgers“ von Bill Beverly aus.

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East steht Schmiere vor einem Drogenhaus in Los Angeles. Dann geht einiges schief. Zusammen mit dem dicken Walter, dem angeberischen Michael und seinem jüngeren, brandgefährlichen Bruder Ty fährt er in den mittleren Westen. Ihre Aufgabe: einen vermeintlichen Zeugen umbringen. Natürlich geht nicht alles glatt für die vier schwarzen Jungs, die vorher noch keinen Schritt aus der Grossstadt heraus gemacht haben. Es gibt Tote – mehr als erwünscht – und einige dramatische Wendungen. Bill Beverly entwickelt eine fein erzählte Geschichte, die verschiedene Genres gekonnt mischt, die poetische Momente zulässt und trotzdem den unterschiedlichen, meist trostlosen Realitäten, verpflichtet ist.

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Während East auf der Jagd ist, erzählt Jordan Harper von Polly und ihrem Vater Nate. Der ist aus dem Gefängnis ausgebrochen, hat aber die hässliche Hypothek, dass die Gang Aryan Steel ihn und seine ganze Familie auf die Todesliste gesetzt hat. Nate und Polly mit ihrem Teddybären fliehen, wehren sich, finden zusammen. Doch gibt es wirklich Sicherheit vor den allgegenwärtigen Gangmitgliedern? Spoilern wir nicht. Nur soviel: Polly lernt sich zu wehren. Und Nate verfolgt sein Ziel mit aller Konsequenz: Ich rette meine Tochter. Um jeden Preis.

 

Reto Pfändler

 

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Wer ist Stella?

 

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Stella ist …

Carol: … eine starke literarische Frauenfigur, die man unbedingt kennen lernen sollte.

Anna-Lena: … eine Liebende, die sich in unmenschlichen Zeiten für ihre Familie aufopfert.

Vanja: … sinnlich, faszinierend, leichtfertig, rücksichtslos – und in Bedrängnis.

Melina: … eine genussfreudige Frau in einer Zeit, in der es nicht einfach war, gute und kluge Entscheidungen zu treffen.

 

… ein Buch, so packend geschrieben, dass man es in einem Zug verschlingt – ein Lieblingsbuch dieses Frühjahres!

 

Takis Würger, Stella, Hanser Verlag 2019.

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Winesburg, Ohio

 

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Sherwood Anderson, Winesburg, Ohio, btb Verlag 2015

 

Dieses Buch mit seinen berührenden Porträts hat mein Herz gewonnen. Es ist ein Buch, das wärmt und tröstet, ein Buch zum Immer-wieder-Lesen.
Die Porträtierten leben in der Kleinstadt Winesburg oder sind dort aufgewachsen. Mit leichter Hand deutet Sherwood Anderson Berührungspunkte zwischen den Bewohner*innen an, leuchtet Hoffnungen und versagte Wünsche aus und schafft so eine wunderbare Atmosphäre der respektvollen Nähe. Die herzergreifenden Geschichten, die auch das Böse nicht aussparen, und der liebevolle Blick, gepaart mit einer tollen Sprache und einem klugen Textaufbau, vermögen eine Fülle zu schaffen, in der es wuchert, wächst und stirbt. Und dann wieder spriesst.
Sherwood Anderson schafft es, mich immer wieder mit dem Leben zu versöhnen. Ein Leben ohne Aneinanderreihung brillanter Momente, ohne Meditations-Kurs-unterstützte Auffindung vom Glück im Kleinen, ohne fünf A4-Seiten-Plan zur Selbstverwirklichung. Aber nichtsdestotrotz echt – wie das der Bewohner*innen von Winesburg, Ohio.

 

Melina Cajochen

 

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Für Kurzentschlossene und Langatmige

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Ich muss ehrlich gestehen, ein 700-seitiger Roman über China Mitte des 19. Jahrhunderts, einem historischen und geographischen Raum, der mir absolut unbekannt war, hätte ich nicht ohne weiteres in die Hand genommen. Was für ein Glück, dass die überwältigend guten Kritiken, die dem Roman unter anderem bescheinigen, eine Allegorie auf unsere Gegenwart zu sein im Hinblick auf religiös und wirtschaftlich motivierte Konflikte, meine Neugier doch geweckt haben, denn man wird reich belohnt bei der Lektüre von Stephan Thomes König der Barbaren.

Der Roman liest sich als Allererstes als unterhaltsamen Abenteuerroman in bester Manier, bei dem Intrigen und Machtspiele, Verhandlungen, Schlachten und leise Liebesmomente nicht fehlen. Durch den geschickten Wechsel der Protagonisten und der Perspektiven, lernt man die verschiedenen Konfliktparteien, die sich im Roman gegenüberstehen, kennen. Es geht zum einen um den Taiping-Aufstand, der eine spezielle Auffassung der christlichen Lehre zugrunde lag und der sich zu einem Bürgerkrieg mit offenbar bis zu 30 Millionen Todesopfern entwickelt hat und zum anderen um Englands Kolonialkrieg in China, bei dem die Legalisierung des Opiumhandels die Triebfeder des Handelns war. Treffend bemerkt ein mitgeschwemmter Missionar der Basler Mission den Kern der chinesischen Kolonialisierung: «Weil wir das Land nicht verstanden, in dem wir lebten, versuchten wir es nach unseren Vorstellungen zu verändern. Wir wähnten uns im Besitz der Wahrheit und waren bereit, sie zu teilen, aber in Wirklichkeit verteilten wir sie wie Almosen. Der Fortschritt, den wir brachten, machte uns reich und alle anderen zu unseren Knechten.»

Das siechende chinesische Kaiserreich, einst eine Hochkultur, mittlerweile regiert von korrupten Bürokraten aus der Kaiserfamilie, hat diesen Bedrohungen nicht mehr viel entgegenzusetzen. Mit Hilfe der Engländer, die sich natürlich immer «neutral» verhalten, gelingt es ihnen zumindest den Aufstand niederzuschlagen aber gegen den aufgezwungenen Handel sind sie schlussendlich machtlos.

Gespickt mit historisch belegten Figuren, wie beispielsweise General Zeng Guofan, Chef der Hunan-Armee oder Lord Elgin, Sonderbotschafter der britischen Krone, «the man who opened China», der sich seines Kulturverbrechens bewusst, den Alten Sommerpalast niederbrennen lässt, kann man den Roman also auch als historisches Sachbuch lesen und profitiert dabei von den profunden Kenntnissen Stephan Thomes, der Sinologie und Philosophie studiert hat und mittlerweile in Taipeh lebt. General Zeng Guofan wiederum ist eine der Figuren, die den Leser in die faszinierende Welt des chinesischen Denkens und der chinesischen Ästhetik einführt und so eine dritte, eine kulturelle Lesart, vorschlägt.

Leider scheitern die unzähligen Vermittlungsgespräche, die alle Seiten miteinander zu führen versuchen, am kulturellen Unverständnis – die Anderen bleiben immer die Anderen und die Barbaren, das sind auch immer die anderen.

 

Anna-Lena Fässler

 

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Röntgenblick in die Geschichte

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Vera Buck- Das Buch der vergessenen Artisten. Limes Verlag, 2018

Mathis ist ein mutiger Einzelgänger, der in einem Wohnwagen lebt. Er schreibt heimlich ein Buch und er liebt eine aussergewöhnliche, ja eine aussergewöhnlich starke Frau. So oder ähnlich könnten viele Liebes- und Lebensgeschichten beginnen. „Das Buch der vergessenen Artisten“ ist da allerdings überraschend anders als erwartet. Vera Buck entführt in die Welt der Jahrmarktkünstler, die sich am Rande, der sich in den 30er Jahren nazifizierenden deutschen Gesellschaft, bewegt. Wunderbar leicht, ernsthaft und frei erzählt sie vom Verschwinden dieser Subkultur. Der unangepassten, eigenwilligen und oft auch skurrilen Einzelgänger und Jahrmarktkünstler. Durch das erstarkende Naziregime bedroht, leben der Röntgenkünstler Mathis und seine Partnerin, die Kraftfrau Meta, bescheiden in einer Wohnwagensiedlung bei Berlin. Aber den Bedrohungen ihrer Zeit können sie nicht entgehen: die Bühnen werden geschlossen und Auftrittsverbote werden verhängt. Menschen verschwinden über Nacht und der Alltag wird immer beschwerlicher. Nur noch in geheimen Clubs und Künstlertreffs lebt die Vergangenheit weiter.

Vera Buck schreibt – genau wie ihr Protagonist Mathis – in zweifacher Hinsicht gegen das Vergessen: sie erinnert an die lebendige Kultur der Jahrmarktartisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts und an einzelne Künstler aus diesem Milieu, auf deren Spuren sie sich in umfangreichen Recherchen gemacht hat. Ihnen wird in diesem aus- und einladenden Buch ein sympathisches, dringend nötiges und süffig zu lesendes Denkmal gesetzt.

 

Brigitta Schmid

 

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Ein zartes Licht im Nebel

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Die junge Protagonistin lässt uns an ihrem Leben teilhaben, man glaubt sie zu kennen, aber irgendwie auch nicht. Die Stimmung des Ortes Sokcho; kalt, neblig, befremdlich, etwas einsam und bedrückt, spiegelt sich in den Gefühlen der Ich-Erzählerin. Sie arbeitet in einer Pension ohne viele Gäste und einem undankbaren Chef. Ihre Mutter, die Fischstandbetreiberin, möchte sie am liebsten schon gestern verheiratet haben und dennoch bemuttern. Die junge Frau möchte eigentlich weg von hier, weiss jedoch nicht wohin, weshalb und wann.

Durch einen französischen Künstler und dessen andere Sichtweise auf Sokcho und das Leben im Allgemeinen, verändert sich in ihr etwas. Der Nebel in ihr und um sie herum wird etwas gelichtet, sie sieht etwas klarer in die Welt und auch für uns Leser scheint Sonne durch.

Klein und fein. Sehr detailreich und gefühlvoll, von Elia Shua Dusapin geschrieben und mit dem Robert Walser Preis ausgezeichnet.

Noemi Lieberherr

Ein Winter in Sokcho, Elisa Shua Dusapin, Blumenbar 2018

 

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Kanadakrimikunst

Kiefern

Im beschaulichen Dorf Three Pines macht sich Unbehagen breit: Mitten auf dem Dorfplatz steht eine schwarz verhüllte Gestalt, bewegungslos und stumm. Dann wird eine Leiche gefunden. Armand Gamache, Polizeichef von Québec und Wochenendaufenthalter in Three Pines, schaltet sich in die Ermittlungen ein. Und er muss dabei mit Samthandschuhen vorgehen, will er die zweijährige verdeckte Operation, bei der er alles, alles aufs Spiel setzt, nicht gefährden.

Dorfkrimi, Actionthriller, grosse Politik und internationaler Drogenhandel, Gerichtsdrama, Rachefeldzug und und und … in der Geschichte «Hinter den drei Kiefern» laufen zwischen zwei Buchdeckeln eine Menge unterschiedlicher Krimifäden zusammen. Und es funktioniert tadellos. Meine Krimiempfehlung für den Winter!

Melina Cajochen

Louise Penny, Hinter den drei Kiefern, Kampa Verlag 2018

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Wie ich auf die Welt kam

Selten habe ich mich über eine literarische Neuentdeckung so sehr gefreut, wie über Irena Brežnás Buch «Wie ich auf die Welt kam – In der Sprache zuhause», kürzlich erschienen im Rotpunktverlag. Geboren 1950 in der Tschechoslowakei, gehörte sie zu den 13 000 Tschechoslowaken, denen der Schweizer Bundesrat 1968 Asyl gewährte. Kaum angekommen in der Schweiz, stürzte sie sich in das Erlernen der neuen Sprache und begann wenig später ihr Studium in Slawistik, Philosophie und Psychologie an der Universität Basel. Ziemlich schnell musste die damals 18jährige feststellen, dass es Länder gibt, «wo man sich durch Schlagfertigkeit und Sprachfarbe die Gunst des Gastlandes sichert, in der Deutschschweiz aber sind die Fremden eher willkommen, wenn ihre Sprache farblos und gebrochen ist. Ein allzu glattes Hochdeutsch wird als Überlegenheitsgebärde dechiffriert. In Dialekt hinkende Fremde sind willkommener als die auf Hochdeutsch tänzelnden.» Irena Brežnás Fremdsprachenbegeisterung hat diese und ähnliche Entdeckungen nicht aufgehalten, sondern vielmehr angespornt: «Die sprachliche Unvollkommenheit gar als Vorteil für Neuschöpfungen zu nützen, blieb eine überwältigende Entdeckung. Als ich den Sprachwechsel vollzog, gab es keine «Migrantenliteratur» und ich kann mich nicht erinnern, von jemandem zum Schreiben in der fremden Sprache ermutigt worden zu sein.»  Und so versammelt der vorliegende Band wunderbar poetisch geschriebene literarische Reportagen aus verschiedenen Stationen in ihrem Leben. Erschütternd sind die Erzählstücke aus Krisengebieten wie Tschetschenien, in denen sie als Kriegsreporterin unterwegs war, spannend ihre genauen Beobachtungen zur politischen Lage in Weissrussland oder der Slowakei und nie, und dafür bin ich besonders dankbar, schreibt sie im Sinne einer oberflächlich «engagierten Literatur». Dafür sind ihre Reflexionen, die Auseinandersetzung mit dem Heimatsbegriff und der Fremdheitserfahrung, die in allen Reportagen anklingen zu tiefgründig, persönlich und durchdacht. Ihre Rolle als Chronistin nimmt sie ernst, denn «wenn Vergangenes und Jetziges klar beim Namen genannt wird, wird die Zukunft ein aufrichtiges Antlitz haben».

 

Anna-Lena Fässler

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