Weiter geht’s..mit Heinz und Katrin, Hanser und Rowohlt!

Viele sogenannte „Lese-exen“ haben den Weg für die Verlags-Vertreterinnen gebahnt, vorausgeschickt – wir sollen doch schon mal Vorsprung-lesen. Was wir auch liebend gerne tun, mal ein paar Seiten, Turbo-Klappentext, mal das ganze Buch. Ist der Vertreter dann angereist, haben wir somit schon manchen Senf parat. Heinz Marti reist stets mit feinster Belletristik-Kost zu uns. Zu seinen Verlagen zählen die Hochkaräter Hanser – DTV – Zsolnay – KlettCotta – Tropen – Nagel & Kimche und und und… Ihm zuzuhören ist eine Freude und auch qualvoll, denn: „Woher nehme ich nur all die Zeit, so viele Bücher nicht zu lesen?“ (wusste auch schon Karl Kraus nicht). Eifrig häuft sich dann die Lese-Exen-Bestellbeige, tja das Leben ist zu kurz um ein gutes Buch zu verpassen.

Worauf ich am Dienstagabend nach Heinz Besuch (6 Stunden!) am meisten brenne:

Amelia“ von Anna Burns

23 uhr 12, Menschen in einer Nacht“ von Adeline Dieudonné

Ein simpler Eingriff“ von Yael Inokai

Aber, was Melina, machen wir mit unserem Fall „Die Gezeiten gehören uns„? Tja, Vanja, du findest es schlecht, das Buch, ich finde es gut – das ist gut für unsere Kundinnen! Weil: Sie finden immer jemanden im Bücherladen, mit dem sie über das Buch schimpfen oder sich darüber freuen können.

Alle drei freuen wir uns auf das alte-neue Buch von Iris Wolff, gell Anna-Lena?! Oh ja, und wie! Der Roman in vier Erzählungen „So tun, als ob es regnet“ hat mich auf Anhieb verzaubert und ich schwelge immer noch in der wunderschönen poetischen Sprache. Wieder sind es unterschiedliche Stimmen, denen wir zuhören dürfen, ein Bogen spannt sich über mehrere Generationen und Ländergrenzen ohne an Spannung zu verlieren – das kann sie einfach.

Schon ist es Mittwoch und um 16 Uhr erwarten wir Katrin Poldervaart!

Katharina Adler (rechts) hat ein neues Buch geschrieben: „Iglhaut“. Die vorfreudige Leserin (links)

Sie überrollt uns freudig mit Guezlipack und Büchersack. Rowohlt in allen Variationen: Berlin und Polaris. Welch freudige Überraschung, Katharina Adler legt mit „Iglhaut“ ihren zweiten Roman vor. Ihren ersten „Ida“ handelte von ihrer Grossmutter, eine der ersten Patientinnen des Dr. Sigmund Freuds. Ein wundervolles Buch.
Dann „die Frankfurter Verlagsanstalt“ (veranstaltet geniale Bücher) lässt die grösste Bombe platzen: ein neues Buch von Nino Haratischwili! Wer kennt sie noch nicht, die grosse Georgierin? „Das mangelnde Licht“ erscheint im Februar (leider nur 800 Seiten).

Vertreterinnenbesuche im Bücherladen – Los geht’s!

Januarloch? Aber nein doch: Januarhoch! Im Bücherladen kommen Sonne, Spannung und Gefühl in neuen Geschichten zu uns, in Buchform natürlich, vorgestellt von Verlagsvertreterinnen und Verlagsvertretern. Wie freuen wir uns auf diese Besuche! Wir sichten Verlagsvorschauen, lesen vorab Leseexemplare und schmöckern in Kulturteilen von Zeitungen und Zeitschriften nach Büchern, die vibrieren lassen. Und setzen uns diesen und nächsten Monat mit unseren Vertreter-Besuchen hin und lassen uns bezirzen. Damit wir alle frisch, frech, fröhliche und Gedanken drehende Frühlings- und Sommerlektüre in den Regalen des Bücherladens finden können. Welch ein Genuss, so mit Bücherfreundinnen über Bücher zu sprechen!

Gerne stellen wir euch die eine oder den andern Verlagsvertreter vor und erzählen, was uns so erzählt wurde. Unser erster Besuch im eben erst angebrochenen Jahr: Marlen Mettlich.

Nach all den Weihnachtsbraten und Silvesterschmäusen sind wir zwar schön satt, doch reichlich ausgehungert – neuer Lesestoff muss her! Endlich kommt Marlen durch die Tür und es kann losgehen. Wir surfen durch die Verlagsvorschauen von Luchterhand, Goldmann, Wunderraum, btb…die Zeit verfliegt. Bei Goldmann gibt’s so eine Aktion – bestellen Sie dies und das und vielleicht gewinnen Sie dieses Velo mit Ladewanne vornedran. Das wär’s..damit schnell ins Gymi rüberfetzen! Daumendrücken.
Über Mittag werden wir von Sebastian’s goldenem Löffel verköstigt (mhh..tomatig-sauceige Hackbällchen mit Polentaschnitten!) und weiter geht’s. Am Ende steht der Bücherturm parat: was uns Marlen sehr ans Herz drückt und ich mir sogleich schnappe, ist „Lightseekers“ von Femi Kayode. Ein Krimi aus Nigeria, eine neue junge Stimme, welche die Sparte Krimi einmal anders aufgleist – bin neugierig! Oyinkan Braithwaite (die mir mit ihrem tollen Buch „Meine Schwester, die Serienmörderin“ auch grad in den Sinn kommt) meint dito: unbedingt lesen!

Schon gelesen hat Melina „In fünf Jahren“ von Rebecca Serle. Sie ist unter anderem unsere Frau fürs Süsse..immer auf der Spur nach gutem Kitsch! Hier endlich wiedermal in eine Zuckerfontäne getaucht, Augen bleiben nicht trocken.

Und nach Marlen kommt Detlef, Detlef Tschritter mit Verlagen wie Droemer, Knaur, Kosmos und Emons. Also ganz viel Bücher mit Sachthemen – Achtung Trend: Die Blase! Und einen Haufen Bücher über 111 Sachen, die man im Garten oder rund um den Säntis oder mit der Familie zusammen machen kann. Sowieso Gartenbücher, da gibt’s viele schöne bei Detlef und bald auch im Bücherladen. Ach, Frühling!

„The Maid“ von Nita Prose hat uns Detlef vorab schon mal als Leseexemplar zugesandt und ich habe mir das Buch als Jahreswechselferienlektüre geschnappt. Fazit: Es gefällt! Und berührt. Molly arbeitet als Zimmermädchen in einem noblen Hotel – weisser Marmor, obsidianschwarze Theke, dunkelgrüne Samtsessel. Als ein Mord geschieht und die Polizei sie verdächtigt, muss sie selbst die Fäden entwirren, um da heil rauszukommen. Ganz schön kompliziert, wenn man wie Molly Schwierigkeiten hat, Gesichter zu lesen und Zwischentöne richtig zu deuten. Ein Krimi, wie kein anderer, herzerwärmend, nachdenklich und spannend – man möchte Molly an die Hand nehmen und sie durchs Leben führen. Bis man merkt: Braucht sie gar nicht, sie hat Freunde, ist schlau und hat das Quentchen Glück, auf das wir alle immer wieder mal zählen können müssen.

Und ja: Wir Buchhändlerinnen kleiden uns gerne passend zu Büchern ein, in denen wir gerade schwelgen (siehe Foto oben). Kommt vorbei und seht selbst!

Die besten Geschichten schreibt das Leben (leider im ungültigen ebook-Format)

Was man bzw. frau so alles in einem Buchhändlerinnenleben durchlebt, geht kaum zwischen zwei Kuhhäute. Interessante, überraschende, irritierende, inspirierende Begegnungen bereichnern unser Leben jeden Tag. Wie wahrscheinlich in jedem Buisness, passiert auch bei uns immer wiedermal etwas nicht nach klug inszeniertem Plan. Sogenannte Fehler. Da kannst du entweder verzweifeln und aufhören, oder einen Umweg machen. Lohnender Proviant empfiehlt sich. Ein Humorsandwich mit Geduldsbrühe und schon gabelt sich der Weg in ein neues Abenteuer.

Das Gute ist, Herausforderungen muss man nicht immer alleine meistern. In diesem Falle ergab sich ein schönes Zusammenspannen mit unserer Kundin, die ganz offen und bereit für neue Wege war, dem Hakenschlagen nicht abegeneigt. Aber lest selbst..

«Ein Aktant, ich verwende hier die Definition von Bruno Latour, ist eine menschliche oder nicht-menschliche Handlungsquelle, die wirkmächtig ist, also über so viel Kohärenz verfügt, um Unterschiede zu bewirken.» schreibt Habiba Kreszmeier im Buch Natur-Dialoge im Kapitel «Zwischen den Dingen».(S 209)

Mich fasziniert dieses Kapitel und gleichzeitig lässt es mich auch zweifeln: Sollte mein Schreibtisch oder zum Beispiel ein Buch, tatsächlich auf sympoietische Weise Einfluss nehmen auf mich und ich auf sie? Kann wirklich ein sinnvoller Zusammenhang entstehen zwischen meinem aktuellen Lebensgeschehen und ihrem Dasein? Sprechen tatsächlich auch die Dinge mit? Ich nahm mir vor, das zu beobachten in nächster Zeit.

Für meine Kursvorbereitungen erinnerte ich mich an das Buch «Exploratives Lernen» von Verena Steiner. Ich hatte es in meinem Bücherregal erwartet, aber fand es dort nicht. Verborgt, liegenlassen, ausrangiert? Keine Ahnung, es war einfach nicht mehr da. Aber mein Wunsch damit zu arbeiten war gross und die Vorbereitungszeit leider wieder mal sehr knapp. So erwog ich, eine digitale Ausgabe zu kaufen. Ein wenig schlechtes Gewissen zog sogleich auf: Für mich sind Bücher doch immer noch diese handlichen Dinge aus Papier, die rascheln und knistern, wo ich Seiten umblättern und einknicken und mit Leuchtstift markieren kann. Etwas sinnvoll Sinnliches. Beziehungen zu Büchern und die Atmosphäre schöner Orte mit Büchern – das kenne ich. Der heimelige und frische «Bücherladen Appenzell» zum Beispiel ist solch ein Ort. Eigentlich möchte ich dazu beitragen, dass solche kleinen Läden mit solchen Papierbüchern erhalten bleibt.
Inzwischen aber haben sie im Online-Shop auch Ebooks im Angebot und «schwupps», keine drei Minuten später, lag das gewünschte Buch auf meinem Desktop. Besser gesagt eine Datei des Buches oder noch genauer: einen Link zu einer Datei. So einfach und schnell geht das! Wunder der Moderne, digitale Möglichkeitswelt, jetzt und sofort verfügbar!

Beschwingt legte ich los: Download-Button, kurz warten, dann öffnen. Fehlermeldung.
Ok, nochmal: Download, öffnen, Fehlermeldung?
Nochmal: Download, öffnen. Das Gleiche.
Computer aus, Computer an. Download, öffnen, Fehlermeldung!
Komisch. Am besten erst einmal Holz nachlegen im Ofen. Dann überlegen: Download, öffnen, mache ich was falsch?… Vielleicht ein anderes Programm? Ich versuche es der Reihe nach mit diversen Möglichkeiten. Jedes Mal die gleiche Fehlermeldung.
Mein Blick geht zur Uhr: Zum Verzweifeln! Blick in die Unterrichtsvorbereitung: neuer Versuch: Download, öffnen. Keine Chance!

Ich schreibe dem Bücherladen und bekomme erfreulicherweise prompt Antwort mit Tipps. Nach zweimal hin und her schreibt mir die Buchhändlerin, ich solle ihr die Datei mal schicken, dann probiert sie selbst. Wenig später die Meldung: «Bei uns läuft es». Das gibt es doch nicht!? Nochmal schön langsam: Download, öffnen. Verflixt! Wieder Fehlermeldung!
Es ist Abend geworden und ich habe nun weder Buch noch Zeit. Ich schreibe Sinha, meiner Freundin, die in solchen Fragen fast immer helfen kann. Die Buchhändlerin schreibt auch nochmal und löscht mit ihrem Humor mein Verzagen: Falls ich die Datei nicht öffnen kann, könnte ich allenfalls zu ihnen ins Geschäft kommen, um dort am Computer zu lesen. Ich muss schmunzeln und es beschleicht mich die Vorahnung einer liebevollen Lehrstunde.

«Darum empfiehlt es sich, sie nicht nur einfach zu benutzen, sondern sie ernst zu nehmen und wahrzunehmen, welchen Einfluss und welchen Beziehungsraum sie in unserem Leben einnehmen.» (S. 206)

Einen Tag später meldet sich Sinha und erbittet ihrerseits die Datei. Ich warte am Handy und gehe irgendwie davon aus, dass sich die Datei bei ihr öffnen lässt. Aber: Fehlermeldung! Kurz bin ich erleichtert; wenigstens bin ich nicht die Einzige. Sinhas Fehlermeldung allerdings besagt, dass die Datei an einem anderen Computer bereits einmal geöffnet wurde und sie daher nur noch an diesem Gerät geöffnet werden kann. «Hattest Du sie schon mal offen?», fragt sie mich etwas zweifelnd. «Nein, nicht ich, die Frau vom Bücherladen!» und in dem Moment wird mir klar, dass ich mein neues Buch nun tatsächlich nur dort vor Ort lesen kann. So schreibe ich und kündige mein Kommen scherzhaft an. Die Antwort lautet: «Blöderweise ist es unser Hauptrechner, so müsstest du in der Nacht kommen. Wir würden dir aber eine bequeme Lesesituation einrichten, inklusive Bettflasche.» 

Gesagt getan.

Nachtrag: Parallel hatte ich einer früheren Arbeitsstelle geschrieben, weil ich dort in einem Schrank allenfalls noch gedruckte Restausgaben des Buches vermutete. Am Morgen nach meinem Besuch in der Bücherstube erhielt ich ein Mail: «Wir haben noch zwei Ausgaben gefunden. In einer davon steht vorn Dein Name drin.»

Konstanze Thomas

Dozentin, Sozialpädagogin, Bildungsmanagerin, tätig in analog, Mitwirkende in nature&healing, Ko-Initiantin der Natur-Dialog Bewegung. Gelegentlich Schreibende, Hobby-Schneiderin, Ritualtänzerin und immer wieder neugierige Reisende.

Dieser Beitrag ist bei „wildes weben“ Carl-Auer-Verlag am 7. Januar 2022 erschienen.

„wildes weben“: Astrid Habiba Kreszmeier lädt die writing community der wilden weber:innen zur zweiten Runde ein. Im Raum dieser Stimmenvielfalt ist das Buch «Natur-Dialoge» entstanden. Ihre Anregungen, Theorien und Geschichten rund um sympoietisches Denken und Handeln werden auch die Leitfäden dieses Gewebes sein.

Dem Nachhall dieser Geschichte haben wir übrigens in einem Stehgreif-Apéro gelauscht – mit Allen die grad im Bücherladen waren, auf das Leben und seine Folgen angestossen.

Vanja Hutter

Immer wieder Pünktchen und Anton

Die Geschichte von Pünktchen und Anton erschien erstmals im Jahre 1931. Erich Kästners Buch ist aber nach wie vor aktuell und zudem sehr spannend zu lesen. Obwohl Pünktchen und Anton in zwei völlig verschiedenen Welten leben, haben sich die beiden angefreundet, helfen sich gegenseitig und tun Dinge, um nicht nur sich selber zu helfen, sondern auch um die Welt ein bisschen besser und gerechter zu machen. Und sie sind den meisten Erwachsenen in dieser Geschichte haushoch überlegen, in schier jeder Beziehung. Erich Kästner hat vor fast hundert Jahren schon gewusst, was Kinder fasziniert. All seine Geschichten erzählen von mutigen Kindern, sie sind spannend, klug, oft witzig geschrieben und sie vermitteln allesamt eine Moral. Der Autor vermittelt diese Botschaften aber nicht versteckt in seinen Geschichten. Er kommuniziert diese im vorliegenden Buch klar und offen nach jedem Kapitel. Es sind deutlich von der Geschichte getrennte Fragen zum Nachdenken, die er den Leserinnen und Lesern stellt. Fragen nach den Figuren, deren Handlungsweisen, Fragen um Werte und darum, was im Leben wirklich wichtig ist. Natürlich haben sich die Lebensumstände seit damals verändert, vor allem auch jene der Frauen. Aber gerade beim gemeinsamen Lesen ergeben sich Möglichkeiten, mit Kindern ins Gespräch zu kommen, sie für solche Themen zu sensibilisieren. Und zwischendurch – im ganzen Buch verteilt – gibt es viele Stellen, bei denen man lachen oder sich wundern kann über diese Welt, ganz ohne Internet und Smartphones.

Weil es sich lohnt, Klassiker mal wieder zu lesen, zumal dann, wenn sie inhaltlich und sprachlich so viel bieten und absolut nicht veraltet wirken, sei dieses wunderbare Buch allen wärmstens empfohlen. Am meisten werden Kinder diese Geschichte geniessen können, wenn sie vorgelesen wird, wenn man gemeinsam über die damaligen Lebensumstände redet, wenn man zusammen über all die vielen Fragen zum Nachdenken diskutiert.

Für Kinder ab etwa 9 Jahren genauso wie für Erwachsene.

Maria Riss

Pünktchen und Anton“ von Erich Kästner, Atrium Verlag

Licht zwischen den Zeilen

Wenn Romane bei Steidl erscheinen, heisst es grundsätzlich Obacht. Wo ich sonst ab und an eine Perle fische, angle ich bei Steidl immer häufiger meinen Lieblingsfisch. Den Stör. Bücher, die irgendwie auch stören, mag ich sehr gern. An gewohnten Gedankenbahnen kratzen, wie ein Grät im Hals (die Erleichterung, wenn es dann draussen ist, scheint mir unvergleichlich). Und so findet sich auch der selige Zustand immer wieder nach der Störlektüre. Das Gewohnte ist verwandelt, neu und frisch, Ungedachtes schauert über die Haut und ein Haken, wie ein Anker, an neuer Perspektive ist gesetzt.

Besonders glücklich bin ich jeweils beim Fang eines Jungstörs. Auch unter dem Namen «Coming-of-Age» unterwegs. Oft die Geschichte eines Sommers, in dem sich die Welt zuerst verhängnisvoll, dann wie wiedergebürtig ins Neue öffnet. Dem Einfangen dieses Übergangs, vom Kindsein ins plötzlich nicht mehr, könnte und sollte man ein ganzes Regal im eigenen Bücherregal widmen – es gibt die besten Bücher dazu. Kennen Sie auch eins?

Die Wucht eines Momentes, der alles verändert ereignet sich in «Das Licht zwischen den Bäumen» ganz am Anfang. Es sind Sommerferien, mitten im Nowhere of America, die vierzehnjährige Libby sitzt mit ihren vier Geschwistern und ihrer Mutter im Auto, endlich Schule aus. Die Luft ist schon dick genug, die Mutter bis auf die Nerven gereizt, da bringt die Jüngste das Fass zum Überlaufen. Kurzschlussentschlossen hält die Mutter an und stellt sie auf die Strasse. Im schwindenden Tageslicht, im dunklen Schatten der Bäume bleibt die zwölfjährige Ellen zurück. Mit klopfendem Herzen begleiten wir Libby auf der Suche nach ihrer Schwester.

Vanja Hutter

Licht zwischen den Bäumen“ von Una Mannion, Steidl Verlag 2021

Literatur im Steidl Verlag

Wo man den allerbesten Stoff kriegt!

17 Lieblingsbuchläden von Bern bis Rom

Was für eine schöne Überraschung: das Magazin im Online-Postfach mit der Anfrage zum Interview einer Stammkundin des Bücherladens. Diese ist schnell gefunden und sagt freudig zu und aus. Liest selbst!

Appenzell: Bücherladen

Gespräch mit der Stammkundin Anita Ganzoni, 59.

Das Magazin: Sie sind aufgewachsen im Appenzell?

Ganzoni: Ja, in Stein, Ausserrhoden. Heute lebe ich in Teufen. Ich bin also ein Dorf weitergekommen. (lacht)

Warum sind Sie Stammkundin im Bücherladen Appenzell – wieso nicht in einer Buchhandlung im gleich nahen St. Gallen, wo es viele Optionen gibt?

Dieser Bücherladen hat ein offenes, inspiriertes Team, das über ein grosses Wissen verfügt und alles besorgen kann, wenn ich eine Frage habe oder etwas suche. Klar, man findet einige Buchläden, die so sind, aber Corona hat gezeigt, wie die sich einfach nicht bremsen lassen in ihrem Enthusiasmus: Sie boten zum Beispiel ein Bücherabonnement an. Im ersten Corona-Shutdown fand ich, das schenk ich mir jetzt selbst. Ich glaube, es war das beste Geschenk, das ich mir je gemacht habe.

Was ist das genau?

Es gibt verschiedene Formen, ich habe jetzt folgende: Ich bekomme pro Monat ein Buch. Was es ist, weiss ich nicht.

Und die Auswahl ist auf Sie persönlich massgeschneidert?

Genau, ich habe eine persönliche Buchhändlerin, der ich ein Feedback gebe. Das ist das Schöne: Wir wissen voneinander, kennen uns immer besser. Und trotzdem, oder gerade deswegen, gibt es einen Überraschungseffekt. Ich schaue zum Beispiel auch gerne den «Literaturclub» oder lese Buchbesprechungen in der Zeitung – da geht es aber oft um bereits bekannte Publikationen. Hier hingegen gibt es echte Perlen, so wie das letzte Buch meines Abos. Meine Buchhändlerin sagte, sie hätte mir das schon lange zeigen wollen. Es war vergriffen, doch sie schaffte es, eine Ausgabe in einem Antiquariat aufzutreiben. Ich wäre nie auf darauf aufmerksam geworden. Es heisst «Die Lüneburg-Variante», ein gewaltiges Buch.

Wie lange kennen Sie diesen Laden denn bereits?

Ich schätze mehr als fünfundzwanzig Jahre.

Haben Sie ihn zufällig entdeckt, oder kannten Sie ihn schon vom Hörensagen?

Als Appenzellerin kennt man das halt, da gibt es nicht so viel. Das ist kleiner als Engelberg. (lacht) Sie sind aber auch für dieses «Einschliessen & Geniessen» bekannt.

Und was ist das? Wird man da tatsächlich im Laden eingeschlossen?

Ja! Ich habe da mal meinen Geburtstag gefeiert. Man kommt mit seiner Gruppe in den Bücherladen. Wir waren zu siebt oder zu acht, wurden von einer Mitarbeiterin begrüsst, sie fragte uns, wie lange wir bleiben wollten, zwei, drei Stunden, und dann schloss sie uns ein und kam zum vereinbarten Zeitpunkt wieder.

Aha, dann kann man schnuppern und sich einfach rausnehmen, worauf man Lust hat?

Ja, eigentlich ist es wie im Schlaraffenland! Das ist doch so ein Kindheitstraum: dass man einfach etwas zur freien Verfügung hat, was man sonst nie hat. Man kann stöbern, etwas rausnehmen, ein bisschen drin lesen, darüber plaudern – und dann stellt man es wieder zurück. Apéro gibts auch. Seitdem ich das Angebot mitbekommen habe – das gibt es schon mehr als zehn Jahre –, wird das Programm jeweils im Oktober bekanntgegeben und ist dann meist schon zwei, drei Wochen später fast ausgebucht. Es ist sehr beliebt. Zumindest war es das vor Corona.

Was ist Ihre ultimative Buchempfehlung für unsere Magazin-Leserschaft?

«Graue Bienen» von Andrej Kurkow aus dem Diogenes-Verlag. Es erzählt von Krieg, Zerstörung und Feindschaft, aber noch viel mehr von einem grossen Herzen, von Achtsamkeit, Mut und Aufbruch.

Interview: Finn Schlichenmaier

Buchtipp der Buchhändlerinnen Carol Forster und Vanja Hutter vom Appenzell Bücherladen

Roman Signer, «Skizzen/Sketches 1970–2020», Walther König – «denn die Skizzen sind ein Schlüssel zum künstlerischen Werk von Roman Signer und offenbaren den Kern seines erweiterten Verständnisses von Skulptur. Sie zeigen Ideen für Objekte, Aktionen, Filme und Installationen und dokumentieren, wie durch die Einwirkung verschiedener Kräfte Veränderungen erfahrbar werden. Roman Signer ist dem Bücherladen seit dreissig Jahren verbunden und hat unsere einzigartige Tragetasche kreiert.»

Publiziert: 18.12.2021, 07:06

Januargedicht

Dragun

i nun es avuonda
quist ir e tuornar
ils mumaints
chi be sun
suot els ün mar
tegnan la mità
da quai chi chatscha
tschella mità
m`inuonda
am maglia a mezzas
e`m bütta darche ill`aua
sch`eu n`ha furtüna
nu tuorna
ad esser pesch
ma dvaint dragun
chi va e tuorna eir
seis svoul perό
es d`argient e blau

Drache

es reicht nicht
dieses Kommen und Gehen
die Augenblicke
die nur sind
unter ihnen ein Meer
halten die Hälfte
von dem, was treibt
die andere Hälfte
überschwemmt mich
frisst mich halb
und wirft mich zurück aufs Wasser
wenn ich Glück habe
kehre ich nicht
als Fisch zurück
sondern werde Drache
der auch kommt und geht
sein Flug aber
ist silbern und blau

Gianna Olinda Cadonau

Ultim`ura da la not – Letzte Stunde der Nacht, Poesias / Gedichte„, editionmevinapuorger, turich 2016.


The Stranger Times

– wo das Übersinnliche tatsächlich wahr wird

Der Chefredaktor ist ein durch und durch übler Kerl. Sich selber in den Fuss zu schiessen, macht ihn erstaunlicherweise kein bisschen netter. Das kleine, nicht entfernt feine Team scheint einem Tingeltangel-Zirkus von vor 100 Jahren entsprungen. Und mitten drin Hannah, die dringend einen Job suchte und ihn findet. Ausgerechnet bei der „Stranger Times“ – einem Blatt, das sich ganz und gar dem Übersinnlichen, Obskuren und Seltsamen verschrieben hat. So kommt es wie es kommen muss: Die Welt steht Kopf, Obdachlose werden an Mauern zerschmettert, die Polizei schaltet sich ein und mittendrin Hannah umgeben von äusserst obskuren Gestalten. Der irische Autor CK McDonnell liefert pures Vergnügen, tiefschwarzen Humor, ein furioses Finale und lässt damit zutiefst zufrieden seufzende Leserinnen und Leser zurück. Sie alle wollen mehr und sollen es auch kriegen, wenn man der Verlagsankündigung vertrauen darf. Mehr könnte übrigens auch sein, die Dublin Trilogie von Caimh McDonnell (wie CC richtig heisst) ins Deutsche zu übersetzen.

P.S. Die verwunschene WC-Schüssel in einem Pub in der Provinz wurde in obiger Lobhudelei bewusst weggelassen. Dies aus Gründen der Glaubwürdigkeit.

Reto Pfändler

McDonnell, CK: „The Stranger Times“ Eichborn Verlag 2021.

Von guten Büchern so viel..

Fast zuviel des Guten.. „Vom GUTEN SO viel“
auf einen guten Tropfen – „Reisen mit Wein“
begleitet von „Paul McCartney’s Lyrics
(OH YEAH, meint Yello Meier)
Sätze pflügen in „Paul Bowles Garten
Welch wunderbares Zelt über dem Dach, einfach „himmlische Zeiten
Bücher schmücken Herz, Seele, Geist und Hände

Dezembergedicht

Feiertage

Mutter ist nervös
Vater ist nervös
Kind ist nervös
Oma ist nervös

Oma ist gekommen
Um Mutter zu helfen
Vater hat gesagt
Sei nicht nötig gewesen

Kind steht im Weg
Mutter steht im Weg
Oma steht im Weg
Vater steht im Weg

Alle ham geschafft
Mit allerletzter Kraft

Vater hat gebadet
Mutter hat gebadet
Kind hat gebadet
Oma hat gebadet

Alle ham gepackt
Und alle sind gerannt
Und schliesslich hat
Der Baum gebrannt

Mutter ist gerührt
Vater ist gerührt
Kind ist gerührt
Oma ist gerührt

Und dann werden
Die Pakete aufgeschnürt

Mutter ist gekränkt
Vater ist gekränkt
Kind ist gekränkt
Oma ist gekränkt

Denn jeder hat dem anderen
Was Falsches geschenkt

Schwiegertochter kommt
Patentante kommt
Lieblingsbruder kommt
Grossneffe kommt

Kuchen ist zu süss
Plätzchen sind zu süss
Marzipan ist zu süss
Und der Baum ist mies

Mutter ist beleidigt
Vater ist beleidigt
Kind ist beleidigt
Oma ist beleidigt

Frieden auf Erden
Und den Menschen ein Unbehagen

Vater hat’s am Magen
Mutter hat’s am Magen
Kind hat’s am Magen
Oma hat’s am Magen

Kann nichts mehr vertragen
Nach all diesen Tagen

Mutter ist allein
Vater ist allein
Kind ist allein
Oma ist allein

Doch an Ostern
Wollen alle
In jedem Falle
Wieder zusammensein.

Hans Dieter Hüsch, aus „Die schönsten Weihnachtsgedichte“ Insel Verlag

Wieder mal saukalt in Dänemark

Hach die Dänen! Wer erinnert sich nicht an die fabulösen Oxen-Bücher von Jensen. Oder an die ersten drei Bände von Adler-Olsens Mørck-Reihe. Und nun kommt das schreibende Ehepaar Janni Pedersen und Kim Faber mit „Winterland“. 2022 sollen Blutland und Todland folgen.

Doch bleiben wir im hier und jetzt und bei Martin Juncker und Signe Kristiansen. Er, der legendäre Ermittler geht nach einem Fehltritt „frewillig“ in die Provinz, kümmert sich um seinen dementen Vater und wärmt den Bürosessel im lokalen Polizeirevier. Bis ein Ermordeter gefunden und dessen Frau vermisst wird. Sie taumelt  durch ein Kopenhagen in Schockstarre nachdem auf einem Weihnachtsmarkt eine Bombe hochgegangen ist. Zwei parallele Anfänge, die – was Wunder – sich im stürmischen Schneetreiben rund um den Jahreswechsel allmählich nähern.

Pedersen/Faber lassen sich Zeit. Entwickeln die Figuren, pflügen sich in aller Ruhe durch die Handlung und schaffen so Atmosphäre und Spannung. Nach etwas mehr als 600 Seiten sind die Leserin, der Leser auf Du und Du mit den Hauptfiguren. Mögen die speziellen Kräfte an der Seite von Juncker ihn weiter begleiten, dann bringen wir sogar etwas Sympathie für den einen Kopenhagener Kotzbrockenpoilizisten auf und vor allem: Nachschub ist angekündigt.

Reto Pfändler

Kim Faber und Janni Pedersen „Winterland“, Blanvalet 2021.

Schweizer Erzählnacht in Appenzell

Letzten Freitag brannte spät Abends Licht in sonst nur den Tag durch offenen Räumen. Es war Schweizer Erzählnacht und der Bücherladen Appenzell, zusammen mit der Volksbibliothek, öffneten ihre Türen für Mädchen und Jungs, die Geschichten lieben.

In der ganzen Schweiz trafen sich am 12. November in Klassenräumen, Buchläden, Bibliotheken und anderen Orten Kinder und Jugendliche, um Geschichten zu lauschen, in Büchern zu blättern und sich auszutauschen. Der Themenrahmen der nationalen Erzählnacht war „Unser Planet – unser Zuhause“. „Mit Bienen sprechen“ und „Wasser – es geht um die Wurst“ waren die Titel der beiden Veranstaltungen in Appenzell. Die erste Veranstaltung war für sieben bis zehn-jährige Kinder gedacht, die zweite fand anschliessend für Jugendliche statt.

Zwei Dutzend Kinder versammelten sich im Bücherladen, machten es sich auf Schaffellen bequem und lauschten einer Bienengeschichte, die bewies, dass Bienen eben doch sprechen können und uns viel zu erzählen haben. In den Bienenbüchern, die zur Ansicht auflagen, durfte anschliessend geblättert werden und das ein oder andere Gespräch entspann. Später erzählte Benedikt Hochuli in der Volksbibliothek von seinem Hobby, der Imkerei, und erklärte anhand seiner Ausrüstung, wie Bienen leben, arbeiten und kommunizieren. Mit Fachwissen und Charme beantwortete er die vielen Fragen der Zuhörerinnen und Zuhörer und hielt den lebendigen Schwarm in Schach. Eigene Bienenerfahrungen wurden ausgetauscht und es stellte sich heraus, dass fast alle von einem Bienenstich und dessen Folgen berichten konnten. Mit Honigbrötchen und Honig-Thymian-Sirup gestärkt ging es zurück in den Bücherladen, wo bereits die Elterntaxis ihre Kinder erwarteten.

Wasser und Wurst brachte der zweite Teil der Erzählnacht zusammen. Umrahmt von 120 Liter Wasser in Flaschen – der Tagesbedarf eines Menschen – hörten die jugendlichen Gäste der Erzählnacht zu, wie ein Mädchen in Hamburg herauszufinden versuchte, was ihr Weg sein könnte, etwas gegen die drohende Überflutung ihrer Heimatstadt zu tun. In der Volksbibliothek wurde bei Cervelat und Gemüsesticks über den Wasserverbrauch bei der Lebensmittelproduktion gesprochen. Mit Franz Fässler als Experte aus dem Bereich der Fleischproduktion, konnte ganz konkret anhand der Wurst darüber diskutiert werden, ob der totale Fleischverzicht die Lösung sein könnte. Seine differenzierten Aussagen über Schlachterei, den Unterschied von Gross- und Kleinbetrieben und über Ernährung mit regionalen Produkten, konnten die Komplexität des Themas anreissen und da und dort ausleuchten. Was für ein Genuss, mit Büchern ins Gespräch zu kommen und miteinander neue Blickwinkel erhaschen zu dürfen!

Stumptown


Im beschaulichen US-Bundesstaat Oregon an der Westküste der USA liegt die Stadt Portland, des Öfteren auch «Stumptown» genannt.
Realitätsgetreu wiedergegeben ist Portland das Epizentrum der Geschichten um Dex Pariow – ihres Zeichens Inhaberin und einzige Angestellte des Detektivbüros «Stumptown Investigations».
Dex ist eine Schnüfflerin, wie sie im (gut geschriebenen) Buche steht. Mit Charme, grosser Schnauze, Unerbittlichkeit und vor allem einem Herz aus Gold stellt sich unsere Ermittlerin den üblen Machenschaften ihrer Stadt.
Die Comicgrösse Greg Rucka beweist auf ein Neues, wie lebendig und nuanciert er seine Figuren schreiben kann und wie man mit grossem Ideenreichtum aus einem der dienstältesten Genres überhaupt, Spannung und Lesefreude rauskitzelt.
Auch die Balance zwischen Action, Humor, fantastischen Dialogen und komplexen Charakteren gelingt Rucka meisterhaft.
Eine wahre Lesefreude!

Im Splitterverlag erscheinen vorerst 4 Bände, wobei die Serie noch nicht abgeschlossen ist.
Die ersten beiden Bände sind bereits erhältlich.

Buch 1: Der Fall des Mädchens, das sein Shampoo Mitnahm (aber seinen Mini zurückliess)

Dex, deren Privatleben man getrost als «etwas turbulent» bezeichnen kann, hat hohe Spielschulden in ihrem Stammcasino.
Um diese zu tilgen, soll sie der Besitzerin eben jenes Etablissements helfen, deren verschwundene Enkelin zu finden. Die Ermittlungen führen in einen Strudel aus Gewalt, Gangs, Liebesdramen und Familientragödien. Ob die Sache gut ausgeht?

Buch 2: Der Fall des Babys im Samtkoffer

Kaum hat sich Dex von den Strapazen des vergangenen Falles einigermassen erholt, steht auch schon Mim Bracca in ihrem Büro. Die Star-Gitarristin der Rockband «Tailhook» vermisst ihre liebste Gitarre.
Vergnügt macht sich die Detektivin an die Arbeit – schliesslich sollte eine verschwundene Gitarre nicht für allzu viel Aufregung sorgen.
Allerdings scheint es so, als sei die Gitarre nicht das einzige, was verschwunden ist und Dex nicht die Einzige, die danach sucht.

Can Tolga

Greg Rucka: „Stumptown“, Splitter Verlag 2021.

Anita Brookner lesen!

Blanche Vernon wird nach zwanzig Jahren Ehe von ihrem Mann Bertie für eine jüngere Frau verlassen. Die Ehe blieb kinderlos und Blanche steht nun allein da. Sie trägt den Weggang ihres Gatten mit Fassung, bleibt im Haus wohnen und vertreibt sich die Zeit mit unzähligen Museumsbesuchen, der Aufrechterhaltung ihres perfekten äusseren Erscheinungsbildes und einem strikt getakteten Tagesablauf. Da sie selbst über ein kleines Vermögen verfügt, kann sie sich ihren gewohnten Lebensstil leisten. Abgesehen von den täglichen Telefonaten mit ihrer Schwägerin Barbara ist Blanche allein. Bertie besucht seine Exfrau beinahe wöchentlich. Blanche erwartet Bertie, kocht, trinkt mehrere Gläser Wein und wenn er nicht auftaucht, ist es ihr auch recht. Geredet wird an solchen Abenden sowieso kaum. Auf ihre Umgebung wirkt Blanche eher exzentrisch, dennoch beherrscht und beinahe etwas abgehoben, denn ihr Interesse gilt vorwiegend Museen und Romanfiguren. Gespräche mit Blanche erweisen sich für die meisten ihrer Bekanntschaften als eher anstrengend. Eines Tages begegnet Blanche einer vitalen, egozentrischen jungen Frau mit ihrem vierjährigen Mädchen Elinor. Sofort ist Blanche fasziniert von dem kleinen Mädchen. Dieses Mädchen isst inmitten unzähliger Leute in aller Ruhe mit einer ungewohnten Selbstbeherrschung und Ernsthaftigkeit ein Stück Kuchen und wird von Blanche dabei genau beobachtet. Blanche erkennt sich in der kleinen Elinor wieder und bietet der Mutter an, hin und wieder auf die Kleine aufzupassen, was diese nur zu gerne annimmt. Je mehr sich Blanche auf die chaotische Familie einlässt, desto diffuser wird, wer eigentlich wen instrumentalisiert und zu manipulieren vermag.

Anita Brookner (1928-2016) studierte Kunstgeschichte und war Expertin für französische Kunst des 18. und 19. Jahrhunderts. Sie begann erst mit etwa fünfzig Jahren mit dem literarischen Schreiben.

Sie gilt als Meisterin der zarten, subtilen Zwischentöne und hat ein herausragendes psychologisches Gespür für die verletzte weibliche Seele. »Eine Mesalliance» erschien in den Neunzigerjahren unter dem Titel «Vergangenheit ist ein anderes Land». Eine grossartige Lektüre, absolut empfehlenswert!

Carol Forster

Anita Brookner, Eine Mesalliance, Eisele Verlag