Bildgewaltiges Lesevergnügen

Allerlei Neuheiten tummeln sich dieser Tage im Bücherladen, beinahe sieht man vor lauter Büchern die Regale nicht mehr. Bücherwürmer frohlocken – die Herbstneuheiten sind da!
Auch die Welt der Comics und Graphic-Novels schläft nie. Die Künstlerischen Ausdrucksweisen und der Ideenreichtum all dieser Neuheiten sind kaum zu beschreiben. Kurz – die Qualität treibt Comicliebhaberinnen und Comicliebhabern die Tränen in die Augen.

Aus dieser wahren Flut der Buchstaben- und Bilderwonne, möchte ich Ihnen drei Titel ans Herz legen, die das meine höher schlagen lässt.

Heiligtum (Xavier Dorison / Christophe Bec)

Beginnen wir mit einer Neuheit, die streng genommen keine Neuheit, sondern beinahe ein Klassiker ist. Die drei Alben der Serie «Heiligtum» erscheinen erstmals als Gesamtausgabe, die sich sehen lässt.
In diesem nautischen Abenteuer stösst die USS Nebraska, ihres Zeichens eines der modernsten Uboote in der Flotte der US-Navy, im Jahre 2029 auf ein seltsames Signal in der Tiefe, dem es nachzugehen gilt. Nebst des Wracks eines sowjetischen Unterseeboots aus den späten 1950ern stösst die ausgesandte Crew auf eine uralte Tempelanlage, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint.
Mit einem unbekannten Grauen konfrontiert – und den zwischenmenschlichen Komplikationen einer Extremsituation – beginnt der Kampf ums Überleben.
Komplex, bildgewaltig und bedrückend lässt das nahtlose Zwischenspiel der beiden Künstlern Bec und Dorison Lesende wohl an keiner Stelle kalt.

Wild West Band 1: Calamity Jane (Jacques Lamontagne / Thierry Gloris)

Neue Western müssen sich immer einer kritischen und eingefuchsten Leserschaft stellen. Zu viele Geschichten wurden zu oft und auf zu ähnliche Weise erzählt.
«Wild West» braucht sich aber keinesfalls zu verstecken. Mit «Calamity Jane» wird einer schillernden Persönlichkeit des wilden Westens auf erfrischende Weise Tribut gezollt.
Nach dem tragischen Verlust ihrer Eltern versucht Calamity Jane den Kopf über Wasser und sich aus Schwierigkeiten rauszuhalten. Als Hausangestellte eines Freudenhauses lassen diese aber nicht lange auf sich warten. In die Schuld des Bordellbetreibers geraten, scheint ihr Schicksal vorbestimmt. Wild Bill, der berüchtigte Kopfgeldjäger, glaubt eine unbändige Kraft in Calamity Jane zu erkennen. Wird es ihm gelingen, in ihr das Feuer zu entfachen, das ihre Fesseln sprengen könnte?
Dem Künstlerpaar gelingt es. das Leben der eigenwilligen Protagonistin mit einer Mischung von historischen Fakten und glaubhafter Fiktion nachzuerzählen.
Der Band eignet sich nicht nur für Fans des Genres, viele werden sich vom spannenden Plot und den eindrücklichen Bildern begeistern lassen.

Gideon Falls Band 4: Die Pentoculus-Maschine

Diese Serie ist in jeder Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung.
Stilistisch einzigartig und mit erzählerischer Brillanz spielt diese Geschichte mit Konventionen, Genres und nicht zuletzt, den Lesenden. Mit dem ersten Band «Die schwarze Scheune» beginnt eine Odyssee, welche die Leserschaft nicht mehr loslässt.
Auf der einen Seite lernen wir den neurotischen, von einer Psychose geplagten, Einzelgänger Norton kennen. Dieser durchwühlt den Müll der Stadt auf der Suche nach Nägeln und Holzsplittern. Warum weiss er nicht genau, nur dass es wichtig ist und er nicht damit aufhören kann. Auf der anderen Seite folgen wir dem Pater Fred, der weit aufs Land verbannt in einem kleinen Kaff in einer grossen Einöde die grosse Langeweile befürchtet. Doch in Gideon Falls tun sich Abgründe auf, die den Pater alle Langeweile vergessen lassen.
Wie hängen die beiden Geschichten zusammen? Was passiert in Gideon Falls? Und was hat all das mit dieser mysteriösen schwarzen Scheune zu tun?
Ziehen Sie sich warm an, Gideon Falls lässt einem nicht mehr los.

Can Tolga

Stark!

Unser Abend mit Roland Stark am Dienstag 15. September 20 Uhr hat noch ein paar Plätze frei!

Septembergedicht

Erklär mir, Liebe

Dein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind,
dein unbedeckter Kopf hat’s Wolken angetan,
dein Herz hat anderswo zu tun,
dein Mund verleibt sich neue Sprachen ein,
das Zittergras im Land nimmt überhand,
Sternblumen bläst der Sommer an und aus,
von Flocken blind erhebst du dein Gesicht,
du lachst und weinst und gehst an dir zugrund,
was soll dir noch geschehen –

Erklär mir, Liebe!

Der Pfau, in feierlichem Staunen, schlägt sein Rad,
die Taube schlägt den Federkragen hoch,
vom Gurren überfüllt, dehnt sich die Luft,
der Entrich schreit, vom wilden Honig nimmt
das ganze Land, auch im gesetzten Park
hat jedes Beet ein goldner Staub umsäumt.

Der Fisch errötet, überholt den Schwarm
und stürzt durch Grotten ins Korallenbett.
Zur Silbersandmusik tanzt scheu der Skorpion.
Der Käfer riecht die Herrlichste von weit;
hätt ich nur seinen Sinn, ich fühlte auch,
daß Flügel unter ihrem Panzer schimmern,
und nähm den Weg zum fernen Erdbeerstrauch!

Erklär mir, Liebe!

Wasser weiß zu reden,
die Welle nimmt die Welle an der Hand,
im Weinberg schwillt die Traube, springt und fällt.
So arglos tritt die Schnecke aus dem Haus!

Ein Stein weiß einen andern zu erweichen!

Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann:
sollt ich die kurze schauerliche Zeit
nur mit Gedanken Umgang haben und allein
nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun?
Muß einer denken? Wird er nicht vermißt?

Du sagst: es zählt ein andrer Geist auf ihn …
Erklär mir nichts. Ich seh den Salamander
durch jedes Feuer gehen.
Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts.

Ingeborg Bachmann, Gedichte 1948 – 1957, Hörverlag

Ein Mann für alle Fälle

Er heisst Hans, dieser Mann für alle Fälle. Hans hat einen wirklich tollen Job: Er arbeitet für den Präsidenten, erledigt für ihn gewissenhaft alle anfallenden Arbeiten, auch wenn ihm diese manchmal nicht gar so sinnvoll erscheinen. Wenn Hans alles zur vollen Zufriedenheit des Präsidenten ausführt, darf er in absehbarer Zeit auf den Koffer des Präsidenten aufpassen. Dieser Koffer ist äusserst wichtig, denn ein roter Knopf daran kann die Welt zum Explodieren bringen. Auf dem Nachhauseweg trifft Hans auf einen, der ihm verflixt ähnlichsieht. Dieser Typ nimmt ihm nicht nur Schlüssel, Portemonnaie und Uniform ab, sondern auch den Job beim Präsidenten. Hans geht zur Polizei, aber beweisen, dass er, er selber ist und der andere ein Lügner, das gelingt Hans einfach nicht. Erst im Detektivbüro von Fräulein Cadmium findet er Unterstützung. Er will wieder sich selber sein und diesen fiesen, äusserst gefährlichen Betrüger stellen, um ihn hinter Gitter zu bringen. Weil das Land zugleich von einer fremden Macht bedroht wird, spitzt sich die Lage zu. Hans und Fräulein Cadmium müssen den Betrüger und vor allem den Koffer des Präsidenten unbedingt schnellstmöglich finden. Sonst, ja sonst fliegt vielleicht tatsächlich die ganze Welt in die Luft.
Einfachheit und bewusstes Weglassen sind wohl die Hauptmerkmale dieser so kunstvollen Graphic Novel. Auch bei der Farbgebung setzt der Autor bewusst Akzente. Manche Bilder sind schwarzweiss, andere mit einem flächigen Pastellton koloriert und mitunter werden gewisse Figuren mit kräftiger Farbe akzentuiert. Der Plot ist überaus spannend und leider auch aktuell, die kurzen Sätze in gut lesbarer Handschrift mit den Bildern verwoben. Auch Lesende, die sonst kaum je zu Comics oder Graphic Novels greifen, werden dieses Buch mit seinen 138 Seiten nicht nur gern zu Ende lesen, sondern ihren grossen Spass daran haben. Für Kinder ab etwa 8 Jahren genauso wie für Erwachsene.

Maria Riss

Øyvind Torseter, Ein Mann für alle Fälle, Gerstenberg Verlag 2020

lesen, empfehlen, verkaufen!

Endlich ist es wieder soweit!

Zum zweiten Mal überhaupt und zum ersten Mal im neuen Bücherladen findet unser Kinderprojekt statt. Acht Kinder aus Appenzell und Umgebung haben Bücher gelesen und Empfehlungen dazu geschrieben.

Kinder und ihre individuellen Leseinteressen wahrnehmen, ihre ganz persönlichen Meinungen über Gelesenes ernst nehmen, waren und sind oberste Ziele dieses Projekts. Vor allem an den beiden Verkaufstagen, wird zudem das Gespräch über Gelesenes im Zentrum stehen.

Wir hoffen und freuen uns auf möglichst viele Besucherinnen und Besucher an der Vernissage am Freitag 11. September um 17 Uhr im Bücherladen
Begleitet von musikalischen Leckerbissen der Musikschule Appenzell.

An den beiden Samstagvormittagen – 12.9 & 19.9. – stehen die Kinder hinter dem Ladentisch und freuen sich sicherlich über zahlreiche Kundinnen und Kunden.

 

Maria Riss

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Lesung mit Roland Stark!

Wir freuen uns auf die erste Lesung im Bücherladen am neuen Standort.

Der gebürtige Appenzeller Roland Stark kehrt mit seinem neuen Buch in die Heimat zurück und liest aus seinen Kolumnen, erschienen in der Basler Zeitung. Landammann Roland Inauen begrüsst und führt im Anschluss ein Gespräch mit dem Autor.

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„Beim Lesen habe ich schon ausgerufen: Volltreffer, Roland. Seine Kolumnen sind für mich immer ein Genuss.“

Helmut Hubacher, ehemaliger SP-Präsident und Nationalrat

„Roland Starks Kolumen sind ein wöchentlicher Lesegenuss, stets erfrischend unideologisch, sprachgewandt, kenntnisreich, humorvoll bis sarkastisch, kurzum: lesenswert und echt stark!“

Barbara Schneider, ehemalige Regierungsrätin (SP)

 

Dienstag 15. September 2020
20 Uhr im Bücherladen

 

Aufgrund der besonderen Umstände, sind wir auf Anmeldungen angewiesen, da die Platzzahl beschränkt ist und so die Schutzmassnahmen eingehalten werden können  – wie schön ist der neue Bücherladen so gross!

 

Bitte Anmeldung bis am Donnerstag 10. September 2020 per Mail: mail@buecherladen-appenzell.ch oder Telefon: 071 787 29 30

 

Die dicken Leser in der schönen neuen Welt

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Die Bücherladen-Lesegruppe „Gute Bücher für dicke Leser“ draussen und drinnen wunderbar verköstigt, in einer gottseidank nicht schönen neuen Welt, sondern meist schönen alten Welt am Hang vor Brülisau.

Was Aldous Huxley vor rund 90 Jahren schrieb, zieht immer noch kräftig, rein in die Geschichte und vor allem rein in den Kopf. Die grosse Frage: Was sind wir bereit für ein glückliches Leben zu opfern? Machen wir es uns gemütlich in einem Staat, der die Unabwägbarkeiten des Leben ausradiert? Verführerisch: Niemand muss leiden, weil es Soma gibt, eine Art Droge, die grosse und kleine Zimperlein in Wohlgefallen auflöst. Alle sind zufrieden mit ihrer Situation im Leben, weil sie der Staat durch frühkindliche Konditionierung dazu bringt, ihre gesellschaftliche Stellung als natürlich und deshalb gerecht zu empfinden. Und trotz all der Erziehungs-Kontrolle und der Drogen, scheint es etwas zu geben, da drin im Menschen, das aufflackert, wirr macht, Fragen stellen lässt und durch Wissenschaft, Philosophie und Kunst im tiefsten Innern berührt wird. Die schöne neue Welt schickt diese Soma-Verweigernden Nörgler ins Exil nach Island. Und wir Leserinnen wünschen uns, dass deren Feuer, ihre Leidenschaft, nicht erlöschen möge.

Also Konditionierung für alle? Nein! Soma für die Unglücklichen? Nein! Wir wählen mit Huxley die Freiheit, Leiden zu dürfen. Und finden und finden nicht heraus, wo genau da die Grenze zu ziehen wäre. Vielleicht eine Lösung: Immer weiter darüber nachdenken und reden. Und dabei auch die Kunst als Boden wählen. Also auf ins nächste Buch!

P.S.: Und die Wortschöpfungen Huxleys! Wie „penumatisch“ definiert werden könnte – wir sind noch zu keinem Ergebnis gekommen. Ich finde es ja ein bisschen wädudi, wie Tante Mirjam sagen würde …

 

Melina Cajochen

 

Als nächstes wandern wir durch die Seiten von Ingeborg Bachmanns „Malina„. Auf Mitlesende, -plaudernde und -diskutierende freuen wir uns! Anmeldung gerne über mail@buecherladen-appenzell.ch. Wir treffen uns am Dienstag den 22. September um
19 Uhr im Bücherladen Appenzell.

 

Augustgedicht

WHO SAID IT WAS SIMPLE

There are so many roots to the tree of anger
that sometimes the branches shatter
before they bear.

Sitting in Nedicks
the Women rally before they march
discussing the problematic girls
they hire to make them free.
An almost white counterman passes
a waiting brother to serve them first
and the ladies neither notice nor reject
the slighter pleasures of their slavery.

But I who am bound by a mirror
as well as my bed
see cause in color
as well at sex.

and sit here wondering
which me will survive
all these liberations.

 

WER SAGTE, ES SEI EINFACH

Zum Baum des Zorns gibt es so viele Wurzeln
dass die Äste manchmal brechen
bevor sie tragen.

Bei Nedicks sitzend
treffen sich die Frauen bevor sie marschieren
sprechen sie über die schwierigen Mädchen
die sie einstellen damit sie frei sind.
Ein fast weisser Barkeeper übergeht
einen wartenden Bruder um sie zuerst zu bedienen
und die Damen nehmen
die vordergründige Annehmlichkeit ihrer Sklaverei
weder zur Kenntnis
noch weisen sie sie zurück.

Aber ich die ich bestimmt bin von meinem Spiegel
und meinem Bett
sehe Ursachen in der Hautfarbe
ebenso wie im Geschlecht

und sitze hier und frage mich
welches meiner Ichs wird
all diese Befreiungen überleben.

 

Aus „Die Quelle unserer Macht“ von Audre Lorde (1934-1992), Gedichte erschienen im Unrast Verlag 2020

Dicke Leser – Shiwago in vielen vielen Buchstaben …

… Shiwago im Ohr – vorgelesen in russisch, in deutsch und als Filmmusik -, Shiwago auf der Zunge – köstliche Piroggen und frischen Sekt – und Shiwago diskutiert. Der Sinn von Kunst, Revolution, romantische Liebe, sinnhaftes Handeln in politisch harschen Zeiten … für all das und mehr fanden wir Textschnipsel, die mitunter erleuchteten. Und immer wieder Gesprächsrunden zündeten. So lebt Buch!

Für alle Kurzentschlossenen und Lesefiebrigen: Buch fünf für unsere Lesegruppe „Gute Bücher für dicke Leser“ ist gewählt: „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley. Wir treffen uns am 18. Juli und finden heraus, was diese Worte entfacht haben.

Lies mit! Anmeldung über den Bücherladen Appenzell 071 787 29 30 oder mail@buecherladen-appenzell.ch.

 

 

Unsere heissen Sommertipps!

Bücher lesen im Liegestuhl, Bücher mittragen im Rucksack, Bücher im Zug verschlingen, Bücher zum Weiterträumen unters Kopfkissen legen. Wir brauchen Bücher in jeder Lebenslage! Hier sind unsere Reisebegleiter der letzten Wochen. Auf zu kurvigen Leseabenteuern und grenzenlosen Entdeckungsreisen!

 

Carol Forster empfiehlt..

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„Da sind wir“ von Graham Swift

Eine Dreiecksgeschichte im Varietémilieu der späten Fünfzigerjahre. Ein bezaubernder, flirrender Ausflug ins Seebad Brighton in Begleitung eines Zauberers, eines Entertainers und der entzückenden Evie White.
„Die Liebe ist ein schreckliches Ungeheuer – Illustre Schweizer Paare“ von Franziska Schläpfer

Aussergewöhnliche Persönlichkeiten, ungewöhnliche Liebesgeschichten. Franziska Schläpfer hat in Archiven gestöbert, unzählige Tagebücher gelesen, mit Nachkommen gesprochen und erzählt uns in ihrem neuesten Buch von starken Charakteren, die ihre Leidenschaft auf Augenhöhe lebten, im Guten wie im Schlechten. Corinna Bille und Maurice Chappaz, Anne-Marie Blanc und Heinrich Fueter und einige mehr. Ein aufregender Blick auf schillernde Schweizer Paare.
„Unter Blumen“ von Regula Engeler

Zeitgenössische Fotografie verbunden mit Liebeslyrik des 9. Jahrhunderts von Wen Tingyun. Eine künstlerische Begegnung von Ost und West. Bilder und Texte treten in einen Dialog und verdeutlichen die entgrenzenden Eigenschaften von Kunst. Erschienen im wunderbaren Vexer Verlag St.Gallen.
„Flugs in die Post“ von Patrick Leigh Fermor

Wir reisen im Zeitraum von siebzig Jahren in den Briefen von Patrick Leigh Fermor quer durch die Welt und erleben seine Abenteuer mit. Rumänien, Griechenland, England, Afrika, Italien. Paddy schrieb unermesslich viele Briefe an seine Frau, an seine Freundinnne und Freunde und an seine Geldgeber. Er war ein Bonvivant, ein Abenteurer, Journalist, Schriftsteller und ein unersättlicher Genussmensch. Grossartig. Danke lieber Dörlemann Verlag.
„Eine Frau in New York“ von Vivian Gornick

»Eine Frau in New York« ist das zutiefst ehrliche Bekenntnis Vivian Gornicks, der Grande Dame der amerikanischen Frauenbewegung, zu einem selbstbestimmten, unkonventionellen Leben, eine mutige Annäherung an das Fremde, eine Ode an wahre Verbundenheit und eine Liebeserklärung an diese kräftezehrende und zugleich so vitalisierende Stadt: New York.
„Die Farben des Feuers“ von Pierre Lemaitre

Oder doch nach Paris? Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs regieren Habgier und Neid in den Straßen von Paris, und so bahnt sich ein Komplott an, um das mächtige Bankimperium Péricourt zu Fall zu bringen. Doch Alleinerbin Madeleine weiß die Verhältnisse in Europa für sich zu nutzen, und dreht den Spieß kurzerhand um. Für Madeleine ist das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch nicht gesprochen. Um ihres Sohnes willen beginnt sie ihren ganz persönlichen Rachefeldzug zu planen.

 

„Gone Baby Gone“ von Dennis Lehane

Nichts für schwache Nerven. Dorchester, das Arbeitierviertel von Boston. Kenzie & Gennaro ermitteln in einem Entführungsfall. In „Gone Baby, Gone“ steht das Kindeswohl im Mittelpunkt, manchen liegt es so am Herzen, dass sie ein Kind, die vierjährige Amanda, entführen. Die Mutter, Helene McCready, ist Drogen, Alkohol, dem Fernsehen und falschen Freunden mehr zugeneigt als ihrer Tochter. Die Schwägerin, mit Helenes Bruder verheiratet, sorgt sich mehr um den Verbleib ihrer Nichte als die Mutter, die ihre Trauer vor allem vor der Reportermeute zur Schau stellt. Die Polizei rückt mit Hundertschaften aus, und findet keine Spur der Kleinen. Sie scheint samt ihrer Puppe vom Erdboden verschwunden zu sein. Deshalb engagiert die Tante das Privatdetektiv-Duo Patrick Kenzie & Angela Gennaro.

 

Anna-Lena Fässler empfiehlt…

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Für Reisehungrige, die diesen Sommer zumindest in Gedanken verreisen möchten:
„Brot, Salz und unsere Herzen“ Edith Durhams Reise durch die Bergwelt Albaniens  und „Insel Europa“  von Annemarie Schwarzenbach – zwei eindrückliche Reisepionierinnen, die ihre Abenteuer und Eindrücke packend festgehalten haben.
„Schwarze See – eine Reise um das Schwarze Meer“ von Jens Mühling – er erzählt von einem Meer zwischen den Trennlinien Europas und führt uns vor Augen, dass alle Grenzen letztlich fliessende sind und ein „Klassiker“ der Reiseliteratur: „Die Erfahrung der Welt“ von Nicolas Bouvier.

Für Lesehungrige:
„Hilma af Klint – Die Menschheit in Erstaunen versetzen“ von Julia Voss – endlich eine ausführliche Biographie über die lange verkannte Pionierin der abstrakten Malerei – ein wunderbares Zeit- und Frauenportrait.

Für Abenteuerhungrige:
Tru & Nelle G. Neri – eine absolut liebenswerte Kinderbuchentdeckung über die Freundschaft von Nelle Harper Lee und Truman Capote in einem heissen Südstaatensommer.

 

Can Tolga empfiehlt…

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Mooji lädt ein zu entdecken, das unser Herz „Weiter als Himmel, grösser als Raum“ ist.
Für alle die sich nicht vor einer Reise nach innen scheuen.

Für die Kleinen, Mittel- und ganz Grossen ein reinstes Lesevergnügen.
Ob liebevoll und gewitzt mit „Die Wahrheit über alles – der kleine Spirou“, exotisch mit
„Marsupilami – Tumult in Palumbien“, oder tollpatschig mit „Percy Pickwick – Just married“ – für alle ist etwas dabei.

Utterly amusing and nonetheless very informative„Mythos“ by Stephen Fry is compelling and witty.

„Meddling Kids“ by Edgar Cantero, what a mad and lovable book. A rollercoaster ride through genres and emotions, one can only love this imaginative, unsettling and lovable tale.

 

Vanja Hutter empfiehlt…

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Für alle, die „Weit weg von Verona“ ihre Füsse über die Mauer baumeln lassen wollen, in Gesellschaft der schlagfertigen und klugen 14-jährigen Jessica.

Für die „Spartaner“ unter uns, genügsam mit schlankem Buch, unersättlich an blitzschnellem Dialogabtausch.

Für solche, die wissen wollen „Warum ich nicht länger mit Weissen über Hautfarbe spreche“, um nachher dringend darüber zu reden.

Für die Ausloterinnen und Forscher einer „Geografie der Freiheit“ . Ein John-Berger-Projekt“ vom Vexer Verlag St. Gallen, dessen Spezialforschungsgebiet unter anderem der Tümpel ist. www.vexer.ch

Utopist*innen vor. Die Welten von Emmanuelle Bayamack-Tam rütteln die Eigenen in neues Licht. Willkommen in „Arkadien“.
„Nicht mein Ding“ würde ich niemals von diesem Buch sagen. Lustig und todtraurig, dazwischen eine Brücke der kleinen, feinen Wunder.

 

Maria Riss, bereits in die Ferien gedüst, empfiehlt…

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„Alles genau so in echt passiert“ von Anke Kuhl

Anke Kuhls Illustrationen sind schlicht umwerfend. Mit ganz wenigen Strichen bringt sie in den kurzen Comics alles zum Ausdruck, was Kinder bewegt: Angst, Eifersucht oder Glückseligkeit. Das Buch eignet sich zum Erzählen oder Vorlesen, zum Lernen einer differenzierten Bildersprache, zum Lachen, Vergleichen und Diskutieren. Für Kinder ab etwa 6 Jahren.
„Sammy. Die unglaublichen Abenteuer einer kleinen Maus“ Henry Cole

Die Spannung in dieser Geschichte beginnt gleich auf der ersten Seite und bleibt bis ganz zum Schluss erhalten. Es ist wirklich schier unglaublich, was dieser Mäuserich mit seiner so mutigen Freundin Fiona alles erlebt. Ein wunderbar, spannender Lese- und Vorlesespass mit fantastischen Bildern. Zum Vorlesen ab 6, zum Selberlesen ab etwa 8.
„Endling. Die Suche beginnt“ Katherine Applegate

Das Buch «Endling» ist Fantasy vom Feinsten. Hier stimmt einfach alles: Die treffend gezeichneten Figuren mit ihren verschiedenen Charakteren, die Schilderung der mystischen Welt und ihrer Fabelwesen, die zahlreichen klugen Dialoge und der spannende Plot. Ein wunderbar ergreifendes und spannendes Lesevergnügen für Kinder ab etwa 12 Jahren.

„Heldenhaft“ Andreas Thamm

Zwei Jungs, beide etwa 16 Jahre alt, wohnen in einem kleinen Kaff und träumen nicht nur von grossen Abenteuern, sondern auch von der ersten Liebe. Und dann zieht Lea ins Dorf und plötzlich wird alles anders, realer. Die Geschichte ist in einer Sprache geschrieben, die sich locker liest und die doch sehr treffend das grosse Gefühlsdurcheinander junger Erwachsener beschreibt. «Heldenhaft» lohnt sich zu lesen, nicht nur für Jugendliche, sondern auch für Erwachsene, die ihrer eigenen Jugend nachspüren wollen.

 

Juligedicht

Junggesellen sind auf Reisen

Ich bin mit meiner Mutter auf der Reise…
Wir fuhren über Frankfurt, Basel, Bern
zum Genfer See. Und dann ein Stück im Kreise.

Die Mutter schimpfte manchmal auf die Preise.
Jetzt sind wir in Luzern.

Die Schweiz ist schön. Man muss sich dran
gewöhnen.

Man fährt auf Berge. Und man fährt auf Seen.
Und manchmal schmerzt der Leib von alldem
Schönen.
Man trifft es oft, dass Mütter mit den Söhnen
auf Reisen gehen.

Das ist ein Glück: Mit seiner Mutter fahren!
Weil Mütter doch die besten Frauen sind.
Sie reisten mit uns, als wir Knaben waren,
und reisen nun mit uns, nach vielen Jahren, als wären sie das Kind.

Sie lassen sich die höchsten Gipfel zeigen.
Die Welt ist wieder wie ein Bilderbuch.
Sie können, wenn ein See ganz blau wird, schweigen
und haben stets, wenn sie in Züge steigen,
Angst um das Umschlagtuch.

 

Aus: Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke.

Das wirkliche Leben

Unser neues Büchermagazin ist da, liegt auf und hält nicht zurück mit tollen Büchertipps von Buchhändler*innen aus der ganzen Schweiz!

daswirklicheleben

Selber lesen? Hier geht’s zum Buch!

Was wir voneinander wissen

Kürzlich hat Andrea Köhler bei ihrer Besprechung des Romans „Mutter. Chronik eines Abschieds“ in der NZZ festgehalten, dass „Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter die vielleicht ambivalenteste überhaupt [ist].“ und die Mutter in jüngerer Zeit zu einem der „bevorzugten Themen der autobiographischen Selbsterkundung von Frauen geworden ist“.

jessegreengrass

Auch am Anfang von Jessie Greengrass` Roman „Was wir voneinander wissen“ steht die Frage „Soll ich noch einmal Mutter werden?“ In Anbetracht dieser lebensverändernden Entscheidung blickt die namenlose Ich-Erzählerin (es handelt sich nicht um einen autobiographischen Roman) zurück auf das  eher kühle Verhältnis zu ihrer eigenen Mutter, das erst an Tiefe und Wärme gewann, als diese schwer an Krebs erkrankte und auf die Pflege der Tochter angewiesen war – geschildert intensiv, ehrlich und ohne Pathos. Und auch den Einfluss der dominanten Grossmutter, einer Psychoanalytikerin, die Tochter und Enkeltochter gleichermassen zu analysieren versuchte, zieht sie in ihre Betrachtungen hinein. Sie selbst empfindet ihre Mutterschaft als „Gratwanderung, ihr [der Tochter] genug von meiner Liebe zu geben, dass sie sich ihrer bewusst ist, aber nicht zu viel, um sie nicht an mich zu binden; sie wissen zu lassen, dass diese Liebe da ist, doch ihre Grösse nicht zu betonen, und wenn ich sie ermutige, sich von meinem Blick zu lösen, kostet es mich viel Mühe, meiner Sehnsucht nach ihr nicht nachzugeben…“

Der Roman dreht sich aber nicht nur um das Mutterwerden und –sein, sondern, wie der Titel besagt, auch um die Fragen, was wir überhaupt voneinander wissen, wie wir zu unseren Erkenntnissen gelangen und wie diese uns dabei helfen, Entscheidungen zu treffen. Dabei interessieren die Ich-Erzählerin bei ihrer philosophischen Selbstanalyse nicht die äusseren Fassaden, sondern die tieferen, oft versteckten Schichten. Geschickt verwebt die Autorin mit wunderbar fliessender, bildreicher Sprache die drei bedeutenden Erlebnisse im Leben der Erzählerin mit drei auf den ersten Blick ganz unterschiedlichen Wissenschaftsdiskursen: Wilhelm Conrad Röntgen gelang es als Erstem, Körper mit Strahlung zu durchleuchten. Sigmund Freud hat mit seiner Psychoanalyse Menschen und ihre Motive versucht zu durchschauen und John Hunter sezierte sein Leben lang Körper und legt damit die Grundlage für den zuerst erfolglosen Kaiserschnitt. Im Verlauf der Lektüre beginnt man die allen zugrundeliegende Motivation, Dinge freizulegen und erfahrbar zu machen, nachzuvollziehen. Alle erfahren schlussendlich auf unterschiedliche Weise, dass der Preis der Erkenntnis, die Entzauberung eines Wunders ist.

Anna-Lena Fässler

Jesse Greengrass, Was wir voneinander wissen, Kiepenheuer & Witsch, 2020.

 

 

Zur Sprache bringen. Empfehlunen für junge Leserinnen & Leser

Kinder- und Jugendbücher stellen immer wieder sehr aktuelle Themen in den Fokus. Auch zum momentanen Geschehen in den USA. Vier lohnenswerte Titel stellen wir genauer vor.

Rosaparks Rosaparks_Buch

Im letzten Herbst ist ein wunderbares, leicht verständliches Bilderbuch für kleine Kinder über die Lebensgeschichte von Rosa Parks, der bekannten afroamerikanischen Bürgerrechtlerin, erschienen. Besprechung „Rosa Parks“ aus der Reihe „Little people – big Dreams“ .

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jason-reynolds-2019 nichtsokay_buch

Im Jahr 2016 hat der erfolgreiche afroamerikanische Autor Jason Reynolds ein Buch geschrieben, das die derzeitigen Ereignisse in den USA genau auf den Punkt bringt. Besprechung „Nichts ist okey!“ von Jason Reynolds

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nicstone dearmartin_buch

Nic Stone berichtet in ihrem ersten eindrücklichen Jugendroman von Yustice, einem jungen Schwarzen, der Briefe an Martin Luther King schreibt und ihn um Rat bittet. Besprechung „Dear Martin“ von Nic Stone.

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athomas thehateyougive_buch

Angie Thomas schreibt über die sechzehnjährige Starr, die trotz ihrer schwarzen Hautfarbe eine weisse Schule besucht. Der beeindruckende Roman hat es auf Anhieb auf Platz 1 der New York Times-Bestenliste geschafft. Besprechung  „The hate u give“ von Angie Thomas.

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Wassertänzer

wassertänz

Ta-Nehesi Coates, Autor, Journalist und Menschenrechtskämpfer, liefert mit „Der Wassertänzer“ seinen ersten Roman und enttäuscht mitnichten.
Es ist beinahe unmöglich, sich dem von der ersten Seite an entstehenden Sog dieser atemberaubenden, kraftvollen sowie magischen Vorbürgerkriegsgeschichte zu entziehen.

Wir werden Zeuge des Lebens eines gewissen Hiram Walker. Er ist zugleich Sklave und Sohn des Plantagenbesitzers Howell Walker, welcher Hirams Mutter verkauft als dieser erst 9 Jahre jung ist.
Durch dieses nie überwundene Trauma entwickelt Hiram die Gabe, sich an alles, jedes kleinste Detail jeder Minute und Stunde seines Lebens erinnern zu können. An alles, ausser an seine Mutter. Hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung einer Zukunft auf der Plantage seines Vaters und der Flucht in die Freiheit, beginnt Hirams Weg, welcher ihn in den „Untergrund“ führt, eine Freiheitsbewegung, die ihren eigenen Extremen folgt. Wird Hiram die Kraft haben sich seinen Erinnerungen zu stellen und die Geheimnisse zu lüften, die in ihm schlummern?

Coates gelingt es scheinbar leichtfüssig mit seiner berührenden, von Klarheit schillernden Prosa eine Geschichte zu erzählen, die durch wundervolle Charaktere besticht und doch, durch ihre Tiefe, die Leser*innen in dunkelste Abgründe führt.
Schonungslos entfaltet sich die Realität, welche durch die Sklaverei geschaffen wurde. Die beabsichtigte Trennung von Familien und deren traumatische Folgen, die Ohnmacht und die Unbeugsamkeit der Menschen, denen das grösste Unrecht wiederfahren ist.

Ein grosses Buch einer wichtigen Stimme, dessen Lektüre nur ein Gewinn sein kann.

 

Can Tolga

Ta-Nehesi Coates, der Wassertänzer, Blessing Verlag 2020

Junigedicht

Es gibt Sätze
die heilen

und Tage
leichter als Luft.

Es gibt eine Stimme
die ich wiedererkenne

noch bevor sie
mich ruft.

 

Aus dem Staub“ von Klaus Merz, Haymon Verlag