Archiv der Kategorie: Aktuell

Der erste Schatz!

Bei Jami Attenberg’s letztem Buch «Nicht mein Ding» musste ich vehement widersprechen – doch, absolut mein Ding! Jetzt ist ihr neues Buch erschienen «Ist alles deins!» und diesmal hat sie recht.. was für ein Glück,
316 Seiten = ALLES MEINS!

Die amerikanische Autorin Jami Attenberg hat schon einige andere Bücher veröffentlicht und was sie alle miteinander verbindet, ist das ganz persönliche, universelle Glück und Unglück „Familie“. Ihre Bücher lesen sich in einer Nacht, sie reissen mit und an einem, schonen nicht und trösten unverhofft.

Manchmal kann ich fünfzig Seiten lesen, bis ich weiss JA, manchmal reicht eine Seite und manchmal ganz geschmeidig, greift die Angel schon beim ersten Satz und ich bin an Bord.

So eben hier, sofort:

«Er war ein wütender Mann, und er war ein hässlicher Mann, und er war hochgewachsen, und wieder einmal schritt er auf und ab.»

Dieser Mann hat nicht mehr viel zu sagen, liegt er doch gleich nach ein paar Seiten bereits in der Notaufnahme. Doch was er alles verschweigt spricht Bände. Schauplatz New Orleans, ein heisser Augusttag, Trump schattet über ein vom Hurrikan Katrina gezeichnetes Land. Die Familie des schwerreichen, skrupellosen, wütenden Geschäftsmannes Victor, wird durch seinen Zusammenbruch aufgerüttelt. Lang Gehütetes, Verdecktes drängt sich an die Oberfläche. Während sein Sohn Gary sich weigert ihn zu besuchen, sucht seine Tochter Alex den Sterbenden auf, vor allem um ihre Mutter Barbra endlich zu einem Geständnis zu bringen. Messerscharf führt uns Jami Attenberg Verstrickungen vor, den schmalen Grat von Loyalität und Abhängigkeit. Ein düsterer Familienroman und nicht desto Trotz ein Buch über die Kraft der Liebe.

Vanja Hutter

„Ist alles deins“ Jami Attenberg, erschienen im Schöffling & Co. Verlag

Geisterwand

Sarah Moss legt mit ihrem Buch «Geisterwand» eine ungewöhnliche, düstere Geschichte vor, die auf unkonventionelle Weise wichtige Themen anspricht. Das Buch fesselt mit seinem eleganten, schnörkellos direkten Schreibstil, stimmungsvollen Naturbeschreibungen und einer komplexen Ich-Erzählerin.

Bill, Silvies Vater, hegt eine schier unbeschreibliche Begeisterung für die britischen Stämme der Frühgeschichte. Unbeschreiblich ist auch seine Herrschsucht, die Silvie und ihre Mutter stets zu spüren bekommen. Schliesslich sollten Frauen ihren Platz kennen und diesen Platz bestimmt einzig Bill. Dabei schreckt er auch nicht vor Gewalt zurück, um den Gehorsam seiner Familie einzufordern. Auf sein Geheiss verbringt Silvie widerwillig die Ferien mit ihren Eltern in einem Eisenzeit-Camp im englischen Northumberland, zusammen mit Studierenden und deren Professor Dr. Slade.
Während Mutter und Tochter auch im Camp unter Bill zu leiden haben, wird eine Studentin auf die schrecklichen Verhältnisse in dieser Familie aufmerksam, doch Silvies Scham ist gross und die Angst ihren Vater zu erzürnen allgegenwärtig.
Voll von Spannungsfeldern zwischen Antike und Moderne, sozialen Klassen, Angst und Mut spitzt sich die Situation unaufhaltsam zu. Sarah Moss schlägt mühelos Parallelen von der unerbittlichen Eisenzeit zur Unerbittlichkeit der Gegenwart und lässt Lesende nicht kalt.

Can Tolga

„Geisterwand“ von Sarah Moss, Berlin Verlag 2021.

Vom Sinn des Buches

Wer gerne Bücher streichelt, an Büchern riecht und sich in Buchseiten hineinfallen lässt, der und die kennt sie, die Bücher vom Steidl Verlag. Ein Fest für die Sinne sind sie – und lassen beim Lesen und Schauen gedankenseits Aha-Erlebnisse aufblubbern. Wir haben nun das Glück, dass Roland Scotti vom Kunstmuseum Appenzell einen besonderen Draht zum Steidl Verlag gespannt hat und so einen Einblick in die Steidl-Buchkultur mitgestalten kann. Die wunderbar sinnliche Austellung heisst „Zaubern auf weisses Papier“ und macht neugierig. Was steckt hinter diesem Zauber, wie wird aus Idee Buch und aus Buch Erlebnis und Skulptur? Gerhard Steidl selber war zu Gast im Kunstmuseum Appenzell und versprühte mit Fachwissen umfangene Buchliebe. Was für ein Privileg, so an das Handwerk des Bücherverlegens herangeführt zu werden! Gedanken zur Papierauswahl und Typografie, das Buch als Ausstellungskonzept von Dayanita Singh, Geschichtschreibung durch das ultimative Fotobuch von Gilles Peress, kluge Werkausgaben von Santu Mofokeng und Günter Grass, Verpackung als Buchbestandteil … sonnenklar, das Buch als Objekt, und nicht bloss als nackter Text, macht Freude und Sinn.

Die Ausstellung läuft weiter bis zum 19. September. Vielleicht sehen wir uns da – ich werde immer wieder mal leicht entrückt durch die Räume flanieren, in den Seiten blättern und die Bilder auf mich wirken lassen.

Melina Cajochen

Heisse Tipps und kühle Brise

Anna-Lena empfiehlt…

„Durch den wilden Kaukasus“ herausgegeben und illustriert von Kat Menschik

Über dieses Büchlein habe ich mich ungemein gefreut! Ich bin ein grosser Fan von Kat Menschiks Illustrationen – dass sie jetzt auch noch meine Leidenschaft für Georgien und seine reiche Literatur teilt – umso schöner. Einfach zum wegträumen!

„Schwärmer und Schnaken“ von Harry Martinson

Sommerzeit – Entdeckerzeit! Dieses Jahr bin ich auf den kleinen, feinen Guggolz Verlag gestossen, dessen Ziel es unter anderem ist, „Regionen auf der literarischen Landkarte sichtbar zu machen, die häufig nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Abseits der kulturellen Metropolen findet sich die Literatur, die sich nicht so sehr nach Moden oder dem Zeitgeist richten muss, sondern die näher am alltäglichen Leben der Menschen ist und den Raum und die Freiheit hat, sich in ihrer Eigenheit zu entwickeln“. So zum Beispiel der wunderbare Band „Schwärmer und Schnaken“ aus Schweden. Präzise Formulierungen, die das Wesen einer Erscheinung erfassen, machen den Naturessayband zu einem wunderschönen Leseerlebnis.

„Fang den Hasen“ von Lana Bastašić

Ein bisschen Frauenfreundschaft à la Ferrante (teilweise destruktiv, teilweise beflügelnd aber nicht ganz so langatmig), ein bisschen Roadtripp durch Bosnien, ein bisschen Reise in die Vergangenheit und Identitätssuche – ganz viel Power und Lesevergnügen bei diesem tollen Debütroman von Lana Bastašić!

Heisse Tipps und kühle Brise

Maria empfiehlt…

Die ganze Wahrheit (wie Mason Buttle sie erzählt)“ von Leslie Connor

Leslie Connor hat ein wunderbares, tiefgründiges Buch geschrieben, das zurecht in Amerika schon mehrfach ausgezeichnet wurde. Wenn es ein lesenswertes und spannendes Buch über Diversität, über Integration und gegenseitigen Respekt gibt, ist es ist wohl diese «ganze Wahrheit» von Mason Buttle. Man könnte den Inhalt dieses Buches auch als ergreifende Lektion in Sachen Menschlichkeit bezeichnen. Für Menschen ab etwa 12 Jahren.

„Dulcinea im Zauberwald“ von Ole Könnecke

Dulcinea ist ein überaus mutiges Mädchen, dass sich ganz allein ins Schloss der fürchterlichen Hexe traut, um ihren Vater zu befreien. Ole Könnecke hat ein witzig freches modernes Märchen geschaffen, mit wundervoll klaren Bildern, die den leicht lakonischen Text wunderbar ergänzen. Spannung und Witz zum Vorlesen ab etwa 5 Jahren.

„Mats & Milad“ von Eva Rottmann

Die junge, bereits mehrfach ausgezeichnete Autorin aus der Schweiz hat eine berührende und gleichzeitig sehr spannende Liebesgeschichte geschrieben. Im Buch geh es nebst diesen wundervollen Gefühlen aber auch um Toleranz, um gegenseitigen Respekt und darum, für die eigene Meinung einzustehen. Für Jugendliche.

„Igel und Schnuff“ von Lauren Castillo

Ein mächtiger Sturm hat den kleinen Stoffhund, Igels allerbesten Freund, einfach fortgeweht. Natürlich macht sich Igel sofort auf den Weg, seinen treuen Begleiter zu suchen. Das Bestechende an diesem kleinen Band sind die Einfachheit der Geschichte, die Reduktion auf das Wesentliche und die wunderbaren Bilder, die das Verstehen nicht nur unterstützen, sondern auch erweitern. Ein ideales Vorlesebuch für ganz kleine Kinder.

Heisse Tipps und kühle Brise

Carol empfiehlt…

„Abendflüge“ von Helen Macdonald

Mit „H wie Habicht“ wurde Helen McDonald zum Shootingstar des Nature Writing. In ihrem neuen Essayband „Abendflüge“ schreibt sie über Mauersegler, Hasen und Hirsche, Gewitter und Vogelwarten, Ameisen und Verstecke. Fasziniert von der Natur zeigt uns die Autorin glasklar, wie wir die Natur und verborgene Lebensräume mit anderen Augen sehen können. Das beste Buch für den Leseplatz im Garten!

„Adas Raum“ von Sharon Dodua Otoo

Ein Art Weltgeist, ein Lufthauch durchzieht sechs Jahrhunderte und fährt hier in einen Türklopfer, dort in einen Reisigbesen, dann in einen Reisepass und in Räume eines Zimmers. Aus der Perspektive dieser Gegenstände werden die Leben von vier Frauen erzählt, die alle Ada heissen. Ein Armband wandert durch die Zeitebenen und verbindet die Geschichten der vier Adas miteinander. Das grossartige Debüt der Bachmannpreisträgerin – spannend, engagiert, intelligent und anarchisch!

„W“ von Steve Sem-Sandberg

W. ist Woyzeck. Der schwedische Autor Sem-Sandberg erzählt uns die Geschichte von Woyzecks schicksalhaftem Leben. Als 10jähriger kommt W. im Jahre 1790 beim Perückenmacher Knobloch in die Lehre. Die Mutter ist gestorben, der Vater ein Trinker. Den jungen W. packt das Begehren, die Lust am Hinterherspionieren und Herumlungern als er die Stieftochter des Perückenmachers einmal heimlich beim Waschen beobachtet. Nach langen Wanderjahren, auch als Söldner im versehrten Europa, kehrt er nach Leipzig zurück und als er dort Johanna wiedertrifft, wird ihm sein brutales Leben zum Verhängnis. Ein grossartig erzählter dokumentarischer Roman, der den Blick auf den Menschen Woyzeck und seine Lebensgeschichte richtet. Spannend und erhellend!

Heisse Tipps und kühle Brise

Can empfiehlt…

Archibald der Monsterdetektiv, Band 1
(Kim Hyun-Min)

Beste Unterhaltung für abenteuerlustige Kids, die sich nicht so einfach gruseln lassen und gerne Geheimnissen auf den Grund gehen. Mit Archibald sind Lacher und Spannung garantiert.


Mademoiselle J. 1938: Ich werde niemals heiraten!
(Verron / Yves Sente)

Eine neue, packende Geschichte aus dem Spirou-Universum.
Historisch geschickt verwebt und mit atemberaubender Zeichenkunst, zieht «Mademoiselle J.» alle Leser in ihren Bann.

Die Viper; Feuerregen, Band 1
(Laurent Astier)

Emilys Ankunft in Silver Creek verläuft ganz anders als geplant. Kann sich die taffe junge Frau den Widrigkeiten des rauen, Wilden Westens stellen, oder muss sich eher der Wilde Westen vor Emily in Acht nehmen?

Der Beginn einer erfrischenden Western-Serie für grössere Kids und Erwachsene.

Heisse Tipps und kühle Brise

Vanja empfiehlt…

„Mrs Palfrey im Claremont“ von Elizabeth Taylor

Ein Buch für alle die Zuhause bleiben und dennoch gut absteigen wollen. Im Hotel Claremont sind Sie bestens aufgehoben. Der unvergleichlicher Tonfall von Elizabeth Taylor, übersetzt von Bettina Abarbanell, führt uns (anfang 60er Jahre) in die Gesellschaft von Mrs Palfrey, Mr Osborne und co. allesamt gestrandet in einem (leicht schäbigen) Hotel in London, ihrer (voraussichtlich) letzten Lebensstation. Whiskey trinkend, strickend, ausharrend. Es passiert nicht viel, und eben doch. Es ist ein seltener Genuss, dem geschärften, tiefen Blick in einen solchen Mikrokosmos folgen zu dürfen. Wie geht Contenance auf den letzten Lebensmetern? Nebst „Hotel du lac“ von Anita Brookner vielleicht das beste Hotelbuch!

„Crap“ von Scott McClanahan

Das neue Buch von Scott ist da, yes! West Virgina, dort hat Scott McClanahan seine Kindheit verbracht. In „Crap(alachia)“ spürt er seismographisch den Boden von damals auf. Ungeschönt und dadurch wunderschön. Das ländliche Amerika der 80/90er Jahre, geprägt von struktureller Armut, Grubenunglücken, die ganze Ortschaften ausgelöscht haben sind das äussere Daseins-Geländer für die McClanahan-Familie. Scott erzählt uns Geschichten von seinem Familienclan, tragischschön, so lustig und traurig. Krankheit und Würde, Freude und Groteske, das wirkliche Leben, wie es eben nur die Literatur greifen kann.

„Der grosse Sommer“ von Ewald Arenz

Ein wunderbares Sommerbuch, mit allem was dazugehört. Flirrende Hitze der 80er Jahre Deutschlands. Der 15jährige Frieder taucht in neues Gewässer – tief in die erste grosse Liebe, bis auf die Gründe seiner eigenen Familiengeschichte. Leichtfüssig und wild reiten wir mit ihm und seinen Freunden auf den Wellen dieser Sommertage, in welchen sich die Welt neu zusammenfügt. Für alle 15jährigen oder diejenigen, welche es einmal waren.

Juligedicht

Il Rudè

Batterdögls
Sco serpaischems
Chi schmütschan
Laschond insajar
Fin gio`l fuond
Nossa vita

Sco ün fluid
Van tremblond
Tras e tras

Batterdögls
Voss cumgiats
Sun asprezza

Il revair
Rasain
D`ajer viv.

Reigen

Augenblicke
Entwischenden
Eidechsen gleich
Unser Leben
Lassen sie kosten
Bis auf den Grund

Einem Fluidum gleich
Dringen sie ein
Durch und durch

Augenblicke
Euer Abschied
Ist bitter

Das Wiedersehen
Randvoll
Lebendiger Luft.

Luisa Famos übersetzt von Luzius Keller in: „Unterwegs in Viadi“ Limmat Verlag 2019.

Kleiner Frühling – grosses Danke

Danke für den Mut zum Wagnis

Danke für die Möglichkeit, endlich wieder Literatur zu erleben

Danke, dass es ein so geniales Fest war

Danke für die unverhoffte Gastfreundschaft

Danke für die besten Sandwiches überhaupt

Danke für die schönen Begegnungen

Danke für den grossen Einsatz

Danke für die wunderbare Stimmung

Danke für die Beweglichkeit und Spontanität aller Mitwirkenden

Danke für das feine Dankesessen!

Das Tal in der Mitte der Welt

Malachy Tallacks Buch „Das Tal in der Mitte der Welt“ entführt uns in ein Tal auf einer der Shetland-Inseln. Auf grossartige Weise beschreibt der Autor die Charaktere dieses stillen Romans. Wir lernen die Talbewohner kennen und als Leserin empfindet man sehr schnell eine grosse Empathie für die Figuren. Es geht um Tradition und Veränderung, Liebe und Verlassenwerden, Leben und Tod, Einengung und Freiheit.

David, einer der letzten noch im Tal geborenen, hält die Traditionen der Insel hoch. «Seine Hoffnung war nicht die Veränderung, sondern die Beständigkeit». Alteingesessene und Zugewanderte haben unterschiedliche Sichtweisen auf das karge Leben im Tal. Sandy, der Freund von David und Marys Tochter Emma, erst vor wenigen Jahren hergezogen, um mit Emma einem anderen Lebensentwurf als Kleinbauer und Schafzüchter zu folgen, bleibt allein zurück. Emma verlässt ihn und zieht wieder weg. Die Schriftstellerin Alice ist nach dem Tod ihres Mannes in das Tal gekommen, an den Ort, an welchem sie damals die Flitterwochen verbracht hatten. Sie lässt ihre Karriere als Krimiautorin hinter sich und stürzt sich in Recherchen über die Natur, um ein Buch über das Tal zu schreiben.

Die Schicksale der Bewohner dieses abgelegenen, rauen Tals, alle miteinander verwoben, werden in einer klaren, unprätentiösen Sprache erzählt. Grossartige Lektüre!

Carol Forster

Das Tal in der Mitte der Welt“ von Malachy Tallack, Luchterhand Verlag 2021

Der Himmel vor Hundert Jahren

Neue, junge Autor:innen zu entdecken, bei denen man nach der Lektüre Lust hat, das gesamte Werk zu lesen, ist eine der Freuden am Buchhändlerinnendasein. Zuletzt ist mir dies bei Yulia Marfutova geschehen, geboren 1988 in Moskau, Germanistik- und Geschichtsstudium in Berlin und Münster.

Bei ihrem Roman sticht als Allererstes die eigenwillige Erzählart hervor, ein kollektives Erzählen, das die Mehrstimmigkeit des kleinen Dorfes, in dem der Roman spielt, wiedergibt. Die Erzählstimmen sprudeln und fliessen durch das Buch, gleichsam dem Fluss ohne Namen, der eine stille Hauptfigur des Romanes ist: «Hier in der Gegend hat schliesslich alles mit dem Fluss zu tun; alles hat mit allem zu tun und jeder mit jedem.» Diese Gegend ist eine abgelegene Russische Provinz, fast vergessen von der Zeit und der Geschichte. Aberglaube und Heiligenbilder bestimmen die Geschicke des Dorfes, Sprichwörter und Märchen sorgen für Orientierung. Der in sich gut funktionierende Kosmos wird jäh aufgebrochen, als Fremde über den Fluss kommen und Ideen mitbringen. «Realitäten», die es in dem Dorf bis anhin nicht gegeben hat oder die zumindest nicht zur Sprache gebracht wurden, eine Moderne, die sich nicht aufhalten lässt und nur von der jüngsten Generation im Dorf ersehnt wird. Ilja, Pjotr, Wadik, Anna – es ist nur eine Handvoll Figuren, die das Geschehen bestimmen und deren ganz unterschiedliche Narrative wir kennenlernen. Sie alle müssen sich mit den historischen Veränderungen auseinandersetzen, die auch vor der abgelegensten Haustür keinen Halt machen.

Anna-Lena Fässler

Loslesen! Yulia Marfutova: „Der Himmel vor Hundert Jahren“ Rowohlt Verlag 2021.

Treibhaus, alles andere als heisse Luft!

Der Kleine Frühling liegt hinter uns und blüht weiter. Für den fulminanten Auftakt unseres Festival hätte planmässig Dorothee Elmiger und Marion Regenscheit die Bühne gehört. Leider waren im April Veranstaltungen noch nicht möglich und schweren Herzens mussten wir die Lesung absagen. Dass wir die zwei in unseren geballten Grossefrauenprogrammblumenstrauss für Pfingsten packen, war sofort klar, die Frage war nur noch wie…

Dorothee Elmiger und die Literaturvermittlerin Marion Regenscheit haben sich trotzdem getroffen, extra für uns und über Dorothees neues Buch „Aus der Zuckerfabrik“ geredet, gefragt, gelesen, geschnitten und eine exklusive Tonaufnahme geschaffen. Am kleinen Frühling konnte ihnen zugehört werden, bequem im Sessel und in Treibhauswärme.

Falls ihr das verpasst haben solltet, gibt es die Gelegenheit, das Gespräch bis Ende Juni HIER nachzuhören – es lohnt sich!

Das Buch dazu (und auch alle anderen Bücher von Dorothee Elmiger) haben wir griffbereit im Bücherladen.

Marion Regenscheit ist Mitbegründerin und -wirkende des Literaturpodcast’s eins.sieben.drei – auch unbedingt reinhören: ein aufregendes neues Format für aller Gattung Literatur und wie wir darüber denken und reden können.

www.kleiner-fruehling.ch

Lesung und Ausstellung „Die illegale Pfarrerin“ in Teufen

Eines der Bücher, welches viel zu reden gab, einem von verschiedensten Seiten immer wieder ans Herz gelegt wurde und wir darum fest in unser Sortiment aufgenommen haben heisst „Die illegale Pfarrerin“, geschrieben von Christina Caprez.

Darin erzählt die Autorin die Geschichte ihrer Grossmutter, der ersten vollamtlichen Gemeindepfarrerin der Schweiz. Dabei verknüpft sie gekonnt Briefe, Tagebücher und Archivdokumente mit den Stimmen von Menschen, die die Pfarrerin kannten: ihre Kinder, Dorfbewohner, Weggefährtinnen. So entsteht ein komplexes Bild einer Frau, die ihrer Zeit weit voraus war, die ihre Zeitgenossen mit ihrem festen Willen und ihrer direkten, bestimmenden Art aber auch immer wieder herausforderte.

Christina Caprez ist mit ihrem Stoffe noch einen Schritt weitergegangen. Die Grubenmannkirche in Teufen lädt euch vom 6. Juni bis am 2. Juli in eine Ausstellung dazu ein.

Die Hörinstallation bringt die Geschichte der Pfarrerin zurück an den Ort des Geschehens: in die Kirche. Sie holt die Pionierin ins Hier und Jetzt und spricht beim Publikum eigene Lebensträume, Zweifel und Visionen an. Die Installation besteht aus sechs in der Kirche verteilten Guckkästen mit Fotos und Alltagsobjekten aus dem Leben der Pfarrerin, etwa einem Liebesbrief, einer Bibel, der «Lismete» ihrer Söhne oder einer Petrollampe. An jeder Station kann man eine Geschichte aus dem jeweiligen Lebensabschnitt hören. Die Enkelin führt durch die Geschichte und erzählt das Leben der Grossmutter in sechs Akten à 6-7 Minuten (Gesamtlänge rund 40 Minuten).

Am Mittwoch 9. Juni 19 Uhr liest Christina Caprez aus ihrem Buch. Wir freuen uns euch dort zu sehen, wir sind mit dem Büchertisch dabei!

Genaueres findet ihr hier: Lesung und Ausstellungsprojekt und Buch

Verlegerinnen & Künstlerinnen

Der Kleine Frühling blüht noch weiter.. wunderbare Erinnerungen, Sätze, Begegnungen hallen nach und lassen uns beglückt auf unser Pfingstfest zurückblicken. Bis am Sonntag 6. Juni laden Gässchen, Weier, Schaufenster, Brunnen, Keller zum Entdecken ein. 15 + 1 Künstlerinnen haben Ihre Werke im Dorf platziert.

Erkunden Sie auf eigene Faust, lassen Sie sich treiben oder von Agahte Nisple durch die Gassen führen. Kunstführer liegen an den Kunststationen und im Bücherladen auf. Führung entweder am Samstag 15 Uhr (Treffpunkt Bücherladen) oder auf Anfrage (tel. 079 601 15 67 Agathe Nisple, Gruppenführungen bis 15 Personen für 100 chf)

Im Bücherladen finden Sie die Spuren unserer drei Liebglingsverlegerinnen, ihr Verlagsprogramm in unserem Büchervorhang präsentiert. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

zum Dörlemann Verlag

Zum Rotpunktverlag

zum Ink Press Verlag

kleiner Frühling – es ist so schön!

Es ist immer noch kleiner Frühling, hurra! 15 + 1 Künstlerinnen erobern den Dorfkern, doch nicht auf touristisch attraktive Orte haben sie es abgesehen. Sie gehen weiter, in Hinterhöfe und Treppenaufgänge, in Garagen und auf Balkone. Allein mit dem Kunstführer in der Hand oder mit Agathe Nisple machen wir uns auf die Runde. Durchs Dorf schlendernd schweben, fallen, purzeln uns Dinge an – stehen bleiben!

«15+1 KÜNSTLERINNEN»

Besuchen Sie die Kunstorte bis 6.6.21


Öffnungszeiten der Kunstorte in Innenräumen täglich 11 – 17 Uhr


ÖFFENTLICHE KUNSTFÜHRUNGEN
Samstag, 29. Mai 15 Uhr
Sonntag, 30. Mai 11 Uhr
Samstag, 5. Juni 15 Uhr

Besammlungsort Bücherladen Appenzell


KUNST-SONDERFÜHRUNGEN
Anmeldung Agathe Nisple,
Tel. 079 601 15 67, oder mail@kulturstation-appenzell.ch