Wie die Blätter fallen

Es ist ein bunter Bücherherbst, unermüdlich rascheln Neuerscheinungen in unseren Bücherladen. Langersehntes, Überraschendes und Unentdecktes.

Das man nicht alles lesen kann, ist eine schmerzliche Wahrheit, der frau sich besonders als Buchhändlerin täglich aufs Neue stellen muss. Was also lesen? Was weglassen? Was gibt Richtung und Entscheidungshilfe dieser Fülle beizukommen? Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Konsequent nur Bücher über 500 Seiten lesen. Ein gesamtes Verlagsprogramm durchbeissen. Nur Autor*innen lesen mit Jahrgangsquersumme 7 – oder umgekehrt.

In diesem Herbst habe ich mich für das Farbspektrum Blau-Violett-Rosa-Rot entschieden. Erleichtert durch die Einschränkung, konnte ich entspannt und fast ohne Angst etwas zu verpassen, in ein wunderbares Spektrum an Welten eintauchen, und immer wieder beglückt nach Luft schnappen.

Hier möchte ich euch einige Glücksgriffe – in farblicher Reihenfolge – nicht vorenthalten.

Joachim Meyerhoff – Hamster im hinteren Stromgebiet – gelbe Schrift auf Dunkelblau

Hat hier jemand das Glück diesen Autor noch nicht zu kennen? Anders gefragt, hat jemand des Glück ihn schon zu kennen? Immer wenn ein neues Buch von Joachim Meyerhoff erscheint, scheint plötzlich die Sonne.
Hier haben wir bereits den fünften Teil seiner Autobiographie – und das mit knapp fünfzig. Seine Bücher tragen wunderschöne Titel wie „Wann wird es endlich wieder so wie es nie war“ oder „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ oder „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“. Auch der neue Titel „Hamster im hinteren Stromgebiet“ ergibt beim Lesen plötzlich Sinn. Alle seine Bücher erzählen aus verschiedenen Lebensetappen und was diese verbindet, ist das Leben, dass (bei Herr Meyerhoff vielleicht besonders) immer gleichzeitig Komödie und Tragödie ist. Er hat ein absolutes Gespür diese Gegensätze zu verbinden und ist ein brillanter Fabulierer. Er zelebriert das Scheitern und die eigenen Unzulänglichkeiten (in allen Bereichen). Und zwar so gut und gelungen, dass man es schier mit Erfolg verwechselt und es einen zutiefst anheimelt. Seine Figuren leben von einer Komik und der darunter liegenden Wahrhaftigkeit.
Sein neustes Buch erzählt von seinem neusten, vielleicht einschneidensten, Kapitel aus seinem Leben. Mit 51 erfährt der Schauspieler einen Schlaganfall, der sein Leben radikal in eine andere Perspektive rückt.

Mit seiner ausgefeilten Sprachakrobatik turnt er auch durch diese existenzielle Thematik und die verschiednenen Tränenarten fliessen ineinander.

Jane Gardam – Robinsons Tocher – gelbe Schrift auf hellerem Blau, Gischt

Jane Gardam hatte einst meinen romantischen Traumberuf: reisende Bibliothekarin in so einem schönen alten Bus. Heute ist 92 Jahre alt, schreibt und lebt in England.

Im Alter von 43 Jahren veröffentlichte sie ihr erstes Buch, doch im deutschsprachigen Raum ist sie erst 2015 richtig angekommen, endlich und Gott sei Dank! Mit der Romantrilogie «ein untadeliger Mann» hat sie sich in viele Herzen geschrieben.
Dies überhaupt möglich gemacht, hat die Autorin Isabel Bogdan, die bis jetzt jedes Buch von Jane Gardam übersetzt hat. Die Unmöglichkeit ein Buch zu übersetzen hat sie definitiv überwunden und trifft den raffinierten, klugen und witzigen Ton der Autorin zwischen den Zeilen.

Das neue Buch von Jane Gardam ist somit aus dem Jahr 1985 und darin zeitlos. Wir tauchen ein ins England 1904 und unsere Heldin ist Polly Flint, sechs Jahre alt und bereits auf der Schwelle eines neuen Lebens. Ihr Vater ist ein Seemann und damit meist abwesend, ihre Mutter ist kurz nach der Geburt gestorben. Nun soll Polly zu ihren frommen Tanten ins gelbe Haus am Meer ziehen. Es ist windig und unwirtlich und auch das Leben mit den Tanten ist geprägt von Kargheit, pragmatischen Handgriffen und religiösen Beschäftigungen. Es gibt kaum Unterhaltung, doch es gibt Bücher. Und lesend entwickelt sich die junge Polly zu einer unabhängig denkenden Frau, einer stillen unbeugsamen Rebellin. Besonders ein Buch Robinson Crusoe. Es dient ihr als Kompass für alle Lebenslagen. Denn auch sie sieht sich auf einer einsamel Insel. Die Brücken in sich selbst und zu anderen Inseln, anderen Menschen aufzuspüren ist Jane Gardam‘s grosse Gabe. Ihre Figuren erschafft sie prägnant und mit grosser Zärtlichkeit. Ihre Gabe, Situationen einzufangen, den Witz und die Treffsicherheit darin, ist etwas vom Wunderbarsten.

Wir begleiten Polly Flint bis fast an ihr Lebensende, als alte Frau – das fast ein ganzes Jahrhundert umspannt. Ein Lebensweg, auf dem sie Liebe, Enttäuschung, Depression, rettende Freundschaft kennenlernt und ihre Bestimmung finden wird.

Ein beglückendes Buch, ein unverkennbarer Tonfall und ein grosser Trost auf das Inseldasein.

Ronya Othmann – die Sommer – wir geraten in blauviolette Spähren

Eins der beeindruckensten Bücher in diesem Herbst heisst „die Sommer“ und geschrieben hat es Ronya Othmann. Es ist ihr erstes Buch, aber sie ist ja auch erst 27!
Sie weiss von was sie redet, denn die Hauptfigur Leyla teilt mit der Autorin die gleichen Lebensumstände. Leben in Deutschland mit Wurzeln im syrischen Kurdistan. Jeden Sommer ihrer Kindheit verbringen sie im kleinen Dorf, nahe an der türkischen Grenze, der Heimat des Vaters.

Im ersten Teil des Buches reisen wir Sommer für Sommer mit Leyla zu ihren Grosseltern, Cousinen, Tanten und Onkeln. Der Gegensatz zu ihrem „normalen“ Leben ist gross. Man ist nie alleine in einem Raum, das Leben ist geprägt von Natur und dem Alltag für das Leben zu sorgen. Leyla fühlt sich dort zuhause, ja heimisch bei der allwissenden Grossmutter und ist zugleich auch immer wieder fremd, denn sie ist ja doch die aus Alemania, die noch ein anderes Leben lebt. In Deutschland ist es andersrum und genauso, man fragt sie warum sie denn nach Sibiren geht, wenn sie von Syrien spricht. Das Gefühl, dass die beiden Welten auseinanderdriften, wächst in ihr stetig heran.

Das Leben ihrer Familie in Kurdistan ist seit Generationen geprägt von Flucht, Unterdrückung und Gewalt. Eine Minderheit, ein Volk dass immer mehr von Auslöschung bedroht ist. Die Geschichte dahinter, die politische und auch die persönlichen Schicksale erfahren wir durch verschiedene Figuren erzählt. Ronya Othman gelingt es mit einer Sprache, die gleichzeitig distanziert und darin eine Lebendigkeit und Emotionalität entwickelt, die Vielschichtigkeit von Zugehörigkeit und Heimat aufzuspüren.

Im zweiten Teil darf Leyla nicht mehr nach Syrien reisen, es herrscht Bürgerkrieg. Nur noch aus Medienschlagzeilen erfahren wir von den Gräueltaten und haben dabei bereits eine neue Perspektive eingenommen. Denn nun kennt auch die Leserin die Menschenleben, die sich dahinter ausbreiten.

Das Buch wirft hochaktuelle Themen und Fragen auf und schafft was Literatur eben kann – es macht betroffen und involviert und eröffnet eine neue Perspektive. Mit ihren Texte möchte Ronya Othmann fast Verlorenes konservieren und Geschichten aus einer in Europa bisher wenig berücksichtigten Perspektive erzählen. Und das gelingt ihr atemberaubend.

Candice Carty-Williams, Queenie, und ein entschiedenes Pink!

Ein Buch, welches mich brutal mitgenommen und auf den letzten Seite so glücklich gemacht hat heisst: „Queenie“, geschrieben von Candice Carty-Williams und in London ein Furorebuch.

Queenie ist der Star des Buches – eine junge jamaikanische Britin, die in der Liebe und dem Leben gerade gar kein gutes Jahr hat. Startschuss für die Geschichte gibt ihr Freund, er trennt sich abrupt, bzw. verlangt nach einer schwammigen Pause ohne grosse Erklärung.

Queenie muss ausziehen und ihre Welt bricht zusammen. Sie verliert den Boden unter den Füssen und braucht das ganze Buch, bis sie ihn wieder spürt. Der Freund, die Trennung ist nicht das eigentliche Problem. Vielmehr ein Auslöser, der Schieflagen aufgedeckt und einen Prozess möglich macht. Es ist sehr hart zuzulesen, wie Queenie eine schlechte Entscheidung nach der anderen trifft. Sie verliert sich komplett im Verlust und Schmerz, sucht vergeblich Trost auf Datinplattformen und verfehlt ihre eigenen Bedürfnisse präzise. Auf verschiedenen Ebenen kann sie sich nicht liebevoll und stärkend begegnen und der lange verinnerlichte Glaubenssatz „ich bin nicht genug“ prägt ihren Lebensalltag.

Oft kriegt sie zu hören, sie sei zu laut, zu empfindlich – wenn zum Beispiel der Onkel ihres weissen Freundes einen rassistischen Witz macht und sie sich wehrt: „war doch nicht so gemeint, entspann dich!“

Das Buch ist sehr politisch – Was heisst es heute als junge schwarze Frau in London zu leben? Die Alltäglichkeit von Rassismus, in seiner Beiläufigkeit und Subtilität ist unmittelbar spürbar. Als Gegensatz zur schwerwiegenden Thematik steht der leichtfüssige, spritzig-freche lustige Ton, der diese Lektüre zu einem Lesevergnügen par excellence verzaubert. Man braucht kein Buchzeichen – es liest sich in einem Zug.

Der Weg einer jungen Frau, die in ihre Stärke findet und sich aus Abhängigkeiten und Machtverhältnissen befreit. Eine Geschichte über Freundschaft, nicht zuletzt mit sich selber. Sehr persönlich und zugleich universell, ein Buch das den Blick für Neues, Anderes öffnet und darin Vertrautes wiederfindet.

Paolo Maurensig, Der Teufel in der Schublade, jetzt wird es rot und ein bisschen blutig

Das Buch ist so gut wie es dünn ist – also sehr! Ein auf 128 Seiten komprimierter 736seitiger Schmöcker vom italienischen Autor Paolo Maurensig.

Wie der Umschlag zeigt, es geht um den Teufel, einen Fuchs und eine Schublade. Eine Geschichte in einer Geschichte in einer Geschichte, bzw. ein einer Schublade in einer Schublade… Der Erzähler, ein Verleger, findet auf seinem Dachboden ein ungesehenes Manuskript, in welchem ein weitere junger Verleger von einer unfassbarer Geschichte erzählt, die ihm wiederum ein Priester berichtet hat.

Dies ist ein beglückender Erzählkniff – denn die Erzähler wechseln sich immer wieder ab und bald stecken wir schon mitten in der Geschichte.

Ein kleines namenloses Dorf in der Schweiz, hier genannt Dichtersruh, wird Schauplatz wahnwitziger Ereignisse. Aushängeschild und Touristenattraktion des Ortes ist ein einstiger Ritt und Übernachtung Goehtes in einem der Gasthäuser. Alle drei im Dorf werben damit und das erfolgreich. Dieser wichtige Besuch hat bis heute Eindruck hinterlassen, denn jede und jeder der Bewohner*innen fühlt sich schriftstellerisch berufen. Dies völlig ohne Ambitionen auf Erfolg – Absagen werden stolz eingerahmt und die Stimmung in der Bevölkerung könnte man als zufrieden bis ausgelassen beschreiben. Bis… Eines Tages ein renommierter Verleger aus Luzern anreist- mit ihm greift auch die Tollwut der Füchse um sich – und der Priester kommt rasch zur Überzeugung: der Teufel höchst persönlich. Allzubald findet die Idee eines Goethe-Preises Anklang und Anlauf von manuskriptbeflissenen Dorfbewohnern, denn der Preis ist nicht gering. Mit der Idylle ist es bald vorbei – das Dorf spaltet sich in die Abgelehnten und die noch nicht Abgelehnten. Ein Spektakel aus Neid, Misstrauen und Gier bahnt sich an und man ist erinnert an „der Besuch der alten Dame“ von Dürrenmatt, „die schwarze Spinne“ von Gotthelf oder eben „Faust“ von Goehte. Ein grosses Lesevergnügen, das nicht zuletzt durch den Erzählkniff angetrieben wird. Durch die verschiedenen Erzähler baut sich bis zur letzten Seite eine Spannung auf und auch die Frage, kann man dem Erzähler trauen, bzw. welchem? kommt nicht zu kurz!

In diesem Sinne, Vanja Hutter

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