Märlistunde im November

Drachenspucke, Feentanz, Dromedarkuss – irgendwie hat unserer Märlierzählerin ihr Erzählorgan zurückgekriegt! Unsere Märlistunde im November findet am Mittwoch den 22. statt. Wir freuen uns auf euch und die neuen Geschichten.

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Von 14 bis 15 Uhr, für Kinder von 4 bis 8 Jahren. Gerne mit Anmeldung!
mail@buecherladen-appenzell.ch – 071 787 29 30

Fox, Krokodil und tierischer Mensch

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Ich wollte nie nach Australien. Auf keinen Fall. Diese riesigen Insekten kann ich schon von hier aus sehen! Aber dann.. Immer wieder muss ein Krimi dran glauben und ich nehm ihn mit aufs Küchensofa. Aber bloss welchen? Gut gibt’s auch Buchhändlerinnen für Buchhändlerinnen und Melina weiss Rat – Stunden und Kapitel später bin ich schon daheim im australischen Crimson Lake.

Und Melina erzählt: Ted Conkaffey sitzt auf seiner Veranda und beobachtet seine Gänse – weit weg von Sydney, der Verurteilung und der Medienhetze tastet er sich zurück in eine Art Alltag. Doch es lässt ihn nicht in Ruhe, das Leben – die wohltuend durchgeknallte Aussenseiterin und Privatdetektivin Amanda Pharell braucht seine Hilfe. Während sie zusammen das Verschwinden eines berühmten Schauspielers untersuchen, ermittelt Conkaffey auf eigene Faust im weit zurückliegenden Fall seiner Partnerin. Die örtliche Polizei sieht das gar nicht gerne und versucht ihn mit rabiaten Mitteln daran zu hindern. Als die Medien erfahren, wer da neuerdings in ihrem hübschen Kleinstädtchen wohnt, wird es heiss, sehr sehr heiss für Conkaffey.

Und ich frage: Melina, hat dieses Buch deine Haltung zu Krokodilen verändert?
Ganz und gar nicht – froh war ich, dass Ted seine Gartenzäune immer wieder mal kontrollierte. Und seine Gänse davongekommen sind… Obwohl, gegen Ende werden sie doch noch recht nützlich, die grossen grünen Echsenviecher. Ein Grande Finale, das ein bisschen Freude zurück ins Leben von Conkaffey bringt. Sehr befriedigend.

Vanja Hutter

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NOVEMBERGEDICHT

Hinterlass ein Zeichen

Hinterlass ein Zeichen, schreib die Namen,
die dich quälen, an die Wand eines Pissoirs.
Mal einen Strich. Und schreib: Wer so hoch
pinkeln kann, melde sich bei der Feuerwehr.
Hinterlass ein Zeichen, Kind oder Kegel.
Jemand weiss, dass du wiederkehrst.
Giess Wasser auf die Wüste des Nachbarn.
Vielleicht hat er seinen Boden besät
und weiss es nicht mehr. Der von nebenan.
Und pflanz keinen Efeu. Der wächst von allein.
Begeh kein Verbrechen. Es wird dich erschrecken
wenn du, wiederkehrend, die Gründe nicht kennst.
Hinterlass ein Zeichen. Bestiehl die Reichen.
Verachte die Armut. Sie wird dich erkennen.
Spuck aufs Geld. Es wird dich begrüssen.
Lass dich malen. Bau Häuser. Erfind eine Lüge,
von der jedermann sagen wird: Die stammt von dem!
Und man wird sich fürchten vor diesem Wissen.
Hinterlass ein Zeichen. Eine Botschaft. Ein Wort.
Erfind eine Kreuzung von Vogel und Blume.
Und dem ersten Kind, das morgen den Weg kreuzt,
schenkst du den Taglohn und lächelst es an.
Hinterlass ein Zeichen: Um die Welt eines Tages,
nach hundertelf Jahren, wiederzufinden als Heimat.

Jürg Federspiel

 

In: Peter von Matt, Dirk Vaihinger (hg.), Die schönsten Gedichte der Schweiz, Nagel & Kimche 2002.

Bücher allüberall

Bücherläden fern…

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…Bücherläden nah…

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…Bücherladen ganz nah bei dir!

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Für alle Buchgeniesserinnen und Stöberer – „Meine schöne Buchhandlung“ vom Knesebeck Verlag mit ausgewählten Buchhandlungen aus Deutschland und der Schweiz.

PS: Jubel auf Seite 40 !

 

Alles, alles über Berge

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Dieses neue Sachbuch ist schier allumfassend, was das Thema «Berge» betrifft. Da werden Pistenfahrzeuge präsentiert, Höhlenformationen erklärt, da gibt es Informationen zu allen möglichen Tieren, die sich auf das Leben in der kargen Berglandschaft spezialisiert haben. Da geht es um Schneekristalle, um Gletscher, um Höhenkurven oder um die Kraft des Wassers. Auf jeder Seite werden Leserinnen und Leser aufgefordert, etwas zu tun. Wanderwege einzuzeichnen beispielsweise, kleinere Experimente durchzuführen, Blätter zu analysieren oder Rindenabdrücke zu erstellen. Das Buch besticht vor allem durch die vielen informativen Bilder, die Texte sind auf ein absolutes Minimum reduziert. Ein bisschen ähnelt die Aufmachung einem Comic; so erhalten auch eher lesefaule, aber interessierte Kinder Lust auf die Lektüre. Für Bibliotheken eignet sich das Buch weniger, weil Nutzerinnen und Nutzer immer wieder ins Buch malen sollen. Für den Unterricht eignen sich die klaren Illustrationen und Erklärungen aber ganz besonders: Wenn Wissen so vermittelt wird, können Lesen und Lernen richtig Spass machen! Für Kinder ab etwa 8 Jahren und Erwachsene.

Maria Riss

Piotr Karski: Berge, Das Mitmachbuch für Gipfelstürmer, Moritz 2017.

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OKTOBERGEDICHT

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;

gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süsse in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

 Rainer Maria Rilke

 

In: Lojze Wieser(hg.), …und darin fliegt eine Schwalbe, Wieser Verlag 2014.

Gebrauchsanweisung für Selbstverteidigung

Der Piper Verlag veröffentlicht eine Buchreihe, die er «Gebrauchsanweisung» nennt. Die gibt es für verschiedene Städte, für ganze Länder und für das Leben gar selbst. Die frischeste Gebrauchsanweisung ist von Thomas Glavinic (ein toller, toller, toller Autor!) und nennt sich «Gebrauchsanweisung für Selbstverteidigung».
Als Kind der 90er, gross geworden mit Karate-Kid- und Bruce-Lee-Filmen, eifrige Guckerin der Serie «Kung Fu» mit David Carradine als Shaolin-Kämpfer, hege ich seit jeher Bewunderung für die gelassen-geschmeidigen und sehr wirksamen Bewegungen bestimmter Kampfsportarten. Zusammen mit einer Geisteshaltung, die beeindruckend klar, ruhig und friedliebend ist, oder sein sollte, schienen mir Kung Fu und Aikido bereits in jungen Jahren ein guter Weg, dem Leben an sich zu begegnen.
Genau um diese Geisteshaltung geht es auch Glavinic: Neben dem identifizieren von Gefahrenherden – Lianenschwinger nennt er diese Typen und Typinnen – zeigt er auf, wie wir durch unsere Haltung gar nicht erst zum Opfer werden. Und falls die Situation trotzdem mal ausweglos werden könnte, falls also gar wegrennen keine Option mehr ist, gibt er uns konkrete Tipps. Zum Beispiel: Fliegt eine Faust auf dein Gesicht zu, nicke. Trifft sie nämlich oberhalb deiner Stirn auf, wir dir höchstens ein wenig schwindlig. Der Faustschwingerin hingegen könnten die Finger brechen.
Und so sitze ich auf dem grünen Sofa, lese meinem Mann saftige Glavinic-Sätze vor und freue mich an der Kung-Fu-artigen Coolness der Lektüre. Be-gei-ste-rung!

Melina Cajochen

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Thomas Glavinic, Gebrauchsanweisung für Selbstverteidigung, Piper Verlag 2017.

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Bald – Der merkwürdige Mundartforscher

Buchpräsentation am Samstag den 30. September um 16 Uhr in der Volksbibliothek Appenzell

Vor 75 Jahren verstarb Jakob Vetsch, Schriftsteller und Utopist, geboren im Toggenburg, aufgewachsen in Wald AR, Studium an der Universität Zürich. Die vorliegende von Gaston Isoz herausgegebene Publikation, erinnert an diesen merkwürdigen und weitsichtigen Mann, an seine so heiteren, wie fundierten Arbeiten zur Appenzeller Mundart. Die hier veröffentlichten Texte werden durch die Beiträge von Peter Surber und Rainer Stöckli in die Gegenwart geholt.

Wir vom Bücherladen sind mit dabei – nach dem Sprachrausch freuen wir uns auf einen Plausch!

Mit musikalischer Umrahmung und Apéro.

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Raoul Schrott gross im kleinen Frühling

Hanspeter Spörri interviewte Raoul Schrott, als dieser für den „kleinen Frühling“ in Appenzell sich herumtat. Zum Nachlesen, exklusiv, in unserem Blog!

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Als wäre ich wirklich zuhause
Der österreichische Schriftsteller Raoul Schrott stellt mit literarischen Mitteln den aktuellen Stand der Wissenschaft dar

Sie unternehmen den Versuch, Wissenschaft auf literarische Weise zu fassen. Was ist das eigentlich: der Geist, der da forscht und Fragen stellt? Eine Funktion der Materie? Die sich selbst beobachtende Materie?

Ja, wenn das so einfach wäre! Gewiss sind wir nichts als Materie – jedes einzelne unserer Atome ging aus mehreren Sonnen und ihren Explosionen hervor (die abgesehen von den vier ersten, beim Urknall entstandenen Elementen Wasserstoff, Helium, Beryllium und Lithium, alle weiteren gebildet haben). Doch unsere, durch die Evolution von der Bakterie zum Lungenfisch und weiter herausgebildeten Wahrnehmungswesen bilden leider nicht die physikalischen Gesetze ab. Wir und die Welt sind durch Eigengesetzlichkeiten bestimmt. Das zeigt sich beispielsweise daran, dass es für die Physik egal ist, ob die Zeit vor- oder rückwärts läuft, während wir sie als bald schnelleren, bald langsameren Fluss wahrnehmen, der nun mal für uns nur eine Richtung hat. Doch ob in Formeln oder durch das Ist-Gleich einer Metapher – beidesmal können wir uns der Welt nur mittels Vergleichskonstruktionen nähern und sie erst über Bilder und Erzählungen anschaulich machen, um sie zu verstehen.

Die Welt scheint zwar auch in ihrem wunderbaren Buch unverständlich oder unfassbar zu bleiben. Denn Erklärungen erklären in der Regel nicht den Grund für die Existenz von allem. Hat die Arbeit am Epos ihre Wahrnehmung des Seienden verändert? Auf eine poetische Weise geklärt?

Der Grund von allem, der Urknall, wird weiterhin eine Hypothese bleiben. Doch ab der ersten Sekunde danach etwa sind alle Prozesse hinlänglich verstanden. Das gilt auch für die Stoffwechselprozesse, die für die Entstehung des Lebens nötig sind. Aufzuzeigen, wie da allmählich eines aus dem anderen entsteht, und wie die Evolution all unsere Eigenschaften und Eigenheit hervorgebracht hat – ist das etwa keine Erklärung? Mich hat bei der Arbeit am Buch überrascht, wie umfängliche die Erkenntnisse der Wissenschaften sind. Sie sind sicher nicht überall erschöpfend, doch sie vermögen inzwischen den roten Faden vom Anfang bis zu uns fast lückenlos vorzuführen. Das hat die Wahrnehmung meiner selbst wie der Welt grundsätzlich verändert. Ich weiss jetzt in etwa, wovon wir bedingt werden, was den Raum um uns ausmacht, was wo in welcher Entfernung etwa zu uns steht. Und ich fühle mich zum ersten Mal, als wäre ich wirklich … zuhause.

Ist Ihr Buch eine Art Trotzreaktion gegen die unverständliche Komplexität des Kosmos?

Nein! Eher ein Dokument der Neugier. Und des Wissensdrangs – der meinerseits rein existentiell war. Ich wollte einfach wissen, was das ist, das da rings um mich. Komplexität dabei heisst nicht kompliziert und unverständlich. Der Erfolg der Wissenschaften liegt darin, dass sie den menschlichen Blickwinkel nach Möglichkeit auszusparen versuchen, um den objektiven Eigengesetzlichkeiten der Welt nachzuspüren. Verständlich und relevant werden sie für unsereins aber erst, wenn wir wieder unseren subjektiven Bezug dazu herstellen können. Das habe ich mittels der Erzählung versucht, die quasi 28 Lebensgeschichten präsentiert, Kurzromane sozusagen, in denen einzelnes Wissen einen Sitz im Leben hat. Natürlich wäre es schön, all dies so vereinfachen zu können, dass man es quasi zwischen zwei Zugstationen lesen und verdauen kann. Aber das grandiose an der Welt ist gerade, dass sie komplex ist – weit komplexer als jede hinlängliche Idee Gottes. Sie zu simplifizieren wäre da wie Populismus in der Politik: das würde die Verhältnisse verfälschen. Aber man kann – und daran habe ich 7 Jahre gearbeitet – diese Komplexität anschaulich und zugänglich machen.

Sie benutzen im Buch einmal den Begriff «Experimentaltheologie». Ist die moderne Wissenschaft also zwar ganz anders als die früheren Welterklärungsmodelle – aber dennoch gar nicht so viel weiter als sie?

Ja, die Wissenschaft ist etwas anderes. Seit der Erfindung des Teleskops und des Mikroskops macht sie neue Welten sichtbar und überprüft die Aussagen über sie mittels Experimenten – was uns letztlich erlaubt, in ein Flugzeug zu steigen und Computer zu benützen. Die früheren Welterklärungsmodelle von Mythen, der Genesis bis hinauf zu Dantes Kosmologie beruhten dagegen auf reinen Spekulationen, die zwar poetisch waren aber keine Basis in der Wirklichkeit hatten. Theologisch ist die Wissenschaft aber insofern, indem sie weiss, dass sie nie bei einer Theorie für Alles, bei den letzten Gründen ankommen wird. Wir werden die Welt nie zur Gänze ausloten können: ihr Mysterium wird bleiben. Nur hat Gott darin keinen Platz mehr – oder wenn, ist er soweit weg und ein derart abstraktes Prinzip, dass er für unser Leben keine Rolle mehr spielt. Dabei ist aber anzumerken, dass Mythen eine erste vorwissenschaftliche Denkweise darstellen, die bereits nach Gründen und Ursache fragte, und sie halt bloss intuitiv beantworten konnte. Vieles dieser Denkmuster prägt unsere Zivilisation – und damit auch die Wissenschaft. Die können ja nur Daten gewinnen: wie sie diese dann aber konfigurieren, das hängt sehr oft von unseren Denkmustern ab. Ein schönes Beispiel dafür ist die Idee des Urknalls, die Augustinus erstmals formuliert hat, und die der belgische Priester und Physiker Lemaitre dann mit Einsteins Relativitätstheorie in Verbindung brachte.

Können wir nochmals auf die Frage des Geistes kommen? Was ist Geist? Ein Rätsel? Wer oder was nimmt da wahr? Nimmt sich selbst wahr, denkt, ist also?

«Geist» ist ein unbrauchbarer, weil viel zu wenig spezifischer Begriff geworden. Wir verfügen über ein Bewusstein, dass es uns erlaubt, den Körper zu koordinieren und auf die Umwelt zu reagieren, ein Gedächtnis, um aufgrund bereits gemachter Erfahrungen, Zukünftiges voraussagen zu könne, weil dies überlebenswichtig ist, und eine Wahrnehmung mit der wir, mittels unserer beschränkten Sinne, Strukturen in unserer Umgebung identifizieren. Dass wir mit diesem, von der Evolution zusammengebastelten Instrumentarium uns über Analogien und Vergleiche – denn auf nichts anderem fusst die Wissenschaft, von der Abstraktion der Zahlen bis hin zu den Gleichsetzungen von Energie und Masse – die Welt in einem Mass erschliessen können, dass wir sie sogar zu verändern vermögen, stellt das eigentliche Wunder dar. Das Grundproblem aber bleibt: Die Welt hat ihre Gesetze, wir die unseren. Wir denken in Bildern; unser Gehirn speichert Sprache nach der Klangähnlichkeit von Worten ab, was die Rhythmik unseres Redens ergibt – nicht nur in der Poesie –, die Rhythmik unseres Herzschlags und unseres Atems spiegelt. Wir sind sensomotorische Assoziationsmaschinen, die sich, weit weniger als wir glauben, von anderen Tieren unterscheiden. Wo und wie sich dies mit dem E=mc2 überschneidet ist die Frage. Wir können nur sagen, dass wir aus derselben Materie hervorgegangen sind wie die Welt und ihren Gesetzen unterworfen bleiben. Welt und Mensch haben sich jedoch in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Die sich von den Bakterien immer mehr ausweitende Kluft dazwischen lässt sich durch unser Denken überbrücken: doch ob es das grosse Gegenüber der Welt jemals auch zu umfassen versteht, ist zu bezweifeln. Wir nehmen uns in ihr immer nur selbst wahr, ja. Und können dabei von uns überraschend weit abstrahieren. Die Welt aber ist zuerst und zuletzt weitaus komplexer als wir – und in ihrem Wesen anders. Das wissen wir. Sich dessen aber bewusst zu bleiben, uns mit allen unseren intellektuellen wie emotionalen Fähigkeiten vor diesem grossen Gegenüber zu behaupten, stellt die einzige wirkliche wahre Basis jeder existentiellen Sinnstiftung dar.

Interview: Hanspeter Spörri

Raoul Schrott las im Rahmen des Literatur- und Kunstfestivals „kleiner Frühling“ am Pfingstsonntag in Appenzell. Der österreichische Literaturwissenschaftler, Komparatist und Schriftsteller wurde 1964 in Landeck geboren und lebt heute im Bregenzer Wald. Zuletzt erschien von ihm «Erste Erde. Epos», eine umfassende literarische Umsetzung des aktuellen Stands des Wissens.

 

Verstörend verdichtete Familiengeschichte

Nein man muss nicht erst von Karl Ove Knausgard, dem langjährigen Lebensgefährten der Autorin, sprechen, wenn man sich in ihre kleine, feine Geschichte „Willkommen in Amerika“ verguckt hat. Nein, man muss auch seine Romanexzesse nicht kennen, wenn man ihre verdichtete, schmerzhafte Sprache mag, wirklich nicht. Die Schwedin Linda Boström Knausgard entwirft in ihrem zweiten, knappen Roman eine atmosphärische Stimmung rund um ihre Heldin – die elfjährige Ellen. Sie spricht seit dem Tod des Vaters kein Wort mehr, mit niemandem, denn sie fühlt sich mitschuldig am Tod des depressiven, trinkenden Vaters – schliesslich hat sie genau diesen Tod von Gott erbeten. Um weitere Todesfälle zu verhindern, beschliesst sie zu schweigen. Die Schuldgefühle halten sie aber nicht davon ab, ihre Umgebung genau zu beobachten und zu beschreiben.

Die Autorin bettet die Geschichte einer Pubertierenden in eine schwierige Familiengeschichte, wobei diese einen ganz eigenen Sog in die chaotische Gefühlswelt einer Heranwachsenden eröffnet. Dass der Lyrikerin Boström Kanusgard trotz dieses komplexen Settings eine eindrückliches Stück Prosa gelungen ist, liegt, neben ihrer ganz eigenen, dichten Sprache, nicht zuletzt auch an der eindrücklichen Zeichnung der Figur der Mutter. Sie bleibt in all den familiären Wirrungen eine starke, sympathische Figur, die nicht von ihrer Idee einer „hellen“ Familie abweicht. Auch wenn ein derart dicht geschriebener Roman, der zudem um ein kindliches Trauma kreist, nicht als leichte Wochenend-, Strand- oder Bettlektüre schnell zu lesen ist, macht das Eintauchen in die Welt von Ellen nichts desto trotz zu einer bleibenden Leseerfahrung.

Brigitta Schmid

Linda Boström Knausgard, Willkommen in Amerika, Schöffling & Co. 2017

WillkommeninAmerikaVanja hat’s grad gepackt

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SEPTEMBERGEDICHT

Die fünf Ursachen

 Man kann, wenn wir es überlegen,
Wein trinken fünf Ursachen wegen:
Einmal um eines Festtags willen,
Sodann vorhandenen Durst zu stillen,
Ingleichen künftigen abzuwehren,
Ferner dem guten Wein zu Ehren,
Und endlich um jeder Ursach willen.

 Friedrich Rückert

 

In: Hiltrud Herbst, Doris Mendlewitsch (hg.), Schöner Rausch, Reclam 2013.

SWIPS!

Samstag 9. September von 18 bis 24 Uhr im Raum für Literatur an der Gutenbergstrasse 20 in St. Gallen

Swips ist kein Schwips auf französisch, Swips ist kein Gruss auf Hawaii  – Swips sind die Swiss Independent Publishers, die Vereinigung unabhängiger Verlage der Schweiz. Verlage also, die sich oft mit wenig Mitteln und immer mit viel Leidenschaft für Bücher einsetzen, an die sie glauben. An der Museumsnacht in St. Gallen laden 29 Schweizer Verlage ein, zu Lesungen, zum Eintauchen in Bücher, zur Entdeckungstour in die Schweizer Verlagswelt. Eine wunderbare Gelegenheit, starke Bucharbeit zu erleben. Wir vom Bücherladen werden da sein, mit vielen Büchern und viel Herz.

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AUGUSTGEDICHT

Weidewerk

 Die Witterung eines Wortes,
eines Satzes aufzunehmen,
die wirklich gesagt
sein möchten.

 Das hat mit Jagd
Zu tun, mit Sehnsucht.
Und es kann lange
dauern.

 Klaus Merz

 

In: Peter von Matt, Dirk Vaihinger (hg.), Die schönsten Gedichte der Schweiz, Nagel & Kimche 2002.

 

Märlistunde im Bücherladen

An Mittwochen ist im Bücherladen Märlistundenzeit – wir entdecken mit euch neue Geschichten, blättern zusammen durch Klassiker und zeigen euch unsere Lieblingsbilderbücher. Das nächste Mal am 2. August!

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Von 14 bis 15 Uhr, für Kinder von 4 bis 8 Jahren. Gerne mit Anmeldung!
mail@buecherladen-appenzell.ch – 071 787 29 30

Dankeswallfahrt und Erinnerungszauber

Das „kleine Frühling“-Team auf dem Rückweg von der Sonnenhalbkapelle. Die Gut-Wetter-Wallfahrt im Mai hat Wirkung gezeigt – auf die Minute genau waren Sonnenschein und Regen verteilt bei unserem Buch-Kunst-Festival!

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Nachlese zum „kleinen Frühling 2017“

Die Lüftlein waren lau
die Stimmung – wow

trocken die Wimpel
zur richtigen Zeit

statt Regen strömten die Leut
es wurden Wellen geschlagen

hinaus in die Welt
Applaus und fröhliche Stimmen

das Treibhaus erfüllt
die Orte, nicht mehr verstohlen

Klänge zum Träumen
in sinniger Nacht

hinauf zu den Sternen
für die Ewigkeit gedacht.

Für all das sei Dank!

 

Margrit Gmünder

JULIGEDICHT

An die Sonne

 Schöner als der beachtliche Mond und sein geadeltes Licht,
Schöner als die Sterne, die berühmten Orden der Nacht,
Viel schöner als der feurige Auftritt eines Kometen
Und zu weit Schönrem berufen als jedes andre Gestirn,
Weil dein und mein Leben jeden Tag an ihr hängt, ist die Sonne.

 Schöne Sonne, die aufgeht, ihr Werk nicht vergessen hat
Und beendet, am schönsten im Sommer, wenn ein Tag
An den Küsten verdampft und ohne Kraft gespiegelt die Segel
Über dein Aug ziehn, bis du müde wirst und das letzte verkürzt.

 Ohne die Sonne nimmt auch die Kunst wieder den Schleier,
Du erscheinst mir nicht mehr, und die See und der Sand,
Von Schatten gepeitscht, fliehen unter mein Lid.

 Schönes Licht, das uns warm hält, bewahrt und wunderbar sorgt,
Daß ich wieder sehe und daß ich dich wiederseh!

 Nichts Schönres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein…

 Nichts Schönres als den Stab im Wasser zu sehn und den Vogel oben,
Der seinen Flug überlegt, und unten die Fische im Schwarm,
Gefärbt, geformt, in die Welt gekommen mit einer Sendung von Licht,
Und den Umkreis zu sehn, das Geviert eines Felds, das Tausendeck meines Lands
Und das Kleid, das du angetan hast. Und dein Kleid, glockig und blau!

 Schönes Blau, in dem die Pfauen spazieren und sich verneigen,
Blau der Fernen, der Zonen des Glücks mit den Wettern für mein Gefühl,
Blauer Zufall am Horizont! Und meine begeisterten Augen
Weiten sich wieder und blinken und brennen sich wund.

 Schöne Sonne, der vom Staub noch die größte Bewundrung gebührt,
Drum werde ich nicht wegen dem Mond und den Sternen und nicht,
Weil die Nacht mit Kometen prahlt und in mir einen Narren sucht,
Sondern deinetwegen und bald endlos und wie um nichts sonst
Klage führen über den unabwendbaren Verlust meiner Augen.

 Ingeborg Bachmann

 

In: Ingeborg Bachmann, Werke 1, Piper 2010.