Septembergedicht

Sommer

Bei heissem Wetter
wird das Leben langsam
Menschen
liegen in Wiesen
bewegungslos
man meint in tiefem Schlaf
andere ausgestreckt rot wie
von der Sonne erschlagen
manche rollen träge
manche schnellen
hin wo sie auch
ihre Wurzeln finden
zum Ursprung
ins Feuchte
fallen anheim
dem Wasser
unweigerlich dem auch
was sie immer treibt
der Lust zu kopulieren
oder mindestens
der nasse Reibnähe
anderer Haut
und kein Mensch
denkt an den
in den Tiefen verborgenen
Schlund der Alten
mit verlassenen Schatten
der Vorfahren
es ist Sommer und
nicht die Zeit des Sterbens
sagen sie
und verziehen sich
in Büsche und Schattenplätze
und von der Böschung zieht
der süsse Atem herüber
des Lathyrus mit seiner roten Blüte
wie ein weibliches Geschlecht
oder der stille Duft reifer Marillen
es ist nicht die Zeit an
den Tod zu denken
es die Zeit der Sinne
des zärtlichen Genusses
im Herbst wird
überreich der Gaumen
dann verwöhnt um uns zu trösten
über den langsamen Verlust
der Wärme und
der langen hellen Tage
dann wird es Zeit
sich anders nah zu sein
und
vom Ende
auch
zu sprechen

Ivo Ledergerber

 

Ivo Ledergeber, Alltagsgrübeleien, Waldgut Verlag 2019.

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