SA 23 Fünf Orte, fünf Lesungen

An fünf verstohlenen Orten in Appenzell, an versteckten, extra für den kleinen Frühling zugänglich gemachten Räumen, lasen fünf Autorinnen zusammen mit ihren selbst mitgebrachten Lese- und Gesangpartner.

Martin Zingg liest Jens Steiner liest Jens Steiner
Der junge Mann mit unauffälliger Vergangenheit wird von Jens Schneider elegant sprachgewandt durch die Untiefen des Alltags gehetzt. Vorgelesen vom Publizisten und Literaturvermittler Martin Zingg. Ort der Lesung ist die gute Stube von Albert Streule an der Hauptgasse – einer von manchen Orten, die Texte in ein spezielles Umfeld stellen.
Dann liest Jens Steiner selber. Greift sich Miniaturen, die vielleicht einmal mehr werden. Wie beispielsweise die Geshichte von Cristiano Ronaldo, dem Fussballer, der sich laufend verdoppelt. Die Folgen sind verheerend – für seinen Verein Real Madrid wie auch für seine Heimatinsel Madeira. Auch andere Figuren dieser Miniaturen sind starken Kräften ausgeliefert. Für die Zuhörerinnen und Zuhörer hingegen war der Aufenthalt in der sicheren Stube mächtig unterhaltend und sehr abwechslungsreich. (Reto P.)

Im Tanzsaal der Gefühle
Susanna Schwager liest aus „Freudenfrau“. Unspektakulär aber eindringlich, packend in schlichten Worten, die ins Herz treffen, betroffen machen und wieder ein tapferes Lachen provozieren. Dann Nadja Zela. Sie singt, spielt Gitarre. Blues zum Beispiel. Einen Song darüber, auf der falschen Seite der Stadt geboren worden zu sein. Immer wieder scheint es, als ob das dicht gedrängte Publikum im Tanzsaal die Luft anhält, die brüllende Hitze der beschriebenen Wüste spürt, an der Geschichte der ersten Zürcher Domina mitleidet. Kein Platz für einen leichtfüssigen Walzer, heute in diesem Saal. (Reto P.)

Über Familie, das Schreiben und das Hängenbleiben
Ruth Schweikert liest im Eingangsbereich eines altehrwürdigen Hauses an der Engelgasse aus ihrem just diese Woche frisch ausgelieferten Buch „Wie wir älter werden“ und zieht uns so richtig rein, in die Atmosphäre des Unausgesprochenen, dunkel Mitschwingenden und Hängengebliebenen. Auch Ulrike Ulrich beschäftigt sich mit Hängengebliebenem: In ihrem Brief an die geldgebende Förderkommission beschreibt sie en detail, weshalb es nicht weiter geht. Die Baustelle stört zum Beispiel und auch der neue Mitbewohner, der meint, die Möbel nach Schwingungen ausrichten zu müssen. Was tun? Weiterstolpern, meinen sie. (Melina C.)

Weg, umher und zurück
Was ist nun wahr, die Wirklichkeit oder der Text? Weder noch und beide. Sagt Dorothee Elmiger. Und erzählt uns im legendären Restaurant Einträchtli, wie ein von ihr beobachteter Fahrradunfall in Basel in Ort, Uhrzeit und Personal genau einem Text entspricht, den sie zwei Jahre zuvor verfasst hat. Auch in „Schlafgänger“ tauchen ihre umherwandernden, sich selbst erzählenden Figuren im Geschriebenen und in der sogenannten Wirklichkeit nacheinander, miteinander und irgendwie ineinander auf. Unheimlich. Und unheimlich gut gemacht.
Stephanie Gleissners Hauptfigur Annemut in „Einen solchen Himmel im Kopf“ kehrt zurück ins Dorf und will allen zeigen, dass sie etwas geworden ist, etwas Eigenes nämlich. Dass sie jetzt so Grüezi sagt, wie sie will. Doch weder zurück, noch weit weg verschwindet das Dorf aus Annemut. Wohin gehen und wo bleiben? (Melina C.)

Ein Ehepaar im Engadin
Angelika Overath hat ihren eigenen Ehemann, Manfred Koch, als Lesepartner eingebunden. In „Sie dreht sich um“ erzählt sie von einer betrogenen Frau, die, unterwegs, flüchtend, von Figuren aus Bildern angesprochen und aufgerüttelt wird. Manfred Koch spürt in seinem Essayband „Faulheit: Eine schwierige Disziplin“ der Möglichkeit der Musse in der Moderne nach. Der unterschiedliche Umgang mit Sprache zeigt sich bei diesen Paar nicht nur in ihren Büchern, sondern auch über die Aneignung des Rätoromanischen. Schreibt Angelika Overath Gedichte, da ihr das holpernde Sprechen eines Sprachanfängers nicht behagt, trainiert Manfred Koch Wort um Wort aufbauend die Dorffussballmannschaft. Und die Zuhörerinnen und Zuhörer in der Stube von Agathe Nisple spüren gegen Ende der Lesung, dass sich beide Wege der Sprachaneignung als ein zaubermächtiges Mittel erweisen, in der neuen Heimat Sent im Engadin anzukommen. (Melina C.)

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