Archiv der Kategorie: Aktuell

Unsere heissen Sommertipps!

Bücher lesen im Liegestuhl, Bücher mittragen im Rucksack, Bücher im Zug verschlingen, Bücher zum Weiterträumen unters Kopfkissen legen. Wir brauchen Bücher in jeder Lebenslage! Hier sind unsere Reisebegleiter der letzten Wochen. Auf zu kurvigen Leseabenteuern und grenzenlosen Entdeckungsreisen!

 

Carol Forster empfiehlt..

Sommer_CF

„Da sind wir“ von Graham Swift

Eine Dreiecksgeschichte im Varietémilieu der späten Fünfzigerjahre. Ein bezaubernder, flirrender Ausflug ins Seebad Brighton in Begleitung eines Zauberers, eines Entertainers und der entzückenden Evie White.

 
„Die Liebe ist ein schreckliches Ungeheuer – Illustre Schweizer Paare“ von Franziska Schläpfer

Aussergewöhnliche Persönlichkeiten, ungewöhnliche Liebesgeschichten. Franziska Schläpfer hat in Archiven gestöbert, unzählige Tagebücher gelesen, mit Nachkommen gesprochen und erzählt uns in ihrem neuesten Buch von starken Charakteren, die ihre Leidenschaft auf Augenhöhe lebten, im Guten wie im Schlechten. Corinna Bille und Maurice Chappaz, Anne-Marie Blanc und Heinrich Fueter und einige mehr. Ein aufregender Blick auf schillernde Schweizer Paare.

 
„Unter Blumen“ von Regula Engeler

Zeitgenössische Fotografie verbunden mit Liebeslyrik des 9. Jahrhunderts von Wen Tingyun. Eine künstlerische Begegnung von Ost und West. Bilder und Texte treten in einen Dialog und verdeutlichen die entgrenzenden Eigenschaften von Kunst. Erschienen im wunderbaren Vexer Verlag St.Gallen.

 
„Flugs in die Post“ von Patrick Leigh Fermor

Wir reisen im Zeitraum von siebzig Jahren in den Briefen von Patrick Leigh Fermor quer durch die Welt und erleben seine Abenteuer mit. Rumänien, Griechenland, England, Afrika, Italien. Paddy schrieb unermesslich viele Briefe an seine Frau, an seine Freundinnne und Freunde und an seine Geldgeber. Er war ein Bonvivant, ein Abenteurer, Journalist, Schriftsteller und ein unersättlicher Genussmensch. Grossartig. Danke lieber Dörlemann Verlag.

 
„Eine Frau in New York“ von Vivian Gornick

»Eine Frau in New York« ist das zutiefst ehrliche Bekenntnis Vivian Gornicks, der Grande Dame der amerikanischen Frauenbewegung, zu einem selbstbestimmten, unkonventionellen Leben, eine mutige Annäherung an das Fremde, eine Ode an wahre Verbundenheit und eine Liebeserklärung an diese kräftezehrende und zugleich so vitalisierende Stadt: New York.

 
„Die Farben des Feuers“ von Pierre Lemaitre

Oder doch nach Paris? Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs regieren Habgier und Neid in den Straßen von Paris, und so bahnt sich ein Komplott an, um das mächtige Bankimperium Péricourt zu Fall zu bringen. Doch Alleinerbin Madeleine weiß die Verhältnisse in Europa für sich zu nutzen, und dreht den Spieß kurzerhand um. Für Madeleine ist das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch nicht gesprochen. Um ihres Sohnes willen beginnt sie ihren ganz persönlichen Rachefeldzug zu planen.

 

„Gone Baby Gone“ von Dennis Lehane

Nichts für schwache Nerven. Dorchester, das Arbeitierviertel von Boston. Kenzie & Gennaro ermitteln in einem Entführungsfall. In „Gone Baby, Gone“ steht das Kindeswohl im Mittelpunkt, manchen liegt es so am Herzen, dass sie ein Kind, die vierjährige Amanda, entführen. Die Mutter, Helene McCready, ist Drogen, Alkohol, dem Fernsehen und falschen Freunden mehr zugeneigt als ihrer Tochter. Die Schwägerin, mit Helenes Bruder verheiratet, sorgt sich mehr um den Verbleib ihrer Nichte als die Mutter, die ihre Trauer vor allem vor der Reportermeute zur Schau stellt. Die Polizei rückt mit Hundertschaften aus, und findet keine Spur der Kleinen. Sie scheint samt ihrer Puppe vom Erdboden verschwunden zu sein. Deshalb engagiert die Tante das Privatdetektiv-Duo Patrick Kenzie & Angela Gennaro.

 

Anna-Lena Fässler empfiehlt…

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Für Reisehungrige, die diesen Sommer zumindest in Gedanken verreisen möchten:
„Brot, Salz und unsere Herzen“ Edith Durhams Reise durch die Bergwelt Albaniens  und „Insel Europa“  von Annemarie Schwarzenbach – zwei eindrückliche Reisepionierinnen, die ihre Abenteuer und Eindrücke packend festgehalten haben.
„Schwarze See – eine Reise um das Schwarze Meer“ von Jens Mühling – er erzählt von einem Meer zwischen den Trennlinien Europas und führt uns vor Augen, dass alle Grenzen letztlich fliessende sind und ein „Klassiker“ der Reiseliteratur: „Die Erfahrung der Welt“ von Nicolas Bouvier.

Für Lesehungrige:
„Hilma af Klint – Die Menschheit in Erstaunen versetzen“ von Julia Voss – endlich eine ausführliche Biographie über die lange verkannte Pionierin der abstrakten Malerei – ein wunderbares Zeit- und Frauenportrait.

Für Abenteuerhungrige:
Tru & Nelle G. Neri – eine absolut liebenswerte Kinderbuchentdeckung über die Freundschaft von Nelle Harper Lee und Truman Capote in einem heissen Südstaatensommer.

 

Can Tolga empfiehlt…

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Mooji lädt ein zu entdecken, das unser Herz „Weiter als Himmel, grösser als Raum“ ist.
Für alle die sich nicht vor einer Reise nach innen scheuen.

Für die Kleinen, Mittel- und ganz Grossen ein reinstes Lesevergnügen.
Ob liebevoll und gewitzt mit „Die Wahrheit über alles – der kleine Spirou“, exotisch mit
„Marsupilami – Tumult in Palumbien“, oder tollpatschig mit „Percy Pickwick – Just married“ – für alle ist etwas dabei.

Utterly amusing and nonetheless very informative„Mythos“ by Stephen Fry is compelling and witty.

„Meddling Kids“ by Edgar Cantero, what a mad and lovable book. A rollercoaster ride through genres and emotions, one can only love this imaginative, unsettling and lovable tale.

 

Vanja Hutter empfiehlt…

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Für alle, die „Weit weg von Verona“ ihre Füsse über die Mauer baumeln lassen wollen, in Gesellschaft der schlagfertigen und klugen 14-jährigen Jessica.

Für die „Spartaner“ unter uns, genügsam mit schlankem Buch, unersättlich an blitzschnellem Dialogabtausch.

Für solche, die wissen wollen „Warum ich nicht länger mit Weissen über Hautfarbe spreche“, um nachher dringend darüber zu reden.

Für die Ausloterinnen und Forscher einer „Geografie der Freiheit“ . Ein John-Berger-Projekt“ vom Vexer Verlag St. Gallen, dessen Spezialforschungsgebiet unter anderem der Tümpel ist. www.vexer.ch

Utopist*innen vor. Die Welten von Emmanuelle Bayamack-Tam rütteln die Eigenen in neues Licht. Willkommen in „Arkadien“.
„Nicht mein Ding“ würde ich niemals von diesem Buch sagen. Lustig und todtraurig, dazwischen eine Brücke der kleinen, feinen Wunder.

 

Maria Riss, bereits in die Ferien gedüst, empfiehlt…

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„Alles genau so in echt passiert“ von Anke Kuhl

Anke Kuhls Illustrationen sind schlicht umwerfend. Mit ganz wenigen Strichen bringt sie in den kurzen Comics alles zum Ausdruck, was Kinder bewegt: Angst, Eifersucht oder Glückseligkeit. Das Buch eignet sich zum Erzählen oder Vorlesen, zum Lernen einer differenzierten Bildersprache, zum Lachen, Vergleichen und Diskutieren. Für Kinder ab etwa 6 Jahren.
„Sammy. Die unglaublichen Abenteuer einer kleinen Maus“ Henry Cole

Die Spannung in dieser Geschichte beginnt gleich auf der ersten Seite und bleibt bis ganz zum Schluss erhalten. Es ist wirklich schier unglaublich, was dieser Mäuserich mit seiner so mutigen Freundin Fiona alles erlebt. Ein wunderbar, spannender Lese- und Vorlesespass mit fantastischen Bildern. Zum Vorlesen ab 6, zum Selberlesen ab etwa 8.
„Endling. Die Suche beginnt“ Katherine Applegate

Das Buch «Endling» ist Fantasy vom Feinsten. Hier stimmt einfach alles: Die treffend gezeichneten Figuren mit ihren verschiedenen Charakteren, die Schilderung der mystischen Welt und ihrer Fabelwesen, die zahlreichen klugen Dialoge und der spannende Plot. Ein wunderbar ergreifendes und spannendes Lesevergnügen für Kinder ab etwa 12 Jahren.

„Heldenhaft“ Andreas Thamm

Zwei Jungs, beide etwa 16 Jahre alt, wohnen in einem kleinen Kaff und träumen nicht nur von grossen Abenteuern, sondern auch von der ersten Liebe. Und dann zieht Lea ins Dorf und plötzlich wird alles anders, realer. Die Geschichte ist in einer Sprache geschrieben, die sich locker liest und die doch sehr treffend das grosse Gefühlsdurcheinander junger Erwachsener beschreibt. «Heldenhaft» lohnt sich zu lesen, nicht nur für Jugendliche, sondern auch für Erwachsene, die ihrer eigenen Jugend nachspüren wollen.

 

Juligedicht

Junggesellen sind auf Reisen

Ich bin mit meiner Mutter auf der Reise…
Wir fuhren über Frankfurt, Basel, Bern
zum Genfer See. Und dann ein Stück im Kreise.

Die Mutter schimpfte manchmal auf die Preise.
Jetzt sind wir in Luzern.

Die Schweiz ist schön. Man muss sich dran
gewöhnen.

Man fährt auf Berge. Und man fährt auf Seen.
Und manchmal schmerzt der Leib von alldem
Schönen.
Man trifft es oft, dass Mütter mit den Söhnen
auf Reisen gehen.

Das ist ein Glück: Mit seiner Mutter fahren!
Weil Mütter doch die besten Frauen sind.
Sie reisten mit uns, als wir Knaben waren,
und reisen nun mit uns, nach vielen Jahren, als wären sie das Kind.

Sie lassen sich die höchsten Gipfel zeigen.
Die Welt ist wieder wie ein Bilderbuch.
Sie können, wenn ein See ganz blau wird, schweigen
und haben stets, wenn sie in Züge steigen,
Angst um das Umschlagtuch.

 

Aus: Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke.

Das wirkliche Leben

Unser neues Büchermagazin ist da, liegt auf und hält nicht zurück mit tollen Büchertipps von Buchhändler*innen aus der ganzen Schweiz!

daswirklicheleben

Selber lesen? Hier geht’s zum Buch!

Was wir voneinander wissen

Kürzlich hat Andrea Köhler bei ihrer Besprechung des Romans „Mutter. Chronik eines Abschieds“ in der NZZ festgehalten, dass „Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter die vielleicht ambivalenteste überhaupt [ist].“ und die Mutter in jüngerer Zeit zu einem der „bevorzugten Themen der autobiographischen Selbsterkundung von Frauen geworden ist“.

jessegreengrass

Auch am Anfang von Jessie Greengrass` Roman „Was wir voneinander wissen“ steht die Frage „Soll ich noch einmal Mutter werden?“ In Anbetracht dieser lebensverändernden Entscheidung blickt die namenlose Ich-Erzählerin (es handelt sich nicht um einen autobiographischen Roman) zurück auf das  eher kühle Verhältnis zu ihrer eigenen Mutter, das erst an Tiefe und Wärme gewann, als diese schwer an Krebs erkrankte und auf die Pflege der Tochter angewiesen war – geschildert intensiv, ehrlich und ohne Pathos. Und auch den Einfluss der dominanten Grossmutter, einer Psychoanalytikerin, die Tochter und Enkeltochter gleichermassen zu analysieren versuchte, zieht sie in ihre Betrachtungen hinein. Sie selbst empfindet ihre Mutterschaft als „Gratwanderung, ihr [der Tochter] genug von meiner Liebe zu geben, dass sie sich ihrer bewusst ist, aber nicht zu viel, um sie nicht an mich zu binden; sie wissen zu lassen, dass diese Liebe da ist, doch ihre Grösse nicht zu betonen, und wenn ich sie ermutige, sich von meinem Blick zu lösen, kostet es mich viel Mühe, meiner Sehnsucht nach ihr nicht nachzugeben…“

Der Roman dreht sich aber nicht nur um das Mutterwerden und –sein, sondern, wie der Titel besagt, auch um die Fragen, was wir überhaupt voneinander wissen, wie wir zu unseren Erkenntnissen gelangen und wie diese uns dabei helfen, Entscheidungen zu treffen. Dabei interessieren die Ich-Erzählerin bei ihrer philosophischen Selbstanalyse nicht die äusseren Fassaden, sondern die tieferen, oft versteckten Schichten. Geschickt verwebt die Autorin mit wunderbar fliessender, bildreicher Sprache die drei bedeutenden Erlebnisse im Leben der Erzählerin mit drei auf den ersten Blick ganz unterschiedlichen Wissenschaftsdiskursen: Wilhelm Conrad Röntgen gelang es als Erstem, Körper mit Strahlung zu durchleuchten. Sigmund Freud hat mit seiner Psychoanalyse Menschen und ihre Motive versucht zu durchschauen und John Hunter sezierte sein Leben lang Körper und legt damit die Grundlage für den zuerst erfolglosen Kaiserschnitt. Im Verlauf der Lektüre beginnt man die allen zugrundeliegende Motivation, Dinge freizulegen und erfahrbar zu machen, nachzuvollziehen. Alle erfahren schlussendlich auf unterschiedliche Weise, dass der Preis der Erkenntnis, die Entzauberung eines Wunders ist.

Anna-Lena Fässler

Jesse Greengrass, Was wir voneinander wissen, Kiepenheuer & Witsch, 2020.

 

 

Zur Sprache bringen. Empfehlunen für junge Leserinnen & Leser

Kinder- und Jugendbücher stellen immer wieder sehr aktuelle Themen in den Fokus. Auch zum momentanen Geschehen in den USA. Vier lohnenswerte Titel stellen wir genauer vor.

Rosaparks Rosaparks_Buch

Im letzten Herbst ist ein wunderbares, leicht verständliches Bilderbuch für kleine Kinder über die Lebensgeschichte von Rosa Parks, der bekannten afroamerikanischen Bürgerrechtlerin, erschienen. Besprechung „Rosa Parks“ aus der Reihe „Little people – big Dreams“ .

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Im Jahr 2016 hat der erfolgreiche afroamerikanische Autor Jason Reynolds ein Buch geschrieben, das die derzeitigen Ereignisse in den USA genau auf den Punkt bringt. Besprechung „Nichts ist okey!“ von Jason Reynolds

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nicstone dearmartin_buch

Nic Stone berichtet in ihrem ersten eindrücklichen Jugendroman von Yustice, einem jungen Schwarzen, der Briefe an Martin Luther King schreibt und ihn um Rat bittet. Besprechung „Dear Martin“ von Nic Stone.

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athomas thehateyougive_buch

Angie Thomas schreibt über die sechzehnjährige Starr, die trotz ihrer schwarzen Hautfarbe eine weisse Schule besucht. Der beeindruckende Roman hat es auf Anhieb auf Platz 1 der New York Times-Bestenliste geschafft. Besprechung  „The hate u give“ von Angie Thomas.

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Wassertänzer

wassertänz

Ta-Nehesi Coates, Autor, Journalist und Menschenrechtskämpfer, liefert mit „Der Wassertänzer“ seinen ersten Roman und enttäuscht mitnichten.
Es ist beinahe unmöglich, sich dem von der ersten Seite an entstehenden Sog dieser atemberaubenden, kraftvollen sowie magischen Vorbürgerkriegsgeschichte zu entziehen.

Wir werden Zeuge des Lebens eines gewissen Hiram Walker. Er ist zugleich Sklave und Sohn des Plantagenbesitzers Howell Walker, welcher Hirams Mutter verkauft als dieser erst 9 Jahre jung ist.
Durch dieses nie überwundene Trauma entwickelt Hiram die Gabe, sich an alles, jedes kleinste Detail jeder Minute und Stunde seines Lebens erinnern zu können. An alles, ausser an seine Mutter. Hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung einer Zukunft auf der Plantage seines Vaters und der Flucht in die Freiheit, beginnt Hirams Weg, welcher ihn in den „Untergrund“ führt, eine Freiheitsbewegung, die ihren eigenen Extremen folgt. Wird Hiram die Kraft haben sich seinen Erinnerungen zu stellen und die Geheimnisse zu lüften, die in ihm schlummern?

Coates gelingt es scheinbar leichtfüssig mit seiner berührenden, von Klarheit schillernden Prosa eine Geschichte zu erzählen, die durch wundervolle Charaktere besticht und doch, durch ihre Tiefe, die Leser*innen in dunkelste Abgründe führt.
Schonungslos entfaltet sich die Realität, welche durch die Sklaverei geschaffen wurde. Die beabsichtigte Trennung von Familien und deren traumatische Folgen, die Ohnmacht und die Unbeugsamkeit der Menschen, denen das grösste Unrecht wiederfahren ist.

Ein grosses Buch einer wichtigen Stimme, dessen Lektüre nur ein Gewinn sein kann.

 

Can Tolga

Ta-Nehesi Coates, der Wassertänzer, Blessing Verlag 2020

Junigedicht

Es gibt Sätze
die heilen

und Tage
leichter als Luft.

Es gibt eine Stimme
die ich wiedererkenne

noch bevor sie
mich ruft.

 

Aus dem Staub“ von Klaus Merz, Haymon Verlag

Mitlesen, Anlesen, Auflesen, VORLESEN!

Zum heutigen Vorlesetag 27. Mai 2020

Vorlesen soll Spass machen, nicht nur den zuhörenden Kindern, sondern auch Vorleserinnen und Vorleser. Frisch erschienen und wunderbar geschrieben ist das Buch: „Als ich die Pflaumen des Riesen klaute“ von Ulf Stark. 

 

Vorlesen_pflaume

In Ulfs kleinem Dorf lebt ein Riese. Unheimlich ist dieser hünenhafte Oskarsson, schaut immer mürrisch in die Gegend und spricht kaum ein Wort. Nur wenn Mama bei offenem Fenster Klavier spielt, da werden die Augen des Riesen ganz sanft. Ulf und sein bester Freund Bernt haben Angst vor diesem Oskarsson. Da helfen auch die ganzen Hypnosekünste nicht, die Bernt immer wieder ausprobiert. Um sich die Zeit in diesem nie enden wollenden Sommer zu vertreiben, stellen sich die beiden gegenseitig Mutproben. Ulf ist nur bedingt begeistert und trotzdem fasziniert davon. Die neuste Aufgabe, die erfordert wirklich all seinen Mut: Er soll in Oskarsson Garten Pflaumen klauen. Es stürmt an diesem Tag, alles wirbelt durcheinander, vielleicht ist dies mit ein Grund, weshalb Ulf zum ersten Mal mit Oskarsson spricht und etwas Wichtiges entdeckt: Grosse mürrische Menschen müssen nicht immer böse sein, möglicherweise sind sie nur so einsam, dass sie das Reden verlernt haben. Wie Ulf und Bernt es schaffen, dass Oskarsson plötzlich ziemlich nett ist und ihnen sogar beim Bau einer Hütte hilft, das sei hier noch nicht verraten, zu schön ist es, diese Geschichte selber nachzulesen.
Der leider verstorbene schwedische Autor Ulf Stark bleibt sich auch in seinem letzten Buch treu. Er ist bekannt für seine wunderschöne Sprache, für seinen Witz und für seine so liebenswerten Figuren. Man spürt beim Lesen die Wärme, das Licht, aber auch, dass manchmal Schatten zum Leben dazugehören. Und zwischendurch, da kann man immer wieder kichern. Das Buch erzählt von Lausbuben, die, wie sollte es anders sein, ein butterweiches Herz haben. Eine witzige, spannende und gleichermassen berührend poetische Geschichte, die sich hervorragend für vergnügliche Vorlesestunden eignet. Für Kinder ab 8 Jahren genauso wie für Erwachsene.

Urachhaus 2020, ISBN: 978-3-8251-5222-2

 

Weitere tolle Vorleseempfehlungen von Maria Riss, unsere Spezialistin für Kinderbücher,  finden Sie hier !

 

Unser Vorleser

Der TV-Entertainer aus dem Appenzell (und ehemaliger Bücherladennachbar) ist ein umtriebiger Tausendsassa. Für den Vorlesetag fand er trotzdem Zeit – schliesslich liegt ihm das Vorlesen ebenso am Herzen wie uns. Marco Fritsche liest Jugendlichen ab 12 Jahren aus Sunil Manns Jugendbuch «Totsch» (da bux) vor.

Regie und Kamera hat Carol Forster übernommen, die Buchhändlerin des Bücherladens Appenzell, wo Marco Fritsche vorliest.

 

 

Hier geht’s direkt zum „Totsch“ im Bücherladen Internet-Shop

Am 12. Mai ist es endlich soweit: Wir öffnen unsere Ladentüre wieder für Sie  

Bücher lesen heisst,
wandern gehen in ferne
Welten, aus den Stuben,
über die Sterne.

Jean Paul

 

Liebe Kundinnen und liebe Kunden

In unserem wunderschönen neuen Bücherladen steht eine grosse Auswahl an Neuerscheinungen bereit! Wir freuen uns riesig, Sie endlich wieder persönlich begrüssen und bedienen zu dürfen. Es wird also wieder möglich sein, während der gewohnten Öffnungszeiten, in all den spannenden Büchern zu schmökern und sich inspirieren zu lassen. Die Hygienevorschriften des Bundes gelten selbstverständlich auch für uns. Aus diesem Grund werden wir nur den Eingang an der Hauptgasse öffnen und die hintere Türe Richtung Kanzleiplatz als Ausgang nutzen. Unsere Kundinnen und Kunden werden also unseren Laden beim Stöbern gleichzeitig durchqueren, so können wir sicherstellen, dass die Abstandsregeln eingehalten werden können. Zur Sicherheit werden wir zudem vor dem Eingang an der Hauptgasse sechs Körbe bereitstellen. Die Eintretenden nehmen einen Korb. Ist kein Korb mehr vor der Türe, müssen nachfolgende Kundinnen und Kunden vor dem Geschäft warten. So können wir die Anzahl der Kundinnen und Kunden im Laden begrenzen. Ebenso werden Hand-Desinfektionsmittel zur Verfügung gestellt und unsere Arbeitsflächen regelmässig gereinigt.

Die Bestellungen über unseren Internet-Shop haben stark zugenommen, was uns sehr freut. Dienstag und Freitag fahren wir regelmässig unsere Bücherstationen in Bühler, Heiden, Oberegg, Rehetobel und Trogen an. Gerne können Sie dort Ihre Bestellung mit Rechnung entgegennehmen. Auf Wunsch liefern wir Ihnen an diesen Tagen bis auf weiteres auch direkt in Ihren Milchkasten. Ebenfalls auf Wunsch können die Bücher in der Metzgerei Fässler „de Chitzele“ im Coop abgeholt werden.

Wir freuen uns auf Ihre Besuche, sei es in unserem Laden oder in unserem Internet-Shop. Sie können auch weiterhin gerne per Mail oder telefonisch bestellen und sich beraten lassen.

Bleiben Sie gesund & lesefreudig

 

Carol Forster, Vanja Hutter, Anna-Lena Fässler, Maria Riss, Can Tolga

 

 

Maigedicht

Als teilte sich das Meer
Und zeigte ein weiteres Meer-
Und das ein weiteres – und die drei
Nur eine Ahnung wär’n

Von Meeren Zeit um Zeit –
Besucht von keinem Strand –
Ein jedes Rand von künftigem Meer –
Sie alle – Ewigkeit

 

Emily Dickinson, Guten Morgen, Mitternacht, Diogenes 1977

Vorübergehend geschlossen

Wir arbeiten hinter geschlossenen Türen. Tägliche Onlineshop-Bestellungen wollen bis Mittag bearbeitet, die Lieferungen ausgepackt und für unsere Kundinnen und Kunden verpackt und reisefertig bereit gestellt sein.

Anfänglich war es seltsam, morgens in unsere erst kürzlich neu wiedereröffnete Buchhandlung zu kommen und alleine in den schönen Räumen mit all den tollen Neuerscheinungen zu sein. Keine Kunden. Aber die Leute lesen weiter. Gerade in Krisenzeiten. Erinnerungen an Geschichten, Erlebtes, Erzähltes, Abtauchen in andere Welten, in Bücher versinken, danach sehnen wir uns, gerade in solchen Zeiten. Dennoch mussten alle Buchhandlungen schliessen. Wir haben das nicht wirklich nachvollziehen können. Gerade jetzt wäre es doch hilfreich und sinnvoll, in Buchhandlungen gehen zu können. Bücher sind Lebensmittel, sind Medizin und können bisweilen heilende Wirkung haben. Unsere Kundinnen und Kunden lesen weiter. Sie bestellen ihre Bücherwünsche, wir beraten am Telefon, durch die Schaufensterscheibe und via Mail. Surreal und doch so klar scheint die Wichtigkeit der Bücher zu sein. Die Kinder brauchen Beschäftigung, die Familie gemeinsame Lektüre, jeder sein Buch, seine Welt in einer Zeit, in welcher wir zwangsweise zusammenrücken müssen und doch jede und jeder das Bedürfnis hat, weg zu driften. In Büchern können wir das! Wir freuen uns jeden Tag über Ihre Bestellungen, die aufmunternden Worte, die Schokolade im Briefkasten und dies alles gibt uns Mut und Zuversicht und hilft uns, diese ausserordentliche Zeit zu meistern und trotz allem optimistisch in die Zukunft zu blicken. Das Erzählen hört nie auf, die Geschichten leben weiter und solange sie erzählt werden, bleiben wir lebendig. Ein riesengrosses Dankeschön an unsere treuen Leserinnen und Leser. Bleiben Sie uns verbunden, lesen Sie weiter und kommen Sie uns besuchen wenn das „vorübergehend geschlossen“ vorbei ist. Wir freuen uns euch endlich wieder zu sehen, Sie persönlich kennen zu lernen!

Carol Forster

 

Robert_Walser

Mein russisches Frühjahr

Dieser Frühling lässt mein Herz schneller schlagen vor lauter Freude über die vielen russischen Bücher, die eines nach dem anderen ihren Weg in unseren schönen neuen Laden finden, verbunden mit ein wenig Wehmut bei dem Gedanken, dass sie dort gerade ein einigermassen betrübliches Dasein fristen, aber immerhin kann ich über den Blog ein paar meiner Lieblinge vorstellen.

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Von unglaublichen Entdeckungen (Gerhard Sawatzky «Wir selbst» – ein einzigartiger zeitgeschichtlicher Fund, ein grosser Gesellschaftsroman über die Russlanddeutschen, von Stalin 1938 verboten und erst jetzt wiederentdeckt oder Leonid Zypkin «Ein Sommer in Baden-Baden» – eine nicht nur sprachlich brillante Hommage des jungen Autoren an sein Idol Dostojewski) über wunderschöne bibliophile Ausgaben zum silbernen Zeitalter der russischen Literatur (Olga Forsch «Russisches Narrenschiff») bis zu tollen Neuübersetzungen (Fjodor Dostojewksi «Aufzeichnungen aus einem toten Haus») ist für jeden Geschmack etwas dabei. Ein weiteres grosses Thema sind nach wie vor die stalinistischen Säuberungen und ihre Folgen für Individuum und Gesellschaft, die in den Romanen von Isabelle Autissier «Klara vergessen», Juri Buida «Nulluhrzug» und Sasha Filipenko «Rote Kreuze» thematisiert werden.

Letzterer schafft es in seinem nur gut 270 Seiten umfassenden Roman dank raffinierter Konstruktion, die Willkür des Systems an einem Einzelschicksal aufzuzeigen. Die 90-jährige Tatjana Alexejewna erzählt gegen das Vergessen ihre unglaubliche Geschichte, die von so schrecklichen Ereignissen geprägt ist, «dass mich die Alzheimer-Krankheit nur deswegen heimgesucht hat, weil Gott Angst hat vor einer Begegnung mit mir». Doch gewisse Dinge kann man nicht vergessen. Als ihr Mann im zweiten Weltkrieg in rumänische Kriegsgefangenschaft gerät, ersetzt sie, die als Sekretärin beim Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten arbeitet, aus Angst vor der Sippenhaft der als Deserteure abgestempelten Kriegsgefangenen, den Namen ihres Mannes auf den Listen der Kriegsgefangenen, die vom Roten Kreuz in Genf übermittelt werden, durch einen anderen Namen. Es nützt ihr nicht viel, sie wird dennoch festgenommen, die Tochter in ein Erziehungsheim gesteckt und sie landet wie so viele im Gulag. Zu allem Leid quält sie zeitlebens die Schuld, möglicherweise durch das Vertauschen der Namen eine andere Familie zerstört zu haben. Die überraschende Wendung folgt, als sie diese nach jahrelangen Recherchen und Korrespondenz mit dem Roten Kreuz endlich ausfindig machen kann. Die Grenzen zwischen Tätern und Opfern verschwimmt und Filipenko führt uns einmal mehr vor Augen, dass es in einem totalitären System einfach keine Gewissheiten gibt.

 

Anna-Lena Fässler

 

 

Aprilgedicht

Mein schönstes Gedicht?
Ich schrieb es nicht.
Aus tiefsten Tiefen stieg es.
Ich schwieg es.

 

Mascha Kaléko, In meinen Träumen läutet es Sturm, dtv

Spinat in allen Lagen

Liebe Freundinnen und Freunde auf dem Land und in den Städten
Liebe Geniesserinnen und Schlemmer des guten Ton’s und Geschmack’s.

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Gemeinsames Singen macht stark und erzeugt gute Laune.
Der Schweizer Musiker Bo Wiget hat eine ganze Sammlung mit Spinatkanons komponiert. Auf lose Blätter genotet und wunderbar zum Anhören auf CD interpretiert, hat sie der St.Galler Vexer Verlag herausgegeben. Ein ungeahntes Universum. Spinat als Zuversicht. Als Begleiter. Im Zweifel. Im Wandel der Zeit. Spinat in allen Lebenslagen.
Wie geht das genau, haben wir Bo gefragt. Prompt hat er samt Familie geantwortet:

„Ich koche grad“

„Im Zweifel“

„Manche Leute denken“

„Und der Spinat“

Lust mit einzustimmen?

Spinat1_web…es ist angerichtet.

 

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Der schöne Schuber „Fritz Schedlers Spinatkanons von Bo Wiget“ ist bei uns erhältlich – hier. Auf Wunsch grün verpackt.

Wir wünschen guten Appetit und beste Gesundheit!

 

 

 

„Giovannis Zimmer“ nicht verlassen

Dieses Buch!
Dieses schreckliche, wundervolle, wichtige Buch.

Auch in seinem zweiten Roman liess sich James Baldwin nicht von den herrschenden Wertvorstellungen seiner Generation in Ketten legen und bewies sich abermals als tabubrechender Denker und Vorreiter seiner Zeit.

Mit elegantem, erbarmungslosem und zutiefst menschlichem Feingefühl, schildert Baldwin die Geschichte des jungen Amerikaners David, der auf der Flucht vor sich selbst, im Paris der Fünfzigerjahre strandet.

Bereits früh stellt David mit Bestürzung fest, dass er sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlt. Da die Gesellschaft in der er lebt solcherlei Begehren aufs Schärfste verurteilt, beschliesst er diesen Teil seines Selbst in den Tiefen seiner Seele zu begraben und zu leugnen.

Als seine Verlobte eine Reise nach Spanien antritt, begegnet David in einer Pariser Bar dem schönen und ungestümen Italiener Giovanni, welcher nichts von Versteckspielen hält. Mit dieser Begegnung beginnt sich ein Riss durch Davids sorgfältig gebaute Fassade zu ziehen und ein Strudel von Fragen und Entscheidungen drohen ihn zu zerreissen.

Muss er sich seiner wahren Natur erwehren und eine Lüge leben oder findet er Zuflucht in Giovannis Zimmer? Welche Entscheidung kostet welchen Preis?

Baldwin ist es gelungen die Schicksale seiner Charaktere auf Gedeih und Verderb mit Davids innerem Kampf zu verflechten und den hausgemachten Irrsinn, welcher die menschliche Seele zu überschatten vermag, so dicht und bedrohlich zu vermitteln, dass sein Roman über Jahrzehnte nicht im Geringsten an Aktualität und Wichtigkeit verloren hat. Es ist fast unmöglich, sich dem unheilvollen und doch betörenden Sog dieses Buches zu entziehen.

Can Tolga

 

Giovanni

loslesen? hier gehts in „Giovannis Zimmer“, James Baldwin, dtv Verlag
oder „Giovanni’s room“, penguin books