Lilly Keller Künstlerin

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Kann es sein, dass diese Frau schon über 80 ist? Diesen Satz sagt Fredi Lerch in seinem Porträt über Lilly Keller immer wieder. Diese Vitalität, diese Wachheit, diese Herzlichkeit. Der Autor erzählt aus einem Leben. Er erzählt ein Frauenleben, das Leben einer aussergewöhnlichen Künstlerin, das Leben einer radikalen, mutigen Frau—die in den biederen 50er Jahren zur Kunst gefunden hat und bis heute dabei geblieben ist – sich treu geblieben ist.
Der Autor Fredi Lerch besucht Lilly Keller in ihrem alten Bauernhaus La Fenettaz in Montet im Wadtland. Ein riesiges Anwesen. Das alte Haus, umgeben von einem grossartigen Park, in welchem 100erte verschiedener Bambussorten wachsen. Bambus, den ihr Lebenspartner Toni Grieb sammelte, von unzähligen Reisen mit nach Montet brachte. Fredi Lerch und Lilly Keller führen tagelange Gespräche, es gibt gemeinsame Essen, Spaziergänge. Seit 1962 wohnt sie hier. Damals hatte sie das Anwesen mit ihrem damaligen Freund Toni Grieb zusammen gekauft—um das Geld für den Hauskauf von den Eltern zu bekommen, mussten die beiden heiraten (Die einzige Erpressung, auf die ich mich je eingelassen habe). Selbstverständlich nur standesamtlich, ohne Pomp, schnell musste es gehen.
Hier lebt Lilly Keller seit dem Tod ihres Lebenspartners Toni Grieb—er starb 2008—allein, mit ihren beiden Hunden. Ein Haus voller Kunst, viele Werke befreundeter Künstlerinnen und Künstler, Erinnerungsstücke, Mitbringsel von unzähligen Reisen, Zeitungsartikeln, Möbeln. Angebaut ist Lilly Kellers grosses Atelier. Aus dem Atelier führt eine Glastür in den Park. Erwähnt wird auch der Schrank –voll mit dicken Büchern—das Werkverzeichnis von Lilly Keller. Seit den 50erJahren hat die Künstlerin ihre Werke fortlaufend fotografiert.
Lilly Keller, 1929 geboren, wächst in Muri bei Bern auf. Sie will Künstlerin werden. Ihr Weg führt über die Ausbildung zur Grafikerin, über die Kunstgewerbeschulen in Bern und Zürich—aber eigentlich, sagt Lilly Keller, waren es nicht die Schulen, an denen ich etwas gelernt habe—es waren immer wieder Menschen, die mich gebildet haben. Das Leben selbst.

Lilly sagt: Wenn man etwas will, weil man es liebt, muss man dranbleiben.

Und da waren viele Freundinnen und Freunde, Wegbegleiter. Einige Namen sind bekannt geworden, andere nicht. Jean Tinguely, Meret Oppenheim, Fritz Kuhn, Eva Aeppli – um ein paar wenige zu nennen.
1951 findet in Zürich die erste Ausstellung statt: Zürcher Künstler im Helmhaus. Lilly Keller stellt unter dem Pseudonym Karl Maria Keller aus. Sie zeigt einen Entwurf für eine Tapisserie—deshalb das männliche Pseudonym.

Lilly sagt: Untertauchen, um endlich vorhanden zu sein.

Das Frauenbild damals—angenehm, schön, brav zuhause, gehorchen und jedes Jahr ein Kind. Dem entsprach Lilly Keller ganz und gar nicht. Im Gegenteil!!
Lilly Keller zieht es nach Paris. Der Tänzer Daniel Spoerri lebt da. Er kommt 1954 nach Bern—wegen Lilly Keller und wegen eines Engagements am Theater in Bern. Sie werden ein Paar. Mitte der 50er Jahre wird Lilly Kellern dann Tinguelys Geliebte und die Beziehung zu Daniel Spörri zerbricht. Ende der 50er Jahre ist Lilly Keller für Tinguely und für Spörri als Frau aus dem Spiel—und damit auch als Künstlerin.
1957 lernt Lilly Keller Toni Grieb kennen. Sie heiraten später und ziehen nach La Fenettaz. In ihrem 2Chevaux machten sie sich auf in ihre Rattenburg, damals ein halb verfallenes Anwesen. Sie renovieren nach und nach ihr Haus mit gebrauchten Materialien.
Grieb und Keller—ein aussergewöhnliches Paar. Man feiert keine traditionellen Feste, aber man hat ein offenes Haus—und feiert die Feste so, wie sie eben fallen. Über Treue wird nicht gesprochen, die beiden lassen sich Freiheiten und sind sich dennoch oder gerade deswegen sicher, dass sie ein Leben lang zusammen bleiben werden.

Lilly sagt: Bleib am Leben bis morgen.

Lilly Keller. Künstlerin. Ein langes, aufregendes Leben und noch immer mittendrin. Ein radikales Leben könnte man sagen. Eine Frau, die keine Kompromisse macht. Eine, die NEIN sagen kann, eine, die ihren Weg geht, eine Pippi Langstrumpf, die sich ihre Welt so macht, wie es ihr eben gefällt. Vielleicht war es diese Radikalität, dieses Unangepasste, Selbstbestimmte, das ihr als Künstlerin in den 50er 60er Jahren den Weg zu grösserer Bekanntheit verwehrt hatte.
Das Buch liest sich, als ob man einen Roadtrip machen würde—als Leserin begibt man sich auf eine lange Reise, eine Zeitreise. Und man taucht ein in den Kosmos der Lilly Keller, in die Welt von Karl Maria Keller und Frau Grieb—–sitzt in der Küche von La Fenettaz, durchstreift den Park dort, voller exotischer Pflanzen, –—und man stellt sich vor, wie man mit Lilly Keller Wein trinkt am grossen Küchentisch und ihren Geschichten lauscht.
Ich hatte keine grosse Ahnung, wie wild es in den 60er und 70er Jahren in Bern und Zürich zu und her ging—dass die Künstlerszene –von der man heute ja nur ein paar wenige Namen kennt—so gross und vernetzt war. Dieses Buch von Fredi Lerch schliesst –bei mir jedenfalls—viele Wissenslücken. Ausserdem ist es so einfühlsam und gut geschrieben, dass man es in einem Zug weg liest.
Ich bin beeindruckt. Von diesem Buch. Von dieser Frau. Diesem Leben. Diesem Schaffensdrang, dieser Radikalität und dieser Lebensfreude—die alles durchdringt.

Lilly sagt: Pflanzen wachsen nur, wenn es ihnen passt. Und sie sagt auch: Das nächste kommt einfach—du darfst es nur nicht wollen.

Carol Forster

ZUM INTERNET-SHOP

Ein Gedanke zu „Lilly Keller Künstlerin

  1. Catherine Portmann sagt:

    dear carol danke für dein drückerli.habs gespürt…josy hats super gemacht.wir waren dabei.ich bin stolz auf sie! hab soeben deinen text über lily keller gelesen.hat mir sehr gut gefallen.möchte das buch ebenfalls bestellen…das davatz buch hatte ich ja bestellt,als du da warst.da ich es noch nicht erhalten habe,frage ich mich,ob du es vergessen hast oder ob es vielleicht noch nicht erschienen ist….und dann möchte ich noch das liechti-buch. in solothurn war es sofort ausverkauft…. ich hoffe,dass wir uns bald wieder sehen. sei geherzt catherine

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