Nora und der Grosse Bär

Manchmal, an langen Winterabenden, erzählen die Jäger vom Grossen Bären, den sie in diesem Jahr endlich finden wollen. Nora will unbedingt mit auf diese Bärenjagd, ganz egal, wie sehr die Jäger sie deshalb verspotten, weil sie viel zu klein sei, um tagelang im Wald zu überleben. Nora weiss, was sie will und setzt dies auch durch. Eines Tages ist es endlich soweit: Zusammen mit einem Dutzend Jäger zieht Nora in den riesengrossen Wald. Hier lernt sie Fallen zu bauen, Tierstimmen zu unterscheiden und Fährten zu lesen. Immer wieder hat sie das Gefühl, beobachtet zu werden. Sie ist sich sicher, der Grosse Bär, der muss ganz in der Nähe sein. Obwohl mittlerweile alles tief verschneit ist, macht sie sich auf die Suche nach ihm. Bald schon hat sie sich im tiefen Wald verlaufen. Es wird dunkel, sie friert und hat grossen Hunger. Da bemerkt sie einen grossen Schatten vor dem Mondlicht – und da steht er tatsächlich vor ihr, dieser mächtige Grosse Bär. Hoch in den Himmel ragt er, unvorstellbar gross. Nora schaut zu ihm hoch, blickt ihm in die Augen. Je länger das dauert, desto weniger Angst hat sie. Der Grosse Bär lässt sich auf seine Pfoten nieder und trottet davon. Er bleibt stehen, scheint zu warten, bis Nora ihm folgt. Schweigend tapsen die beiden durch die Nacht. Plötzlich ist der Bär verschwunden und Nora sieht das Licht des Lagerfeuers. Der Bär hat sie zurück zum Lager geführt. Die Jäger sind so erleichtert, dass sie nicht einmal schimpfen. «Ich habe den Grossen Bären gefunden», erzählt Nora, «er ist so alt wie der Wald und genauso schön.»

Dieses grossformatige Bilderbuch ist endlich, nach fast dreissig Jahren, wieder erhältlich. Ute Krause ist nicht nur eine begabte Autorin, sie versteht es auch meisterhaft, Gefühle, Stimmungen und Perspektiven in Bilder zu fassen. Man gerät wie die kleine Nora ins Staunen, wird ganz still und auf eine besondere Weise ehrfürchtig, wenn man sich diese Bilder anschaut. Kindern wird es nicht anders ergehen. Ein fantastisches, eindrückliches Bilderbuch mit einer spannenden und überaus menschlichen Geschichte für Kinder ab etwa 5 Jahren genauso wie für Erwachsene.

Maria Riss

Von Ute Krause: „Nora und der Grosse Bär“, Gerstenberg Verlag 2021.

Hommage an eine Tagediebin

Andrea Maria Keller
1967 – 2021

Andrea Maria Kellers Gedichte und Wortschöpfungen bereichern unser Leben und wir sind sehr dankbar, sie gekannt zu haben.

Hommage an einen Tagedieb

wie viele vertreiben sich die zeit
mit spass und stets dem letzten schrei
mit arbeit ohne rast und der angst
ohne nichts selbst gar nicht zu sein

du dagegen versuchst es anzulocken
dieses scheue wesen zeit
um im inneren seinen raum

beim nichtstun schweigen lauschen
gehen in die weite nähe sehen
brütest du das ei der erinnerung aus

und trägst dann steinchenweise
in später nacht vorbei an der grenzwacht
über den strom federleicht und leise
das tagediebesgut

Andrea Maria Keller, Mäanderland, Edition Howeg

Die Bücher von Andrea Maria Keller sind zur Zeit nicht erhätlich. Das Tagediebesgut haben wir im Bücherladen. In der schönen Box und als wunderbaren Worthimmel.

Liebe Rock

Vanja Hutter

Die Romane von Tom Zürcher

Liebe Rock“ im Picus Verlag

Mobbing Dick“ im Salis Verlag

Der Spartaner“ im Lenos Verlag

Lieben. Lesen.

Der norwegische Autor Tomas Espedal schreibt Autofiktion. Neun Bände hat er bisher veröffentlicht, Geschichten, Essays, Tagebücher. Der Ich-Erzähler lässt uns an seinem Leben teilhaben, den unglücklichen Lieben, den Verlusten, den Alkoholexzessen, den Wanderungen, den Blicken auf die Natur, auf die Mitmenschen. Espedal verwebt sein eigenes Leben mit Dichtung.Im Gegensatz zu Karl Ove Knausgård sind Espedals Bücher schmal, verdichtet, Essenz. Im neuesten Band „Lieben“ heisst der Beschriebene „Ich“und dieser „Ich“ hat genug vom eigenen Schreiben, vom Leben, er gibt sich noch ein Jahr um danach an einem schönen selbstbestimmten Tag sein Leben zu beenden. Nach ein paar Ferientagen in Frankreich beschliesst er, zu Fuss nach Paris zu gehen. Aka, eine junge Frau aus dem Freundeskreis, schliesst sich ihm an. Eine zarte Liebesgeschichte. Die Wahrnehmung nach einem so endgültigen Entschluss verändert sich, der Blick wird geschärft, die Haut durchlässiger, das Leben intensiver. „Ich“ verliebt sich und hält gleichzeitig an seinem geplanten Ende fest.

Die Bilanz eines wilden, poetischen Lebens mäandernd zwischen feingliedriger Heiterkeit und abgründiger Melancholie. Ein geniales Buch, vielschichtig und nachklingend, experimentell und herausfordernd.

Carol Forster

Lieben“ Tomas Espedal, Matthes & Seitz 2021

Optimisten sterben früher

Seit dem Tod ihrer kleinen Schwester ist für Petula nichts mehr, wie es einmal war. Sie hat Mauern um sich gebaut, ganz hohe und mächtige. Sie traut sich kaum mehr nach draussen, denn dort lauern so viele Gefahren. Auf dem Schulweg macht sie gar weite Umwege, um der Schnellstrasse und der bedrohlichen Baustelle auszuweichen. Petula sieht alles nur noch schwarz, fühlt sich schuldig und will überhaupt keinen Kontakt mehr zu andern haben. In die Therapiegruppe geht sie nur, weil sie von der Schule und ihren Eltern dazu gezwungen wird. Anfangs hat sie grosse Mühe, als dieser Jacob, ein neuer Mitschüler, in ihrer Therapiegruppe auftaucht. Aber Jacob bringt mit seiner offenen, sympathischen Art endlich etwas Leben in die Gruppe. Alle trauen sich plötzlich, öfter über ihre schlimmen Erlebnisse, ihre Ängste und Schuldgefühle zu sprechen. Bald kann Petula es nicht mehr leugnen: Sie hat sich in Jacob verliebt, obwohl sie so etwas niemals wollte. Immer häufiger verbringen die beiden die Nachmittage miteinander und ganz langsam kann Petula kleine Fenster in ihren Mauern öffnen. Das geht so lange gut, bis Jacob endlich den wahren Grund seiner psychischen Probleme gesteht. Alle hat er bisher angelogen, auch Petula. Aber sie hat sich in den letzten Wochen verändert, ist stärker geworden und weiss, dass Verzeihen zum Leben dazugehört und dass sie um keinen Preis wieder in ihr Mauerverlies zurückwill.

Susin Nielsen erzählt in diesem Buch davon, wie schwer es sein kann, nach schlimmen Erfahrungen wieder Mut zu fassen und seinen Platz in der Welt zu finden. Petula erzählt ihre Geschichte selber und lässt Lesende ganz nah teilhaben an ihrem Kampf gegen Schuldgefühle und ihre allgegenwärtigen Ängste. Ihre Gedanken und Gefühle sind intensiv, nachvollziehbar und vor allem glaubhaft. Es ist beeindruckend, wie Petula es schliesslich schafft, nicht nur für sich, sondern auch für ihre Umgebung, einen kleinen Lichtschimmer einzulassen, so dass wichtige Veränderungen möglich werden. Ein Buch, dem man ganz viele jugendliche Leserinnen und Leser wünscht.

Maria Riss

Susin Nielsen „Optimisten sterben früher“, Urachhaus 2021.

Im Menschen muss alles herrlich sein

Verständnislosigkeit ist das vorherrschende Gefühl zwischen den Müttern und Töchtern in Sasha Marianna Salzmanns neuem Roman «Im Menschen muss alles herrlich sein». Und das, obwohl sie sich eigentlich so viel zu erzählen hätten. Lena und Tatjana sind beim Zerfall der Sowjetunion aus der Ostukraine nach Deutschland ausgewandert, um dem «Fleischwolf», dem korrupten System zu entkommen. Richtig heimisch geworden sind sie in Deutschland jedoch nie und auch ihre Töchter Edi und Nina scheinen vor diesem Migrationshintergrund mit ihrer Identitätssuche Mühe zu haben. Ihre Versuche, die Vergangenheit ihrer Mütter zu enträtseln scheitern an der Sprachlosigkeit, die schon die ältere Generation geprägt hat: «Wenn ich mir die Erinnerungstexte der ehemaligen Sowjetmenschen anschaue, habe ich das Gefühl, sie haben nie miteinander gesprochen und wissen gar nicht, dass ihre Realitäten so unterschiedlich waren […]. Und sie werden es auch nie erfahren, weil sie miteinander nur in Zitaten von Schriftstellern reden, die vor Hunderten von Jahren gestorben sind». Der Titel des Romans ist genau ein solches Zitat aus Tschechows «Onkel Wanja» – eine russische Redensart, etwas aus sich und seinem Leben zu machen. Das versuchen alle vier Protagonistinnen während sie erwachsen werden trotz unterschiedlicher Ausgangslagen und trotz vieler Verlusterfahrungen, die wir durch erzählerische Perspektivwechsel ganz nah miterleben. Es ist eben im Menschen durchaus nicht alles herrlich – Klang und Rhythmus der Sprache von Sasha Marianna Salzmanns Roman sind es aber auf jeden Fall.

Anna-Lena Fässler

Sasha Marianna Salzmann “ Im Menschen muss alles herrlich sein“, Suhrkamp Verlag 2021.

Oktobergedicht

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
Als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
Sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
Aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
Unendlich sanft in seinen Händen hält.

Rainer Maria Rilke

Viele andere schöne Herbstgedichte sind in der Sammlung „Die schönsten Herbstgedichte“ vom Insel Verlag zu finden.

Koriander, Dill und eine Prise Salz

Foodbloggerin werde ich (mit solchen Bildern) sicher keine mehr, aber kochen und neue Rezepte ausprobieren bereitet mir grossen Spass. Vor allem, wenn sie so schön verpackt daherkommen wie in dem neuen Kochbuch des Edition Michael Fischer Verlags „Matrjoschka – Kochen wie in Osteuropa“. Osteuropa umfasst für die Autorin Tanja Dusy die Länder der ehemaligen Tschechoslowakei, der nördlichen Balkanstaaten von Slowenien bis Rumänien, Ungarn, Polen, Belarus, Russland und der Ukraine bis hin zu Georgien. Diese teilen nämlich trotz aller sonstigen Unterschiede eine gemeinsame osteuropäische Küchenkultur, geprägt vom schlichten bäuerlichen Alltag mit viel Getreide, Gemüse, Früchten, Fleisch und Fisch. Anschaulich legt Tanja Dusy im Vorwort dar, wie klimatische Extreme mit langen, kalten Wintern und kurzen sommerlichen Hitzephasen den Speiseplan prägen. So finden sich in verschiedenen Kapiteln wärmende Suppen (Soljanka, Borschtsch, Krupnik…), verschiedenartigste Mehlspeisen (Pelmeni, Pierogi, Piroschki, Blini &co), Gerichte mit Vorliebe für lagerfähiges Gemüse wie Kartoffeln, Kohl und Rote Bete, Geräuchertes und Eingelegtes, aber auch deftiges mit Fisch und Fleisch. Und zu guter Letzt kommen natürlich auch die Süssspeisen und das Gebäck nicht zu kurz. Ja, abnehmen, Low Carb etc. wird man mit diesem Kochbuch sicherlich nicht, auch wenn es ein ganzes Kapitel mit Gemüserezepten gibt, dafür ist zu viel Butter, Mehl und saure Sahne im Spiel. Aber schmecken tut`s dafür umso besser.

Anna-Lena Fässler

Tanja Dusy „Matrjoschka – Kochen wie in Osteuropa“, EMF 2021.

Lahme Ente, blindes Huhn

Eines Tages stolpert ein blindes Huhn ins sichere Gehege einer lahmen Ente. Blindes Huhn will unbedingt Abenteuer erleben, will da hinwandern, wo alle Wünsche in Erfüllung gehen. Lahme Ente wäre da eine ideale Reisebegleitung, weil blindes Huhn ja eine Art Blindenhund braucht. Lahme Ente ist überhaupt nicht begeistert, ihr sicheres Zuhause zu verlassen, lässt sich aber schliesslich doch überreden. Wünsche sind wichtig, auch wenn es nur diejenigen eines blinden Huhns sind. So machen sich die beiden auf den Weg. Am Anfang geht alles gut, aber je weiter sie kommen, umso gefährlicher wird diese Wanderung und umso anstrengender auch. Natürlich geraten sie immer wieder in Streit, aber das Versöhnen danach ist umso schöner. Beide verändern sich auf dieser waghalsigen Reise: Lahme Ente wird mutiger und lernt von Huhn sogar das Tanzen. Blindes Huhn entdeckt, dass nachdenken und ausruhen manchmal wichtig ist und dass sich dabei Wünsche auch verändern können. Beide spüren, wie lieb sie sich gegenseitig werden und dass sie richtig gute Freunde geworden sind. Ja, und ganz zum Schluss, da kommt es zum Eklat: Lahme Ente hat blindes Huhn nämlich die ganze Zeit an der Nase herumgeführt. Die beiden haben das sichere Gehege niemals verlassen, sind im Kreis gewandert und haben doch so unsagbar viel erlebt und gelernt.

Leserinnen und Leser gehen, genauso wie das blinde Huhn, der Ente auf den Leim. Aus diesem Grund ist das Buch überaus spannend, man hat gemeinsam mit dem blinden Huhn Angst vor der tiefen Schlucht oder hat Mitleid mit der Ente, weil sie schon so müde ist und mit ihrem lahmen Bein kaum den Berg hinaufkommt. Natürlich erinnert der Plot an die berühmte Geschichte von Janosch über Panama. Diesmal allerdings sind Lesende nicht klüger als das blinde Huhn und lassen sich von der lahmen Ente genauso zum Narren halten. Einmal mehr hat Ulrich Hub ein tiefsinniges, amüsantes und auch spannendes Buch geschrieben. In diesem Fall eine Art Parabel über all das, was im Leben wirklich wichtig ist. Jörg Mühle hat diese kluge, sinnige Geschichte einmalig passend illustriert. Das Buch eignet sich sehr gut zum Vorlesen für Kinder ab etwa 7 Jahren.

Maria Riss

Ulrich Hub und Jörg Mühle (Illustrationen): „Lahme Ente, blindes Huhn“, Carlsen Verlag 2021.

Wie viel von diesen Hügeln ist Gold

In Peking geboren und in den USA aufgewachsen, hat C Pam Zhang eine Gegenerzählung zum altbackenen Narrativ des Wilden Westens geschaffen, einen neuen Blickwinkel beleuchtet, eine Klageschrift verfasst.

Vor dem Hintergrund des kalifornischen Goldrausches erzählt die Autorin mit messerscharfer Sprache die Geschichte von Bruchstücken einer Familie.
Mit aller Härte werden die Lesenden ab der ersten Seite regelrecht von der unbarmherzigen Lebensrealität der Geschwister Lucy, 12 Jahre alt und Sam, 11 Jahre alt, verschlungen.
Gerade Waisen geworden, sollen die beiden in einer Welt bestehen, die von Rauheit regiert wird. Dabei sind sie ja nicht einmal von «hier» und sollten, wie ihnen immer zu spüren gegeben wird, besser nach «dort» zurückkehren, wo sie hergekommen sind. Dabei wissen sie doch nicht einmal wo «dort» sein soll. Nur dass es «dort « schöner ist, das hat ihnen jedenfalls Ma, ihre Mutter, immer wieder gesagt, bevor auch sie in der glühenden Wüste ihr Ende fand. Ausserdem können sie nicht weg, denn sie müssen zuerst einen Ort finden, an dem sie Ba, ihren Vater, begraben können. Mit einem gestohlenen Pferd und Ba’s Leiche im Gepäck, beginnt eine Reise, welcher ich, trotz aller Unerbittlichkeit, einfach nicht mehr entkommen konnte.
Mit gleissendem Erzählstil, welcher der kalifornischen Hitze in nichts nachsteht, wirft Zhang ein neues Licht auf alte, gewichtige Themen, behandelt grosse Fragen und trifft die Lesenden immer wieder mitten ins Herz. Ein unkonventionelles, ganz grosses Meisterstück.

Can Tolga

Zhang, P Cam: Wie viel von diesen Hügeln ist Gold, Fischer S. Verlag 2021.

Schrecken & Zuversicht

Dieses schmale Buch ist ein unergründ-licher Raum in Finsternis. Und wo Dunkelheit herrscht, kann Licht wirken. Sogleich tauchen wir ein und folgen einer hellen Fackel – dem elfjährigen Martin, durch seine düstere Welt, die er unbeirrbar durchwandert. In einer Zeit, geprägt von Armut und Gewalt, ist Martin auf sich gestellt. Sein einziger Freund und Gefährte ist ein schwarzer Hahn, der zu ihm spricht. Die Menschen sind schlecht und verschlagen, misstrauend und grob. Martin ist wie nicht von dieser Welt. Sein Wesen ist rein und aufrecht. Sein Herz ist von Mitgefühl und Unschuld umschützt. Als der Kirchenmaler ins Dorf kommt und später weiterzieht, ergreift Martin den Moment und geht mit. Seine Mission: den schwarzen Reiter zu finden, welcher der Legende nach jedes Jahr ein Kind entführt. Dem Leid will Martin ein Ende setzen. Mit unglaublichem Gespür für Atmosphäre und Sprachmelodie, entführt uns Stefanie vor Schulte in eine märchenhafte Landschaft, wo der Schrecken um sich greift. Umso stärker leuchtet die feine Kraft der Güte, die Hoffnung, dass die Welt noch zu retten ist.

Vanja Hutter

Junge mit schwarzem Hahn„, Stefanie vor Schulte, Diogenes Verlag

Das Dämmern der Welt

Der Filmemacher Werner Herzog hat nach langer Zeit wieder ein Buch geschrieben. Und was für eines! Er erzählt darin die Geschichte des japanischen Soldaten Hiroo Onoda, der dreissig Jahre auf der philippinischen Insel Lubang ausharrt und nicht erfährt, dass der Zweite Weltkrieg sein Ende gefunden hat. Der einsame Krieger verteidigt die bedeutungslose Insel jahrzehntelang und versteckt sich im Dschungel. Erst 1974 gelingt es einem japanischen Studenten, Onoda zu finden. Onoda jedoch weigert sich weiterhin, aufzugeben. Er wartet auf den Befehl seines Vorgesetzten. Dieser wird nach Lubang gebracht und befiehlt Onoda, sich zu ergeben. Später flieht Onoda vor dem Rummel um seine Person nach Brasilien und wird Viehzüchter. Gegen Ende seines Lebens kehrt er nach Japan zurück und gründet Naturschulen gegen den Wertezerfall in seinem Land. Onoda stirbt 2014 in seinem Heimatland.

Herzog erzählt uns seine Version dieser unglaublichen Geschichte in einer schnörkellosen, poetischen Sprache und findet Bilder für Onodas Gedanken und Befindlichkeiten, die noch lange nachklingen. Herzog beginnt die Erzählung mit seiner Reise nach Japan. Bei einem Abendessen, am Vorabend einer Operninszenierung, wird ihm freudig mitgeteilt, dass er den Kaiser treffen darf. Herzog liegt nichts daran, den Tenno zu sehen und einige Floskeln auszutauschen. Die Tischgesellschaft verstummt und Werner Herzog weiss augenblicklich, dass das ein grober Fehler war, dass er den Kaiser beleidigt hat. Er versucht, sich aus der Misere zu retten und als er gefragt wird, wen er denn sonst treffen möchte, antwortet er ohne Zögern: Hiroo Onoda. Die Bitte wird ihm gewährt. Fasziniert vom Leben dieses einsamen Kriegers im Dschungel denkt der Autor dessen Geschichte neu.

«Nach dem Besuch im Schrein hatten wir bis in die Nacht hinein eine Unterhaltung im Park. War er ein Schlafwandler, damals, oder träumte er das Heute, das Jetzt? Oft auf Lubang rätselte er über diese Frage. Es gab keinen Beweis, dass er, wenn er wach war, wach war, und keinen Beweis, dass er, wenn er träumte, träumte. Das Dämmern der Welt.»

Carol Forster

„Das Dämmern der Welt“ von Werner Herzog, Hanser Verlag 2021.

Septembergedicht

Herbstanfang

Stumm
stehen im Regen die Schafe.
Sie wissen alles über Disteln und Gras,
und Disteln und Gras wissen alles über sie.
Die Vögel brechen ihr Lager ab,
sie wollen den Boden unter den Füssen verlieren,
der Nebel lässt nicht mit sich handeln.
Am Mückenfenster kleben Hornissen,
es ist der Wind, der ihre Beinchen bewegt.
Jetzt sollte man schnell sein Herz an etwas hängen,
um das Gewicht der Zeit nicht zu spüren,
den Machtwechsel, der die Leere vorbereitet.
Denn noch leben wir doch und kennen das Gift
des Glücklichseins beim Anblick der Schafe.

Michael Krüger: „Im Wald, im Holzhaus“, Suhrkamp 2021.

Phon

Und wieder trägt mich meine Lektüre in den Osten, in die russische Wildnis wo die Zeit stehengeblieben ist und alles melancholischer klingt als in anderen Ländern, «weil wir Schienen haben, die endlos lang sind, und Winter, die nicht wanken und weichen, und noch so ein paar Dinge, die einen zum Jaulen und Rosten bringen.»

Die beiden idealistischen Zoologen Nadja und Lew haben in ihren jungen Jahren in den weiten Wäldern Westrusslands ein „Laboratorium der Unabhängigkeit“ gegründet. Mittlerweile sind sie als einzige Dorfbewohner zurückgeblieben und Nadja sucht in der Gesellschaft ihrer Tiere Ruhe und Frieden, während ihr Mann Lew zunehmend verwirrt auf seltsame „Grosse Geräusche“ reagiert, die scheinbar nur sie hören. Seinen immer dringlicheren Versuchen, eine Erklärung dafür zu finden, begegnet sie mit Zurückhaltung. Sie kann gut mit dem ungelösten Rätsel leben. Was Nadja hingegen zunehmend schwer fällt, ist, die Erinnerungen an ihre Tochter Vera, an die Geliebte ihres Mannes Esther und an die jungen Bären und den Unfall zu unterdrücken.

Es ist bestimmt nicht immer einfach, der unzuverlässigen Erzählerin Nadja durch die kalten russischen Nächte und die langen Tage enormer Leere, die ab und an mit einem Gläschen Wodka gefüllt werden, zu folgen. Aber es lohnt sich, denn die Freude am Geschichtenerzählen ist spürbar und «vielleicht dreht sich das Leben ja darum, welche Geschichte wir beschließen zu erzählen.“ Ein mysteriöser, dunkler, psychologischer und vielschichtiger Roman, bei dem es um das Geheimnisvolle in einer Welt geht, die alles erklären will.

Anna-Lena Fässler

Marente de Moor: Phon, Roman Hanser 2021.

Den Hund überleben

Sebastian ist ein Junger Mann von 24 Jahren, dem die die ganze Welt mit all ihren Möglichkeiten offensteht.
Zu Beginn der Geschichte befindet er sich in Paris, wo er mit Freundin Su Nächte durchzecht und Zukunftspläne schmiedet. Alles scheint perfekt, wäre da nicht die plötzliche Übelkeit und ein Zwicken unter seinem Rippenbogen.
Nichts Schlimmes, versichert ihm sein Hausarzt, als er wieder in Deutschland ist, und schickt ihn nur zur Sicherheit zum Radiologen – eine Routineuntersuchung.
Wie in Watte gepackt hört Sebastian diesen von einem Tumor reden, von einem Lymphom, von weiteren Arztbesuchen.
Von einem Moment auf den anderen werden die Zukunftspläne von einem einzigen, allumfassenden Plan abgelöst; dem Plan zu überleben.
Sebastian will sich nicht verlieren, will kämpfen und der Krankheit nicht das Zepter überlassen. Lesende begleiten ihn, seine Freunde und seine Familie durch eine unvorstellbare Zeit, können nicht anders als mitfühlen, mitkämpfen.

In unvergleichlichem Ton, viel Einfühlungsvermögen und Humor zeichnet Stefan Hornbach das Bild eines bewundernswerten jungen Mannes, der mit einem unbarmherzigen Schicksal geschlagen ist. Eine Geschichte über Vergänglichkeit, Zusammenhalt und Menschlichkeit.
Ob Sebastian seinen Kampf gewinnt, dies sei an dieser Stelle noch nicht verraten, zu berührend und eindrücklich ist diese Geschichte zu lesen.


Ich konnte nicht anders als weiterzulesen, vielleicht auch in der Hoffnung, so für Sebastian da sein zu können, ihm etwas von meiner Kraft abzugeben, mit ihm zu hoffen und zu bangen.

Can Tolga

Sebastian Hornbach: „Den Hund überleben“, Hanser 2021.

Ascona

In der Nacht vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler flieht Erich Maria Remarque in seinem Lancia in die Schweiz, nach Ascona. Seit 1931 besitzt er am Lago Maggiore ein Haus. Sein Roman „Im Westen nichts Neues“ aus dem Jahr 1929 wurde in viele Sprachen übersetzt, gar verfilmt. Remarque ist erfolgreich und ohne Geldsorgen, aber in grosser Gefahr. Seine Werke werden von den Nationalsozialisten verbrannt. Im Exil verfällt der Dichter mehr und mehr in Depressionen, die er mit Alkohol und Zigaretten zu betäuben versucht. Gleichzeitig füllt sich Ascona täglich mit neuen Künstlerinnen, Intellektuellen und Schriftstellern, die vor dem Nationalsozialismus fliehen und sich gegenseitig Halt geben. Das Buch erzählt die sechs dramatischen Jahre des schillernden Autors, die er in Ascona verbracht hat, bevor er auf Anraten seiner damaligen Liebschaft Marlene Dietrich in die USA auswanderte. Edgar Rai ist mit „Ascona“ ein spannender, gut recherchierter Tatsachenroman gelungen – grossartig und sehr lesenswert!

Carol Forster

„Ascona“ von Edgar Rai, Piper 2021.