Raoul Schrott gross im kleinen Frühling

Hanspeter Spörri interviewte Raoul Schrott, als dieser für den „kleinen Frühling“ in Appenzell sich herumtat. Zum Nachlesen, exklusiv, in unserem Blog!

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Als wäre ich wirklich zuhause
Der österreichische Schriftsteller Raoul Schrott stellt mit literarischen Mitteln den aktuellen Stand der Wissenschaft dar

Sie unternehmen den Versuch, Wissenschaft auf literarische Weise zu fassen. Was ist das eigentlich: der Geist, der da forscht und Fragen stellt? Eine Funktion der Materie? Die sich selbst beobachtende Materie?

Ja, wenn das so einfach wäre! Gewiss sind wir nichts als Materie – jedes einzelne unserer Atome ging aus mehreren Sonnen und ihren Explosionen hervor (die abgesehen von den vier ersten, beim Urknall entstandenen Elementen Wasserstoff, Helium, Beryllium und Lithium, alle weiteren gebildet haben). Doch unsere, durch die Evolution von der Bakterie zum Lungenfisch und weiter herausgebildeten Wahrnehmungswesen bilden leider nicht die physikalischen Gesetze ab. Wir und die Welt sind durch Eigengesetzlichkeiten bestimmt. Das zeigt sich beispielsweise daran, dass es für die Physik egal ist, ob die Zeit vor- oder rückwärts läuft, während wir sie als bald schnelleren, bald langsameren Fluss wahrnehmen, der nun mal für uns nur eine Richtung hat. Doch ob in Formeln oder durch das Ist-Gleich einer Metapher – beidesmal können wir uns der Welt nur mittels Vergleichskonstruktionen nähern und sie erst über Bilder und Erzählungen anschaulich machen, um sie zu verstehen.

Die Welt scheint zwar auch in ihrem wunderbaren Buch unverständlich oder unfassbar zu bleiben. Denn Erklärungen erklären in der Regel nicht den Grund für die Existenz von allem. Hat die Arbeit am Epos ihre Wahrnehmung des Seienden verändert? Auf eine poetische Weise geklärt?

Der Grund von allem, der Urknall, wird weiterhin eine Hypothese bleiben. Doch ab der ersten Sekunde danach etwa sind alle Prozesse hinlänglich verstanden. Das gilt auch für die Stoffwechselprozesse, die für die Entstehung des Lebens nötig sind. Aufzuzeigen, wie da allmählich eines aus dem anderen entsteht, und wie die Evolution all unsere Eigenschaften und Eigenheit hervorgebracht hat – ist das etwa keine Erklärung? Mich hat bei der Arbeit am Buch überrascht, wie umfängliche die Erkenntnisse der Wissenschaften sind. Sie sind sicher nicht überall erschöpfend, doch sie vermögen inzwischen den roten Faden vom Anfang bis zu uns fast lückenlos vorzuführen. Das hat die Wahrnehmung meiner selbst wie der Welt grundsätzlich verändert. Ich weiss jetzt in etwa, wovon wir bedingt werden, was den Raum um uns ausmacht, was wo in welcher Entfernung etwa zu uns steht. Und ich fühle mich zum ersten Mal, als wäre ich wirklich … zuhause.

Ist Ihr Buch eine Art Trotzreaktion gegen die unverständliche Komplexität des Kosmos?

Nein! Eher ein Dokument der Neugier. Und des Wissensdrangs – der meinerseits rein existentiell war. Ich wollte einfach wissen, was das ist, das da rings um mich. Komplexität dabei heisst nicht kompliziert und unverständlich. Der Erfolg der Wissenschaften liegt darin, dass sie den menschlichen Blickwinkel nach Möglichkeit auszusparen versuchen, um den objektiven Eigengesetzlichkeiten der Welt nachzuspüren. Verständlich und relevant werden sie für unsereins aber erst, wenn wir wieder unseren subjektiven Bezug dazu herstellen können. Das habe ich mittels der Erzählung versucht, die quasi 28 Lebensgeschichten präsentiert, Kurzromane sozusagen, in denen einzelnes Wissen einen Sitz im Leben hat. Natürlich wäre es schön, all dies so vereinfachen zu können, dass man es quasi zwischen zwei Zugstationen lesen und verdauen kann. Aber das grandiose an der Welt ist gerade, dass sie komplex ist – weit komplexer als jede hinlängliche Idee Gottes. Sie zu simplifizieren wäre da wie Populismus in der Politik: das würde die Verhältnisse verfälschen. Aber man kann – und daran habe ich 7 Jahre gearbeitet – diese Komplexität anschaulich und zugänglich machen.

Sie benutzen im Buch einmal den Begriff «Experimentaltheologie». Ist die moderne Wissenschaft also zwar ganz anders als die früheren Welterklärungsmodelle – aber dennoch gar nicht so viel weiter als sie?

Ja, die Wissenschaft ist etwas anderes. Seit der Erfindung des Teleskops und des Mikroskops macht sie neue Welten sichtbar und überprüft die Aussagen über sie mittels Experimenten – was uns letztlich erlaubt, in ein Flugzeug zu steigen und Computer zu benützen. Die früheren Welterklärungsmodelle von Mythen, der Genesis bis hinauf zu Dantes Kosmologie beruhten dagegen auf reinen Spekulationen, die zwar poetisch waren aber keine Basis in der Wirklichkeit hatten. Theologisch ist die Wissenschaft aber insofern, indem sie weiss, dass sie nie bei einer Theorie für Alles, bei den letzten Gründen ankommen wird. Wir werden die Welt nie zur Gänze ausloten können: ihr Mysterium wird bleiben. Nur hat Gott darin keinen Platz mehr – oder wenn, ist er soweit weg und ein derart abstraktes Prinzip, dass er für unser Leben keine Rolle mehr spielt. Dabei ist aber anzumerken, dass Mythen eine erste vorwissenschaftliche Denkweise darstellen, die bereits nach Gründen und Ursache fragte, und sie halt bloss intuitiv beantworten konnte. Vieles dieser Denkmuster prägt unsere Zivilisation – und damit auch die Wissenschaft. Die können ja nur Daten gewinnen: wie sie diese dann aber konfigurieren, das hängt sehr oft von unseren Denkmustern ab. Ein schönes Beispiel dafür ist die Idee des Urknalls, die Augustinus erstmals formuliert hat, und die der belgische Priester und Physiker Lemaitre dann mit Einsteins Relativitätstheorie in Verbindung brachte.

Können wir nochmals auf die Frage des Geistes kommen? Was ist Geist? Ein Rätsel? Wer oder was nimmt da wahr? Nimmt sich selbst wahr, denkt, ist also?

«Geist» ist ein unbrauchbarer, weil viel zu wenig spezifischer Begriff geworden. Wir verfügen über ein Bewusstein, dass es uns erlaubt, den Körper zu koordinieren und auf die Umwelt zu reagieren, ein Gedächtnis, um aufgrund bereits gemachter Erfahrungen, Zukünftiges voraussagen zu könne, weil dies überlebenswichtig ist, und eine Wahrnehmung mit der wir, mittels unserer beschränkten Sinne, Strukturen in unserer Umgebung identifizieren. Dass wir mit diesem, von der Evolution zusammengebastelten Instrumentarium uns über Analogien und Vergleiche – denn auf nichts anderem fusst die Wissenschaft, von der Abstraktion der Zahlen bis hin zu den Gleichsetzungen von Energie und Masse – die Welt in einem Mass erschliessen können, dass wir sie sogar zu verändern vermögen, stellt das eigentliche Wunder dar. Das Grundproblem aber bleibt: Die Welt hat ihre Gesetze, wir die unseren. Wir denken in Bildern; unser Gehirn speichert Sprache nach der Klangähnlichkeit von Worten ab, was die Rhythmik unseres Redens ergibt – nicht nur in der Poesie –, die Rhythmik unseres Herzschlags und unseres Atems spiegelt. Wir sind sensomotorische Assoziationsmaschinen, die sich, weit weniger als wir glauben, von anderen Tieren unterscheiden. Wo und wie sich dies mit dem E=mc2 überschneidet ist die Frage. Wir können nur sagen, dass wir aus derselben Materie hervorgegangen sind wie die Welt und ihren Gesetzen unterworfen bleiben. Welt und Mensch haben sich jedoch in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Die sich von den Bakterien immer mehr ausweitende Kluft dazwischen lässt sich durch unser Denken überbrücken: doch ob es das grosse Gegenüber der Welt jemals auch zu umfassen versteht, ist zu bezweifeln. Wir nehmen uns in ihr immer nur selbst wahr, ja. Und können dabei von uns überraschend weit abstrahieren. Die Welt aber ist zuerst und zuletzt weitaus komplexer als wir – und in ihrem Wesen anders. Das wissen wir. Sich dessen aber bewusst zu bleiben, uns mit allen unseren intellektuellen wie emotionalen Fähigkeiten vor diesem grossen Gegenüber zu behaupten, stellt die einzige wirkliche wahre Basis jeder existentiellen Sinnstiftung dar.

Interview: Hanspeter Spörri

Raoul Schrott las im Rahmen des Literatur- und Kunstfestivals „kleiner Frühling“ am Pfingstsonntag in Appenzell. Der österreichische Literaturwissenschaftler, Komparatist und Schriftsteller wurde 1964 in Landeck geboren und lebt heute im Bregenzer Wald. Zuletzt erschien von ihm «Erste Erde. Epos», eine umfassende literarische Umsetzung des aktuellen Stands des Wissens.

 

Ein Gedanke zu „Raoul Schrott gross im kleinen Frühling

  1. […] nach. Carol blickte zurück aufs Bücherladenjahr 2017: neue Mitarbeiterinnen, frische Bücher, kleiner Frühling, grosse Ideen – wir bewegen uns und ihr seid mit dabei. Und in Bewegung ist auch Arno […]

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