Februargedicht

 

Sommer

Letzten Sommer hinterliessen zwei diskrete junge Schlangen ihr Häute
auf meiner kleinen Veranda, an zwei aufeinanderfolgenden Morgen. Da ich

jetzt postmodern bin, gab ich vor, sie nicht
zu bemerken, nicht zu verstehen, was schon lange in mir

kreiste. Stattdessen schimpfte ich stündlich
mit meinem Sohn, er solle nicht ständig widersprechen. Ich schälte

eine Banane. Und verfluchte Gott – Seine Arroganz,
Seine Frechheit -, von uns immer noch Ergebenheit zu erwarten,

nach der Erschaffung der Liebe. Und der Moskitos. Ich zeigte
meinem Sohn die papierenen, toten Häute, damit auch er

wusste, wie es sich anfühlt, wenn etwas – zweimal – an deiner
Tür auftaucht und dir klar macht, was du schon längst weisst.

Robin Coste Lewis

 

In: Robin Coste Lewis, Die Reise der schwarzen Venus. Poems, Steidl Verlag Göttingen 2017.

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