Archiv der Kategorie: Bücher – Für Sie gelesen

Alte Zöpfe abschneiden

haare

Im Bücherladen liegt ein Flyer auf, der auffällt. Ein Haarzopf schlängelt sich über das Papier, „Alte Zöpfe abschneiden“ steht da geschrieben. Und sogleich taucht das berührende Buch „Der Zopf“ von Laetitia Colombani in meiner Erinnerung auf.

Smita, Giulia und Sarah haben eigentlich nichts gemeinsam: Sie leben in unterschiedlichen Welten, geografisch und auch was ihren Alltag betrifft. Wie drei Stränge eines Zopfes führt Laetitia Colombani diese drei Leben, in denen Haare auf unterschiedliche Weise eine Rolle spielen, zusammen. Und zeigt so, dass Unterstützung über verschiedenste Grenzen hinweg Leben ändern kann. Der Autorin ist eine wunderbare Geschichte darüber gelungen, wie schön es sein kann, wenn die Verbundenheit aller durch die Globalisierung fühlbar wird.

Und was hat es nun mit dem Flyer auf sich?
Die Naturcoiffeuse Edith Ulmann schneidet alte Zöpfe ab um Frauen und Kindern, die aufgrund von Krankheit ihre Haare verloren haben, eine Freude zu machen. Mit dem Verlust des Kopfschmuckes geht oft auch ein Stück Weiblichkeit, Sinnlichkeit und Identität verloren – das möchte Edith zusammen mit den Haar-Spenderinnen zurückschenken. Die Zöpfe werden zu haarcreation in Basel geschickt, wo sie zu schönen Haarteilen verarbeitet werden. Was es dazu braucht: ein bisschen Mut, frisch gewaschene Haare und eine Haarlänge von mindestens 20cm. Der Haarschnitt rundherum ist kostenlos.
Also hin und weg mit dem alten Zopf! Und vielleicht die ein oder andere goldene Kuh schlachten, die es sich in unserem Kopf bequem gemacht hat. Fürs neue Jahr die Chance zu haben, unbequem zwackende und störende Glaubenssätze zu entsorgen, kann befreiend sein. Das hilft sehen und sich freuen an dem, was ist. Und lässt uns so ein Teil der Fülle des Lebens sein.

 

Melina Cajochen

 

Wann und wo: Donnerstag 28. November 2019 von 18.30 bis 21.00 Uhr an der Jakob Signerstrasse 5 in Appenzell

Wie: ohne Anmeldung hin!

Bei Fragen: ei-genart@bluewin.ch

Beim Muschelessen über Muschelessen sprechen – Gute Bücher für dicke Leser

Schuberts Winterlieder.
Muschelnudeln mit Speck, Pilzen und Crème double
Zwei Salate
Wein, Bier, Wasser, Tee und Kaffee
Und Süsses dazu

Worte marschieren über den Tisch, mäandern auch mal
Der Anfang ist blass, die Mitte grandios, der Schluss ok
Wie Muscheln sterben (und Hummer bei Foster Wallace)
Wie Väter waren und sind
Was Mütter tun sollten. Und vielleicht nicht können
Was tatsächlich notwendig ist und hinreichend zumal

So oder so:
Der Tyrann muss weg
Punk.

Melina Cajochen

 

BUCH VIER

Das Buch für die nächste Runde „Gute Bücher für dicke Leser“ ist gewählt: Dr. Shiwago von Boris Pasternak. Sprechen wir darüber! Am 21. Dezember um 19 Uhr bei Pia. Gerne anmelden über mail@buecherladen-appenzell.ch.

Gleich bestellen und loslesen mit Ausgabe „schön-alt“ oder „elegant-neu“

 

Ultimativ

ultim.jpeg

Eugen de Bodt und sein Team sind gefordert, und wie. Der Mann der Bundeskanzlerin wird entführt. Später geht es der Frau des französischen Präsidenten ebenso. Beide müssen Fingeer lassen und die Regierungen der beiden big player in Europa sind mit nicht erfüllbaren Forderungen konfrontiert. Ganz nebenbei verlieren russische Staatsbeamte in halb Europa seltsamerweise ihr Leben und ein deutscher AKW-Cheftechniker steht arg unter Druck. Soweit so unübersichtlich. Soweit so Christian von Ditfurth. „Ultimatum“ sein neustes Buch lebt von der Verwirrung, den Dialogen und dem Zusammenspiel von de Bodts Team. Herzerfrischen arrogant und vollkommen unorthodox ermittelt de Bodt, lässt dabei schnell einmal den einen oder anderen unfähigen Minister über die Klinge springen und löst – natürlich – den Fall.

 

Christian von Ditfurth stellt mit seinen schnell erzählten, auf vielen Ebenen spielenden Geschichten von einem System, das angreifbar ist, an seine Grenzen stösst und auch am Schluss nicht unantastbar bleibt. Jede der knapp 500 Seiten ist Spannungsaufbau pur. Dass dann am Schluss der Schluss zwar schlüssig ist, aber etwas allzu stürmisch kommt, ist nicht weiter schlimm. Wer danach auf den Geschmack gekommen ist – „Ultimatum“ ist bereits der fünfte Fall von Eugen de Bodt.

Reto Pfändler

 

Ultimatum, Christan Ditfurth, C. Bertelsman 2019

direkt bestellen und zwar hier

Familienbande

glaubekinder.jpeg

Ob mit oder ohne Geleitwort von Ljudmila Ulitzkaja und Vorwort der Herausgeberin Irina Scherbakowa, zweier gewichtiger Stimmen in der russischen zeitgenössischen Kulturlandschaft, das Buch „Ich glaube an unsere Kinder“ ist ein Kleinod der Erinnerung, aber auch eine stille Mahnung, die Geschichte in all ihren Winkeln und mit all ihren Auswüchsen immer ernst zu nehmen. 14 Väter kommen zu Wort, die während der Stalinzeit aus ihrer Haft, ihrem Verbannungs- oder Lagerort, an ihre Familien schrieben. Dort lebten sie zumeist unter widrigsten Umständen und starben häufig auch dort. Sie hielten den Kontakt zu ihren Familien mit äussersten Anstrengungen aufrecht, denn sie wollten Anteil haben an deren Alltag und wollten wissen, wie ihre Kinder aufwuchsen und lebten. Nicht selten war unter ihren Lebensumständen dieser Kontakt der einzige Grund ihres Lebenswillens. Ihre Stimmen stehen stellvertretend für Millionen von Menschen – Mütter wie Väter – die im sowjetischen Lager- und Haftsystem lebten, litten und umkamen. Ihr Zeugnis und der lakonische, sorgfältige Stil der Buchgestaltung, der auch den Kindern eine Stimme gibt, sind beredte Zeugen für eine Zeit, die authentisch zu bezeugen immer weniger Menschen in der Lage sind. Nicht zuletzt auch deshalb ist die Arbeit der internationalen Gesellschaft MEMORIAL nicht genug zu würdigen, der auch die hier erhaltenen Briefe ihre Existenz und Veröffentlichung verdanken.

 

Brigitta Schmid

Irina Scherbakowa (Hg.): Ich glaube an unsere Kinder. Briefe von Vätern aus dem Gulag. Mathes & Seitz, Berlin 2019

direkt bestellen hier

Brieffreundinnen

file-58Bett und Avery wollen eigentlich nicht befreundet sein, denn sie SOLLEN unbedingt befreundet sein. Verlangen ihre Väter. Und so beginnt eine E-Mail-Bekanntschaft, bei dem sie sich schnell klarmachen, dass sie auch gar nichts gemeinsam haben. Als sie sich in einem Ferienlager treffen, merken sie, dass Unterschiede eigentlich ganz praktisch sein können. Und dass sie durch das Schreiben, durch den Austausch von persönlichen Gedanken und Geheimnissen, schliesslich doch Freundinnen geworden sind.

Ein E-Mail- und bisschen Brief-Roman, turbulent, frisch und mit Herz. Und, wie ich finde, hübschem Einband. Für Leser*innen ab 12.

Melina Cajochen

grad jetzt einkaufen

Holly Goldberg Sloan/Meg Wolitzer, An Nachteule von Sternenhai, Hanser 2019

Gute Bücher für dicke Leser!

Appenzell ist eigentlich recht gut dabei. Es zirkelt so einige Lesegruppe umher und diskutiert bis in den Bücherladen hinein. Immer schön und spannend.

Das wunderbare Leben als Buchhändlerin hat aber auch seine Nachteile..nämlich zwei! Erstens schenkt einem niemand mehr ein Buch (die glauben man habe sicher schon genug bis alle!) und zweitens muss man früher oder später der schockierenden Tatsache ins Auge sehen – man kann im Leben nicht alles lesen! So beigt und türmt es sich in unermessliche Höhen, und der Wunsch geht immer in beide Richtungen – Jagd auf Neuerscheinungen und Sehnsucht nach längst Geschriebenem, Aufgespartem, Wiederlesen, endlich einmal lesen. Besonders letzteres drängt sich immer mehr auf.

So haben Anna-Lena, Melina und ich beschlossen, es den Appenzeller*innen gleich zu tun – und gründen hiermit unsere erste Lesegruppe! Und laden euch herzlich ein, dabei zu sein.

Wir machen es so:

Wir lesen ein Buch bis zu einem bestimmten Dienstagmittag in ein paar Wochen und diskutieren, schwärmen, kritisieren, plaudern darüber. Bei einer Chäsladenplatte irgendwo in Appenzell. Der Ort wird sich wie das Buch immer ändern und jeweils bekannt gegeben. Die Bücher werden im Turnus der Mitlesenden ausgewählt. Je nach Buch entscheidet man, ob man dabei sein möchte. Die Einladungen erfolgen über den Blog. Es darf alles sein, alt, neu, jedes Genre, Hauptsache ein Buch, dass man schon immer lesen wollte!

Wir fangen an am

Dienstag 27. August
12.15 bis 14 Uhr
mit Charles Dickens „Grosse Erwartungen“
Anmeldung im Bücherladen gern bis am Montag 15. Juli

Wir lesen die neuste Übersetzung von Melanie Walz

grad bestellen und loslesen mit dem Taschenbuch

oder mit der schönen Leinenausgabe von Hanser

 

Warum ich dieses Buch unbedingt endlich lesen will?

Vor Jahren entdeckte ich die Erzählungen von Evelyn Waugh (seither nicht mehr aus den Augen gelassen) und da gab es diese eine Geschichte. „Der Mann, der Dickens liebte“. Und zwar so sehr, dass er über Leichen geht. Haarsträubend, absurd und genial. Seither ist meine Liebe für Dickens irgendwie erweckt.

 

Auf gehts, wir freuen uns – mit grossen Erwartungen, hoffentlich bis bald!

 

Vanja Hutter

 

Kinder lesen, empfehlen und verkaufen!

Bereits im Mai fand die erste Redaktionssitzung mit 13 Kindern aus Appenzell und Umgebung statt. Danach wurden die ausgewählten Bücher mit grosser Begeisterung gelesen und ganz wunderschön gestaltete Rezensionen verfasst. Kinder und ihre individuellen Leseinteressen wahrnehmen, ihre ganz persönlichen Meinungen über Gelesenes ernst nehmen, waren und sind oberste Ziele dieses Projekts. Vor allem an den beiden Verkaufstagen, wird zudem das Gespräch über Gelesenes im Zentrum stehen.

Wir hoffen und freuen uns auf möglichst viele Besucherinnen und Besucher an der Vernissage am Freitag 28. Juni um 17 Uhr.

Die Kinder werden sich über zahlreiche Kundinnen und Kunden an den beiden Samstagen freuen.

Kinder_ZeitungBild

Kinder_ZeitungText

kinderzeitungkinderflyer

So nicht!

sonicht

Jürgen Todenhöfer zählt zu den profiliertesten Kritikern der westlichen Aussenpolitik im Mittleren Osten. In seinem neusten und in den Augen vieler Kritiker wichtigsten Werk ‘Die grosse Heuchelei‘ legt Todenhöfer eine zeit- und zivilisationskritische Abrechnung mit der Aussenpolitik des Westens vor. Mittels Analyse mehrerer Militärinterventionen der kürzeren Vergangenheit, sowie anhand von Recherchen vor Ort in den gefährlichsten Krisengebieten der Welt, zeigt Todenhöfer auf, dass die Aussenpolitik westlicher Staaten nicht den edlen Zielen wie Menschenrechten oder Demokratisierung, sondern knallharten ökonomischen und geostrategischen Interessen dienen. Todenhöfer zeigt auf, dass die propagierten Werte der westlichen Aussenpolitik am ehesten Anklang finden würden, wenn diese vorgelebt und nicht mit gewaltsamen Interventionen durchgesetzt werden. Der Westen muss fair agieren und die Interessen anderer Völker mitberücksichtigen. Ansonsten befürchtet Todenhöfer, dass sich die Katastrophen der Vergangenheit wiederholen und ein weltweit friedliches Miteinander in weite Ferne rückt.

Ein interessantes Buch für Leserinnen, die sich auch für Weltgeschehen interessieren, das weiter weg passiert, als gleich jenseits unserer Landesgrenzen.

Tobias Wetter…

… ist am Frauenstreiktag eingesprungen für unsere Lernende Noemi und hat ihre Bücherladenarbeit, hier Blogschreibarbeit, übernommen.

 

Jürgen Todenhöfer, Die grosse Heuchelei. Wie Politik und Medien unsere Werte verraten, Propyläen 2019.

 

EINKAUFEN

 

Der etwas nervige Elefant

elefant.jpeg

Eines Tages klopft es an der Tür. Sam rennt die Treppe hinunter, um sie zu öffnen. Ist es der Postbote? Nein, es ist ein Elefant. Ein gewaltiger, gigantischer, elephantöser Elefant. Der Elefant will rein und Hunger hat er auch. Bald wird klar, weshalb der Elefant hier auftaucht und Sam zu kennen scheint: Sam hat im Zoo ein Patenschafts-Formular für einen Elefanten ausgefüllt. Und deshalb hat sich der Elefant in ein Flugzeug gesetzt und ist gleich hergekommen. Der Elefanten zwängt sich durch die Haustür zur Küche. Diese frisst er in «nullkommanix» leer. Anschliessend folgt ein Bad mit einer entsprechenden Überschwemmung und die Fahrt auf Sams Fahrrad, das dabei selbstverständlich in die Brüche geht. Das Ganze gipfelt schliesslich darin, dass es erneut an die Tür klopft und eine ganze Herde gigantischer Elefanten vor der Tür steht. Das ganze Haus füllt sich mit Elefanten und erst jetzt wird Sam bewusst, dass er künftig bei jedem Formular unbedingt das Kleingedruckte lesen muss.
Mit Tony Ross und David Williams, beide Altmeister des britischen Humors, haben sich zwei zusammengetan, die wissen, was Kinder und auch Erwachsene zum Lachen bringt. Die beiden beherrschen ihr Fach einfach meisterlich. Die aberwitzige Geschichte und die Bilder sind so wunderbar gekonnt, dass allein schon das Durchblättern helle Freude macht. Bereits ganz kleine Kinder werden begeistert sein und sich immer wieder auf die Suche nach den vielen Details machen, die in den farbenfrohen Bildern versteckt sind. Das vorliegende Bilderbuch wird mit Sicherheit zum Lieblingsbuch ganz vieler Kinder avancieren. Ab etwa 4 Jahren.

 

Maria Riss

grad einkaufen

 

David Williams / Tony Ross, Der etwas nervige Elefant, Rowohlt 2019

Unerhörte Stimmen

shami

Elif Shafak gilt seit ihren ersten Veröffentlichungen als Sprachrohr für Gleichberechtigung und freiheitliche Werte in der Türkei und aber auch in ganz Europa. Auch in ihrem neuen Roman sind die Hauptpersonen eben die, deren Stimmen sonst kein Gehör finden. Die Widmung in Elif Shafaks Roman setzt den Ton für dieses empathische Buch: “Für die Frauen Istanbuls und für die Stadt Istanbul, die eine weibliche Stadt ist und immer war.“

Die Hauptfigur ist Leila. Tequila Leila, wie sie von ihren Freunden und Kunden genannt wurde. Leila wurde ermordet und mit Leilas Tod beginnt die Geschichte. Leila ist diejenige, die uns ihre Geschichte erzählt. Ihr Leben als Prostituierte in der pulsierenden, brodelnden, bunten und unbarmherzigen Stadt Istanbul. Eine Frau, die ein neues Leben beginnen wollte und um ihren Platz in der Welt kämpfte, sei es in der eigenen Familie oder in der Gesellschaft. Aber es ist auch die Geschichte ihrer unkonventionellen Freunde, allesamt Menschen am Rande der Gesellschaft, die am Ende aber eines verbindet: Freundschaft über den Tod hinaus.

 

Carol Forster

unerhört

Elif Shafak, Unerhörte Stimmen, Kein & Aber Verlag 2019

 

grad einkaufen und loslesen

Selbst ist die Enola

 

In England schon längst eine Bestseller-Reihe, können wir nun auch in Deutsch bei Enola Holmes’ Ermittlungen mitfiebern. Was für eine Lesefreude!
Enola Holmes wohnt mit ihrer Mutter auf dem Land, in einem Vorort von London. Sie ist 14 Jahre alt und kann ihre Tage selber gestalten, ohne lästiges Korsett-tragen, Handarbeits-Training und sonstige Beschäftigungen, die jungen Damen von ihrem Stand angemessen wären. Als ihre Mutter verschwindet, flüchtet sie vor ihren Brüdern, denn die wollen sie in ein Internat stecken. Sie entschliesst sich, in London unterzutauchen – denn wo kann sie sich besser vor einem Meisterdetektiv und einem Mitarbeiter des Geheimdienstes verstecken, als im Trubel der Grossstadt? Wo kann sie sich besser vor ihren Brüdern Sherlock Holmes und Mycroft Holmes verstecken, als in der Höhle der Löwen. Auf dem Weg nach London stolpert sie über den Fall des verschwundenen Lords und beginnt zu ermitteln.
Die Sprache und die Bilder des Romans sind wie Enola selbst: kraftvoll, präzis, authentisch, klug und herzlich. Ein Buch aus einem Guss, zu Lesen ab 13 bis 25, für Interessierte an Lebensumständen Ende des 19. Jahrhunderts und an starken Frauenfiguren. Lasst euch also nicht vom mädchenhaften Bucheinband in die Irre führen!

Melina Cajochen

Nancy Springer, Der Fall des verschwundenen Lords. Ein Enola Holmes Krimi, Knesebeck 2019.

 

EINKAUFEN

Schwarzes Kleid mit Perlen

perlen
Eine Frau mittleren Alters verlässt Mann und Kinder um mit ihrem Geliebten zu sein. Doch so einfach ist das nicht. Der geliebte Coenraad ist Agent einer geheimen Organisation, welcher Art werden wir nie erfahren, und sprunghaft global unterwegs. Stets in geheimer Mission und undercover. Dass er eine Geliebte hat, darf niemand wissen. Um sich dennoch regelmässig zu sehen, entwickeln die beiden ein ausgeklügeltes System, einen Code aus versteckten Botschaften zwischen den Zeilen, zum Beispiel des National Geopraphic Magazins. Coenraad hinterlässt eine Botschaft und lässt sie Shirley zukommen. Sie entschlüsselt seinen Aufenthaltsort, Zeit und Treffpunkt, macht sich auf und reist ihm hinterher um sich in der Stadt, wo er gerade stationiert ist, im Hotelzimmer für ein paar Stunden in die Arme zu fallen. Ein aufreibendes Unterfangen. Ein grosses Warten an Flughäfen, in Hotellobbys und Museen. Ziellose Streifzüge. Shirley ist frustriert und doch ist es halb so schlimm. „Ich habe immer etwas worauf ich mich freue“. Manchmal treffen sie sich auch unter Menschen. Doch in der Öffentlichkeit ist Coenraad stets perfekt getarnt, fast bis zur Unkenntlichkeit. Oft erkennt sie ihn erst auf den zweiten Blick, bzw. „an der Art wie er dasteht und ich mich fühle.“

Auf den ersten Blick zeichnet uns Helen Weinzweig eine Frau in Abhängigkeit. Der Ausbruch aus ihrer Ehe, die sie als einengend und Zumutung empfindet, gelingt nur bedingt. Sie findet sich zwar in abenteuerlichen Verhältnissen wieder, doch auf ihre Kosten kommt sie nicht wirklich. Sie verbringt die meiste Zeit wartend, spazierend, sinnierend und mit sich. Dahin führt die Reise schlussendlich auch. Das nächste Treffen findet ausgerechnet in Toronto statt, wo ihre verlassene Familie lebt. Sie beschliesst anzuklopfen. Und wird überrascht.

Helen Weinzweig (1915-2010) hat diesen Roman mit 65 Jahren geschrieben, das Original erschien 1980 in Kanada. 2019 gibt der Wagenbach Verlag die erste deutsche Übersetzung heraus, zum Glück und endlich! „Schwarzes Kleid mit Perlen“ ist so leichtfüssig wie modern und wird von einer ganz eigenen Stimme getragen. Der Graubereich zwischen Realem und Surrealem ist ein wunderbarer Ort. Ihn lesend zu erkunden ein herrliches Vergnügen.

 

Vanja Hutter

 

Schwarzes Kleid mit Perlen, Helen Weinzweig, Wagenbach Verlag
hier einkaufen

Hallo, hier kommt Lucy

ichliegeLucy Adler liebt Basketball und ihren besten Freund Percy. Mit typischem Mädchencliquenzeug kann sie so gar nichts anfangen. Percy leider schon: Seine Freundinnen sind hübsch, liebenswert und darauf bedacht, Männerträume zu erfüllen. Im New York der 90er versucht Lucy herauszufinden, was sie eigentlich will. Und erfährt, dass nicht mit jedem gelebten Traum ein Wunsch in Erfüllung geht.
Ich mag Lucy, ich mag es (Lese-) Zeit mit ihr zu verbringen, an ihren Leidenschaften teilzuhaben und mit ihr auf der Suche zu sein. Ein tolles Buch für Jungs und Mädels ab 14, die sich Gedanken über ihren Platz in der Welt machen.

Melina Cajochen

Dana Czapnik, Ich werde fliegen, Heyne Verlag 2019

 

EINKAUFEN

Von Juni bis August

17Sommer

Ein Sommer in den 1930er Jahren. Ein Sommer in siebzehn Jahre junger Haut. Ein Sommer eingebettet zwischen Glücksgefühlen, grosser Liebe, Sehnsucht und Abschiedsschmerz. Eine Protagonistin, die so authentisch wirkt, als wäre es die gute Freundin von nebenan. Der Klassiker, der nach 77 Jahren bei Kein & Aber diese Woche frisch erscheint.

Sich mit Frühlingsgefühlen in den Sommer träumen, sich fühlen wie damals mit siebzehn Jahren und sich freuen auf die wärmer werdenden Tage!

Noemi Lieberherr, Lernende

 

EINKAUFEN

Eine schrecklich gute Geschichte einer abscheulichen Familie

Familie.jpg

Familie Willoughby, das sind vier Kinder mit ganz schrecklich bösen Eltern. Diese Eltern gehen auf eine gefährliche Weltreise und kommen dabei ums Leben. Für die Kinder ist das eine ganz wunderbare Botschaft, weil sie mittlerweile von einem sehr liebevollen Kindermädchen betreut werden. Zur gleichen Zeit erzählt die Geschichte von Mister Melanoff, einem Milliardär, der seit langem deprimiert ist, weil seine Frau, die er nicht so besonders mochte und sein Sohn, den er umso mehr ins Herz geschlossen hatte, durch eine Lawine verschüttet worden sind und nie gefunden wurden. Dieser griesgrämige Milliardär findet eines morgens ein Baby vor seiner Haustür. Dieses kleine Mädchen erweicht sein Herz. Er lässt seine riesengrosse Villa endlich putzen, isst wieder regelmässig, kauft für das Kind alle möglichen Spielsachen und kümmert sich ganz liebevoll um das kleine Kind. Gleichzeitig werden in den Schweizer Bergen eine Frau und ein Junge aus einer Lawine geborgen. Die Frau findet die Schweizer Berge, vor allem den Postboten dort, ganz wunderbar, sie will um keinen Preis zurück. Der Sohn aber hat Heimweh nach seinem früheren Leben, vor allem sehnt er sich nach seinem Vater, der mit einer Erfindung von speziellen Schokoriegeln zum Milliardär geworden war. Man ahnt es beim Lesen mit jeder Seite mehr: Bei dieser verzwickten Geschichte führt irgendwann eins zum andern und kommt es buchstäblich zu einem Happyend, wie es im Buche steht.

Lois Lowry hat ein bemerkenswertes Buch geschrieben, dies in vielerlei Hinsicht: Da sind diese schrägen Figuren, die sich in einer altmodischen Welt so wohlerzogen und doch selbstbewusst bewegen, da ist das freche Spiel mit Klischees, vor allem, was Waisenkinder und die Schweizer Bergwelt betrifft, da sind diese vielen Übertreibungen und ein stellenweise wirklich schwarzer Humor. Durch die vielen Erzählstränge und Handlungsorte ist diese Geschichte nicht ganz einfach, sie eignet sich aber trotzdem hervorragend zum Vorlesen, weil Kinder wie Erwachsene immer wieder zum Lachen kommen und weil die verschiedenen Schauplätze durch eine klare Gliederung der Kapitel gut zu unterscheiden sind. Ein Buch für alle, die schräge, unkonventionelle und spannende Geschichten lieben. Für Kinder ab etwa 10 Jahren.

Maria Riss

Lois Lowry, Die schreckliche Geschichte der abscheulichen Familie Willoughby, dtv 2019.

 

EINKAUFEN