Novembergedicht

Eines Morgens leuchtet es ins Zimmer,
Und du merkst: `s ist wieder mal so weit.
Schnee und Barometer sind gefallen.
Und nun kommt die liebe Halswehzeit.

Kalte Blumen blühn auf Fensterscheiben.
Fröstelnd seufzt der Morgenblatt-Poet:
„Winter lässt sich besser nicht beschreiben,
Als es schon im Lesebuche steht …“

Blüten kann man noch mit Schnee vergleichen,
Doch den Schnee … Man wird zu leicht banal.
Denn im Sommer ist man manchmal glücklich,
Doch im Winter nur sentimental.

Und man muss an Grimmsche Märchen denken
Und an einen winterweissen Wald,
Und an eine Bergtour im Silvester.
Und dabei an sein Tarifgehalt.

Und man möchte wieder vierzehn Jahr sein:
Weihnachtsferien … Mit dem Schlitten raus!
Und man müsste keinen Schnupfen haben,
Sondern irgendwo ein kleines Haus,

Und davor ein paar verschneite Tannen,
Ziemlich viele Stunden vor der Stadt,
Wo es kein Büro, kein Telefon gibt.
Wo man beinahe keine Pflichten hat.

… Ein paar Tage lang soll nichts passieren!
Ein paar Stunden, da man nichts erfährt.
Dann was hat wohl einer zu verlieren,
Dem ja doch so gut wie nichts gehört.

Mascha Kaléko

 

In: Mascha Kaléko, Das lyrische Stenogrammheft, rororo Verlag 1983.

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