Der romantische Bücherladen Appenzell

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Romantik ist, nicht das zu bekommen, was Sie wollten. Jede gute romantische Geschichte lebt davon, dass sich zwei Liebende zu Beginn nicht für einander interessieren. Am Anfang von Jane Austens Roman Stolz und Vorurteil kann Elizabeth Bennet Mr Darcy nicht ausstehen. Und Mr Darcy verachtet Elizabeth Bennet. Sie findet ihn unhöflich, arrogant und wortkarg. Er wiederum „hatte ihr anfangs kaum zugestehen wollen, dass sie hübsch sei“, und meinte, ihr fehlten „die Umgangsformen der gebildeten Welt“. Erst später wird ihm klar, „was für eine Freude doch ein hübsches Augenpaar im Antlitz einer schönen Frau ist“. Und erst sehr viel später, nachdem Elizabeth zufällig entdeckt hat, was für ein teures Heim Mr Darcy sein Eigen nennt, vermag auch Elizabeth, ihn zu lieben.

Bei Romeo und Julia ist es genauso. Zu Beginn liebt Romeo ein Mädchen namens Rosalinde und will nur mit ihr und keiner anderen zusammen sein. Julia liebt erst einmal niemanden, ist sich aber ganz sicher, dass sie die Familie Montague hasst. Erst als sich die beiden zufällig auf einem Ball begegnen, wird Romeo klar, was für ein Fehlgriff Rosalinde war. Und Julia ruft aus:

„So ein’ge Lieb‘ aus grossem Hass entbrannt!
Ich sah zu früh, den ich zu spät erkannt.“

Natürlich endet das Ganze mit Gifttod und Tränen, aber wenn das nicht höllisch romantisch ist, was dann?
Benedikt und Beatrice aus Viel Lärm um nichts, Henry Higgins und Eliza Doolittle aus My Fair Lady, Rick und Ilsa aus Casablanca – wenn man sie alle gefragt hätte, was sie vom Leben erwarteten, hätte die Antwort gelautet: „Jede(n) andere(n), nur nicht diese(n)“: Das ist die Formel einer jeden romantischen Geschichte. Man hat es nicht beabsichtigt, aber von allen Kneipen in allen Städten dieser Welt gerät man zufällig in diese eine, und das Schicksal nimmt seinen Lauf.
Oder, um beim Thema dieses Essays zu bleiben, von allen Buchhandlungen in allen Städten dieser Welt sind Sie zufällig in diese eine geraten und haben sich zufällig in dieses eine Buch verliebt.
Noch einmal: Das Internet hat es uns unverschämt leicht gemacht, genau das zu kriegen, was wir wollen. Die Partnersuche per Internet erlaubt es uns, die genauen Anforderungen an den Mann oder die Frau zu spezifizieren, die wir erobern wollen. Grösse, Gewicht, Einkommen, Sternzeichen, Schuhgrösse, Blutgruppe, Allergien, Lieblings-Horrorfilm, Schrittlänge, politische Ansichten und bevorzugtes Frühstücksmüli – Sie können es sich aussuchen. Sie können die Parameter festlegen. Und wenn Sie das tun, werden Sie genau das bekommen, wovon Sie bereits wussten, dass Sie es wollten. 

Mr Darcy kriegen Sie so nicht. Und auch nicht Miss Bennet. Romeo hätte „keine Capulets“ eingegeben und Julia „keine Montagues“. In allem anderen hätten Romeo und Julia durchaus zusammenkommen können. Beide entstammen adligen Familien, sie sind sich ebenbürtig. Sie ist dreizehn, er so um die sechzehn. Ein Algorithmus hätte sie vielleicht zusammengebracht. Aber das eine, was die Beziehung romantisch macht, wäre mit Hilfe der Maschine, des Computers nicht passiert.
Eine moderne Fassung von Romeo und Julia würde so aussehen: Er hasst die Capulets. Sie hasst die Montagues. Und so surfen sie ein wenig auf der Seite http://www.knappvolljährigesinglesinverona.it und kommen einigermassen zufrieden, aber nicht glücklich mit jemandem zusammen, der ihren Ansprüchen genügt, diese aber nicht verändert.
Stolz und Vorurteil würde sich im Zeitalter des Internet so lesen:

„Es ist eine allgemein anerkannte Tatsche, dass ein alleinstehender Mann im Besitz eines gewissen Vermögens seine Daten und Erwartungen gepostet und sich durch die Antworten gearbeitet haben muss. Leser, ich habe ihn gegoogelt. ENDE“

Natürlich haben die Darcys, die Benedikts und Beatrices das bekommen, was sie wollten – aber sie bekamen das, wovon sie gar nicht wussten, dass sie es wollten. Und das macht ihre Geschichten so romantisch.
Herr, erlöse uns von dem, wovon wir schon wussten, dass wir es wollten. Gib uns neue Bedürfnisse, je ungewöhnlicher, umso besser.

 

aus dem Buch „Lob der guten Buchhandlung – oder vom Glück, das zu finden, wonach sie gar nicht gesucht haben“ von Mark Forsyth

 

In diesem Sinne angehaucht, freuen wir uns auf euren Besuch. Auf Unverhofftes, Ungewöhnliches, Unbekanntes, Und Und Und  

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