Bald – Lesung mit Helen Meier

Am Freitag 19. Januar um 19.30 Uhr im Kleinen Ratssaal, Hauptgasse 6, Appenzell

Lasst uns staunen! – Ruth Erat im Tagblatt zu Helen Meiers neuem Buch:

„Übungen im Torkeln entlang des Falls“ – so lautet der Titel ihres aktuellen Geschichtenbandes. Was haben wir mit Helen Meiers Texten zu schaffen? Dies wird in den Lesungen der Schauspielerin Heidi Maria Glössner auf neue Art zu erleben sein. Die Lesereise führt die beiden Frauen von Trogen über Appenzell, St. Gallen bis nach Gottlieben, dann auch nach Zürich, Bern und Basel. Der Herausgeber Charles Linsmayer moderiert jeweils diese Abende. Sichtbar wird so das Faszinierende, das von Helen Meiers Schaffen und ihrer Persönlichkeit ausgeht. So werden Helen Meiers Leben und Werk als Zeugnis für ein Dasein, das uns Wesentliches zu sagen hat, auf einmalige Weise lebendig, lässt uns jede diese Veranstaltungen an ihrer Sprache und ihrem Wahrnehmen und Denken teilnehmen. Und das macht staunen.

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Herausgeber Charles Linsmayer führt ein Gespräch mit der Autorin. Die Texte aus dem Buch liest die Schauspielerin Heidi Maria Glössner.

Eine Frage der Erziehung

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Die Zeit der guten Vorsätze ist da. Endlich mal «Der Mann ohne Eigenschaften» fertiglesen, mit «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» beginnen oder die Neuübersetzung der Ilias aus dem Manesse Verlag aufschlagen. Für Leser mit Ambitionen also, für Liebhaberinnen herausfordernder Projekte, hätte ich einen neuen Vorschlag: Der frisch übersetzte (und in Teilen noch zu übersetzende) Romanzyklus «Ein Tanz zur Musik der Zeit» von Anthony Powell. In zwölf Bänden spricht die Hauptfigur Nicholas Jenkins von seinem Leben, erzählt von seinen Freunden, von Familie, Bekannten der englischen Oberschicht und analysiert sein und deren Handeln und Gebaren zwischen 1921 und circa 1971.

Nichts ahnend vom Umfang des Zyklus’ nahm ich den ersten Band zur Hand und legte los mit Lesen, erwartete ein unterhaltsames Buch voll mit netten britischen Leutchen und einem bisschen trockenen Humor. Nach einem Drittel der Seiten begann ich mich zu fragen, was zum Teufel der Autor mit dem Leser eigentlich vorhat. Wo ist das Drama, der grosse Spannungsbogen, wo die grosse Erkenntnis, die tiefe Einsicht? Welche Figuren sind nun wichtig, wieso verschwinden so viele davon sang- und klanglos aus dem Leben von Nicholas Jenkins? Und wie kann von diesem kunstlosen Buch eine so grosse Faszination ausgehen? Um meiner Verwirrung Frau zu werden, tat ich etwas, das ich sonst unter allen Umständen unterlasse (auch, weil ich ungern erklärt bekomme, was ich gerade am Lesen bin): Ich blätterte zum Nachwort vor. Und da half mir die Bemerkung von Martin Ebel auf die Sprünge: «Eine ins Unendliche gedehnte Dinnerparty … ein Grossversuch, das Leben zu begreifen.» Ha ja, das ist’s! So ist’s! So wahr. Denn ist es nicht so, das Leben, es ist halt ohne den einen grossen Spannungsbogen, es gibt Leute, die begleiten einen eine Zeitlang, sind wichtig und verschwinden dann auch wieder ohne grosses Trara. Und davon abgesehen, das Text Durchleuchtende, das Zerpflückende mal anhin gestellt, macht es einen Heidenspass zusammen mit Jenkins in der englischen Oberschicht unterwegs zu sein und sich sanft in Powells Sprache fallen zu lassen. Aber lesen Sie doch selber und schenken Sie sich Aha-Erlebnisse in Form kleiner, sich ausbreitender Wellen. Es lohnt sich.

Melina Cajochen

Anthony Powell, Eine Frage der Erziehung, dtv Verlagsgesellschaft 2017

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Januargedicht

Zu Neujahr

Will das Glück nach seinem Sinn
Dir was Gutes schenken,
Sage Dank und nimm es hin
Ohne viel Bedenken.

Jede Gabe sei begrüsst,
Doch vor allen Dingen:
Das, worum du dich bemühst,
Möge dir gelingen.

Wilhelm Busch

In: Alle Tage ein Gedicht, Aufbau Verlag 2017.

«Kleine Stadt der grossen Träume»

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Frederik Backman hat sich in den letzten Jahren mit seinen skurril-liebenswerten Helden in Romanen wie «Ein Mann namens Ove» einen treuen Leserkreis geschaffen, der sich über seinen neuen Roman freuen kann!

Seinen humorvollen Ton verliert er nämlich auch in der Geschichte um ein Kleinstädtchen im schwedischen Nord-Nirgendwo nicht, indem sich alles um Eishockey dreht – allerdings finden sich ungewohnt ernste und nachdenkliche Töne – Tiefgang, den man im ersten Augenblick nicht erwarten würde.

Der Roman beginnt gleich mit einem Knall: Ein Teenager drückt die Mündung einer doppelläufigen Schrotflinte gegen die Stirn eines anderen Menschen und drückt ab. Wie es soweit kommen konnte, wird in den folgenden knapp 500 Seiten sorgfältig aus wechselnden Perspektiven aufgeschlüsselt und man merkt bald, dass wirklich nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Die Sorgen und Schicksale der einzelnen Figuren erscheinen vor dem Hintergrund von Björnstad (Bärenstadt), das seine besten Zeiten schon hinter sich hat und in der sich Kälte, Dunkelheit und steigende Arbeitslosigkeit breit gemacht haben, existentiell. Das Einzige, was die Gemeinschaft zusammenzuhalten scheint, ist die Begeisterung für die erfolgreiche björnstädter Juniorenmannschaft, die wieder Hoffnung und v.a. wirtschaftlichen Aufschwung in die Region bringen soll. Mit ihr werden die Hoffnungen der verschiedenen Charaktere verknüpft. Als sich dann jedoch Kevin, der Held der Mannschaft, ohne den ein Sieg undenkbar ist, eines schweren Verbrechens schuldig macht, wird der Gemeinschaftssinn von Björnstadt auf eine schwere Probe gestellt.

Über die vielen Eishockeymetaphern und eingebauten Cliffhanger lernt man mit der Zeit hinwegzulesen, ansonsten ist Frederik Backman eine wunderbar einfühlsame Erzählung über Gruppendruck, falsch verstandene Loyalität und wahre Freundschaft gelungen – bestens geeignet für gemütliche Winterabende!

 

Anna-Lena Fässler

„Kleine Stadt der grossen Träume“ von Frederik Backman
Fischer Verlag

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Vomhimmelhoch das Schneegestöber

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Rico sagt von sich, tiefbegabt zu sein. Sein bester Freund ist der hochbegabte Oskar. Beide wohnen nun an der Dieffe 93. Mama hat den Bühl, den nettesten Polizisten Berlins geheiratet und sie hat jetzt einen so dicken Bauch, als hätte sie einen Wasserball verschluckt und trägt sehr weite Klamotten wegen der Umstände. Es ist der 24. Dezember und Rico muss unbedingt zusammen mit Oskar nochmals zu Karstadt. Wegen den Geschenken. Seit einiger Zeit hat sich Ricos Tiefbegabung echt gebessert, er könnte, wenn es sein muss, auch ganz alleine zum Kaufhaus laufen und würde den Weg zurück wohl auch wieder finden. Aber mit Oskar macht Einkaufen sehr viel mehr Spass. Unterwegs kommen sie an einem Hinterhof vorbei, den beide möglichst ignorieren. Zu viele schöne und auch enttäuschende Erinnerungen kommen hoch. Die beiden kaufen also ihre Geschenke und kämpfen sich durch den hohen Schnee heim. Aber Rico lassen die Erinnerungen an den Sommer im Hinterhof nicht mehr los, und er erzählt sie seinen Leserinnen und Lesern nach und nach. Unterdessen tobt draussen ein richtig heftiger Schneesturm. Niemand traut sich mehr raus. Auch an der Dieffe 93 geht so ziemlich alles drunter und drüber und keiner weiss, wie dieser verrückte Tag noch enden wird. Plötzlich stehen da auch frühere Freunde vom Hinterhof vor der Tür und die wieder wegzuschicken, das geht bei diesem Wetter beim besten Willen nicht. Rico und Oskar, die helfen fleissig mit am Wirbeln und am Hochhergehen und zu guter Letzt, da gibt es zwei riesengrosse Überraschungen, so richtig Vomhimmelhoch, mit denen wirklich an diesem Abend niemand gerechnet hätte.
Wer gute Laune braucht, nehme dieses Buch zur Hand. Ganz egal, wie alt man ist. Man spürt schier in jeder Zeile, wie viel Spass der Autor am Schreiben hatte und genauso geht es den Leserinnen und Lesern. Man geniesst jedes einzelne Wort, fiebert mit und lacht immer wieder zwischendurch. Und dann kommt dieses wunderfantastische Ende, das man sich genauso erträumt hat. Andreas Steinhöfel ist ein wunderbar einfühlsamer Beobachter, ein Sprachkünstler, ein in jeder Beziehung begnadeter Erzähler. Er hat seiner grossen Leserschaft mit diesem Buch ein einmalig schönes Weihnachtsgeschenk gemacht. Für Kinder ab etwa 10 Jahren.

Maria Riss

 

Andres Steinhöfel: Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch.
Mit Illustrationen von Peter Schössow – Carlsen Verlag

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DEZEMBERGEDICHT

Wie sag ich Wunder
Ist ein Kind geboren
So ist ein Wesen geworden
Können nicht sagen woher
Wie das auch nicht
Ist so ein, so ein
-stotterwunderstotter–
Wollen es legen in ein
Es im Arm bergen bis
Heben es sachte woraus
Halten die Nächte im Aug
Wagen kaum manchmal
Diese Nächte ganz müd
Scheint mir hoher Besuch
Fühlt sich wie Last
Und Lust fühlt sich wie
Kommen alle herbei
Sind jung auf zweimal
Riecht das Süsse so
Summt die Wärme
Gurrt das Glück, so so
Sind die Tage voll Wun
Sag, wie, wie sag ich
Wunder

Nora Gomringer

 

In: Nora Gomringer, Mein Gedicht fragt nicht lange, Voland & Quist 2011.

Märlistunde im November

Drachenspucke, Feentanz, Dromedarkuss – irgendwie hat unserer Märlierzählerin ihr Erzählorgan zurückgekriegt! Unsere Märlistunde im November findet am Mittwoch den 22. statt. Wir freuen uns auf euch und die neuen Geschichten.

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Von 14 bis 15 Uhr, für Kinder von 4 bis 8 Jahren. Gerne mit Anmeldung!
mail@buecherladen-appenzell.ch – 071 787 29 30

Fox, Krokodil und tierischer Mensch

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Ich wollte nie nach Australien. Auf keinen Fall. Diese riesigen Insekten kann ich schon von hier aus sehen! Aber dann.. Immer wieder muss ein Krimi dran glauben und ich nehm ihn mit aufs Küchensofa. Aber bloss welchen? Gut gibt’s auch Buchhändlerinnen für Buchhändlerinnen und Melina weiss Rat – Stunden und Kapitel später bin ich schon daheim im australischen Crimson Lake.

Und Melina erzählt: Ted Conkaffey sitzt auf seiner Veranda und beobachtet seine Gänse – weit weg von Sydney, der Verurteilung und der Medienhetze tastet er sich zurück in eine Art Alltag. Doch es lässt ihn nicht in Ruhe, das Leben – die wohltuend durchgeknallte Aussenseiterin und Privatdetektivin Amanda Pharell braucht seine Hilfe. Während sie zusammen das Verschwinden eines berühmten Schauspielers untersuchen, ermittelt Conkaffey auf eigene Faust im weit zurückliegenden Fall seiner Partnerin. Die örtliche Polizei sieht das gar nicht gerne und versucht ihn mit rabiaten Mitteln daran zu hindern. Als die Medien erfahren, wer da neuerdings in ihrem hübschen Kleinstädtchen wohnt, wird es heiss, sehr sehr heiss für Conkaffey.

Und ich frage: Melina, hat dieses Buch deine Haltung zu Krokodilen verändert?
Ganz und gar nicht – froh war ich, dass Ted seine Gartenzäune immer wieder mal kontrollierte. Und seine Gänse davongekommen sind… Obwohl, gegen Ende werden sie doch noch recht nützlich, die grossen grünen Echsenviecher. Ein Grande Finale, das ein bisschen Freude zurück ins Leben von Conkaffey bringt. Sehr befriedigend.

Vanja Hutter

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NOVEMBERGEDICHT

Hinterlass ein Zeichen

Hinterlass ein Zeichen, schreib die Namen,
die dich quälen, an die Wand eines Pissoirs.
Mal einen Strich. Und schreib: Wer so hoch
pinkeln kann, melde sich bei der Feuerwehr.
Hinterlass ein Zeichen, Kind oder Kegel.
Jemand weiss, dass du wiederkehrst.
Giess Wasser auf die Wüste des Nachbarn.
Vielleicht hat er seinen Boden besät
und weiss es nicht mehr. Der von nebenan.
Und pflanz keinen Efeu. Der wächst von allein.
Begeh kein Verbrechen. Es wird dich erschrecken
wenn du, wiederkehrend, die Gründe nicht kennst.
Hinterlass ein Zeichen. Bestiehl die Reichen.
Verachte die Armut. Sie wird dich erkennen.
Spuck aufs Geld. Es wird dich begrüssen.
Lass dich malen. Bau Häuser. Erfind eine Lüge,
von der jedermann sagen wird: Die stammt von dem!
Und man wird sich fürchten vor diesem Wissen.
Hinterlass ein Zeichen. Eine Botschaft. Ein Wort.
Erfind eine Kreuzung von Vogel und Blume.
Und dem ersten Kind, das morgen den Weg kreuzt,
schenkst du den Taglohn und lächelst es an.
Hinterlass ein Zeichen: Um die Welt eines Tages,
nach hundertelf Jahren, wiederzufinden als Heimat.

Jürg Federspiel

 

In: Peter von Matt, Dirk Vaihinger (hg.), Die schönsten Gedichte der Schweiz, Nagel & Kimche 2002.

Bücher allüberall

Bücherläden fern…

80bücher

 

…Bücherläden nah…

unsereschöneB2

 

…Bücherladen ganz nah bei dir!

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Für alle Buchgeniesserinnen und Stöberer – „Meine schöne Buchhandlung“ vom Knesebeck Verlag mit ausgewählten Buchhandlungen aus Deutschland und der Schweiz.

PS: Jubel auf Seite 40 !

 

Alles, alles über Berge

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Dieses neue Sachbuch ist schier allumfassend, was das Thema «Berge» betrifft. Da werden Pistenfahrzeuge präsentiert, Höhlenformationen erklärt, da gibt es Informationen zu allen möglichen Tieren, die sich auf das Leben in der kargen Berglandschaft spezialisiert haben. Da geht es um Schneekristalle, um Gletscher, um Höhenkurven oder um die Kraft des Wassers. Auf jeder Seite werden Leserinnen und Leser aufgefordert, etwas zu tun. Wanderwege einzuzeichnen beispielsweise, kleinere Experimente durchzuführen, Blätter zu analysieren oder Rindenabdrücke zu erstellen. Das Buch besticht vor allem durch die vielen informativen Bilder, die Texte sind auf ein absolutes Minimum reduziert. Ein bisschen ähnelt die Aufmachung einem Comic; so erhalten auch eher lesefaule, aber interessierte Kinder Lust auf die Lektüre. Für Bibliotheken eignet sich das Buch weniger, weil Nutzerinnen und Nutzer immer wieder ins Buch malen sollen. Für den Unterricht eignen sich die klaren Illustrationen und Erklärungen aber ganz besonders: Wenn Wissen so vermittelt wird, können Lesen und Lernen richtig Spass machen! Für Kinder ab etwa 8 Jahren und Erwachsene.

Maria Riss

Piotr Karski: Berge, Das Mitmachbuch für Gipfelstürmer, Moritz 2017.

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OKTOBERGEDICHT

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;

gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süsse in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

 Rainer Maria Rilke

 

In: Lojze Wieser(hg.), …und darin fliegt eine Schwalbe, Wieser Verlag 2014.

Gebrauchsanweisung für Selbstverteidigung

Der Piper Verlag veröffentlicht eine Buchreihe, die er «Gebrauchsanweisung» nennt. Die gibt es für verschiedene Städte, für ganze Länder und für das Leben gar selbst. Die frischeste Gebrauchsanweisung ist von Thomas Glavinic (ein toller, toller, toller Autor!) und nennt sich «Gebrauchsanweisung für Selbstverteidigung».
Als Kind der 90er, gross geworden mit Karate-Kid- und Bruce-Lee-Filmen, eifrige Guckerin der Serie «Kung Fu» mit David Carradine als Shaolin-Kämpfer, hege ich seit jeher Bewunderung für die gelassen-geschmeidigen und sehr wirksamen Bewegungen bestimmter Kampfsportarten. Zusammen mit einer Geisteshaltung, die beeindruckend klar, ruhig und friedliebend ist, oder sein sollte, schienen mir Kung Fu und Aikido bereits in jungen Jahren ein guter Weg, dem Leben an sich zu begegnen.
Genau um diese Geisteshaltung geht es auch Glavinic: Neben dem identifizieren von Gefahrenherden – Lianenschwinger nennt er diese Typen und Typinnen – zeigt er auf, wie wir durch unsere Haltung gar nicht erst zum Opfer werden. Und falls die Situation trotzdem mal ausweglos werden könnte, falls also gar wegrennen keine Option mehr ist, gibt er uns konkrete Tipps. Zum Beispiel: Fliegt eine Faust auf dein Gesicht zu, nicke. Trifft sie nämlich oberhalb deiner Stirn auf, wir dir höchstens ein wenig schwindlig. Der Faustschwingerin hingegen könnten die Finger brechen.
Und so sitze ich auf dem grünen Sofa, lese meinem Mann saftige Glavinic-Sätze vor und freue mich an der Kung-Fu-artigen Coolness der Lektüre. Be-gei-ste-rung!

Melina Cajochen

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Thomas Glavinic, Gebrauchsanweisung für Selbstverteidigung, Piper Verlag 2017.

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Bald – Der merkwürdige Mundartforscher

Buchpräsentation am Samstag den 30. September um 16 Uhr in der Volksbibliothek Appenzell

Vor 75 Jahren verstarb Jakob Vetsch, Schriftsteller und Utopist, geboren im Toggenburg, aufgewachsen in Wald AR, Studium an der Universität Zürich. Die vorliegende von Gaston Isoz herausgegebene Publikation, erinnert an diesen merkwürdigen und weitsichtigen Mann, an seine so heiteren, wie fundierten Arbeiten zur Appenzeller Mundart. Die hier veröffentlichten Texte werden durch die Beiträge von Peter Surber und Rainer Stöckli in die Gegenwart geholt.

Wir vom Bücherladen sind mit dabei – nach dem Sprachrausch freuen wir uns auf einen Plausch!

Mit musikalischer Umrahmung und Apéro.

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Raoul Schrott gross im kleinen Frühling

Hanspeter Spörri interviewte Raoul Schrott, als dieser für den „kleinen Frühling“ in Appenzell sich herumtat. Zum Nachlesen, exklusiv, in unserem Blog!

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Als wäre ich wirklich zuhause
Der österreichische Schriftsteller Raoul Schrott stellt mit literarischen Mitteln den aktuellen Stand der Wissenschaft dar

Sie unternehmen den Versuch, Wissenschaft auf literarische Weise zu fassen. Was ist das eigentlich: der Geist, der da forscht und Fragen stellt? Eine Funktion der Materie? Die sich selbst beobachtende Materie?

Ja, wenn das so einfach wäre! Gewiss sind wir nichts als Materie – jedes einzelne unserer Atome ging aus mehreren Sonnen und ihren Explosionen hervor (die abgesehen von den vier ersten, beim Urknall entstandenen Elementen Wasserstoff, Helium, Beryllium und Lithium, alle weiteren gebildet haben). Doch unsere, durch die Evolution von der Bakterie zum Lungenfisch und weiter herausgebildeten Wahrnehmungswesen bilden leider nicht die physikalischen Gesetze ab. Wir und die Welt sind durch Eigengesetzlichkeiten bestimmt. Das zeigt sich beispielsweise daran, dass es für die Physik egal ist, ob die Zeit vor- oder rückwärts läuft, während wir sie als bald schnelleren, bald langsameren Fluss wahrnehmen, der nun mal für uns nur eine Richtung hat. Doch ob in Formeln oder durch das Ist-Gleich einer Metapher – beidesmal können wir uns der Welt nur mittels Vergleichskonstruktionen nähern und sie erst über Bilder und Erzählungen anschaulich machen, um sie zu verstehen.

Die Welt scheint zwar auch in ihrem wunderbaren Buch unverständlich oder unfassbar zu bleiben. Denn Erklärungen erklären in der Regel nicht den Grund für die Existenz von allem. Hat die Arbeit am Epos ihre Wahrnehmung des Seienden verändert? Auf eine poetische Weise geklärt?

Der Grund von allem, der Urknall, wird weiterhin eine Hypothese bleiben. Doch ab der ersten Sekunde danach etwa sind alle Prozesse hinlänglich verstanden. Das gilt auch für die Stoffwechselprozesse, die für die Entstehung des Lebens nötig sind. Aufzuzeigen, wie da allmählich eines aus dem anderen entsteht, und wie die Evolution all unsere Eigenschaften und Eigenheit hervorgebracht hat – ist das etwa keine Erklärung? Mich hat bei der Arbeit am Buch überrascht, wie umfängliche die Erkenntnisse der Wissenschaften sind. Sie sind sicher nicht überall erschöpfend, doch sie vermögen inzwischen den roten Faden vom Anfang bis zu uns fast lückenlos vorzuführen. Das hat die Wahrnehmung meiner selbst wie der Welt grundsätzlich verändert. Ich weiss jetzt in etwa, wovon wir bedingt werden, was den Raum um uns ausmacht, was wo in welcher Entfernung etwa zu uns steht. Und ich fühle mich zum ersten Mal, als wäre ich wirklich … zuhause.

Ist Ihr Buch eine Art Trotzreaktion gegen die unverständliche Komplexität des Kosmos?

Nein! Eher ein Dokument der Neugier. Und des Wissensdrangs – der meinerseits rein existentiell war. Ich wollte einfach wissen, was das ist, das da rings um mich. Komplexität dabei heisst nicht kompliziert und unverständlich. Der Erfolg der Wissenschaften liegt darin, dass sie den menschlichen Blickwinkel nach Möglichkeit auszusparen versuchen, um den objektiven Eigengesetzlichkeiten der Welt nachzuspüren. Verständlich und relevant werden sie für unsereins aber erst, wenn wir wieder unseren subjektiven Bezug dazu herstellen können. Das habe ich mittels der Erzählung versucht, die quasi 28 Lebensgeschichten präsentiert, Kurzromane sozusagen, in denen einzelnes Wissen einen Sitz im Leben hat. Natürlich wäre es schön, all dies so vereinfachen zu können, dass man es quasi zwischen zwei Zugstationen lesen und verdauen kann. Aber das grandiose an der Welt ist gerade, dass sie komplex ist – weit komplexer als jede hinlängliche Idee Gottes. Sie zu simplifizieren wäre da wie Populismus in der Politik: das würde die Verhältnisse verfälschen. Aber man kann – und daran habe ich 7 Jahre gearbeitet – diese Komplexität anschaulich und zugänglich machen.

Sie benutzen im Buch einmal den Begriff «Experimentaltheologie». Ist die moderne Wissenschaft also zwar ganz anders als die früheren Welterklärungsmodelle – aber dennoch gar nicht so viel weiter als sie?

Ja, die Wissenschaft ist etwas anderes. Seit der Erfindung des Teleskops und des Mikroskops macht sie neue Welten sichtbar und überprüft die Aussagen über sie mittels Experimenten – was uns letztlich erlaubt, in ein Flugzeug zu steigen und Computer zu benützen. Die früheren Welterklärungsmodelle von Mythen, der Genesis bis hinauf zu Dantes Kosmologie beruhten dagegen auf reinen Spekulationen, die zwar poetisch waren aber keine Basis in der Wirklichkeit hatten. Theologisch ist die Wissenschaft aber insofern, indem sie weiss, dass sie nie bei einer Theorie für Alles, bei den letzten Gründen ankommen wird. Wir werden die Welt nie zur Gänze ausloten können: ihr Mysterium wird bleiben. Nur hat Gott darin keinen Platz mehr – oder wenn, ist er soweit weg und ein derart abstraktes Prinzip, dass er für unser Leben keine Rolle mehr spielt. Dabei ist aber anzumerken, dass Mythen eine erste vorwissenschaftliche Denkweise darstellen, die bereits nach Gründen und Ursache fragte, und sie halt bloss intuitiv beantworten konnte. Vieles dieser Denkmuster prägt unsere Zivilisation – und damit auch die Wissenschaft. Die können ja nur Daten gewinnen: wie sie diese dann aber konfigurieren, das hängt sehr oft von unseren Denkmustern ab. Ein schönes Beispiel dafür ist die Idee des Urknalls, die Augustinus erstmals formuliert hat, und die der belgische Priester und Physiker Lemaitre dann mit Einsteins Relativitätstheorie in Verbindung brachte.

Können wir nochmals auf die Frage des Geistes kommen? Was ist Geist? Ein Rätsel? Wer oder was nimmt da wahr? Nimmt sich selbst wahr, denkt, ist also?

«Geist» ist ein unbrauchbarer, weil viel zu wenig spezifischer Begriff geworden. Wir verfügen über ein Bewusstein, dass es uns erlaubt, den Körper zu koordinieren und auf die Umwelt zu reagieren, ein Gedächtnis, um aufgrund bereits gemachter Erfahrungen, Zukünftiges voraussagen zu könne, weil dies überlebenswichtig ist, und eine Wahrnehmung mit der wir, mittels unserer beschränkten Sinne, Strukturen in unserer Umgebung identifizieren. Dass wir mit diesem, von der Evolution zusammengebastelten Instrumentarium uns über Analogien und Vergleiche – denn auf nichts anderem fusst die Wissenschaft, von der Abstraktion der Zahlen bis hin zu den Gleichsetzungen von Energie und Masse – die Welt in einem Mass erschliessen können, dass wir sie sogar zu verändern vermögen, stellt das eigentliche Wunder dar. Das Grundproblem aber bleibt: Die Welt hat ihre Gesetze, wir die unseren. Wir denken in Bildern; unser Gehirn speichert Sprache nach der Klangähnlichkeit von Worten ab, was die Rhythmik unseres Redens ergibt – nicht nur in der Poesie –, die Rhythmik unseres Herzschlags und unseres Atems spiegelt. Wir sind sensomotorische Assoziationsmaschinen, die sich, weit weniger als wir glauben, von anderen Tieren unterscheiden. Wo und wie sich dies mit dem E=mc2 überschneidet ist die Frage. Wir können nur sagen, dass wir aus derselben Materie hervorgegangen sind wie die Welt und ihren Gesetzen unterworfen bleiben. Welt und Mensch haben sich jedoch in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Die sich von den Bakterien immer mehr ausweitende Kluft dazwischen lässt sich durch unser Denken überbrücken: doch ob es das grosse Gegenüber der Welt jemals auch zu umfassen versteht, ist zu bezweifeln. Wir nehmen uns in ihr immer nur selbst wahr, ja. Und können dabei von uns überraschend weit abstrahieren. Die Welt aber ist zuerst und zuletzt weitaus komplexer als wir – und in ihrem Wesen anders. Das wissen wir. Sich dessen aber bewusst zu bleiben, uns mit allen unseren intellektuellen wie emotionalen Fähigkeiten vor diesem grossen Gegenüber zu behaupten, stellt die einzige wirkliche wahre Basis jeder existentiellen Sinnstiftung dar.

Interview: Hanspeter Spörri

Raoul Schrott las im Rahmen des Literatur- und Kunstfestivals „kleiner Frühling“ am Pfingstsonntag in Appenzell. Der österreichische Literaturwissenschaftler, Komparatist und Schriftsteller wurde 1964 in Landeck geboren und lebt heute im Bregenzer Wald. Zuletzt erschien von ihm «Erste Erde. Epos», eine umfassende literarische Umsetzung des aktuellen Stands des Wissens.