Archiv der Kategorie: Bücher – Für Sie gelesen

Röntgenblick in die Geschichte

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Vera Buck- Das Buch der vergessenen Artisten. Limes Verlag, 2018

Mathis ist ein mutiger Einzelgänger, der in einem Wohnwagen lebt. Er schreibt heimlich ein Buch und er liebt eine aussergewöhnliche, ja eine aussergewöhnlich starke Frau. So oder ähnlich könnten viele Liebes- und Lebensgeschichten beginnen. „Das Buch der vergessenen Artisten“ ist da allerdings überraschend anders als erwartet. Vera Buck entführt in die Welt der Jahrmarktkünstler, die sich am Rande, der sich in den 30er Jahren nazifizierenden deutschen Gesellschaft, bewegt. Wunderbar leicht, ernsthaft und frei erzählt sie vom Verschwinden dieser Subkultur. Der unangepassten, eigenwilligen und oft auch skurrilen Einzelgänger und Jahrmarktkünstler. Durch das erstarkende Naziregime bedroht, leben der Röntgenkünstler Mathis und seine Partnerin, die Kraftfrau Meta, bescheiden in einer Wohnwagensiedlung bei Berlin. Aber den Bedrohungen ihrer Zeit können sie nicht entgehen: die Bühnen werden geschlossen und Auftrittsverbote werden verhängt. Menschen verschwinden über Nacht und der Alltag wird immer beschwerlicher. Nur noch in geheimen Clubs und Künstlertreffs lebt die Vergangenheit weiter.

Vera Buck schreibt – genau wie ihr Protagonist Mathis – in zweifacher Hinsicht gegen das Vergessen: sie erinnert an die lebendige Kultur der Jahrmarktartisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts und an einzelne Künstler aus diesem Milieu, auf deren Spuren sie sich in umfangreichen Recherchen gemacht hat. Ihnen wird in diesem aus- und einladenden Buch ein sympathisches, dringend nötiges und süffig zu lesendes Denkmal gesetzt.

 

Brigitta Schmid

 

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Ein zartes Licht im Nebel

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Die junge Protagonistin lässt uns an ihrem Leben teilhaben, man glaubt sie zu kennen, aber irgendwie auch nicht. Die Stimmung des Ortes Sokcho; kalt, neblig, befremdlich, etwas einsam und bedrückt, spiegelt sich in den Gefühlen der Ich-Erzählerin. Sie arbeitet in einer Pension ohne viele Gäste und einem undankbaren Chef. Ihre Mutter, die Fischstandbetreiberin, möchte sie am liebsten schon gestern verheiratet haben und dennoch bemuttern. Die junge Frau möchte eigentlich weg von hier, weiss jedoch nicht wohin, weshalb und wann.

Durch einen französischen Künstler und dessen andere Sichtweise auf Sokcho und das Leben im Allgemeinen, verändert sich in ihr etwas. Der Nebel in ihr und um sie herum wird etwas gelichtet, sie sieht etwas klarer in die Welt und auch für uns Leser scheint Sonne durch.

Klein und fein. Sehr detailreich und gefühlvoll, von Elia Shua Dusapin geschrieben und mit dem Robert Walser Preis ausgezeichnet.

Noemi Lieberherr

Ein Winter in Sokcho, Elisa Shua Dusapin, Blumenbar 2018

 

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Kanadakrimikunst

Kiefern

Im beschaulichen Dorf Three Pines macht sich Unbehagen breit: Mitten auf dem Dorfplatz steht eine schwarz verhüllte Gestalt, bewegungslos und stumm. Dann wird eine Leiche gefunden. Armand Gamache, Polizeichef von Québec und Wochenendaufenthalter in Three Pines, schaltet sich in die Ermittlungen ein. Und er muss dabei mit Samthandschuhen vorgehen, will er die zweijährige verdeckte Operation, bei der er alles, alles aufs Spiel setzt, nicht gefährden.

Dorfkrimi, Actionthriller, grosse Politik und internationaler Drogenhandel, Gerichtsdrama, Rachefeldzug und und und … in der Geschichte «Hinter den drei Kiefern» laufen zwischen zwei Buchdeckeln eine Menge unterschiedlicher Krimifäden zusammen. Und es funktioniert tadellos. Meine Krimiempfehlung für den Winter!

Melina Cajochen

Louise Penny, Hinter den drei Kiefern, Kampa Verlag 2018

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Wie ich auf die Welt kam

Selten habe ich mich über eine literarische Neuentdeckung so sehr gefreut, wie über Irena Brežnás Buch «Wie ich auf die Welt kam – In der Sprache zuhause», kürzlich erschienen im Rotpunktverlag. Geboren 1950 in der Tschechoslowakei, gehörte sie zu den 13 000 Tschechoslowaken, denen der Schweizer Bundesrat 1968 Asyl gewährte. Kaum angekommen in der Schweiz, stürzte sie sich in das Erlernen der neuen Sprache und begann wenig später ihr Studium in Slawistik, Philosophie und Psychologie an der Universität Basel. Ziemlich schnell musste die damals 18jährige feststellen, dass es Länder gibt, «wo man sich durch Schlagfertigkeit und Sprachfarbe die Gunst des Gastlandes sichert, in der Deutschschweiz aber sind die Fremden eher willkommen, wenn ihre Sprache farblos und gebrochen ist. Ein allzu glattes Hochdeutsch wird als Überlegenheitsgebärde dechiffriert. In Dialekt hinkende Fremde sind willkommener als die auf Hochdeutsch tänzelnden.» Irena Brežnás Fremdsprachenbegeisterung hat diese und ähnliche Entdeckungen nicht aufgehalten, sondern vielmehr angespornt: «Die sprachliche Unvollkommenheit gar als Vorteil für Neuschöpfungen zu nützen, blieb eine überwältigende Entdeckung. Als ich den Sprachwechsel vollzog, gab es keine «Migrantenliteratur» und ich kann mich nicht erinnern, von jemandem zum Schreiben in der fremden Sprache ermutigt worden zu sein.»  Und so versammelt der vorliegende Band wunderbar poetisch geschriebene literarische Reportagen aus verschiedenen Stationen in ihrem Leben. Erschütternd sind die Erzählstücke aus Krisengebieten wie Tschetschenien, in denen sie als Kriegsreporterin unterwegs war, spannend ihre genauen Beobachtungen zur politischen Lage in Weissrussland oder der Slowakei und nie, und dafür bin ich besonders dankbar, schreibt sie im Sinne einer oberflächlich «engagierten Literatur». Dafür sind ihre Reflexionen, die Auseinandersetzung mit dem Heimatsbegriff und der Fremdheitserfahrung, die in allen Reportagen anklingen zu tiefgründig, persönlich und durchdacht. Ihre Rolle als Chronistin nimmt sie ernst, denn «wenn Vergangenes und Jetziges klar beim Namen genannt wird, wird die Zukunft ein aufrichtiges Antlitz haben».

 

Anna-Lena Fässler

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Darf’s ein bisschen mehr sein?

Ja, Ja, JA!

 

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„Das Buch der vergessenen Artisten“ von Vera Buck, weil sie mit wunderbar frischer Sprache ganze Lebens- und Zeiträume erfasst. Wunderbare 746 Seiten in 998 Gramm.

 

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„Die Katze und der General“ von Nino Haratischwili, weil sie unser Zeitungswissen über Tschetschenien und Georgien aufpolstert. Köstliche 763 Seiten in 814 Gramm.

 

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„Geisterbahn“ von Ursula Krechel, weil sie uns zurückhaltend und nah dran auf eine Fahrt durch hundert Jahre Geschichte schickt. Leckere 638 Seiten in 794 Gramm.

 

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Was vielleicht eigentlich gerade los ist

Und immer wieder fragen Autorinnen: Wie ist das denn so, gerade jetzt, in diesen Zeiten, zu leben? Wir flitzen im Eiltempo auf dieser kleinen Kugel herum, hasten von Projekt zu Projekt, erobern die Welt mit dem Flugzeug, mit Tempo und Wucht, können alles wissen (ein bisschen) und alles ausprobieren (fast grenzenlos). Und dann sitzen wir in einem Wartesaal eines Flughafens, neben Amar zum Beispiel, könnten ihn berühren und – wissen nichts.
Lisa Halliday schafft es in «Asymmetrie» dieses Weltgefühl einzufangen, ohne platt darauf hinzuweisen. Mit hinreissender Sprache (tolle Übersetzung, lieber Hanser Verlag!), klugem Aufbau und weiteren Konstellationen, durch die es zwischen den Zeilen nur so wuchert, stellt Halliday Fragen, wie in einer Welt der gefühlten totalen Vernetzung persönliches Glück aussehen kann. Und was Politik damit zu tun haben könnte. Vielleicht … oder was ist es denn, was Ihnen entgegenwuchert, was schlingt sich um Ihre Gedanken? Bitte lesen und mit mir darüber parlieren! Es wäre mir eine Freude.

Melina Cajochen

Lisa Halliday, Asymmetrie, Hanser Verlag 2018

 

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Melancholischer Abgrund der Familiengeschichte

In einem kleinen feinen Bändchen steckt er, voll mit einer prallen Familiengeschichte, gut zu lesen an einem langen, lauen Sommerabend im Schaukelstuhl oder auf dem Balkon, der Roman „Nachsommer“ von Johan Bargum. In den schwermütigen Tagen eines zu Ende gehenden Sommers bringt das Sterben der Mutter die beiden ungleichen Söhne Carl und Olof nach einer langen Trennung ungewollt, ja unwillig, wieder zusammen. Es wird ein heftiges, schonungsloses und endgültiges Zusammentreffen, das sie zurück wirft in alte Verhaltensmuster und damit lange vergessene Vorkommnisse und Verletzungen wieder aufbrechen lässt.

Bargum ist Meister der lakonischen Formulierungen, die vollkommen ausreichen, um die Seelenlandschaft des Hauptprotagonisten Olof zu umreissen: eine unerfüllte Liebe, lebenslange Ängste und eine dominante Familie lassen ihn selbst konturen- und antriebslos bleiben. Bargum schafft es dennoch einen sympathischen, stillen Helden zu zeichnen, der innerlich aufgewühlt, äusserlich aber unverändert aus diesem Schlussakkord der Familiengeschichte hervorgeht. Getragen wird die melancholische Grundstimmung der Geschichte von der Möglichkeit einer echten Liebe zwischen Olof und seiner Schwägerin Clara, die die Realität des Alltages aber niemals erreicht hat.

Atmosphärisch dicht und in einfachen Worten beschreibt Bargum in der letzten, entscheidenden Begegnung der ungleichen Brüder und ihrer Familien die Unmöglichkeit von Gerechtigkeit und Wiedergutmachung. Leben im Jetzt ist alles, was bleibt.

Brigitta Schmid

 

Johan Bargum, Nachsommer. Roman. Aus dem Schwedischen von Karl-Ludwig Wetzig, mareverlag Hamburg, 2018

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Frisch vom Markt für Jugendliche

Maria Riss empfiehlt spannende Sommerlektüren!

dearmartinYustyce ist einer der besten Schüler seines Jahrgangs. Yustice sieht gut aus und kann auch im Sport mithalten. Fürs nächste Jahr hat er sich gar einen Studienplatz in Yale gesichert. Aber Yustice wird völlig willkürlich verhaftet und in Handschellen gelegt, obwohl er nur einem betrunkenen Mädchen helfen wollte. Denn Yustice ist schwarz. Er kommt zwar frei, weiss aber nicht, wie er mit seiner Wut umgehen soll. So beginnt er zu schreiben. Er schreibt Briefe an Martin Luther King, bittet um Rat, weil er einfach nicht weiss, wie er mit den vielen, oft kleinen rassistischen Beleidigungen im Alltag umgehen soll, und er weiss auch nicht, wem er sich anschliessen soll. Da gibt es die Gruppe der radikalen schwarzen Kämpfer, die mit roher Gewalt ihr Recht einfordern, manche von ihnen kennt Yustice seit dem Kindergarten. Da ist seine weisse Mitschülerin Sarah-Jane, die er so mag und die ihm nicht nur beim Debattieren zur Seite steht. Und da ist seine Mum, die für ihren Sohn alles tut, es aber niemals verstehen würde, wenn Yustice sich in ein weisses Mädchen verlieben würde. Egal wem sich Yustice anschliesst, er wird sich Feinde machen. Und von Martin Luther King bekommt er auch keine Antwort. Aber all die Briefe, die vielen Überlegungen, das Ordnen der Gefühle beim Schreiben, das ist trotz allem hilfreich. Und ganz zum Schluss weiss Yustice, welchen Weg er gehen will.

Gleich mit ihrem ersten Roman ist der jungen Autorin Nic Stone ein Wurf geglückt. Nicht nur, weil das Thema nach wie vor so aktuell ist, sondern auch, weil sie Yustice mit seinem Durcheinander an Gefühlen, seiner Suche nach dem für ihn richtigen Weg so glaubhaft und eindringlich beschrieben hat. Yustice gerät immer wieder zwischen die Fronten und wird bedroht. Dies ist nicht nur in Amerika so. Jugendliche werden Yustice Konflikte sehr gut nachvollziehen können. Es geht im Buch darum, seine Rechte einzufordern, sich über die eigene Haltung klar zu werden und dafür auch gerade zu stehen, ganz egal, ob man sich damit Feinde macht. Das spannende Buch sei Jugendlichen ab etwa 14 Jahren wärmstens empfohlen.

Nic Stone: Dear Martin
Aus dem Englischen von Karsten Singelmann
Rowohlt 2018
ISBN: 978-3 499-21833-0

 

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Malcolm lebt mit seinen Eltern und seinem Daemon Asta in Oxford. Er ist etwa 12 Jahre alt und ein ungemein kluger und hilfsbereiter Junge. Gegenüber dem Fluss gibt es ein Nonnenkloster, Malcolm hilft dort immer wieder aus. Eines Tages wird im Kloster ein Baby abgegeben, ein kleines Mädchen mit dem Namen Lyra. Zur gleichen Zeit passieren merkwürdige Dinge: Malcolm beobachtet einen Mord und belauscht beim Helfen in der Gaststube seiner Eltern geheime Gespräche über Macht, Krieg und Religion. Malcolm erfährt auch, wer der Vater der kleinen Lyra ist. Lyras Vater wird verfolgt und kann sich nicht um seine kleine Tochter kümmern. Malcolm verspricht ihm, was immer auch kommen möge, er werde Lyra beschützen. Man munkelt in diesen Tagen auch von einer Flut, die kommen werde, so gross, wie sie noch nie jemand erlebt habe. Es ist Malcom, der zusammen mit dem Küchenmädchen Alice das kleine Baby vor den schrecklichen Fluten rettet. In Malcolms kleinem Boot gelingt ihnen die Flucht. Um das Baby Lyra scheinen sich die Mächtigen des Landes zu streiten, deshalb wird Malcoms Boot verfolgt. Nicht nur die riesigen Wassermassen, auch bewaffnete Verfolger bedrohen das Leben der drei Flüchtenden. Alice und Malcolm haben Lyra vom ersten Moment an in ihr Herz geschlossen und verteidigen ihr Leben mit allen Mitteln. Erst ganz am Schluss, nach dem Bestehen von unglaublich vielen Gefahren, können sie Lyra endlich in die Hände ihres Vaters legen.

Philip Pullman hat einen ganz fantastischen Roman geschrieben, dies in jeder Beziehung. In welcher Zeit und Welt die Geschichte spielt, ist unklar, im Vordergrund steht aber der Konflikt zwischen mächtigen Religionsführern und den Gelehrten der Wissenschaft. Der Autor hat den Plot mit vielen fantastischen Elementen ausgestattet, so wird etwa jede Figur von einem passenden Daemon begleitet, dies macht die Lektüre zusätzlich spannend und geheimnisvoll. Auch die Beschreibungen der Figuren sind so treffend, dass Lesende Alice und Malcolm zu kennen glauben und wohl mit allen beiden gern befreundet wären. Obwohl das Buch fast 600 Seiten umfasst, würde man gerne weiterlesen, so eindrücklich ist diese Lektüre, auch wegen der vielen, aktuellen und politischen Anspielungen. Da ist es gut, dass bereits im Herbst der nächste Band «Ans andere Ende der Welt»erscheinen wird.

«Über den wilden Fluss» ist Teil der Vorgeschichte zur unvergesslichen Trilogie «Der goldene Kompass».

Philip Pullman: Über den wilden Fluss
Aus dem Englischen von Antoinette Gittinger
Carlsen 2018
ISBN: 978-3-551-58393-2

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Hier kommt unser Fanfutter!

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Für Serienleser und Provinzliebhaberinnen mit Charme.

 

Murakami
Für Philosophinnen, Maler, unter anderem Surrealisten.

 

Palmen
Für Freundinnen und den Sitznachbar im Bus.

 

poe
Für Gerngrusler und Augenschmeichlerinnen.

 

Schätzing
Für Nachtfalter, Götterbaumspinner, Sammlerinnen und Zukunftsinteressierte.

 

lika
Für Freunde des feinen Strichs und Tiefgängerinnen.

 

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Eine Insel zwischen Himmel und Meer

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Vor fast zwölf Jahren entdeckte der alte Osh ein kleines Boot vor der Küste. Erst beim Näherkommen sah er das kleine Baby darin. Er nannte das kleine Mädchen Crow. Seither leben die beiden zusammen auf dieser kleinen abgeschiedenen Insel im Einklang mit der Natur. Später will Crow wissen, woher sie kommt, will herausfinden, wer ihre Eltern sind und weshalb sie in einem alten Kahn ausgesetzt wurde. Osh hat zwar grosse Angst, seine geliebte Pflegetochter zu verlieren, aber er hilft bei der Suche, wo er nur kann. Die Geschichte begeistert vor allem durch die so gelungene Beschreibung der Figuren und deren warmherzige, feinfühlige Beziehung zueinander.  In einer wundervoll umsichtigen Sprache erzählt die Autorin von Crow’s Suche nach ihrer Identität, aber auch vom kargen und einfachen Leben in dieser unwirtlichen Gegend. Dies beeindruckt und berührt gleichermassen. Ein spannendes, anspruchsvolles und wunderbar stilles Buch, dessen Figuren und auch die Handlung lange nachhallen. Für Jugendliche.

 

Maria Riss

Lauren Wolk: Eine Insel zwischen Himmel und Meer
dtv. Reihe Hanser 2018

 

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Eine Frage der Erziehung

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Die Zeit der guten Vorsätze ist da. Endlich mal «Der Mann ohne Eigenschaften» fertiglesen, mit «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» beginnen oder die Neuübersetzung der Ilias aus dem Manesse Verlag aufschlagen. Für Leser mit Ambitionen also, für Liebhaberinnen herausfordernder Projekte, hätte ich einen neuen Vorschlag: Der frisch übersetzte (und in Teilen noch zu übersetzende) Romanzyklus «Ein Tanz zur Musik der Zeit» von Anthony Powell. In zwölf Bänden spricht die Hauptfigur Nicholas Jenkins von seinem Leben, erzählt von seinen Freunden, von Familie, Bekannten der englischen Oberschicht und analysiert sein und deren Handeln und Gebaren zwischen 1921 und circa 1971.

Nichts ahnend vom Umfang des Zyklus’ nahm ich den ersten Band zur Hand und legte los mit Lesen, erwartete ein unterhaltsames Buch voll mit netten britischen Leutchen und einem bisschen trockenen Humor. Nach einem Drittel der Seiten begann ich mich zu fragen, was zum Teufel der Autor mit dem Leser eigentlich vorhat. Wo ist das Drama, der grosse Spannungsbogen, wo die grosse Erkenntnis, die tiefe Einsicht? Welche Figuren sind nun wichtig, wieso verschwinden so viele davon sang- und klanglos aus dem Leben von Nicholas Jenkins? Und wie kann von diesem kunstlosen Buch eine so grosse Faszination ausgehen? Um meiner Verwirrung Frau zu werden, tat ich etwas, das ich sonst unter allen Umständen unterlasse (auch, weil ich ungern erklärt bekomme, was ich gerade am Lesen bin): Ich blätterte zum Nachwort vor. Und da half mir die Bemerkung von Martin Ebel auf die Sprünge: «Eine ins Unendliche gedehnte Dinnerparty … ein Grossversuch, das Leben zu begreifen.» Ha ja, das ist’s! So ist’s! So wahr. Denn ist es nicht so, das Leben, es ist halt ohne den einen grossen Spannungsbogen, es gibt Leute, die begleiten einen eine Zeitlang, sind wichtig und verschwinden dann auch wieder ohne grosses Trara. Und davon abgesehen, das Text Durchleuchtende, das Zerpflückende mal anhin gestellt, macht es einen Heidenspass zusammen mit Jenkins in der englischen Oberschicht unterwegs zu sein und sich sanft in Powells Sprache fallen zu lassen. Aber lesen Sie doch selber und schenken Sie sich Aha-Erlebnisse in Form kleiner, sich ausbreitender Wellen. Es lohnt sich.

Melina Cajochen

Anthony Powell, Eine Frage der Erziehung, dtv Verlagsgesellschaft 2017

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«Kleine Stadt der grossen Träume»

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Frederik Backman hat sich in den letzten Jahren mit seinen skurril-liebenswerten Helden in Romanen wie «Ein Mann namens Ove» einen treuen Leserkreis geschaffen, der sich über seinen neuen Roman freuen kann!

Seinen humorvollen Ton verliert er nämlich auch in der Geschichte um ein Kleinstädtchen im schwedischen Nord-Nirgendwo nicht, indem sich alles um Eishockey dreht – allerdings finden sich ungewohnt ernste und nachdenkliche Töne – Tiefgang, den man im ersten Augenblick nicht erwarten würde.

Der Roman beginnt gleich mit einem Knall: Ein Teenager drückt die Mündung einer doppelläufigen Schrotflinte gegen die Stirn eines anderen Menschen und drückt ab. Wie es soweit kommen konnte, wird in den folgenden knapp 500 Seiten sorgfältig aus wechselnden Perspektiven aufgeschlüsselt und man merkt bald, dass wirklich nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Die Sorgen und Schicksale der einzelnen Figuren erscheinen vor dem Hintergrund von Björnstad (Bärenstadt), das seine besten Zeiten schon hinter sich hat und in der sich Kälte, Dunkelheit und steigende Arbeitslosigkeit breit gemacht haben, existentiell. Das Einzige, was die Gemeinschaft zusammenzuhalten scheint, ist die Begeisterung für die erfolgreiche björnstädter Juniorenmannschaft, die wieder Hoffnung und v.a. wirtschaftlichen Aufschwung in die Region bringen soll. Mit ihr werden die Hoffnungen der verschiedenen Charaktere verknüpft. Als sich dann jedoch Kevin, der Held der Mannschaft, ohne den ein Sieg undenkbar ist, eines schweren Verbrechens schuldig macht, wird der Gemeinschaftssinn von Björnstadt auf eine schwere Probe gestellt.

Über die vielen Eishockeymetaphern und eingebauten Cliffhanger lernt man mit der Zeit hinwegzulesen, ansonsten ist Frederik Backman eine wunderbar einfühlsame Erzählung über Gruppendruck, falsch verstandene Loyalität und wahre Freundschaft gelungen – bestens geeignet für gemütliche Winterabende!

 

Anna-Lena Fässler

„Kleine Stadt der grossen Träume“ von Frederik Backman
Fischer Verlag

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Vomhimmelhoch das Schneegestöber

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Rico sagt von sich, tiefbegabt zu sein. Sein bester Freund ist der hochbegabte Oskar. Beide wohnen nun an der Dieffe 93. Mama hat den Bühl, den nettesten Polizisten Berlins geheiratet und sie hat jetzt einen so dicken Bauch, als hätte sie einen Wasserball verschluckt und trägt sehr weite Klamotten wegen der Umstände. Es ist der 24. Dezember und Rico muss unbedingt zusammen mit Oskar nochmals zu Karstadt. Wegen den Geschenken. Seit einiger Zeit hat sich Ricos Tiefbegabung echt gebessert, er könnte, wenn es sein muss, auch ganz alleine zum Kaufhaus laufen und würde den Weg zurück wohl auch wieder finden. Aber mit Oskar macht Einkaufen sehr viel mehr Spass. Unterwegs kommen sie an einem Hinterhof vorbei, den beide möglichst ignorieren. Zu viele schöne und auch enttäuschende Erinnerungen kommen hoch. Die beiden kaufen also ihre Geschenke und kämpfen sich durch den hohen Schnee heim. Aber Rico lassen die Erinnerungen an den Sommer im Hinterhof nicht mehr los, und er erzählt sie seinen Leserinnen und Lesern nach und nach. Unterdessen tobt draussen ein richtig heftiger Schneesturm. Niemand traut sich mehr raus. Auch an der Dieffe 93 geht so ziemlich alles drunter und drüber und keiner weiss, wie dieser verrückte Tag noch enden wird. Plötzlich stehen da auch frühere Freunde vom Hinterhof vor der Tür und die wieder wegzuschicken, das geht bei diesem Wetter beim besten Willen nicht. Rico und Oskar, die helfen fleissig mit am Wirbeln und am Hochhergehen und zu guter Letzt, da gibt es zwei riesengrosse Überraschungen, so richtig Vomhimmelhoch, mit denen wirklich an diesem Abend niemand gerechnet hätte.
Wer gute Laune braucht, nehme dieses Buch zur Hand. Ganz egal, wie alt man ist. Man spürt schier in jeder Zeile, wie viel Spass der Autor am Schreiben hatte und genauso geht es den Leserinnen und Lesern. Man geniesst jedes einzelne Wort, fiebert mit und lacht immer wieder zwischendurch. Und dann kommt dieses wunderfantastische Ende, das man sich genauso erträumt hat. Andreas Steinhöfel ist ein wunderbar einfühlsamer Beobachter, ein Sprachkünstler, ein in jeder Beziehung begnadeter Erzähler. Er hat seiner grossen Leserschaft mit diesem Buch ein einmalig schönes Weihnachtsgeschenk gemacht. Für Kinder ab etwa 10 Jahren.

Maria Riss

 

Andres Steinhöfel: Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch.
Mit Illustrationen von Peter Schössow – Carlsen Verlag

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Fox, Krokodil und tierischer Mensch

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Ich wollte nie nach Australien. Auf keinen Fall. Diese riesigen Insekten kann ich schon von hier aus sehen! Aber dann.. Immer wieder muss ein Krimi dran glauben und ich nehm ihn mit aufs Küchensofa. Aber bloss welchen? Gut gibt’s auch Buchhändlerinnen für Buchhändlerinnen und Melina weiss Rat – Stunden und Kapitel später bin ich schon daheim im australischen Crimson Lake.

Und Melina erzählt: Ted Conkaffey sitzt auf seiner Veranda und beobachtet seine Gänse – weit weg von Sydney, der Verurteilung und der Medienhetze tastet er sich zurück in eine Art Alltag. Doch es lässt ihn nicht in Ruhe, das Leben – die wohltuend durchgeknallte Aussenseiterin und Privatdetektivin Amanda Pharell braucht seine Hilfe. Während sie zusammen das Verschwinden eines berühmten Schauspielers untersuchen, ermittelt Conkaffey auf eigene Faust im weit zurückliegenden Fall seiner Partnerin. Die örtliche Polizei sieht das gar nicht gerne und versucht ihn mit rabiaten Mitteln daran zu hindern. Als die Medien erfahren, wer da neuerdings in ihrem hübschen Kleinstädtchen wohnt, wird es heiss, sehr sehr heiss für Conkaffey.

Und ich frage: Melina, hat dieses Buch deine Haltung zu Krokodilen verändert?
Ganz und gar nicht – froh war ich, dass Ted seine Gartenzäune immer wieder mal kontrollierte. Und seine Gänse davongekommen sind… Obwohl, gegen Ende werden sie doch noch recht nützlich, die grossen grünen Echsenviecher. Ein Grande Finale, das ein bisschen Freude zurück ins Leben von Conkaffey bringt. Sehr befriedigend.

Vanja Hutter

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Alles, alles über Berge

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Dieses neue Sachbuch ist schier allumfassend, was das Thema «Berge» betrifft. Da werden Pistenfahrzeuge präsentiert, Höhlenformationen erklärt, da gibt es Informationen zu allen möglichen Tieren, die sich auf das Leben in der kargen Berglandschaft spezialisiert haben. Da geht es um Schneekristalle, um Gletscher, um Höhenkurven oder um die Kraft des Wassers. Auf jeder Seite werden Leserinnen und Leser aufgefordert, etwas zu tun. Wanderwege einzuzeichnen beispielsweise, kleinere Experimente durchzuführen, Blätter zu analysieren oder Rindenabdrücke zu erstellen. Das Buch besticht vor allem durch die vielen informativen Bilder, die Texte sind auf ein absolutes Minimum reduziert. Ein bisschen ähnelt die Aufmachung einem Comic; so erhalten auch eher lesefaule, aber interessierte Kinder Lust auf die Lektüre. Für Bibliotheken eignet sich das Buch weniger, weil Nutzerinnen und Nutzer immer wieder ins Buch malen sollen. Für den Unterricht eignen sich die klaren Illustrationen und Erklärungen aber ganz besonders: Wenn Wissen so vermittelt wird, können Lesen und Lernen richtig Spass machen! Für Kinder ab etwa 8 Jahren und Erwachsene.

Maria Riss

Piotr Karski: Berge, Das Mitmachbuch für Gipfelstürmer, Moritz 2017.

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Gebrauchsanweisung für Selbstverteidigung

Der Piper Verlag veröffentlicht eine Buchreihe, die er «Gebrauchsanweisung» nennt. Die gibt es für verschiedene Städte, für ganze Länder und für das Leben gar selbst. Die frischeste Gebrauchsanweisung ist von Thomas Glavinic (ein toller, toller, toller Autor!) und nennt sich «Gebrauchsanweisung für Selbstverteidigung».
Als Kind der 90er, gross geworden mit Karate-Kid- und Bruce-Lee-Filmen, eifrige Guckerin der Serie «Kung Fu» mit David Carradine als Shaolin-Kämpfer, hege ich seit jeher Bewunderung für die gelassen-geschmeidigen und sehr wirksamen Bewegungen bestimmter Kampfsportarten. Zusammen mit einer Geisteshaltung, die beeindruckend klar, ruhig und friedliebend ist, oder sein sollte, schienen mir Kung Fu und Aikido bereits in jungen Jahren ein guter Weg, dem Leben an sich zu begegnen.
Genau um diese Geisteshaltung geht es auch Glavinic: Neben dem identifizieren von Gefahrenherden – Lianenschwinger nennt er diese Typen und Typinnen – zeigt er auf, wie wir durch unsere Haltung gar nicht erst zum Opfer werden. Und falls die Situation trotzdem mal ausweglos werden könnte, falls also gar wegrennen keine Option mehr ist, gibt er uns konkrete Tipps. Zum Beispiel: Fliegt eine Faust auf dein Gesicht zu, nicke. Trifft sie nämlich oberhalb deiner Stirn auf, wir dir höchstens ein wenig schwindlig. Der Faustschwingerin hingegen könnten die Finger brechen.
Und so sitze ich auf dem grünen Sofa, lese meinem Mann saftige Glavinic-Sätze vor und freue mich an der Kung-Fu-artigen Coolness der Lektüre. Be-gei-ste-rung!

Melina Cajochen

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Thomas Glavinic, Gebrauchsanweisung für Selbstverteidigung, Piper Verlag 2017.

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