Kummerschreiben

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Was macht eine hauptberufliche Autorin, wenn sie Liebeskummer hat? Sie schreibt darüber. „Briefe an Charley“ von Annette Pehnt ist so ein Liebeskummerroman, genauer gesagt: Ein Liebeskummerbriefroman. Und weil der Adressat, der Charley aus dem Titel des Romans, die Briefe ja eh nicht lesen wird und weil im Liebeskummer mitunter rohste Gefühle an einem herumzerren, betreibt die Briefeschreiberin gnadenlose Selbstbetrachtung. Verzweiflung, Hass, Eifersucht und das Geständnis, dass sie sowieso nicht ehrlich ist, weil sie sich selbst mögen will in diesen Briefen und weil sie von ihm gemocht werden will. Also weder Toilettengänge, noch Steuererklärungen, noch Gewichtszunahmen kommen vor. Und tun es ja doch, weil sie darüber schreibt, was sie ihm, Charley, eigentlich nicht erzählen will.

Das alles hat so also gar keinen Sinn: Sie hat keinen Leser für ihre Briefe, sie lügt und gibt dies sogleich offen zu und die Erinnerung, dieses verklebte, vertrocknete Archiv, verschliesst den Zugang zum Kern, zur Wahrheit. Erlösung durch Schreiben ist also nicht drin. Und trotzdem: Die enorme Sprachfähigkeit der Briefeschreiberin, ihre Fähigkeit, klare Kummerbilder in Worte zu fassen, schafft kühlende Erleichterung.

Am Schluss hat sie ihn abgehandelt, ihren grossen Kummer, ihren Liebeskummer und kann nun ihre Wollmütze aufsetzen, die Schuhe binden, endlich aufhören diese Briefe zu schreiben, aufhören zu überlegen und: losgehen. Und ich verabschiede mich von der Briefschreiberin und sage danke, dass sie ihren Kummer mit mir geteilt hat, genau hingeschaut hat und mir gezeigt hat, dass Schreiben zwar nicht hilft, aber als Begleitung beim unvermeidlichen Durchleben ätzender, aufreibender Gefühle ungemein tröstlich sein kann.

Melina Cajochen

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Ein Gedanke zu „Kummerschreiben

  1. Yvonne Brunner sagt:

    Schön geschrieben, Melina! Das Buch kommt in meine nächste Bestellung. Liebe Grüsse aus dem fernen Westen, Yvonne

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