Lahme Ente, blindes Huhn

Eines Tages stolpert ein blindes Huhn ins sichere Gehege einer lahmen Ente. Blindes Huhn will unbedingt Abenteuer erleben, will da hinwandern, wo alle Wünsche in Erfüllung gehen. Lahme Ente wäre da eine ideale Reisebegleitung, weil blindes Huhn ja eine Art Blindenhund braucht. Lahme Ente ist überhaupt nicht begeistert, ihr sicheres Zuhause zu verlassen, lässt sich aber schliesslich doch überreden. Wünsche sind wichtig, auch wenn es nur diejenigen eines blinden Huhns sind. So machen sich die beiden auf den Weg. Am Anfang geht alles gut, aber je weiter sie kommen, umso gefährlicher wird diese Wanderung und umso anstrengender auch. Natürlich geraten sie immer wieder in Streit, aber das Versöhnen danach ist umso schöner. Beide verändern sich auf dieser waghalsigen Reise: Lahme Ente wird mutiger und lernt von Huhn sogar das Tanzen. Blindes Huhn entdeckt, dass nachdenken und ausruhen manchmal wichtig ist und dass sich dabei Wünsche auch verändern können. Beide spüren, wie lieb sie sich gegenseitig werden und dass sie richtig gute Freunde geworden sind. Ja, und ganz zum Schluss, da kommt es zum Eklat: Lahme Ente hat blindes Huhn nämlich die ganze Zeit an der Nase herumgeführt. Die beiden haben das sichere Gehege niemals verlassen, sind im Kreis gewandert und haben doch so unsagbar viel erlebt und gelernt.

Leserinnen und Leser gehen, genauso wie das blinde Huhn, der Ente auf den Leim. Aus diesem Grund ist das Buch überaus spannend, man hat gemeinsam mit dem blinden Huhn Angst vor der tiefen Schlucht oder hat Mitleid mit der Ente, weil sie schon so müde ist und mit ihrem lahmen Bein kaum den Berg hinaufkommt. Natürlich erinnert der Plot an die berühmte Geschichte von Janosch über Panama. Diesmal allerdings sind Lesende nicht klüger als das blinde Huhn und lassen sich von der lahmen Ente genauso zum Narren halten. Einmal mehr hat Ulrich Hub ein tiefsinniges, amüsantes und auch spannendes Buch geschrieben. In diesem Fall eine Art Parabel über all das, was im Leben wirklich wichtig ist. Jörg Mühle hat diese kluge, sinnige Geschichte einmalig passend illustriert. Das Buch eignet sich sehr gut zum Vorlesen für Kinder ab etwa 7 Jahren.

Maria Riss

Ulrich Hub und Jörg Mühle (Illustrationen): „Lahme Ente, blindes Huhn“, Carlsen Verlag 2021.

Wie viel von diesen Hügeln ist Gold

In Peking geboren und in den USA aufgewachsen, hat C Pam Zhang eine Gegenerzählung zum altbackenen Narrativ des Wilden Westens geschaffen, einen neuen Blickwinkel beleuchtet, eine Klageschrift verfasst.

Vor dem Hintergrund des kalifornischen Goldrausches erzählt die Autorin mit messerscharfer Sprache die Geschichte von Bruchstücken einer Familie.
Mit aller Härte werden die Lesenden ab der ersten Seite regelrecht von der unbarmherzigen Lebensrealität der Geschwister Lucy, 12 Jahre alt und Sam, 11 Jahre alt, verschlungen.
Gerade Waisen geworden, sollen die beiden in einer Welt bestehen, die von Rauheit regiert wird. Dabei sind sie ja nicht einmal von «hier» und sollten, wie ihnen immer zu spüren gegeben wird, besser nach «dort» zurückkehren, wo sie hergekommen sind. Dabei wissen sie doch nicht einmal wo «dort» sein soll. Nur dass es «dort « schöner ist, das hat ihnen jedenfalls Ma, ihre Mutter, immer wieder gesagt, bevor auch sie in der glühenden Wüste ihr Ende fand. Ausserdem können sie nicht weg, denn sie müssen zuerst einen Ort finden, an dem sie Ba, ihren Vater, begraben können. Mit einem gestohlenen Pferd und Ba’s Leiche im Gepäck, beginnt eine Reise, welcher ich, trotz aller Unerbittlichkeit, einfach nicht mehr entkommen konnte.
Mit gleissendem Erzählstil, welcher der kalifornischen Hitze in nichts nachsteht, wirft Zhang ein neues Licht auf alte, gewichtige Themen, behandelt grosse Fragen und trifft die Lesenden immer wieder mitten ins Herz. Ein unkonventionelles, ganz grosses Meisterstück.

Can Tolga

Zhang, P Cam: Wie viel von diesen Hügeln ist Gold, Fischer S. Verlag 2021.

Schrecken & Zuversicht

Dieses schmale Buch ist ein unergründ-licher Raum in Finsternis. Und wo Dunkelheit herrscht, kann Licht wirken. Sogleich tauchen wir ein und folgen einer hellen Fackel – dem elfjährigen Martin, durch seine düstere Welt, die er unbeirrbar durchwandert. In einer Zeit, geprägt von Armut und Gewalt, ist Martin auf sich gestellt. Sein einziger Freund und Gefährte ist ein schwarzer Hahn, der zu ihm spricht. Die Menschen sind schlecht und verschlagen, misstrauend und grob. Martin ist wie nicht von dieser Welt. Sein Wesen ist rein und aufrecht. Sein Herz ist von Mitgefühl und Unschuld umschützt. Als der Kirchenmaler ins Dorf kommt und später weiterzieht, ergreift Martin den Moment und geht mit. Seine Mission: den schwarzen Reiter zu finden, welcher der Legende nach jedes Jahr ein Kind entführt. Dem Leid will Martin ein Ende setzen. Mit unglaublichem Gespür für Atmosphäre und Sprachmelodie, entführt uns Stefanie vor Schulte in eine märchenhafte Landschaft, wo der Schrecken um sich greift. Umso stärker leuchtet die feine Kraft der Güte, die Hoffnung, dass die Welt noch zu retten ist.

Vanja Hutter

Junge mit schwarzem Hahn„, Stefanie vor Schulte, Diogenes Verlag

Das Dämmern der Welt

Der Filmemacher Werner Herzog hat nach langer Zeit wieder ein Buch geschrieben. Und was für eines! Er erzählt darin die Geschichte des japanischen Soldaten Hiroo Onoda, der dreissig Jahre auf der philippinischen Insel Lubang ausharrt und nicht erfährt, dass der Zweite Weltkrieg sein Ende gefunden hat. Der einsame Krieger verteidigt die bedeutungslose Insel jahrzehntelang und versteckt sich im Dschungel. Erst 1974 gelingt es einem japanischen Studenten, Onoda zu finden. Onoda jedoch weigert sich weiterhin, aufzugeben. Er wartet auf den Befehl seines Vorgesetzten. Dieser wird nach Lubang gebracht und befiehlt Onoda, sich zu ergeben. Später flieht Onoda vor dem Rummel um seine Person nach Brasilien und wird Viehzüchter. Gegen Ende seines Lebens kehrt er nach Japan zurück und gründet Naturschulen gegen den Wertezerfall in seinem Land. Onoda stirbt 2014 in seinem Heimatland.

Herzog erzählt uns seine Version dieser unglaublichen Geschichte in einer schnörkellosen, poetischen Sprache und findet Bilder für Onodas Gedanken und Befindlichkeiten, die noch lange nachklingen. Herzog beginnt die Erzählung mit seiner Reise nach Japan. Bei einem Abendessen, am Vorabend einer Operninszenierung, wird ihm freudig mitgeteilt, dass er den Kaiser treffen darf. Herzog liegt nichts daran, den Tenno zu sehen und einige Floskeln auszutauschen. Die Tischgesellschaft verstummt und Werner Herzog weiss augenblicklich, dass das ein grober Fehler war, dass er den Kaiser beleidigt hat. Er versucht, sich aus der Misere zu retten und als er gefragt wird, wen er denn sonst treffen möchte, antwortet er ohne Zögern: Hiroo Onoda. Die Bitte wird ihm gewährt. Fasziniert vom Leben dieses einsamen Kriegers im Dschungel denkt der Autor dessen Geschichte neu.

«Nach dem Besuch im Schrein hatten wir bis in die Nacht hinein eine Unterhaltung im Park. War er ein Schlafwandler, damals, oder träumte er das Heute, das Jetzt? Oft auf Lubang rätselte er über diese Frage. Es gab keinen Beweis, dass er, wenn er wach war, wach war, und keinen Beweis, dass er, wenn er träumte, träumte. Das Dämmern der Welt.»

Carol Forster

„Das Dämmern der Welt“ von Werner Herzog, Hanser Verlag 2021.

Septembergedicht

Herbstanfang

Stumm
stehen im Regen die Schafe.
Sie wissen alles über Disteln und Gras,
und Disteln und Gras wissen alles über sie.
Die Vögel brechen ihr Lager ab,
sie wollen den Boden unter den Füssen verlieren,
der Nebel lässt nicht mit sich handeln.
Am Mückenfenster kleben Hornissen,
es ist der Wind, der ihre Beinchen bewegt.
Jetzt sollte man schnell sein Herz an etwas hängen,
um das Gewicht der Zeit nicht zu spüren,
den Machtwechsel, der die Leere vorbereitet.
Denn noch leben wir doch und kennen das Gift
des Glücklichseins beim Anblick der Schafe.

Michael Krüger: „Im Wald, im Holzhaus“, Suhrkamp 2021.

Phon

Und wieder trägt mich meine Lektüre in den Osten, in die russische Wildnis wo die Zeit stehengeblieben ist und alles melancholischer klingt als in anderen Ländern, «weil wir Schienen haben, die endlos lang sind, und Winter, die nicht wanken und weichen, und noch so ein paar Dinge, die einen zum Jaulen und Rosten bringen.»

Die beiden idealistischen Zoologen Nadja und Lew haben in ihren jungen Jahren in den weiten Wäldern Westrusslands ein „Laboratorium der Unabhängigkeit“ gegründet. Mittlerweile sind sie als einzige Dorfbewohner zurückgeblieben und Nadja sucht in der Gesellschaft ihrer Tiere Ruhe und Frieden, während ihr Mann Lew zunehmend verwirrt auf seltsame „Grosse Geräusche“ reagiert, die scheinbar nur sie hören. Seinen immer dringlicheren Versuchen, eine Erklärung dafür zu finden, begegnet sie mit Zurückhaltung. Sie kann gut mit dem ungelösten Rätsel leben. Was Nadja hingegen zunehmend schwer fällt, ist, die Erinnerungen an ihre Tochter Vera, an die Geliebte ihres Mannes Esther und an die jungen Bären und den Unfall zu unterdrücken.

Es ist bestimmt nicht immer einfach, der unzuverlässigen Erzählerin Nadja durch die kalten russischen Nächte und die langen Tage enormer Leere, die ab und an mit einem Gläschen Wodka gefüllt werden, zu folgen. Aber es lohnt sich, denn die Freude am Geschichtenerzählen ist spürbar und «vielleicht dreht sich das Leben ja darum, welche Geschichte wir beschließen zu erzählen.“ Ein mysteriöser, dunkler, psychologischer und vielschichtiger Roman, bei dem es um das Geheimnisvolle in einer Welt geht, die alles erklären will.

Anna-Lena Fässler

Marente de Moor: Phon, Roman Hanser 2021.

Den Hund überleben

Sebastian ist ein Junger Mann von 24 Jahren, dem die die ganze Welt mit all ihren Möglichkeiten offensteht.
Zu Beginn der Geschichte befindet er sich in Paris, wo er mit Freundin Su Nächte durchzecht und Zukunftspläne schmiedet. Alles scheint perfekt, wäre da nicht die plötzliche Übelkeit und ein Zwicken unter seinem Rippenbogen.
Nichts Schlimmes, versichert ihm sein Hausarzt, als er wieder in Deutschland ist, und schickt ihn nur zur Sicherheit zum Radiologen – eine Routineuntersuchung.
Wie in Watte gepackt hört Sebastian diesen von einem Tumor reden, von einem Lymphom, von weiteren Arztbesuchen.
Von einem Moment auf den anderen werden die Zukunftspläne von einem einzigen, allumfassenden Plan abgelöst; dem Plan zu überleben.
Sebastian will sich nicht verlieren, will kämpfen und der Krankheit nicht das Zepter überlassen. Lesende begleiten ihn, seine Freunde und seine Familie durch eine unvorstellbare Zeit, können nicht anders als mitfühlen, mitkämpfen.

In unvergleichlichem Ton, viel Einfühlungsvermögen und Humor zeichnet Stefan Hornbach das Bild eines bewundernswerten jungen Mannes, der mit einem unbarmherzigen Schicksal geschlagen ist. Eine Geschichte über Vergänglichkeit, Zusammenhalt und Menschlichkeit.
Ob Sebastian seinen Kampf gewinnt, dies sei an dieser Stelle noch nicht verraten, zu berührend und eindrücklich ist diese Geschichte zu lesen.


Ich konnte nicht anders als weiterzulesen, vielleicht auch in der Hoffnung, so für Sebastian da sein zu können, ihm etwas von meiner Kraft abzugeben, mit ihm zu hoffen und zu bangen.

Can Tolga

Sebastian Hornbach: „Den Hund überleben“, Hanser 2021.

Ascona

In der Nacht vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler flieht Erich Maria Remarque in seinem Lancia in die Schweiz, nach Ascona. Seit 1931 besitzt er am Lago Maggiore ein Haus. Sein Roman „Im Westen nichts Neues“ aus dem Jahr 1929 wurde in viele Sprachen übersetzt, gar verfilmt. Remarque ist erfolgreich und ohne Geldsorgen, aber in grosser Gefahr. Seine Werke werden von den Nationalsozialisten verbrannt. Im Exil verfällt der Dichter mehr und mehr in Depressionen, die er mit Alkohol und Zigaretten zu betäuben versucht. Gleichzeitig füllt sich Ascona täglich mit neuen Künstlerinnen, Intellektuellen und Schriftstellern, die vor dem Nationalsozialismus fliehen und sich gegenseitig Halt geben. Das Buch erzählt die sechs dramatischen Jahre des schillernden Autors, die er in Ascona verbracht hat, bevor er auf Anraten seiner damaligen Liebschaft Marlene Dietrich in die USA auswanderte. Edgar Rai ist mit „Ascona“ ein spannender, gut recherchierter Tatsachenroman gelungen – grossartig und sehr lesenswert!

Carol Forster

„Ascona“ von Edgar Rai, Piper 2021.

Augustgedicht

Бузина

Бузина цельный сад залила!
Бузина зелена, зелена,
Зеленее, чем плесень на чане!
Зелена, значит лето в начале,
Синева — до скончания дней!
Бузина моих глаз зеленей!

А потом — через ночь — костром
Растопчинским, — в очах красно
От бузинной пузырчатой трели.
Красней кори на собственном теле,
По всем порам твоим, лазорь,
Рассыпающаяся корь

Бузины — до зимы, до зимы!
Что за краски разведены
В мелкой ягоде слаще яда!
Кумача, сургуча и ада
Смесь, коралловых мелких бус
Блеск, запекшейся крови вкус.

Бузина казнена, казнена!
Бузина — целый сад залила
Кровью юных и кровью чистых,
Кровью веточек огнекистых, —
Веселейшей из всех кровей:
Кровью лета — твоей — моей.

А потом — водопад зерна,
А потом — бузина черна:
С чем-то сливовым, с чем-то липким.
…Над калиткой, стонавшей скрипкой,
Возле дома, который пуст,
Одинокий бузинный куст.

Новоселы моей страны!
Из-за ягоды — бузины,
Детской жажды моей багровой,
Из-за древа и из-за слова:
Бузина (по сей день ночьми…)
Яда, всосанного очьми….

Holunder

Der Holunder hat den ganzen Garten übergossen!
Der Holunder ist grün, grün durch die Zäune geflossen!
Grüner als die Haut auf den Wassertonnen!
So grün hat der Sommer gerade begonnen!
Grün himmlische Bläue verspricht!
Grüner Holunder: grüner sind meine Augen nicht!

Dann wird über Nacht die Lunte geworfen, der Garte loht
Er knistert. In den Augen ist es so rot
Vom perlenden Jubel jeder einzelnen Beerenscheibe.
Viel röter als Röteln am eigenen Leibe
Aus deinen verschwenderischen Poren, schöner Azur
Tagelang rieselnde Röte nur

Des Strauchs Holunder.
Rüttele nicht, rüttele nicht
Ach, welch kräftige Farben sind hier gemischt
Im kleinen Gefäss der Beere, und süsser als Gift.
Korallenzweiglein Ketten verführender Glanz, er trifft
Gemische roten Kattuns und höllischen Siegellacks
Vergossenen Blutes süssen Geschmack.

Der Holunder ist gerichtet, sein Blut ist geflossen!
Der Holunder hat den Garten ganz übergossen
Mit dem Blut der Jungen, dem Blute der Reinen
Mit Blut aus seinen Feuchthändenzweigen
Mit dem fröhlichsten allen Blutes, mit deinem Schöndunklen Herzblut und meinem.

Danach aber ein körniger Wasserfall
Danach aber schwarzer Farben Zusammenprall.
Und pflaumenklebrig mit dunklen zweigen
Geneigt über die Pforte, die stöhnt wie zerbrochene Geigen
Am Haus, das leer ist, jahrelang ohne Rauch
Der Zurückgebliebene, der Holunderstrauch.

Ein neuer Bürger meines Landes wieder werden!
Wegen der kleinen Holunderbeeren
Der Sehnsucht und meines farbigen Kindertraums;
Des Worts Holunder wegen, wie auch des Baums:
(Bis heute träum ich von ihm als meinem Vertrauten)
Und auch des Gifts wegen, eingesaugt von den Augen.

Marina Zwetajewa 11. September 1931 – 21. Mai 1935 – übersetzt von Sarah Kirsch

Gefunden in: „Der Drang nach Haus – Gedichte aus dem Exil“ von Marina Zwetajewa, Friedenauer Presse Berlin, Berlin 2019.

Evie und die Macht der Tiere

Evie besitzt eine seltene Gabe: Sie kann die Gedanken der Tiere lesen und sich mit ihnen unterhalten. Alles beginnt mit dem Schulkaninchen, das sich bei Evie über den jämmerlichen Käfig beklagt. Kurzerhand wird das Kaninchen nun befreit, hinaus in den Wald soll das arme Tier. Dies natürlich sehr zum Ärger des Schuldirektors. Auch Evies Vater ist deswegen böse und verbietet ihr ab sofort, mit irgendwelchen Tieren Kontakt aufzunehmen, denn dies sei extrem gefährlich, meint er. Aber Evie kann doch nicht einfach zusehen wie ein kleiner Junge, der im Zoo in den Löwenkäfig gefallen ist, angegriffen und gefressen wird! Also nutzt sie ihre Gabe immer wieder, sie kann nicht anders. Natürlich erfährt die Presse davon und Evie wird mit einem Schlag berühmt. Sie weiss jedoch nicht, dass Mortimer hinter ihr her ist, dass dieser Typ ebenfalls dieselbe Gabe besitzt und Evie vernichten will. Mortimer macht nämlich Tiere gefügig, benutzt sie und will mit deren Hilfe die Welt beherrschen. Bald verschwinden auf unerklärliche Weise sämtliche Haustiere in der Gegend. Jetzt muss Evie handeln und zwar sofort. Dass dies ziemlich gefährlich wird, versteht sich von selbst. Aber Evie ist überaus mutig und sie kann, wenn es wirklich darauf ankommt, auch auf ein paar kluge, unbestechliche Freundinnen und Freunde aus dem Tierreich zählen.

Matt Haig hat ein Buch geschrieben, das alle Kriterien für ein wirklich gutes Kinderbuch erfüllt: Eine überaus packende Handlung mit vielen unvorhersehbaren Wendungen, die richtige Menge Humor und eine Protagonistin, die man gleich zu Beginn schon ins Herz schliesst. Hinzu kommt, dass die Geschichte an manchen Stellen tiefsinnig ist und voll von wichtigen Einsichten. Das Buch ist klar gegliedert und mit ganz wundervollen Zeichnungen illustriert. Ein Lese- und Vorlesevergnügen für Kinder ab etwa 10 Jahren.

Das Buch ist auch als Hörbuch, genial gesprochen von Rufus Beck, erhältlich.

Maria Riss

Matt Haig: Evie und die Macht der Tiere, Hanser 2021.

Der erste Schatz!

Bei Jami Attenberg’s letztem Buch «Nicht mein Ding» musste ich vehement widersprechen – doch, absolut mein Ding! Jetzt ist ihr neues Buch erschienen «Ist alles deins!» und diesmal hat sie recht.. was für ein Glück,
316 Seiten = ALLES MEINS!

Die amerikanische Autorin Jami Attenberg hat schon einige andere Bücher veröffentlicht und was sie alle miteinander verbindet, ist das ganz persönliche, universelle Glück und Unglück „Familie“. Ihre Bücher lesen sich in einer Nacht, sie reissen mit und an einem, schonen nicht und trösten unverhofft.

Manchmal kann ich fünfzig Seiten lesen, bis ich weiss JA, manchmal reicht eine Seite und manchmal ganz geschmeidig, greift die Angel schon beim ersten Satz und ich bin an Bord.

So eben hier, sofort:

«Er war ein wütender Mann, und er war ein hässlicher Mann, und er war hochgewachsen, und wieder einmal schritt er auf und ab.»

Dieser Mann hat nicht mehr viel zu sagen, liegt er doch gleich nach ein paar Seiten bereits in der Notaufnahme. Doch was er alles verschweigt spricht Bände. Schauplatz New Orleans, ein heisser Augusttag, Trump schattet über ein vom Hurrikan Katrina gezeichnetes Land. Die Familie des schwerreichen, skrupellosen, wütenden Geschäftsmannes Victor, wird durch seinen Zusammenbruch aufgerüttelt. Lang Gehütetes, Verdecktes drängt sich an die Oberfläche. Während sein Sohn Gary sich weigert ihn zu besuchen, sucht seine Tochter Alex den Sterbenden auf, vor allem um ihre Mutter Barbra endlich zu einem Geständnis zu bringen. Messerscharf führt uns Jami Attenberg Verstrickungen vor, den schmalen Grat von Loyalität und Abhängigkeit. Ein düsterer Familienroman und nicht desto Trotz ein Buch über die Kraft der Liebe.

Vanja Hutter

„Ist alles deins“ Jami Attenberg, erschienen im Schöffling & Co. Verlag

Geisterwand

Sarah Moss legt mit ihrem Buch «Geisterwand» eine ungewöhnliche, düstere Geschichte vor, die auf unkonventionelle Weise wichtige Themen anspricht. Das Buch fesselt mit seinem eleganten, schnörkellos direkten Schreibstil, stimmungsvollen Naturbeschreibungen und einer komplexen Ich-Erzählerin.

Bill, Silvies Vater, hegt eine schier unbeschreibliche Begeisterung für die britischen Stämme der Frühgeschichte. Unbeschreiblich ist auch seine Herrschsucht, die Silvie und ihre Mutter stets zu spüren bekommen. Schliesslich sollten Frauen ihren Platz kennen und diesen Platz bestimmt einzig Bill. Dabei schreckt er auch nicht vor Gewalt zurück, um den Gehorsam seiner Familie einzufordern. Auf sein Geheiss verbringt Silvie widerwillig die Ferien mit ihren Eltern in einem Eisenzeit-Camp im englischen Northumberland, zusammen mit Studierenden und deren Professor Dr. Slade.
Während Mutter und Tochter auch im Camp unter Bill zu leiden haben, wird eine Studentin auf die schrecklichen Verhältnisse in dieser Familie aufmerksam, doch Silvies Scham ist gross und die Angst ihren Vater zu erzürnen allgegenwärtig.
Voll von Spannungsfeldern zwischen Antike und Moderne, sozialen Klassen, Angst und Mut spitzt sich die Situation unaufhaltsam zu. Sarah Moss schlägt mühelos Parallelen von der unerbittlichen Eisenzeit zur Unerbittlichkeit der Gegenwart und lässt Lesende nicht kalt.

Can Tolga

„Geisterwand“ von Sarah Moss, Berlin Verlag 2021.

Vom Sinn des Buches

Wer gerne Bücher streichelt, an Büchern riecht und sich in Buchseiten hineinfallen lässt, der und die kennt sie, die Bücher vom Steidl Verlag. Ein Fest für die Sinne sind sie – und lassen beim Lesen und Schauen gedankenseits Aha-Erlebnisse aufblubbern. Wir haben nun das Glück, dass Roland Scotti vom Kunstmuseum Appenzell einen besonderen Draht zum Steidl Verlag gespannt hat und so einen Einblick in die Steidl-Buchkultur mitgestalten kann. Die wunderbar sinnliche Austellung heisst „Zaubern auf weisses Papier“ und macht neugierig. Was steckt hinter diesem Zauber, wie wird aus Idee Buch und aus Buch Erlebnis und Skulptur? Gerhard Steidl selber war zu Gast im Kunstmuseum Appenzell und versprühte mit Fachwissen umfangene Buchliebe. Was für ein Privileg, so an das Handwerk des Bücherverlegens herangeführt zu werden! Gedanken zur Papierauswahl und Typografie, das Buch als Ausstellungskonzept von Dayanita Singh, Geschichtschreibung durch das ultimative Fotobuch von Gilles Peress, kluge Werkausgaben von Santu Mofokeng und Günter Grass, Verpackung als Buchbestandteil … sonnenklar, das Buch als Objekt, und nicht bloss als nackter Text, macht Freude und Sinn.

Die Ausstellung läuft weiter bis zum 19. September. Vielleicht sehen wir uns da – ich werde immer wieder mal leicht entrückt durch die Räume flanieren, in den Seiten blättern und die Bilder auf mich wirken lassen.

Melina Cajochen

Heisse Tipps und kühle Brise

Anna-Lena empfiehlt…

„Durch den wilden Kaukasus“ herausgegeben und illustriert von Kat Menschik

Über dieses Büchlein habe ich mich ungemein gefreut! Ich bin ein grosser Fan von Kat Menschiks Illustrationen – dass sie jetzt auch noch meine Leidenschaft für Georgien und seine reiche Literatur teilt – umso schöner. Einfach zum wegträumen!

„Schwärmer und Schnaken“ von Harry Martinson

Sommerzeit – Entdeckerzeit! Dieses Jahr bin ich auf den kleinen, feinen Guggolz Verlag gestossen, dessen Ziel es unter anderem ist, „Regionen auf der literarischen Landkarte sichtbar zu machen, die häufig nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Abseits der kulturellen Metropolen findet sich die Literatur, die sich nicht so sehr nach Moden oder dem Zeitgeist richten muss, sondern die näher am alltäglichen Leben der Menschen ist und den Raum und die Freiheit hat, sich in ihrer Eigenheit zu entwickeln“. So zum Beispiel der wunderbare Band „Schwärmer und Schnaken“ aus Schweden. Präzise Formulierungen, die das Wesen einer Erscheinung erfassen, machen den Naturessayband zu einem wunderschönen Leseerlebnis.

„Fang den Hasen“ von Lana Bastašić

Ein bisschen Frauenfreundschaft à la Ferrante (teilweise destruktiv, teilweise beflügelnd aber nicht ganz so langatmig), ein bisschen Roadtripp durch Bosnien, ein bisschen Reise in die Vergangenheit und Identitätssuche – ganz viel Power und Lesevergnügen bei diesem tollen Debütroman von Lana Bastašić!

Heisse Tipps und kühle Brise

Maria empfiehlt…

Die ganze Wahrheit (wie Mason Buttle sie erzählt)“ von Leslie Connor

Leslie Connor hat ein wunderbares, tiefgründiges Buch geschrieben, das zurecht in Amerika schon mehrfach ausgezeichnet wurde. Wenn es ein lesenswertes und spannendes Buch über Diversität, über Integration und gegenseitigen Respekt gibt, ist es ist wohl diese «ganze Wahrheit» von Mason Buttle. Man könnte den Inhalt dieses Buches auch als ergreifende Lektion in Sachen Menschlichkeit bezeichnen. Für Menschen ab etwa 12 Jahren.

„Dulcinea im Zauberwald“ von Ole Könnecke

Dulcinea ist ein überaus mutiges Mädchen, dass sich ganz allein ins Schloss der fürchterlichen Hexe traut, um ihren Vater zu befreien. Ole Könnecke hat ein witzig freches modernes Märchen geschaffen, mit wundervoll klaren Bildern, die den leicht lakonischen Text wunderbar ergänzen. Spannung und Witz zum Vorlesen ab etwa 5 Jahren.

„Mats & Milad“ von Eva Rottmann

Die junge, bereits mehrfach ausgezeichnete Autorin aus der Schweiz hat eine berührende und gleichzeitig sehr spannende Liebesgeschichte geschrieben. Im Buch geh es nebst diesen wundervollen Gefühlen aber auch um Toleranz, um gegenseitigen Respekt und darum, für die eigene Meinung einzustehen. Für Jugendliche.

„Igel und Schnuff“ von Lauren Castillo

Ein mächtiger Sturm hat den kleinen Stoffhund, Igels allerbesten Freund, einfach fortgeweht. Natürlich macht sich Igel sofort auf den Weg, seinen treuen Begleiter zu suchen. Das Bestechende an diesem kleinen Band sind die Einfachheit der Geschichte, die Reduktion auf das Wesentliche und die wunderbaren Bilder, die das Verstehen nicht nur unterstützen, sondern auch erweitern. Ein ideales Vorlesebuch für ganz kleine Kinder.

Heisse Tipps und kühle Brise

Carol empfiehlt…

„Abendflüge“ von Helen Macdonald

Mit „H wie Habicht“ wurde Helen McDonald zum Shootingstar des Nature Writing. In ihrem neuen Essayband „Abendflüge“ schreibt sie über Mauersegler, Hasen und Hirsche, Gewitter und Vogelwarten, Ameisen und Verstecke. Fasziniert von der Natur zeigt uns die Autorin glasklar, wie wir die Natur und verborgene Lebensräume mit anderen Augen sehen können. Das beste Buch für den Leseplatz im Garten!

„Adas Raum“ von Sharon Dodua Otoo

Ein Art Weltgeist, ein Lufthauch durchzieht sechs Jahrhunderte und fährt hier in einen Türklopfer, dort in einen Reisigbesen, dann in einen Reisepass und in Räume eines Zimmers. Aus der Perspektive dieser Gegenstände werden die Leben von vier Frauen erzählt, die alle Ada heissen. Ein Armband wandert durch die Zeitebenen und verbindet die Geschichten der vier Adas miteinander. Das grossartige Debüt der Bachmannpreisträgerin – spannend, engagiert, intelligent und anarchisch!

„W“ von Steve Sem-Sandberg

W. ist Woyzeck. Der schwedische Autor Sem-Sandberg erzählt uns die Geschichte von Woyzecks schicksalhaftem Leben. Als 10jähriger kommt W. im Jahre 1790 beim Perückenmacher Knobloch in die Lehre. Die Mutter ist gestorben, der Vater ein Trinker. Den jungen W. packt das Begehren, die Lust am Hinterherspionieren und Herumlungern als er die Stieftochter des Perückenmachers einmal heimlich beim Waschen beobachtet. Nach langen Wanderjahren, auch als Söldner im versehrten Europa, kehrt er nach Leipzig zurück und als er dort Johanna wiedertrifft, wird ihm sein brutales Leben zum Verhängnis. Ein grossartig erzählter dokumentarischer Roman, der den Blick auf den Menschen Woyzeck und seine Lebensgeschichte richtet. Spannend und erhellend!